Johann Peter Hebel: "Die Vergänglichkeit" Eine Schwarzwald-Apokalypse
Veröffentlicht am 11.09.2026 in der Kategorie Kultur von Axel Mayer
"Die Vergänglichkeit" von Johann Peter Hebel (Eine Schwarzwald-Apokalypse) / 22. September 2026, 200. Todestag im Hitzesommer mit Dürre, Trockenheit und Waldsterben ...
Am 22. September 2026 jährte sich der Todestag Johann Peter Hebels zum 200. Mal. Johann Peter Hebel (1760–1826) war weit mehr als nur ein alemannischer Mundartdichter; er gilt als wegweisender Literat, Theologe, Pädagoge, Moralist und Aufklärer, dessen Wirken manchmal visionäre Züge trug. Durch seine Kalendergeschichten und Gedichte schuf er eine volksnahe Literatur, die bis heute nachwirkt. Er war auch Wegbereiter der modernen Kurzgeschichte. Als Schulvisitator und Direktor des Karlsruher Gymnasiums setzte sich Hebel für Bildung und die Weiterentwicklung des Schulwesens ein. Er wollte Wissen für das einfache Volk zugänglich und verständlich machen. Franz Kafka, Elias Canetti, Walter Benjamin und Ernst Bloch lobten seine Werke. Aufgrund seines Gedichtbands -Alemannische Gedichte- gilt er gemeinhin als Pionier der alemannischen Mundartliteratur. Heute ist er auch ein wenig ein "Säulenheiliger" des alemannischen Dialekts. Gerade die "Säulenheiligen" müssen ab und zu vom Denkmal geholt und ein wenig entstaubt werden, auch um die Aktualität von Dialekt zu zeigen und um Diskussionen anzustoßen.
"Die Vergänglichkeit" Hebels Gedicht „Die Vergänglichkeit“ kann im 200. Todesjahr Hebels durchaus neu gelesen werden. Wenn heute der Schwarzwald von den Folgen des konzern- und menschengemachten Klimawandels geprägt ist – von Hitze, Dürre, Trockenheit und Waldsterben –, dann wirkt das Bild der verbrannten Welt im Gedicht unmittelbar gegenwärtig.
Besonders das eindringliche Bild „Lueg, dört isch d'Erde gsi, und selle Berg het Belche gheiße!“ entfaltet gerade im Hitzesommer 2026 eine starke emotionale Wirkung.
Aus dieser Perspektive lassen sich einzelne Textfragmente als erstaunlich „visionär“ empfinden: als dunkler, teilweise schwer zugänglicher, aber eindringlicher Text, der uns dazu bringt, über die Verletzlichkeit der Welt nachzudenken. Literatur darf und soll in neue Gegenwarten hineinsprechen.
Selbstverständlich konnte Hebel 1803 weder den konzern- und menschengemachten Klimawandel noch moderne Umweltkrisen kennen. Ihm, dem Theologen und Pädagogen, ging es nicht um ökologische Prognosen, sondern um eine grundlegende existenzielle Erfahrung: die Unausweichlichkeit der Vergänglichkeit. Menschen, Tiere, Häuser, Dörfer und selbst ganze Städte sind in seinem Verständnis nicht dauerhaft. Das Gedicht entfaltet diese Einsicht in einer Steigerung: von der persönlichen Vergänglichkeit über das Dorf bis hin zur ganzen Welt. Der Dialog zwischen Vater und Sohn macht diese Erfahrung anschaulich und lebensnah. Er führt nicht zu einer politischen oder moralischen Handlungsanweisung, sondern zu einer existenziellen Einsicht.
Auch die Katastrophenszenen sind in ihrem historischen Kontext zu verstehen. Hebel denkt in Bildern, die stark von biblischen und frühneuzeitlichen Vorstellungen geprägt sind: Feuer, Erdbeben, kosmische Erschütterung. Hebels Leben (1760–1826) war geprägt von den Nachwirkungen des Siebenjährigen Kriegs, den Revolutions- und Napoleonischen Kriegen sowie Hunger- und Krisenjahren. Dazu kamen Naturkatastrophen wie das Erdbeben von Lissabon 1755 und extreme Witterungs- und Missernteperioden, insbesondere die Hungerjahre um 1770/71.
