Badberg, Schelinger Höhe & Haselschacher Buck 2020 / 2021: Die "kleine Steppe" im inneren Kaiserstuhl


Veröffentlicht am 07.11.2020 in der Kategorie Natur & Naturschutz von Axel Mayer

Badberg, Schelinger Höhe und Haselschacher Buck: Die "kleine Steppe" im inneren Kaiserstuhl



Aktueller Einschub:
Der Herbst ist sicher die schönste Jahreszeit im inneren Kaiserstuhl. Die brutale Hitze des Sommers ist vorbei und die Temperatur ist meistens angenehm. Die Tage mit einem wunderbaren Licht und traumhaften Blicken zu den nahen Vogesen werden mehr. Die Weinlese, die klimabedingt immer früher beginnt, ist ein Höhepunkt des Jahres, der in den Gaststätten mit neuem Wein und Zwiebelkuchen gefeiert wird. Der laute Lärm des Sommers am Badberg ist vorbei.


Herbsttag

Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten, voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin, und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Rainer Maria Rilke, 21.9.1902, Paris



Zu den schönsten und eindrucksvollsten Naturlandschaften
am Oberrhein gehören die sanften Hügel des inneren Kaiserstuhls. Sie liegt zwischen Schelingen, Oberbergen und Altvogtsburg der Badberg mit seinen runden Kuppen, Wiesen, Trockenrasen, Gebüschsäumen und Waldrändern.




Hier finden Sie eine faszinierende Flora und Fauna:
„Orchideen wie die Hummelragwurz und die Pyramidenorchis, Küchenschellen, Kaiserstuhlanemonen, Schlüsselblumen, Schwalbenschwanz-Falter, Smaragdeidechse, Gottesanbeterin und Schmetterlingshaft.“ Solch beeindruckende Restlandschaften erinnern auch daran, was wir an Natur schon verloren haben, was wir jetzt im Moment gerade verlieren und in Zukunft noch verlieren werden.

Insektensterben im Idyll
„Ich untersuche die Tag- und Nachtfalter in der Oberrheinebene seit 30 Jahren regelmäßig und sowohl die Artenzahlen als auch die Faltermengen gehen insgesamt stark zurück. Es fällt auf, dass auch Wiesen, die selbst nicht zerstört wurden, aber in der Agrarlandschaft unmittelbar den Randeinflüssen der gespritzten Kulturen ausgesetzt sind, nur noch von wandernden Faltern besucht werden. Wiesen im Wald sind oft noch nicht so betroffen. Die bunten Wiesen der Hochwasserdämme in der Aue sind vom Wald abgeschirmt und geschützt und darum immer noch Falter-reich. Im Kaiserstuhl haben sich einige Arten nur noch in den windgeschützten Tälern gehalten. Da wundert man sich natürlich nicht, dass neben Schmetterlingen und anderen Insekten auch Singvögel und Fledermäuse selten werden.“ sagt Jörg-Uwe Meineke, Schmetterlingsexperte und ehemaliger Leiter des Referats für Naturschutz und Landschaftspflege im Regierungspräsidium Freiburg


Das "Badloch",
eine kleine Thermalquelle am Südfuß des Badberges erinnert an die 15 Millionen Jahre zurückliegende, vulkanische Entstehungsgeschichte des kleinen Gebirges im Grabenbruch des Oberrheins.


Der innere Kaiserstuhl im Herbst: Urlaub, Reisen, Wandern...


Der innere Kaiserstuhl ist Teil des Vogelschutzgebiets „Kaiserstuhl“
Das Vogelschutzgebiet „Kaiserstuhl“ ist das bedeutendste Brutgebiet für Bienenfresser, Schwarzkehlchen und Wiedehopf in Baden-Württemberg, eines der wichtigsten Brutgebiete für Baum-, Wanderfalke und Hohltaube sowie ein Dichtezentrum des Wendehalses in Baden-Württemberg. Typischist das vielfältiges Mosaik von vorwiegend trocken-warmen Lebensräume. Geologisch besteht das Gebiet im Wesentlichen aus Gesteinen vulkanischen Ursprungs, die später, während der Eiszeiten, zum Teil mit einer Lössschicht überdeckt wurden. Kennzeichnend für die Kaiserstuhl-Landschaft sind neben den terrassierten Rebhängen unter anderem Trocken- und Halbtrockenrasen.

