Dreyeckland Region: Infos & das Dreyeckland-Lied von François Brumbt
Veröffentlicht am 23.09.2025 in der Kategorie Umweltgeschichte von Axel Mayer
Dreyeckland Region: Viele Infos & das Dreyeckland-Lied von François Brumbt
Auf dieser Seite finden Sie einige Infos zum Dreyeckland
Infos zum Dreyeckland-Lied von François Brumpt
Einen Kurz-Text von Axel Mayer
Eine umfassende Hintergrundinformation von Michael Koltan
"Mir keije mol d Gränze über de Hüfe und danze drum erum" "Wir werfen einmal die Grenzen über den Haufen und tanzen drumherum" François Brumpt 1976
Das Dreyeckland-Lied von François Brumbt zählte in den frühen Kämpfen der Umweltbewegung am Oberrhein (Wyhl, Kaiseraugst, Gerstheim, Marckolsheim), zu den wichtigsten Texten und Liedern der trinationalen Umweltbewegung am Oberrhein. Das Lied erzählt die Geschichte der Menschen und die Geschichte der Herren am Oberrhein, in Elsass und Baden. In einer Zeit, in der die Menschen noch bei jedem Grenzübertritt kontrolliert wurde, steht es auch und gerade für den Traum vom Dreyeckland in einem grenzenlosen Europa. Es findet sich u.a. auf der Dreyeckland-LP des Trikont-Verlags. Der oben abgebildete Text stammt aus dem Liederbuch: Wyhl isch dert un do. Lieder aus dem Kampf gegen Atomkraftwerke, Seite 33. Axel Mayer
Die "Übersetzung" ins Hochdeutsche und die Kommentierung stammen aus der Textbeilage der Dreyeckland-LP des Trikont-Verlags.
Dreyeckland, AKW Wyhl- & Bleiwerk Marckolsheim-Protest und badisch-elsässische-alemannische Regionalkultur Die Proteste und Bauplatzbesetzungen vor 5 Jahrzehnten in Marckolsheim, Wyhl, Gerstheim und Kaiseraugst fielen in eine Hoch-Zeit der europäischen Regionalbewegungen und ihrer vielfältigen Kultur. Im Baskenland und in Katalonien gärte es und auf dem Larzac-Plateau in Südfrankreich gab es erfolgreiche Proteste gegen einen geplanten Truppenübungsplatz. Der Begriff "Heimat" wurde endlich entstaubt und erstmals nach dem Krieg von tümelnden Klischees befreit.
Auf den besetzten Plätzen in Wyhl, Markolsheim und Kaiseraugst wurde deutlich: Dialekt ist immer auch Sand im Getriebe der globalen Megamaschine, denn sprachliche Vielfalt stört in einer Zeit der organisierten Gier und einer Endzeit exponentiellen wirtschaftlichen Wachstums im begrenzten System Erde. Dialekte stören die Verwandlung der vielfältigen Welt in eine große einheitliche genormte Fabrik, eine Agrar-Fabrik, eine Fabrik-Fabrik, eine Konsum-Fabrik und eine Wohn-Fabrik, in der zunehmend übersättigte Menschen immer unzufriedener werden.
Das Elsass erlebte eine Blüte (und leider auch einen Schwanengesang) elsässisch-alemannischer Regionalkultur. Eine Vielzahl elsässischer, badischer und Schweizer Künstlerinnen und Künstler, eine "Alemannische Internationale", traten bei Demos, Aktionen und im Rahmen des Programms der Volkshochschule Wyhler Wald auf. HAP Grieshaber erstellte Wyhl-Plakate und stellte sie den Bürgerinitiativen zur Verfügung. Bücher, Zeitschriften, Flugblätter, Plakate, Schallplatten und Liederbücher entstanden und es wurde viel gesungen bei Demos und auf den besetzten Plätzen.