Eine heutige Lesart kann das Gedicht als Spiegel aktueller Krisen verstehen. Hebel hat aber keine ökologische Botschaft oder einen politischen Auftrag. Es geht ihm um das Verhältnis des Menschen zur Zeit, zur Endlichkeit und zur Welt. Seine Reflexion ist heute, im Zeitalter der Apokalypse-Blindheit ähnlich wichtig wie im Jahr 1803.
Axel Mayer (spricht Kaiserstühler Alemannisch) (Dank an Alfred, au vum Greanli, dessen Anmerkungen und Kritik zu einer Neubearbeitung dieses Textes führten)
"Johann Peter Hebel" heute: Eine freche Kleinanzeige vom 19.9.2020. Ein Demo-Aufruf für Fridays for Future, in der BZ.
Auszug aus dem Gedicht "Die Vergänglichkeit" (Gespräch auf der Straße nach Basel zwischen Steinen und Brombach, in der Nacht) Alemannisch: Der Belche stoht verchohlt, der Blauen au, as wie zwee alti Türn, und zwische drin isch alles use brennt, bis tief in Boden abe. D'Wiese het ke Wasser meh, 's isch alles öd und schwarz, und totestill, so wit me luegtdas siehsch, und seisch di'm Kamerad, wo mitder goht: "Lueg, dört isch d'Erde gsi, und selle Berg het Belche gheiße!" Schriftdeutsch: Der Belchen steht verkohlt, der Blauen auch, ganz wie 2 alte Türme, und zwischendrin ist alles ausgebrannt, bis tief in den Boden hinein. Die Wiese hat kein Wasser mehr, es ist alles öde und schwarz und totenstill, so weit man schaut und du sagst deinem Kameraden, der mit dir geht: "Schau, dort ist die Erde gewesen, und dieser Berg hat Belchen geheißen! "
Johann Peter Hebels Gedicht: "Die Vergänglichkeit" (eine Schwarzwald-Apokalypse)
Die folgende Teilübersetzung stammt von der Breisacher Autorin, Germanistin und Dialektforscherin Friedel Scheer-Nahor, bei der ich mich an dieser Stelle auch für ihr Engagement für Sprache und Dialekt bedanken möchte. Axel Mayer)
"Die Vergänglichkeit aktuell" von Johann Peter Hebel / 22. September 2026, 200. Todestag ... Johann Peter Hebel heute: Die Vergänglichkeit heute
Die Vergänglichkeit
Hebel, Johann Peter (Gespräch auf der Straße nach Basel, zwischen Steinen un Brombach, in der Nacht.)
Der Bueb sait zue m Ätti:
Fast allmol, Ätti, wenn mer's Röttler Schloß so vor den Augen stoht, se denk i dra, öb's üüsem Huus echt au emool so goht. Stoht's denn nit dört, so schuudrig wie der Tod im Basler Totetanz? Es gruuset mer, wie länger as me's bschaut. Un üüser Huus, es sitzt jo wie ne Chilchli uf em Berg, un d' Fenster glitzeren, es isch e Staat. Schwätz, Ätti, goht's em echterst au no so? I main emool, es chönn schier gar nit sii.
Der Ätti sait:
Du guete Burst, 's cha friili sii, was mainsch? 's chunnt alles jung un neu, un alles schliicht sim Alter zue, un alles nimmt en End, un nüt stoht still. Hörsch nit, wie's Wasser ruuscht, un sihsch am Himmel obe Stern an Stern? Me maint, vo alle rüher si kain, un doch, ruckt alles wyters, alles chunnt un goht.
