Seveso-Katastrophe / Chemie-Unfall 1976 / Die Ballade von Seveso von Walter Mossmann
Veröffentlicht am 10.07.2026 in der Kategorie Kultur von Axel Mayer
1976 – Seveso-Katastrophe/ Chemie-Unfall: Die Ballade von Seveso von Walter Mossmann
Um zu wissen, wo wir stehen, müssen wir auch wissen, wo wir herkommen ... Axel Mayer
Im italienischen Seveso wurde am 10. Juli 1976 in der Chemiefabrik Icmesa durch eine Explosion in einem Reaktor eine Giftgaswolke „freigesetzt“ (Neusprech) und dadurch eine der größten Chemiekatastrophen der europäischen Geschichte ausgelöst. Die Folgen für das norditalienische Städtchen Seveso und die umliegende Region waren verheerend. Neben anderen Stoffen entwichen große Mengen der hochgiftigen Dioxinverbindung TCDD in die Umwelt. Hochgiftiges Dioxin verseuchte ein 18 Quadratkilometer großes Gebiet, etwa 200 Menschen erlitten akute Vergiftungen (Chlorakne), zahllose Tiere verendeten. Erst acht Tage nach dem Unglück wurde die Fabrik geschlossen und das verseuchte Gebiet evakuiert. Icmesa war ein Tochterunternehmen von Givaudan, das wiederum zur Hoffmann-La-Roche-Gruppe gehörte. Die Schweizer Roche war verantwortlich für niedrige Löhne, schlechte Arbeitsbedingungen und marode Anlagen, die so in der Schweiz nicht möglich gewesen wären. Die Arbeitsbedingungen in der TCP-Produktion waren extrem schlecht, die Anlage veraltet und unzureichend gewartet. Hohe Gewinne in Niedrigsicherheitsländern eben ... Seveso war damals aus Sicht Schweizer Konzerne eine industrielle „Verschmutzungs-Oase“ in Kerneuropa. Heute sind diese „Verschmutzungs-Oasen“ nach Asien oder Afrika weitergezogen, und mit dem erfolgreichen Kampf der Marktlibertären gegen das Lieferkettengesetz werden solche Zustände auch weiterhin bestehen.
„Als am Ende der Nachtschicht am Samstagmorgen die Anlage heruntergefahren wird, kommt es aufgrund von Wartungsfehlern zu einem dramatischen Anstieg der Temperatur in einem Reaktionskessel. Die Folge ist ein unkontrollierter Anstieg des Kesseldrucks. Um 12.27 Uhr entlädt sich der Überdruck über ein Sicherheitsventil ungefiltert in die Umwelt. La Roche hatte aus Kostengründen auf ein Auffanggefäß für ein Explosionsentlastungsrohr verzichtet. Eine halbe Stunde lang entweicht ein Gasgemisch, das eine giftige weißliche Wolke bildet und über Gärten und Kanäle nach Seveso zieht. Über das Ausmaß und die Folgen des Unglücks lässt die Firmenleitung die Anwohner zunächst völlig im Unklaren", berichtete der Deutschlandfunk.
50 Jahre Seveso-Katastrophe 1976-2026
Als Unfallfolge verdorrten die Blätter von Pflanzen am Unfallort, 3.300 Tierkadaver wurden aufgefunden. 200 Menschen erkrankten an schwerer Chlorakne, vierzehn Kinder wurden ins Krankenhaus eingeliefert. Immer mehr Menschen wurden krank, die Umgebung der Anlage war stark verseucht. Am 10. September 1982 wurden die Fässer mit den gefährlichsten Abfallstoffen der Katastrophe mit Lkw abtransportiert. Die Lkw fuhren in Richtung Frankreich. Unglaublicherweise verlor sich dort ihre Spur ... Als die Medien vom „Verlust“ der Fässer erfuhren, kam es zu einem öffentlichen Skandal. Nach langem Suchen wurden die versteckten Fässer am 19. Mai 1983 schließlich in einem ehemaligen Schlachthof im nordfranzösischen Dorf Anguilcourt-le-Sart gefunden.