Prägende Kunst- und Kulturschaffende in dieser breiten trinationalen Protestbewegung waren u.a. Walter Mossmann, Andre Weckmann, Rene Egles, Buki (Roland Burkhart), Ernst Born, François Brumbt, Karl Meyer, Meinrad Schwörer, Roland Engel, die Blaskapelle "Rote Note", Ernst Schillinger, la Rue de Dentelles, Roger Siffer, Francis Keck ... und die lange Liste ist unvollständig. Der Wyhl-Protest und gerade auch die Lieder von François Brumpt waren immer auch Protest für Vielfalt, Demokratie und für ein grenzenloses Europa der Menschen und Regionen. Ohne die massive Einbindung der Kultur in den Protest wäre der Erfolg nicht möglich gewesen.
Axel Mayer, Mitwelt Stiftung Oberrhein, ehem. Sprecher der Bürgerinitiative Riegel
Bei den Bauplatzbesetzungen in Wyhl und Marckolsheim wurde viel gesungen. Hier Walter Mossmann im Freundschaftshaus in Marckolsheim 1974.
In der Silversternacht 1977 sitzen irgendwo im Elsass, der Nordwestschweiz oder Baden Menschen aus diesen drei durch Landesgrenzen getrennten Regionen zusammen. Ein Aufnahmegerät ist eingeschaltet: Für den illegalen Piratensender Radio Verte Fessenheim diskutieren sie darüber, was sie sich unter „Dreyeckland“ vorstellen, dem Namen, den die Anti-AKW-Bewegung dem Dreiländereck am Oberrhein gegeben hat. Einer der Diskutierenden, der Liedermacher Walter Mossmann meint im Lauf der Diskussion: „Also, ich glaube, dass alle, die hier so im Dreyeckland leben, gar nicht so richtig begriffen haben, was für eine Hoffnung für andere, die woanders wohnen, in diesem Dreyeckland steckt. Und diese Hoffnungen sind Siege, die keine militärischen waren […]. Das war der Sieg nach fünf Monaten einer sehr schwierigen Platzbesetzung in Marckolsheim. Das war der Sieg nach einer sehr schwierigen, von Elsässern, Badnern und Schweizern zusammen organisierten und getragenen Besetzung in Wyhl. Das war ein Symbol und ein Aufruf für viele Leute, mindestens in Westeuropa, bis nach Japan und USA. Das war ein Aufruf, dass man nicht immer verlieren muss.“ Was war dieses Dreyeckland? Ein Ort? Eine Utopie? Halb unbewusst, halb geplant, entwickelten die Bewegungen gegen die Industrialisierungspläne am Oberrhein in den 70er Jahren die Vorstellung eines Raumes, der gleichzeitig real und Utopie war. Und dem sie schließlich 1976 den Namen „Dreyeckland“ verliehen. Wie kam es dazu? In den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts war der Glaube an den technischen Fortschritt ungebrochen. Industrialisierung sollte, so war zumindest die einhellige Meinung der politisch Verantwortlichen, immer mehr Wohlstand für immer mehr Bevölkerungsteile bringen. Dazu mussten auch Opfer gebracht werden, wie es im Baden-Württembergischen Staatsanzeiger 1972 hieß: „Rückt nämlich die EWG [Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, Vorläuferin der EU] noch mehr zusammen, was allgemein erwartet wird, so wird das Rheintal zwischen Basel und Frankfurt die Wirtschaftsachse überhaupt werden. Ob dann noch Platz für den Umweltschutz ist, muß bezweifelt werden. Sachverständige Leute sind deshalb der Ansicht, die Ebene solle für gewerbliche und industrielle Nutzung freigegeben werden, während die Funktionen Wohnen, Erholen in der Vorbergzone und in den Seitentälern angesiedelt werden sollen.