1848/1849: Max Dortu, Friedrich Neff und Gebhard Kromer & die Badische Revolution


Veröffentlicht am 23.07.2021 in der Kategorie Umweltgeschichte von Axel Mayer

1848/1849: Max Dortu, Friedrich Neff und Gebhard Kromer & die Badische Revolution


Die Badische Geschichte
ist wie die ganze Menschheits-Geschichte von demokratischen Phasen des Aufbruchs, von kurzen Friedenszeiten mit Wohlstand, aber zumeist von finsteren, undemokratischen Zeiten mit Kriegen, Folter, Unterdrückung und bitterer Armut geprägt. Menschen kämpften gegen Menschen, Reiche ließen auf Arme schießen, Herrscher, Despoten und Königreiche kamen und gingen und fast immer gab es einige wenige reiche Kriegsverdiener und viele, zumeist arme Verlierer. Aktuell leben wir in Baden und Zentraleuropa in einer erfreulich-erstaunlich langen Zwischenkriegszeit.

Einer der wenigen, kurzen, demokratischen Geschichtsstränge in Baden war die hoffnungsvoll-schwache demokratische Revolution von 1848/1849. Eine der vergessenen Wurzeln dieser Revolution war der abrupte Klimawandel, ausgelöst durch den gewaltigen Vulkanausbruch des Tambora im April 1815. Unmittelbare Folge war im Jahr darauf das „Jahr ohne Sommer“ in Mitteleuropa. Es folgte eine weltweite, jahrzehntelange Hungerkrise. Die extreme Klimakatastrophe beschleunigte dramatische historische Umbrüche und ähnliches ist auch vom aktuellen, menschengemachten Klimawandel zu erwarten.

Die Badische Revolution von 1848/1849
im damaligen Großherzogtum Baden war ein wichtiger Teil der revolutionär-demokratischen mitteleuropäischen Unruhen. Sie erstrebte eine badische Republik unter der Souveränität des Volkes und richtete sich gegen die Fürstenherrschaft. "Wohlstand, Bildung und Freiheit für alle Klassen des Volkes" waren die Forderungen (nicht nur) des Republikaners Gustav Struve.

Nach dem Volksaufstand in Paris im März 1848
brach auch in Baden der bewaffnete, lange vorbereitete Aufstand aus. Wichtige Ereignisse waren der Hecker-Aufstand im April 1848 und der Struve-Putsch im September 1848. Später kam dann der Aufstand im Rahmen der Reichsverfassungskampagne ab Mai 1849. Am 12. April 1848 riefen Hecker und Struve in Konstanz die freie Republik aus. Der „Heckerzug“ machte sich mit viel zu wenigen Mitstreitenden Richtung Rheinebene auf. Welch ein verzweifelter Mut muss es gewesen sein mit 30 bis 50 schlecht bewaffneten Männern loszuziehen? Am Ostermontag des ersten Revolutionsjahres 1848 war die Freiburger Wiehre Schauplatz der Kämpfe zwischen den von Süden über den Schwarzwald herannahenden Resten des Hecker-Zuges, dessen Hauptmacht schon am 20. April auf der Scheideck bei Kandern zersprengt worden war. Sie wollten sich mit den Freiburger Aufständischen vereinigen und den Marsch auf die Residenz Karlsruhe fortsetzen. Zwischen Günterstal und Sternwald kam es zu einem ersten Gefecht zwischen Freischärlern und Bundestruppen, und vor den Stadttoren wurden die viel zu wenigen Aufständischen endgültig zurückgeschlagen. Die Revolution endete am 23. Juli 1849 mit der militärischen Niederschlagung der letzten Erhebung und der Einnahme der Festung Rastatt durch Bundestruppen unter preußischer Führung.

Am Ende der unvollendeten Badischen Revolution von 1848/1849 stand auch das Ende vieler Revolutionäre und Demokraten. Wer nicht fliehen konnte, wurde verurteilt, kam ins Gefängnis oder wurde erschossen. Im Juli 1849 nehmen die Standgerichte der preußischen Millitärtribunale ihre blutige Arbeit auf. Vom 27. Juli bis 27. Oktober 1849 waren in Mannheim, Rastatt und Freiburg preußisch-badische Standgerichte und preußische Kriegsgerichte tätig. Insgesamt wurden 27 Todesurteile verhängt und vollzogen.

In Freiburg wurden Max Dortu († 31. Juli 1849), Friedrich Neff († 9. August 1849) und Gebhard Kromer († 21. August 1849) standrechtlich erschossen.
Um einer Verehrung der Revolutionäre als Märtyrer entgegenzuwirken, verboten die Regierenden das Anlegen von richtigen Gräbern. Trotz behördlichem Verbot lagen im August 1849 immer wieder frische Blumen auf der Hinrichtungsstätte. Die preußischen Militärs stellten deshalb einen versteckten Posten in der Nähe des Friedhofes auf. Dieser verhaftete am 23. September 1849 vier junge Frauen, die aus ihren Körben Blumen auf die Gräber der Erschossenen legten. Auch am nächsten Tag wurden sieben weitere Mädchen verhaftet, als sie erneut Blumen niederlegen wollten. Alle elf Mädchen stammten aus dem St. Georgener Teilort Uffhausen. Das Freiburger Stadtamt erstattete Anzeige, denn den Freiburger Honoratioren, Reaktionäre und Konservativen war das mutige Verhalten der Mädchen äußerst peinlich. Drei der verhafteten Uffhäuser Mädchen wurden nach 24 Stunden wieder freigelassen, vier wurden zu 14 Tagen und vier weitere zu 24 Tagen Haft verurteilt. Noch bis 1898 war das Abhalten von Trauerfeiern am Grab verboten.


Viele andere Revolutionäre und Sympathisanten wurden in die Kasematten von Rastatt, Bruchsal und Freiburg eingesperrt. Am 18. August kehrt Großherzog Leopolds nach Karlsruhe zurück, empfangen von einer demütig huldigen Bürgerschaft. Die Reaktion hatte den verzweifelten Traum von Freiheit zerstört.

Heute, mit ungefährlich-gebührendem zeitlichen Abstand "rühmen" viele Menschen die unvollendete Badische Revolution.
Doch wie wenige unserer badischen Straßen und Plätze sind nach den damaligen Demokraten und Demokratinnen benannt und wie entsetzlich viele Straßennamen erinnern immer noch an fürstlichen Herren und Despoten? Von Gustav Struves "Wohlstand für alle" sind wir heute, in einer Zeit global wachsender sozialer Unterschiede, noch weit entfernt. Das reichste Prozent der Weltbevölkerung (70 Millionen Menschen) verfügte im Jahr 2016 über so viel Vermögen wie der ganze Rest (sieben Milliarden Menschen) zusammen. 62 Menschen verfügen über ebenso viel Vermögen wie die gesamte ärmere Hälfte der Weltbevölkerung – also 3,5 Milliarden Menschen.

Axel Mayer, Mitwelt am Oberrhein

Nachtrag:


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1848/1849: Max Dortu, Friedrich Neff und Gebhard Kromer - In Freiburg von der Reaktion erschossen




1848/1849: Max Dortu, Friedrich Neff und Gebhard Kromer - In Freiburg von der Reaktion erschossen





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  • 3) Im Zweifel ist die -Allgemeine Erklärung der Menschenrechte- immer noch eine gute Quelle zur Orientierung.

Axel Mayer,Mitwelt am Oberrhein

Getragen von der Hoffnung auf das vor uns liegende Zeitalter der Aufklärung (das nicht kommen wird wie die Morgenröte nach durchschlafner Nacht)

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