Die Chemiefabrik Icmesa stand noch für die „gute, alte, sichtbare, offene“ Umweltvergiftung der damaligen Zeit. Flüsse waren damals stinkende Kloaken, Kinder in der Umgebung von Verbrennungsanlagen litten an Pseudokrupp, in der Umgebung deutscher Bleichemiewerke starben Kühe an Bleivergiftungen. Es war die Zeit von DDT und Asbest. In meinem Heimatdorf Teningen wurde offen liegendes Grundwasser eines Baggersees mit Giftmüll verfüllt, und der Schweizer Atommüll wurde noch im Meer versenkt. Nicht nur die Chemieindustrie begann mit Seveso, ihren professionellen Greenwash zu optimieren, um gefährliche Unfälle herunterzuspielen und Schadensersatzansprüche zu minimieren. Bei der Chemiekatastrophe im indischen Bhopal 1984 zeigte sich, wie pervers lohnend Greenwashing sein kann. Propagandistisch geschickt wurden in Seveso und Bhopal die Schadensersatzansprüche der Betroffenen minimiert. Die Täter, die Verantwortlichen und die Firma Roche wurden nie angemessen bestraft. Dieses – die Verantwortlichen werden nicht bestraft – Prinzip zieht sich wie ein roter Faden durch die Umweltgeschichte. Am 24. September 1983 verurteilte ein Gericht in Monza fünf Mitarbeiter in erster Instanz zu Freiheitsstrafen von zweieinhalb bis fünf Jahren. Alle Verurteilten gingen erfolgreich in Berufung. Das Gericht entschied auf Fahrlässigkeit statt auf Vorsatz und setzte die Strafen des Produktionsleiters Jörg Sambeth, der damals für seine Firma schwieg, sowie der Schweizer und italienischen Angeklagten zur Bewährung aus. Laut Sambeth waren Schmiergelder und verdeckte Beziehungen im Spiel.
Heute, im Jahr 2026, gefährden die überalterten Schweizer Atomkraftwerke Zentraleuropa, und die Schweiz ist eine globale Supermacht im Bergbausektor, wo noch immer zahlreiche Umweltverbrechen geschehen.
Damals wie heute galt und gilt:
"Die Gerechtigkeit (und das Recht) sind wie ein Spinnennetz – die Kleinen hält es fest, die Großen zerreißen es einfach." Nach einem alten lateinischen Zitat
Am Oberrhein lösten der Chemieunfall und der Umgang damit Entsetzen und trinationale Proteste aus. Die grenzüberschreitende Umweltbewegung und die Bevölkerung waren schon vor dem Unfall durch den Protest gegen AKW sensibilisiert. Es gab insbesondere in Basel viele Demonstrationen und Aktionen, bei denen es nicht nur um Umwelt, sondern auch um Gerechtigkeit ging. Zehn Jahre nach Seveso folgten die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl und der Sandoz-Brand in Schweizerhalle bei Basel.
Die massiven Proteste der Umweltbewegung nach Seveso und die kritische Berichterstattung der Medien führten dazu, dass viele Industrieanlagen in Europa sicherer wurden. Die auf den Unfall folgende Seveso-Richtlinie ist ein europäisches Regelwerk, das darauf abzielt, schwere Unfälle mit gefährlichen Stoffen zu verhindern und die Auswirkungen solcher Störfälle auf Mensch und Umwelt zu minimieren. Diese Richtlinie und die Verbesserung der Umweltsituation in den letzten 50 Jahren sind nicht vom Himmel gefallen. Sie wurden von einer starken Umweltbewegung durchgesetzt.
Axel Mayer, Mitwelt Stiftung Oberrhein, (alt-)BUND-Geschäftsführer, damals aktiv in der Bürgerinitiativbewegung am Oberrhein
Der zehnte Juli in Seveso ist staubig und heiß und normal Da hat so mancher die Nase voll und hat doch keine Wahl: Entweder du gehst in die Fabrik hast das Risiko und - das Moos Oder dir ist dein Leben lieb dann bist du arbeitslos Das ist die Welt von Seveso zehn Stunden von hier entfernt Alle Welt kennt heute Seveso was haben wir draus gelernt?
Da hängt eine weiße Wolke im Himmel von Seveso Die kommt aus der La-Roche-Chemie und fällt auf Seveso Ein Giftstaub fällt vom Himmel auf Mensch und Frucht und Tier Da ist der Tod von Vietnam auf einmal unser Bier Da stirbt die Welt von Seveso zehn Stunden von hier entfernt Alle Welt schaut auf Seveso was haben wir daraus gelernt?
Da war doch gestern eine Stadt die heißt heut "Niemandsland" Das Leben wurde stillgelegt der Boden wird verbrannt Die Menschen stehn am Stacheldraht mit Trauer und Angst und Wut Und wir fragen uns vor Fessenheim: wie lang geht's bei uns noch gut? Wie weit ist eigentlich Seveso? zehn Stunden von hier entfernt Wir schaun erschrocken auf Seveso was haben wir draus gelernt?
