Heckerlied & die unvollendete Badische Revolution / Wenn die Leute fragen / 1848/1849


Veröffentlicht am 14.04.2022 in der Kategorie Kultur von Axel Mayer

Heckerlied & die unvollendete Badische Revolution / Wenn die Leute fragen (1848/1849)


Die Badische Geschichte
ist wie die ganze Menschheits-Geschichte von demokratischen Phasen des Aufbruchs, von kurzen Friedenszeiten mit Wohlstand, aber zumeist von finsteren, undemokratischen Zeiten mit Kriegen, Folter, Unterdrückung und bitterer Armut geprägt. Menschen kämpften gegen Menschen, Reiche ließen auf Arme schießen, Herrscher, Despoten und Königreiche kamen und gingen und fast immer gab es einige wenige reiche Kriegsverdiener und viele, zumeist arme Verlierer.

Einer der wenigen, kurzen, demokratischen Geschichtsstränge in Baden war die hoffnungsvoll-schwache demokratische Revolution von 1848/1849. Eine der vergessenen Wurzeln dieser Revolution war der abrupte Klimawandel, ausgelöst durch den gewaltigen Vulkanausbruch des Tambora im April 1815. Unmittelbare Folge war im Jahr darauf das „Jahr ohne Sommer“ in Mitteleuropa. Es folgte eine weltweite, jahrzehntelange Hungerkrise. Die extreme Klimakatastrophe beschleunigte dramatische historische Umbrüche und ähnliches ist auch vom aktuellen, menschengemachten Klimawandel zu erwarten.

Die Badische Revolution von 1848/1849
im damaligen Großherzogtum Baden war ein wichtiger Teil der revolutionär-demokratischen mitteleuropäischen Unruhen. Sie erstrebte eine badische Republik unter der Souveränität des Volkes und richtete sich gegen die Fürstenherrschaft. "Wohlstand, Bildung und Freiheit für alle Klassen des Volkes" waren die Forderungen (nicht nur) des Republikaners Gustav Struve.

Nach dem Volksaufstand in Paris im März 1848
brach auch in Baden der bewaffnete, lange vorbereitete Aufstand aus. Wichtige Ereignisse waren der Hecker-Aufstand im April 1848 und der Struve-Putsch im September 1848. Später kam dann der Aufstand im Rahmen der Reichsverfassungskampagne ab Mai 1849. Der „Heckerzug“ machte sich am 13.4.1848 in Konstanz mit viel zu wenigen Mitstreitenden Richtung Rheinebene auf. Welch ein verzweifelter Mut muss es gewesen sein mit 30 bis 50 schlecht bewaffneten Männern loszuziehen? Am Ostermontag des ersten Revolutionsjahres 1848 war die Freiburger Wiehre Schauplatz der Kämpfe zwischen den von Süden über den Schwarzwald herannahenden Resten des Hecker-Zuges, dessen Hauptmacht schon am 20. April auf der Scheideck bei Kandern zersprengt worden war. Sie wollten sich mit den Freiburger Aufständischen vereinigen und den Marsch auf die Residenz Karlsruhe fortsetzen. Zwischen Günterstal und Sternwald kam es zu einem ersten Gefecht zwischen Freischärlern und Bundestruppen, und vor den Stadttoren wurden die viel zu wenigen Aufständischen endgültig zurückgeschlagen. Die Revolution endete am 23. Juli 1849 mit der militärischen Niederschlagung der letzten Erhebung und der Einnahme der Festung Rastatt durch Bundestruppen unter preußischer Führung.

Warum scheiterten der Heckerzug und die Badische Revolution?
Es gibt viele Gründe für das Scheitern, nicht nur der Badischen Revolution. Vermutlich ging es den badischen Revolutionären viel zu viel um Freiheit und Rechte und zu wenig um die Fleischtöpfe... Freiheit und Rechte werden mit gebührendem Abstand immer gerne als Revolutionsgründe genannt und gelobt. Doch damals wie heute führen Hunger, Armut, Ausbeutung, Not und die Hoffnung auf zukünftigen Wohlstand zu politischen Veränderungen. Die Menschen, die für Freiheit und Rechte kämpfen, waren leider viel zu häufig in der Minderzahl und das hat sich bis heute nicht geändert.