Je, 's isch nit anderst, lueg mi a, wie d' witt. De bisch no jung; Närsch, i bi au so gsi, jetz würd's mer anderst; 's Alter, 's Alter chunnt, un wo n i gang, go Gresgen oder Wies, in Feld un Wald, go Basel oder haim, s isch ainerlai, i gang im Chilchhof zue, - briegg alder nit! - un bis de bisch wie n ich, e gstand'ne Maa, se bin i nümme do, un d' Schoof un Gaiße waiden uf mym Grab. Jo wegerli, un's Huus wird alt un wüest; der Rege wäscht der's wüester alli Nacht, un d' Sunne bleicht der's schwärzer alli Tag, un im Vertäfer popperet der Wurm. Es regnet no dur d' Bühni ab, es pfiift der Wind dur d' Chlimse. Drüber tuesch du au no d' Auge zue; es chömme Chindeschind, un pletze dra. Zletzt fuults im Fundement, un 's hilft nüt meh. Un wemme nootno gar zweituusig zehlt, isch alles zsemmekeit; un endli sinkt 's ganz Dörfli in sy Grab. Wo d' Chilche stoht, wo 's Vogts un 's Heere Huus, goht mit der Zyt der Pflueg-
Der Bueb sait:
Nai, was de saisch!
Der Ätti sait:
Je, 's isch nit anderst, lueg mi a, wie d' witt! Isch Basel nit e schöni, tolli Stadt? 's sinn Hüüser drin, 's isch menggi Chilche nit so groß, un Chilche, 's sinn in menggem Dorf nit so viil Hüüser. 's isch e Volchspil, 's wohnt e Riichtum drin, un mengge brave Heer; un mengge, wo n i gchennt ha, lyt scho lang im Chrüzgang hinterm Münsterplatz un schlooft. 's isch eitue, Chind, es schlacht emool e Stund, goht Basel au ins Grab, un streckt no do un dört e Glid zuem Boden us, e Joch, en alte Turn, e Gibelwand, es wachst do Holder druf, do Büechli, Tanne dört, un Moos un Farn, un Raiger sitze druff - 's isch schad derfür! - Un sinn bis dörthi d'Lüt so närsch wie jetz, se göhn au Gspenster um, Der Sulger, wo die arme Bettellüt vergelstret het, der Lippi Läppeli un was weiß ich, wer meh. Was stoßisch mi?
Der Bueb sait:
Schwätz liisli, Ätti, bis mer über d' Bruck do sinn, un do an Berg un Wald verbei! Dört übe jagt e wilde Jäger, weisch? Un lueg, do niden in de Hürste seig gwiß 's Eiermaidli glege, halber fuul, 's isch Johr un Tag. Hörsch, wie der Laubi schnuuft?
Der Ätti sait:
Er het der Pfnüsel! Seig doch nit so närsch! Hüst, Laubi, Merz! - un loß die Tote goh, 's sinn Nareposse! - Jee, was han i gsait? Vo Basel, aß es au emool verfallt. - Un goht in langer Zyt e Wandersmaa, ne halbi Stund, e Stund wyt dra verbei, se luegt er dure, lyt ke Nebel druf, un sait sym Kamerad, wo mit em goht: "Lueg, dört isch Basel gstande! Selle Turn seig d'Peterschilche gsi, 's isch schad derfür!"
Der Bueb sait:
Nai Ätti, isch's der Ernst? Es cha nit sii!
Der Ätti sait:
Je, 's isch nit anderst, lueg mi a, wie d' witt, un mit der Zyt verbrennt die ganzi Welt. Es goht e Wächter uus um Mitternacht, e fremde Maa, me waiß nit, wer er isch, er funklet wie ne Stern un rüeft: "Wacht auf! Wacht auf, es kommt der Tag!" - Drob rötet si der Himmel, un es dundert überal, z'erst heimlig, alsgmach lut, wie sellemol, wo Anno Sechsenünzig der Franzos so uding gschosse het. Der Bode wankt, aß d' Chilchtürn guuge; d' Glocke schlagen a, un lütte selber Bettzyt wyt un breit, un alles bettet. Drüber chunnt der Tag; o, bhüet is Gott, me bruucht ke Sunn derzue, der Himmel stoht im Blitz un d' Welt im Glast. Druf gschiht no viil, i ha jetz nit der Zyt; un endli zündet's a, un brennt un brennt, wo Boden isch, un niemes löscht. Es glumst wohl selber ab. Wie mainsch, siht's us derno? Der Bueb sait:
O Ätti, sag mer nüt meh! Zwor wie goht's de Lüte denn, wenn alles brennt un brennt?