“ Das weitgehend landwirtschaftlich genutzte Oberrheintal sollte in ein zweites Ruhrgebiet verwandelt werden, eine Vorstellung, die schnell Widerspruch herausforderte. Denn dieses neue Ruhrgebiet sollte seine Energie nicht aus Kohle, sondern aus Atomkraft beziehen. In allen drei Anrainerstaaten des Oberrheins beginnen Planungen zum Bau von Kernkraftwerken: 1964 wird im Elsass Fessenheim als Standort ins Spiel gebracht, 1966 Kaiseraugst in der Schweiz und 1971 Breisach in Baden. Die Pläne stoßen auf Widerstand. Der Große Rat der Stadt Basel verabschiedet bereits am 8. Mai 1969 eine Resolution, in der es heißt: „Der Grosse Rat des Kantons Basel Stadt gibt seiner Besorgnis darüber Ausdruck, dass im Einzugsgebiet des Hochrheins der Bau von AKW geplant ist, ohne dass dabei dem Schutz des lebensnotwendigen Wassers und der Luft, sowie der Bewahrung vor der Gefährdung durch radioaktive Abfälle genügend Rechnung getragen wird.“ Wenig später verfassen im Elsass drei junge Frauen, A. Albrecht, F. Bucher und E. Peter-Davis, eine Broschüre mit dem Titel fessenheim – vie ou mort de l’alsace… [Fessenheim – Leben oder Tod des Elsass]. Noch im selben Jahr gründet sich das Comite pour la Sauvegarde de Fessenheim et la Plaine du Rhin [Komitee zur Bewahrung von Fessenheim und der Rheinebene], das dann die allererste Anti-AKW-Demonstration in Europa organisiert: Am 12. April 1971 gelingt es ihnen, 1.500 Menschen zu mobilisieren. Wenig später entsteht auf deutscher Seite das Oberrheinischen Aktionskomitees gegen das AKW Breisach, das mit einer Unterschriftenkampagne an die Öffentlichkeit tritt. Anfang Oktober 1972 sammeln sie fast 60.000 Unterschriften gegen den Bau eines Atomkraftwerks in Breisach. Bei einer Anhörung am 31. Oktober 1972 fliegen Tomaten gegen die Gutachter der Landesregierung. Wenig später gibt die Baden-Württembergische Landesregierung den Standort Breisach auf. Noch agieren die unterschiedlichen Gruppen in der Nordwestschweiz, dem Elsass und in Baden weitgehend nebeneinander her. Die Landesgrenzen zerschneiden den Raum am Oberrhein. Noch ist das Dreiländereck kein Dreyeckland. Das ändert sich mit zwei folgenschweren Entscheidungen: Im elsässischen Marckolsheim soll eine Bleichemiefabrik der Chemischen Werke München entstehen. Und die Baden-Württembergische Landesregierung hat einen neuen Standort für ihr erstes Atomkraftwerk am Oberrhein gefunden: Wyhl, ein kleines, armes Dorf, knapp 20 Kilometer nördlich von Breisach, direkt gegenüber von Marckolsheim auf der anderen Rheinseite. Im Juli 1974 gibt es in Marckolsheim eine erste Demonstration gegen das Bleichemiewerk mit 2.000 Menschen. Das Neue daran: Es kommen auch Unterstützer:innen aus Baden auf die französische Rheinseite. Genauso wie einen Monat später, am 25. August, Elsässer:innen zu einer Demonstration nach Wyhl kommen. Am Abend nach der Demonstration treffen sich in Weisweil, einem Nachbardorf von Wyhl, in der Gaststätte Fischerinsel 21 Bürgerinitiativen von beiden Seiten des Rheins. Hier wird beschlossen, eine weitere Grenze zu überschreiten: Die des legalen Protestes. Sie verfassen eine Resolution, die legendäre 1. Erklärung der 21 badisch-elsässischen Bürgerinitiativen. Wuchtig werden zunächst Erwägungsgründe aufgezählt, immer mit den einleitenden Worten „Weil wir…“ Unter anderem heißt es: „Weil wir nicht abwarten können, bis die Katastrophe