Auf den landwirtschaftlich genutzten Flächen inneren Kaiserstuhl
dominieren der Wein- und Obstbau. Daneben gibt es große, forstwirtschaftlich genutzte Waldflächen. Noch bestehende Grünlandflächen sind meist aus der Nutzung genommen und reine Pflegeflächen des Naturschutzes. Die immer noch erfreulich kleinräumige Landwirtschaft am Kaiserstuhl ist durch die Globalisierung und durch den Trend zur großen globalen Agrarfabrik massiv bedroht.

„Die großen Wiesenflächen am Badberg und am Haselschacher Buck gehören zum Schönsten und Wertvollsten, was der Kaiserstuhl zu bieten hat“schreibt der Kaiserstuhl-Kenner und -Bewahrer Dr. Frank Baum. „Vom Vorfrühling bis in den Herbst hinein – mit Höhepunkt im Mai und Juni - findet sich hier Blumenleben in erstaunlicher Vielfalt. Pflanzen, die anderswo verschwunden, verdrängt und ausgerottet sind, kommen hier noch zahlreich vor. Neben auffälligen und bekannten Arten gibt es versteckte und seltene Schönheiten, Kostbarkeiten für den Spezialisten. Kurzum: für jeden, der Blumen liebt, ein Paradies, wie man es in Mitteleuropa nur noch selten findet.“

Doch nicht nur die Frühlings- und Frühsommermonate
mit ihrer Farbenpracht sind beeindruckend. Wenn heiße Sommer die Wiesen des Kaiserstuhls verbrennen und die Hitze direkt am Boden unerträglich wird, „klettern“ die hübschen Turmschnecken an den Pflanzenstängeln hoch, um sich vor der Hitze zu schützen. Das herbstliche Graubraun der Matten und die seltenen, „schwarzweißen“ und kontrastreichen winterlichen Tage mit Schnee geben der „kleinen Steppe“ im innern Zentraleuropas ein besonderes Gepräge. Licht, Schatten und die karge Strenge der Landschaft in dieser Jahreszeit sind dann besonders beeindruckend.

An einem (der wenigen) stillen Tage
kann man sich hier an die Steppen Innerasiens erinnert fühlen, an Tibet oder an Kirgisien, dort wo der Tien Shan in die unglaublichen Ebenen Kasachstans übergeht... Nur alles eben ein Stück kleiner, ein winziges Fragment von Restnatur in der aufgeräumt-ausgeräumten Landschaft am Oberrhein.

Am schönsten sind hier die Abende,
an denen Wind aus dem Westen, vom nahen Elsass über den Rhein, die Wolken in Richtung Schwarzwald weht und das Grundgeräusch der Rheinebene, das Dauergrollen der Autobahn (das die Einheimischen schon lange nicht mehr hören) verstummt.

Wenn sich dann, an ganz besonderen Tagen,
die Wolken am Schwarzwald stauen und die sinkende Sonne zwischen Vogesen und Wolkendecke hervorschaut, dann wird durch dieses erstaunliche Licht die Natur noch kontrastreicher, manche Wiesenkuppen erinnern an Sanddünen und diese ganz eigene Landschaft bekommt einen faszinierenden Glanz.

Text und Bilder: Axel Mayer, (Alt-) BUND Geschäftsführer und Kreisrat aus Endingen




Dank
Mein Dank geht an die Vielen die sich für den Kaiserstuhl engagieren. An Naturschützer und Naturschützerinnen in Verbänden und Vereinen aber auch in den Naturschutzbehörden. An die, die mit Sense, Rechen, Ziege und Computer dazu beitragen, dass diese Gebiete auch für die Zukunft erhalten bleiben.

Zwei kurze Nachträge:
*„Der Tourist / Wanderer / Orchideenfotograf, zerstört manchmal, was er sucht, indem er es findet“
frei nach Hans Magnus Enzensberger.

*„Die wenigen erhalten gebliebenen, historischen Altstädte und die restlichen Naturschutzgebiete am Kaiserstuhl verbindet eines: Sie sind zunehmend bedrohte Inseln in einem Meer von Scheußlichkeit.“
Axel Mayer, Endingen, Mitwelt Stiftung Oberrhein









Infosammlung 2020: Natur, Naturschutz & Naturgebiete, in Südbaden, im Elsass und am Oberrhein