Der Ätti sait:
Närsch, d' Lüt sinn nümme do, wenn's brennt, si sinn - wo sinn si? Seig du frumm, un halt di wohl, geb, wo de bisch, un bhalt dy Gwisse rein! Siehsch nit, wie d' Luft mit schöne Sterne prangt! 's isch jede Stern vergliichligen e Dorf, un wyter obe seig e schöni Stadt, me siht si nit vo do, un haltsch di guet, se chunnsch in so ne Stern, un 's isch der wohl, un findsch der Ätti dört, wenn's Gottswill isch, un 's Chünggi selig, d' Muetter. Öbbe fahrsch au d' Milschstrooß uf in die verborgni Stadt, un wenn de sytwärts abeluegsch, was sihsch? E Röttler Schloß! Der Belche stoht verchohlt, der Blauen au, as wie zwee alti Türn, un zwischedrin isch alles usebrennt, bis tief in Boden abe. D'Wise het ke Wasser meh, 's isch alles öd un schwarz, un totestill, so wyt me luegt. Das sihsch, un saisch dym Kamerad, wo mit der goht: "Lueg, dört isch d' Erde gsi, un selle Berg het Belche gheiße! Nit gar wyt dervo isch Wislet gsi, dort han i au scho glebt, un Stiere gwettet, Holz go Basel g'füehrt, un broochet, Matte graust, un Liechtspöh gmacht, un gvätterlet bis an my selig End, un möcht jetz nümme hi." - Hüst, Laubi, Merz!
Johann Peter Hebel: Die Vergänglichkeit aktuell / Ein Gedicht aus dem Jahr 1803, passend zum Anthropozän, zu Klimawandel, Atommüllproduktion, Artenausrottung ...
Waldsterben im Schwarzwald und Johann Peter Hebel: Die Vergänglichkeit / Ein Gedicht aus dem Jahr 1803, passend zum Anthropozän, zu Klimawandel, Atommüllproduktion, Artenausrottung ... Und mit der Zit verbrennt die ganzi Welt.(...) Der Belche stoht verchohlt, der Blauen au, as wie zwee alti Türn, und zwische drin isch alles use brennt, bis tief in Boden abe. D'Wiese het ke Wasser meh, 's isch alles öd und schwarz, und totestill, so wit me luegt. Lueg, dört isch d'Erde gsi, und selle Berg het Belche gheiße!" ...
Johann Peter Hebel heute: Die Vergänglichkeit in Zeiten von Klimakatastrophe, Waldsterben, Artenausrottung und Demokratiegefährdung
Alemannisch, Badisch, Elsässisch, Schweizerdeutsch, Dialekt & "Hoch"deutsch: Kritische Texte und Gedichte aus Südbaden, Elsass, Nordschweiz und dem Rest der Welt
In diesen Zeiten von Barbarei, Gier, Kriegen und Gewalt stärkt Dummheit Dummheit und Intoleranz verstärkt Intoleranz. In diesen Jahren der Umwelt- und Innenweltverschmutzung stehen nicht nur Tiere und Pflanzen, sondern auch Sprachen und Dialekte auf der Liste der bedrohten Arten. Der Facebook-Chef Mark Zuckerberg, der an einem altsprachlichen Eliteinternat Latein lernte und gerade seine undemokratischen Weltmachtträume realisiert hält Sprache für eine veraltete Software, die schon bald obsolet sein wird. Mehr als die Hälfte aller weltweit gesprochenen Sprachen drohen in naher Zukunft zu verschwinden – und damit ein wertvoller Teil unseres kulturellen Gedächtnisses. Allein 600 dieser insgesamt rund 3.660 gefährdeten Sprachen könnten sogar schon in wenigen Jahren vollständig ausgestorben sein. Darum finden Sie auf mitwelt.org kritische und engagierte Texte, alemannisch, schwyzerdütsch, elsässisch und hochdeutsch. Doch wir wissen, dass bedrohte Tierarten nicht in der Genbank und bedrohte Sprachen nicht im Museum und im Internet überleben. Menschen, die Überschallflugzeuge, unbegrenztes Wachstum, Atomenergie, Agrargifte, Freihandel und Weltraumtourismus für Fortschritt und die Hitparade der Volksmusik für Kultur halten, die Gedichte über das "Blümelein", das "Bächelein" und das "Brünnelein" suchen, wird diese Seite nicht gefallen.
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