da ist … und … weil wir nicht dulden, daß unser Recht derart mißachtet wird“. Nach dieser Aufzählung der Erwägungsgründe kommt der eigentliche Punkt: „Deshalb haben wir beschlossen, die vorgesehenen Bauplätze für das Atomkraftwerk in Wyhl und das Bleiwerk in Marckolsheim gemeinsam zu besetzen, sobald dort mit dem Bau begonnen wird. Wir sind entschlossen, der Gewalt, die uns mit diesen Unternehmen angetan wird, solange passiven Widerstand entgegenzusetzen, bis die Regierungen zur Vernunft kommen.“ Unterzeichnet wurde diese Erklärung von 11 Bürgerinitiativen aus Baden und 10 aus dem Elsass. Damit begann eine Umdeutung des Dreiländerecks zum Dreyeckland. Nicht länger stießen hier drei Nationalstaaaten aneinander – sondern es wird nach und nach ein einheitlicher Raum konstruiert, aus dem heraus sich seine Bewohner gegen die Zentralregierungen in der Schweiz, Frankreich und der Bundesrepublik Deutschland auflehnen. Neben der räumlichen hat die Konstruktion des Dreyecklandes auch eine historische Komponente. Der mit der Ausformulierung der Erklärung beauftragte Walter Mossmann orientierte sich formal an Bertolt Brechts „Resolution der Kommunarden“:
„In Erwägung unsrer Schwäche machtet Ihr Gesetze, die uns knechten solln. Die Gesetze seien künftig nicht beachtet In Erwägung, daß wir nicht mehr Knecht sein wolln.
In Erwägung, daß ihr uns dann eben Mit Gewehren und Kanonen droht Haben wir beschlossen, nunmehr schlechtes Leben Mehr zu fürchten als den Tod.“
Mit dieser impliziten Erinnerung an die Pariser Commune, den kommunistischen Aufstand während des deutsch-französischen Krieges von 1870/71, gibt sich der Protest eine historische Dimension, stellt sich in eine Traditionslinie. Dieser und weitere historische Bezüge werden wichtige Bestandteile der Konstruktion des Dreyecklandes werden. Als Plakat wird die Erklärung der 21 badisch-elsässischen Bürgerinitiativen überall in den Dörfern auf beiden Seiten des Rheins verklebt. Das Plakat selbst ist zweisprachig: Auf der einen Seite deutsch, auf der anderen französisch. Und am 20. September 1974 wird die Ankündigung dann wahr gemacht: Der Bauplatz des Bleichemiewerkes in Marckolsheim wird besetzt. Knapp eine Woche später ordnet der elsässische Präfekt Jean Sicurani in Strassbourg verschärfte Grenzkontrollen an – Unterstützer:innen der Besetzung aus Baden sollen am Grenzübertritt gehindert werden. Die Reaktion erfolgt prompt: Demonstrant:innen blockieren die Rheinbrücken bei Sasbach und Breisach und legen den kompletten grenzüberschreitenden Verkehr lahm: Sicurani muss nachgeben – der Rhein als Grenze funktioniert nicht mehr, das Dreyeckland nimmt Gestalt an. Auf dem besetzten Platz in Marckolsheim wird ein Transparent entrollt: „Deutsche und Franzosen: Die Wacht am Rhein“. „Die Wacht am Rhein“ ist eigentlich ein nationalistisches Lied aus dem 19. Jahrhundert, das die Verteidigung des „deutschen Rheins“ gegen den „Erbfeind“ Frankreich propagiert. Heute ist es eigentlich nur noch aus dem Film Casablanca bekannt, wo die Nazis „Die Wacht am Rhein“ anstimmen, um dann von den Antifaschist:innen mit der Marseillaise übertönt zu werden. Die Platzbesetzer:innen interpretierten in Marckolsheim die
„Wacht am Rhein“ neu: „Im Elsaß und in Baden war lange große Not da schossen wir für unsre Herrn im Krieg einander tot.