Am Ende der unvollendeten Badischen Revolution von 1848/1849 stand auch das Ende vieler Revolutionäre und Demokraten. Wer nicht fliehen konnte, wurde verurteilt, kam ins Gefängnis oder wurde erschossen. Im Juli 1849 nehmen die Standgerichte der preußischen Millitärtribunale ihre blutige Arbeit auf. Vom 27. Juli bis 27. Oktober 1849 waren in Mannheim, Rastatt und Freiburg preußisch-badische Standgerichte und preußische Kriegsgerichte tätig. Insgesamt wurden 27 Todesurteile verhängt und vollzogen.

In Freiburg wurden Max Dortu († 31. Juli 1849), Friedrich Neff († 9. August 1849) und Gebhard Kromer († 21. August 1849) standrechtlich erschossen.


Viele andere Revolutionäre und Sympathisanten wurden in die Kasematten von Rastatt, Bruchsal und Freiburg eingesperrt. Am 18. August kehrt Großherzog Leopolds nach Karlsruhe zurück, empfangen von einer demütig huldigen Bürgerschaft. Die Reaktion hatte den verzweifelten Traum von Freiheit zerstört. Was wäre der Welt (vielleicht) erspart geblieben, wenn die Revolution gewonnen hätte?

Heute, mit ungefährlich-gebührendem zeitlichen Abstand "rühmen" viele Menschen die unvollendete Badische Revolution.
Doch wie wenige unserer badischen Straßen und Plätze sind nach den damaligen Demokraten und Demokratinnen benannt und wie entsetzlich viele Straßennamen erinnern immer noch an fürstlichen Herren und Despoten? Von Gustav Struves "Wohlstand für alle" sind wir heute, in einer Zeit global wachsender sozialer Unterschiede, noch weit entfernt. Das reichste Prozent der Weltbevölkerung (70 Millionen Menschen) verfügte im Jahr 2016 über so viel Vermögen wie der ganze Rest (sieben Milliarden Menschen) zusammen. 62 Menschen verfügen über ebenso viel Vermögen wie die gesamte ärmere Hälfte der Weltbevölkerung – also 3,5 Milliarden Menschen.

Axel Mayer, Mitwelt am Oberrhein

Nachtrag:



Suche hier einmal nach einer Max-Dortustraße, Friedrich-Neffstraße, Gebhard-Kromerstraße, Emma-Herweghstraße, Gustav-Struvestraße oder aber nach einer Wilhelmstraße, Friedrichstraße und Bismarckstraße...

Es gibt im demokratischen Deutschland
    59 Straßen und Plätze, die den Namen Kaiser Wilhelm beinhalten. Dazu kommen unglaublich viele Straßen und Plätze, die "nur noch" Wilhelm-Straße heißen und bei der, "der Kaiser" nur weggelassen wurde. Im März des Revolutionsjahres 1848 wurde er vorübergehend nach London geschickt, weil er in Preußen als Scharfmacher gegen die demokratische Bewegung (»Kartätschenprinz«) untragbar geworden war. Im Juni 1848 nach Preußen zurückgekehrt, stand er an der Spitze der Gegenrevolution und übernahm im Juni 1849 den Oberbefehl bei der Niederwerfung des badisch-pfälzischen Aufstandes. Und ausgerechnet nach diesem preußischen Scharfmacher und Reaktionär sind in Deutschland immer noch Straßen und Plätze benannt.
  • 1.157 Straßen und Plätze, die den Begriff "Kaiser" beinhalten
  • 896 Straßen und Plätze, die den Begriff "Fürst" beinhalten
  • 635 Straßen und Plätze, die den Namen "Bismarck" beinhalten
  • 181 Straßen und Plätze, die ausgerechnet den Namen "Hohenzollern" beinhalten
  • 66 Straßen und Plätze, die den Namen "Habsburg" beinhalten