Wir sehn die Frauen von Seveso nicht in Hoffnung, sondern Not Wie werden ihre Kinder sein? bloß Krüppel, oder tot? Der Erzbischof von Mailand treibt mit ihnen seinen Spott: "Die Krüppel macht euch nicht La Roche die Krüppel schenkt euch Gott" Das ist der Trost für Seveso und Gott ist weit entfernt Der Bischof betet für Seveso der hat ja sonst nichts gelernt
In Zürich, der Boß von Hoffmann-La-Roche gewährt ein Interview Er sagt: Was soll denn das Geschrei wegen einer toten Kuh? Paar Hektar kaputt, paar Menschen krank paar Krüppel - vielleicht - na und? Ich stopf der Bagage in Seveso mit ein paar Lire den Mund!' Dann wird die Akte "Seveso" von seinem Tisch entfernt Der Boß zieht den Strich unter Seveso der hat sein Geschäft gelernt
Da reden die Herrn der Industrie vom Fortschritt und seinem Preis Sie halten den Kurs auf Macht und Geld und halten die Weste weiß Und gibts Katastrophen, und gibts auch Krieg für die ist das normal Es geht nicht um uns aus Fleisch und Blut es geht ums Kapital Es geht auch nicht um Seveso das ist doch ein kleiner Fisch Und sowas fällt dann sowieso bei denen unter den Tisch
Ihr kennt die Geschichte von Marckolsheim ihr kennt die Geschichte von Wyhl Da kämpfen wir schon sechs Jahre lang und manchem wirds zuviel Doch viele haben begriffen: hier steht alles auf dem Spiel "Entweder das Leben - oder Profit"* das ist der Sinn von Wyhl Das ist der Sinn von Seveso zehn Stunden von hier entfernt Läßt uns das kalt in Seveso oder haben wir was gelernt?
1976/2026: Vor 50 Jahren -Die ungesühnte Seveso-Katastrophe und Umweltunrecht ... Am 24. September 1983 verurteilte ein Gericht in Monza fünf Mitarbeiter in erster Instanz zu Freiheitsstrafen von zweieinhalb bis zu fünf Jahren. Alle Verurteilten gingen in Berufung. Das Gericht entschied statt auf Vorsatz auf Fahrlässigkeit und setzte die Strafen des Produktionsleiters Jörg Sambeth, der damals für seine Firma schwieg, und der Schweizer und italienischen Angeklagten zur Bewährung aus. Laut Sambeth waren Schmiergelder und verdeckte Beziehungen im Spiel.
50 Jahre Seveso-Unfall: Eines von vielen, damaligen Plakaten der grenzüberschreitenden Umweltbewegung am Oberrhein. Archiv Axel Mayer: Jetzt in der Sammlung des Badischen Landesmuseums
Alemannisch, Badisch, Elsässisch, Schweizerdeutsch, Dialekt & "Hoch"deutsch: Kritische Texte und Gedichte aus Südbaden, Elsass, Nordschweiz und dem Rest der Welt
In diesen Zeiten von Barbarei, Gier, Kriegen und Gewalt stärkt Dummheit Dummheit und Intoleranz verstärkt Intoleranz. In diesen Jahren der Umwelt- und Innenweltverschmutzung stehen nicht nur Tiere und Pflanzen, sondern auch Sprachen und Dialekte auf der Liste der bedrohten Arten. Der Facebook-Chef Mark Zuckerberg, der an einem altsprachlichen Eliteinternat Latein lernte und gerade seine undemokratischen Weltmachtträume realisiert hält Sprache für eine veraltete Software, die schon bald obsolet sein wird. Mehr als die Hälfte aller weltweit gesprochenen Sprachen drohen in naher Zukunft zu verschwinden – und damit ein wertvoller Teil unseres kulturellen Gedächtnisses. Allein 600 dieser insgesamt rund 3.660 gefährdeten Sprachen könnten sogar schon in wenigen Jahren vollständig ausgestorben sein. Darum finden Sie auf mitwelt.org kritische und engagierte Texte, alemannisch, schwyzerdütsch, elsässisch und hochdeutsch. Doch wir wissen, dass bedrohte Tierarten nicht in der Genbank und bedrohte Sprachen nicht im Museum und im Internet überleben. Menschen, die Überschallflugzeuge, unbegrenztes Wachstum, Atomenergie, Agrargifte, Freihandel und Weltraumtourismus für Fortschritt und die Hitparade der Volksmusik für Kultur halten, die Gedichte über das "Blümelein", das "Bächelein" und das "Brünnelein" suchen, wird diese Seite nicht gefallen.
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