Jetzt kämpfen wir für uns selber in Wyhl und Marckolsheim wir halten hier gemeinsam eine andere Wacht am Rhein.“
Dies ist die erste Strophe eines Liedes, das auf dem Platz entsteht. Der Rhein ist nicht länger ein Fluss, der Deutsche von Franzosen trennt, sondern der die badische und elsässische Bevölkerung in einem gemeinsamen Kampf gegen ihre Obrigkeiten vereint. Geschichte wird kritisch gelesen und fließt in die Konstruktion des Dreyecklandes ein. Eine weitere Anspielung reicht historisch noch viel weiter zurück: Als Autor des Liedes wird in der Schallplattenausgabe, die noch im Oktober 1974 erscheint, ein gewisser „Jos Fritz“ genannt. Mit diesem Pseudonym wird auf einen Anführer während der Bauernkriege verwiesen, der von Lehen (heute ein Stadtteil von Freiburg) aus den Bundschuh-Aufstand organisierte. Der Bezug auf die Bauernkriege wird für die Konstruktion des Dreyecklands zentral werden. Auf die Platzbesetzung in Marckolsheim folgt am 18. Februar 1975 die Platzbesetzung in Wyhl. Anders als in Marckolsheim versucht die Staatsmacht Entschlossenheit zu demonstrieren und lässt den besetzten Platz nach zwei Tagen räumen. Doch am 23. Februar passiert das Unerwartete: Der Bauplatz wird, nach einer Kundgebung mit rund 10.000 Menschen, zurückerobert. Wenig später, an Ostern 1975 vervollständigt sich dann die Einheit der AKW-Gegner:innen. Schon bei der Demonstration in Marckolsheim vor einem halben Jahr war eine Grußadresse der Schweizer:innen verlesen worden. Jetzt, an Ostern 1975, wird eine internationale Großdemonstration organisiert. An der Spitze des Demonstrationszuges werden drei Nationalflaggen getragen: Eine deutsche, eine französische und die der Schweiz. Mehr als 10.000 Menschen aus allen drei Ländern ziehen auf den besetzten Platz im Wyhler Wald. Auf diesem Platz wurde (wie schon in Marckolsheim) inzwischen ein Freundschaftshaus errichtet, ein großer Rundbau mit einer Feuerstelle in der Mitte. Dieses Freundschaftshaus wird zur ersten Heimstatt einer faszinierenden Institution: Der Volkshochschule Wyhler Wald, die von 1974 bis 1988 existierte. Am 15. April 1974 nimmt die Volkshochschule ihre Arbeit auf, und zwar zunächst mit einem Vortrag: „Wie funktioniert ein Atomkraftwerk?“ So weit, so erwartbar. Doch das Programm ist deutlich vielfältiger und fokussiert sich keineswegs nur auf unmittelbar mit dem Protest zusammenhängende Themen. Schon am nächsten Tag geht es weiter mit „Tierwelt und Landschaft in Ostafrika“. Auch wenn Atomkraft immer einen Schwerpunkt der Fortbildungstätigkeit bildet, der Horizont ist immer räumlich und zeitlich geweitet. Räumlich: Es wird über China, Alaska, Kolumbien und Skandinavien informiert, von provinzieller Beschränktheit keine Spur. Zeitlich: Von den Bauernkriegen über die Badische Revolution 1848 bis zum Spanischen Bürgerkrieg wird die Geschichte widerständiger Bewegungen ausgebreitet. Zu den reinen Informationsveranstaltungen kommen kulturelle Ereignisse dazu: Im Juli gibt es „Mundartgedichte und Lieder vom Kaiserstuhl“, im Oktober einen elsässisch-badischen Heimatabend „mit alten und neuen Liedern und Versen von beiden Seiten des Rheins“. Diese letzten beiden Veranstaltungen verweisen auf ein wichtiges