  • 5 Gustav-Struve-Straßen
  • 3 Straßen und Plätze, die den Namen "Emma-Herwegh" beinhalten
  • 4 Straßen und Plätze, die den Namen "Max-Dortu" beinhalten
  • 4 Straßen und Plätze, die den Namen "Friedrich-Neff" beinhalten
  • 1 Gerhard-Kromer Straße

Die zumeist undemokratischen Feudalherren, Despoten und Gegenspieler der Demokratie haben sich in den deutschen Straßennamen verewigt. Die Demokratinnen und Demokraten von 1848 fehlen auf den Straßenschildern. Wenn in Deiner Gemeinde neue Straßennamen vergeben werden, dann erinnere doch Du an Max Dortu, Friedrich Neff, Gebhard Kromer,Emma Herweg, Gustav Struve oder an die damals Aktiven in Deiner Heimat.

Zur Straßensuchmaschine...


Heckerlied & Badische Revolution / Wenn die Leute fragen (1848)


*1. Wenn die Leute fragen,
Lebt der Hecker noch,
Sollt ihr ihnen sagen,
Ja er lebet noch.
: Er hängt an keinem Baume,
Er hängt an keinem Strick,
Sondern an dem Traume
Der freien Republik

*2. Gebet nur ihr Großen,
Euren Purpur her
Das gibt rote Hosen
Für der Freiheit Heer
: Ja 33 Jahre
Währt die Sauerei,
Wir sind keine Knechte,
Wir sind alle frei

*3. An den Darm der Pfaffen
Hängt den Edelmann
Laßt ihn dran erschlaffen,
Hängt ihn drauf und dran
Ja 33 Jahre
Währt die Knechtschaft schon
Nieder mit den Hunden
Von der Reaktion!

*4. Schmiert die Guillotine
Mit Tyrannenfett
Reißt die Konkubine
Aus dem Pfaffenbett
Ja 33 Jahre
Währt die Knechtschaft schon
Nieder mit den Hunden
Von der Reaktion

*5. Fürstenblut muß fließen,
Muß fließen stiefeldick
Und daraus ersprießen
Die freie Republik
Ja 33 Jahre
Währt die Knechtschaft schon
Nieder mit den Hunden
Von der Reaktion!


Heckerlied: 1848 Badische Revolution und Heute?
Ein Plakat zur "Revolutionsfeier" -150 Jahre Badische Revolution-
Idee zur Collage und zum Plakat: Axel Mayer
Plakat und Zustimmung zur Collage: Friedrich Karl Waechter
Collage: Peter Hübner


Das Heckerlied ist eines von vielen Revolutionsliedern der Badischen Revolution von 1848/1849. Friedrich Hecker versuchte mit dem von Konstanz ausgehenden Heckerzug die Revolutionäre in Baden zu sammeln, um die Residenzstadt Karlsruhe einzunehmen und anschließend die großherzogliche Regierung absetzen zu können. Nachdem dieser Aufstand am 20. April 1848 von preußischen und hessischen Truppen niedergeschlagen worden war, musste Hecker mit den meisten Teilnehmern in die Schweiz fliehen. Er kehrte nicht mehr nach Baden zurück. Es gibt viele verschiedene Versionen des Liedes und leider gab es ab 1932 auch eine antisemitische Variante.


*hier finden Sie mehr Infos zur regionalen Geschichte und Umweltgeschichte am Oberrhein
*(Hier gehts zu Infos über die Badische Revolution und zu den 1849 in Freiburg erschossen Demokraten Max Dortu, Friedrich Neff und Gebhard Kromer)

Friedrich Hecker, Heckerlied & Badische Revolution / Wenn die Leute fragen (1848)

Badische Fahne / Rote Fahne & eine Provinzposse
Karlsruher Schloss: Rote Hosen statt "Fahnatismus"



Ein Brief vom 5.7.2018 an
Herrn Direktor Prof. Dr. Eckart Köhne
Badisches Landesmuseum
Schlossbezirk 10
76131 Karlsruhe

Mit Interesse und Erstaunen verfolgen wir auch im südbadischen Landesteil die Karlsruher Fahnendebatte. Im Rahmen der aktuellen Revolutions-Ausstellung war eine rote Revolutionsfahne auf dem Schlossturm in Karlsruhe gehisst worden. Nach der Beschwerde eines Bürgers musste diese Fahne abgehängt werden, da das Museum ein Landesgebäude ist, und auf denen dürfen nur Landes-, Bundes- oder die Europafahnen wehen. Nun darf auch die Baden-Fahne nicht mehr gehisst werden, die jahrelang über dem Schloss flatterte, ohne dass sich jemand daran gestört hätte. Hintergrund ist eine scheinbar unüberwindbare Verwaltungsvorschrift.

Da sich diese Vorschrift nur auf das Thema „Fahnen“ bezieht, schlage ich das Hissen einer „roten Hose“ vor, denn eine Hosenvorschrift hat sich die Stuttgarter Bürokratie sicher noch nicht einfallen lassen.

Warum passt ein „rote Hose“ zu einer Revolutionsausstellung im Karlsruher Schloss?

In einem der wichtigsten Lieder zur Badischen Revolution von 1848, im Heckerlied, steht:

„Gebet nur ihr Großen,
Euren Purpur her
Das gibt rote Hosen
Für der Freiheit Heer“

Ein schöne flatternde rote Hose über dem Schloss in Karlsruhe... Das wäre doch eine „badische Lösung“ des Problems, ein schöner, kreativer, antibürokratischer Protest, der zur Revolutionsausstellung und zu Baden passen würde.

Und am Ende der Ausstellung im November erwarte ich von Herrn Kretschmann ein freundliches Machtwort in dieser Provinzposse. Auch für Baden-Württemberg gilt: „Einheit in Vielfalt“ und dazu kann auch die badische Fahne auf Amtsgebäuden im badischen Landesteil gehören. Und an einer württembergischen Fahne über einzelnen wichtigen Gebäuden in der fernen Landeshauptstadt würden ich mich auch nicht stören. Ich denke z. Bsp. an den auch aus Baden mitfinanzierten, uns allen so teuren, neuen Stuttgarter Hauptbahnhof.

Mit freundlichen Grüßen

Axel Mayer


Heckerlied & Badische Revolution / Wenn die Leute fragen (1848)


Alemannisch, Badisch, Elsässisch, Schweizerdeutsch, Dialekt & "Hoch"deutsch:
Kritische Texte und Gedichte aus Südbaden, Elsass, Nordschweiz und dem Rest der Welt


In diesen Zeiten der Barbarei, Gier, Krieg und Gewalt stärkt Dummheit Dummheit und Intoleranz verstärkt Intoleranz. In diesen Jahren der Umwelt- und Innenweltverschmutzung stehen nicht nur Tiere und Pflanzen, sondern auch Sprachen und Dialekte auf der Liste der bedrohten Arten. Der Facebook-Chef Mark Zuckerberg, der an einem altsprachlichen Eliteinternat Latein lernte und gerade seine undemokratischen Weltmachtträume realisiert, hält Sprache für eine veraltete Software, die schon bald obsolet sein wird. Mehr als die Hälfte aller weltweit gesprochenen Sprachen drohen in naher Zukunft zu verschwinden – und damit ein wertvoller Teil unseres kulturellen Gedächtnisses. Allein 600 dieser insgesamt rund 3.660 gefährdeten Sprachen könnten sogar schon in wenigen Jahren vollständig ausgestorben sein. Darum finden Sie auf mitwelt.org kritische und engagierte Texte, alemannisch, schwyzerdütsch, elsässisch und hochdeutsch. Doch wir wissen, dass bedrohte Tierarten nicht in der Genbank und bedrohte Sprachen nicht im Museum und im Internet überleben.
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Axel Mayer, Mitwelt Stiftung Oberrhein




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