Bindeglied zwischen den unterschiedlichen Akteur:innen, nämlich den alemannische Dialekt. Ein ganz wesentlicher Teil der Konstruktion des „Dreyecklands“ ist der Bezug auf eine gemeinsame Sprache: Elsässisch, Schweizerdeutsch und Badisch dienten der Konstruktion einer Identität, die das „wir“ von „denen“ unterscheidet. In der Textbeilage zur Schallplatte „Die Wacht am Rhein“ heißt es: „Jean Sicurani, Präfekt in Straßburg, ehemaliger Kolonialgouverneur in Polynesien, spricht nicht elsässisch.“ Auf der einen Seite negiert der Dialekt die Landesgrenzen, auf der anderen markiert er eine Klassengrenze. Der Dialekt, die Sprache des „einfachen Volkes“, das redet, „wie ihm der Schnabel gewachsen ist“, schließt „die da oben“ aus, die in der Hochsprache kommunizieren. Damit haben wir die Elemente zusammen, die die Konstruktion des Dreyecklandes ausmachen: Einheit durch die Negierung der Grenzen, Einheit durch Erinnerung an längst vergangene widerständige Bewegungen und Einheit in der Verwendung einer „Volkssprache“. Aus dem Protest heraus wird ein symbolischen Raum geschaffen, der trotz unterschiedlicher Interessen und Sozialisationen Einheit stiftete. Politik ist keine pragmatische Veranstaltung, die sich ausschließlich über ihr Ziel definiert. Es geht immer auch um ein gemeinsames Selbstverständnis der Akteur:innen, vor allem wenn sie nur lose organisiert sind. Und dazu schufen die Bewegungen am Oberrhein die Phantasie eines widerständigen Raumes, die es ihnen erlaubte, erfolgreich zu handeln. Nur eine Sache fehlte dieser Phantasie noch: Ein Name. Es ist der Sänger François Brumbt, der im September 1976 den Namen „Dreyeckland“ kreiert. Es ist der Titel eines Liedes, dass alles, was das Dreyeckland ausmacht, zusammenfasst: die historische Dimension, die Nichtigkeit der Nationalgrenzen, die gemeinsame alemannische Spache:
„Unsri Ürgroßeltre, d’Haide, sin frehjer als üewer de Rhin zue de Nochbre ihr Rindweh lon waide.
Was dyn isch, isch aü myn. Unter sich han sie ihr Sach dedüscht, ans Römische Reich het nieme do gedänkt.
Am Owe sin sie binand gsasse, e Humbe Bier in dr Füscht.“ „Unsre Urgroßeltern, die Heiden, sind früher über den Rhein zu den Nachbarn, um ihre Rinder weiden zu lassen. Was dein ist, ist auch mein. Unter sich haben sie ihre Sachen getauscht; An das römische Reich hat dabei niemand gedacht. Am Abend sind sie beieinander gesessen, einen Humpen Bier in der Faust.“ Von den Kelten über die römische Besatzung hin zum Mittelalter und den Bauernkriegen zieht Brumbt die Linie, um dann vom dreißigjährigen Krieg über Napoleon in die Gegenwart zu kommen. Eines bleibt sich dabei gleicht: „D’ Regierungsherr die kumme drvo Sie trinke mitnander un meh ass nur e Saidel.
Un fiehren uns wiedersch am Narresail Wie Hampelmann döert und do.“ „Die Regierungsherren, die kommen davon. Sie trinken miteinander und mehr als nur ein Seidel Und führen uns weiter am Narrenseil Wie Hampelmänner hierhin und dorthin.“
Doch irgendwann, und sei es auch erst in der nächsten Generation, wird sich das, was im Dreyeckland begann, vollenden:
„Mir kejje mol d’Granze üewer e Hüffe
Un tanze drum erum!“ „Irgendwann werfen wir die Grenzen über den Haufen und tanzen drum herum.“