2022 / AMOLTERER HEIDE: DAS NATUR(ohne)SCHUTZGEBIET


Veröffentlicht am 06.03.2022

AMOLTERER HEIDE: DAS NATUR ohne SCHUTZ GEBIET


Von den geschätzt 15 Millionen Arten, die unseren Planeten bevölkern, rotten wir derzeit Tag für Tag ca. 130 Arten aus. Der unerfüllbare Traum vom unbegrenzten Wachstum, vor allem aber der Verlust an Lebensräumen und die industrialisierte Landwirtschaft erweisen sich für viele Arten als tödlich.

"Etwa 15 Prozent der Landoberfläche der Erde und 7,3 Prozent der Meeresflächen sind heute als Naturschutzgebiete ausgewiesen. Und nach den im Jahr 2010 international vereinbarten Aichi-Zielen sollen bis 2020 mindestens 17 Prozent der Landgebiete und 10 Prozent der Meeresfläche geschützt sein. Doch seit 1892 sind etwa zwei Millionen Quadratkilometer solcher Naturreservate verloren gegangen, 78 Prozent davon erst seit dem Jahr 2000, haben Rachel Golden Kroner von der George Mason University in Fairfax im US-Bundesstaat Virginia und ihre Kollegen errechnet." schreibt der Tagesspiegel am 31.05.2019.
Auch die EU-Umweltminister haben eine Strategie zum Erhalt der Artenvielfalt bis 2030 beschlossen. Demnach sollen die Naturschutzflächen in der EU bis 2030 auf 30 Prozent der Land- und Meeresflächen ausgeweitet und ein Drittel davon unter strengen Schutz gestellt werden.

In der selbsternannten Ökoregion Südbaden
im Regierungsbezirk Freiburg gibt es derzeit 268 Naturschutzgebiete auf rund 32.120 Hektar. Das sind lächerliche 3,4 Prozent der Fläche des Regierungsbezirks. In Naturschutzgebieten sind Pflanzenschutzgifte "theoretisch" seit Januar 2022 nicht mehr zugelassen. Hintergrund dieses Gesetzes in Baden-Württemberg ist das Volksbegehren Artenschutz – „Rettet die Bienen“. Seit Anfang des Jahres 2022 sind allerdings alleine im Regierungsbezirk Freiburg schon 69 "Ausnahmen" bewilligt worden. Das neue "Artenschutzgesetz" ist wie ein Schweizer Käse, ein Käse, der mehr aus Löchern als aus Käse besteht.



Das Beispiel Amolterer Heide, das Natur-ohne-Schutz-Gebiet
Die Amolterer Heide ist eines der ältesten Schutzgebiete in Baden-Württemberg und das älteste im Kaiserstuhl. Ursprünglich sollte sie als eine typische, artenreiche Flora und Fauna mit ihrem Trespen-Halbtrockenrasen geschützt werden. 1939 wurde die damals noch naturnahe Fläche als Naturschutzgebiet ausgewiesen, doch die Natur in diesem Naturschutzgebiet wurde massiv zurückgedrängt.

"Aus alten Akten ist zu entnehmen, dass diese Nutzungsänderungen im Zuge von Rebumlegungen in den 1950er-Jahren entgegen der schriftlichen Einsprüche des Bezirksbeauftragten und des Landesbeamten für Naturschutz und Landschaftsschutz vorgenommen wurden. Eine Befreiung oder Aufhebung gab es nie. Bis 1974 legte man entgegen dem Schutzzweck weitere Rebflächen an, sodass im Naturschutzgebiet nur 25 % Wiesen verblieben" (Quelle: Naturschutzgebiete im Regierungsbezirk Freiburg).


Im Jahr 2020 bestand das "Naturschutzgebiet" Amolterer Heide zu 65 % aus Rebflächen und zu 7 % aus landwirtschaftlichen Wegen und Saumstrukturen. Die wertvollen Wiesen und Trockenrasen, für die das Naturschutzgebiet einmal stand, bedecken noch etwa 20 % des Gebiets. Die Zerstörungsprozesse, die wir im amazonischen Regenwald beklagen, haben schon vor Jahrzehnten auch bei uns stattgefunden.


Heute wird auf ca. 65 % der ehemaligen Naturschutz-Fläche Weinbau betrieben und "selbstverständlich" gibt es für den Gifteinsatz auf einem Teil der "Naturschutz" Fläche auch wieder eine Ausnahmegenehmigung. Der neu gefasste § 34 des Naturschutzgesetzes in Baden-Württemberg ist ein Schein-Gesetz zur Beruhigung der Bevölkerung. Immer wenn weltweit der Naturschutz auf ökonomische Interessen trifft, ziehen Natur, Umwelt und Artenschutz den Kürzeren.

Die Agrargifte und der Dünger wirken nicht nur in den landwirtschaftlichen Flächen
„Ich untersuche die Tag- und Nachtfalter in der Oberrheinebene seit 30 Jahren regelmäßig und sowohl die Artenzahlen als auch die Faltermengen gehen insgesamt stark zurück. Es fällt auf, dass auch Wiesen, die selbst nicht zerstört wurden, aber in der Agrarlandschaft unmittelbar den Randeinflüssen der gespritzten Kulturen ausgesetzt sind, nur noch von wandernden Faltern besucht werden. Wiesen im Wald sind oft noch nicht so betroffen. Die bunten Wiesen der Hochwasserdämme in der Aue sind vom Wald abgeschirmt und geschützt und darum immer noch Falter-reich. Im Kaiserstuhl haben sich einige Arten nur noch in den windgeschützten Tälern gehalten. Da wundert man sich natürlich nicht, dass neben Schmetterlingen und anderen Insekten auch Singvögel und Fledermäuse selten werden,“sagt Jörg-Uwe Meineke, Schmetterlingsexperte und ehemaliger Leiter des Referats für Naturschutz und Landschaftspflege im Regierungspräsidium Freiburg.



Der Niedergang der südbadischen Landwirtschaft hat mit solchen Konflikten wenig zu tun
Seit 1949 sind in Baden-Württemberg 75 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe aus der Land- und Forstwirtschaft verschwunden. Bundesweit gab es einen Rückgang von 196.568 Betrieben oder 42 Prozent innerhalb der letzten 17 Jahren. Und mit den kleinen und mittleren Betrieben sterben auf größer werdenden Äckern auch Bäume, Hecken, Insekten, Vögel und jede Art von biologischer Vielfalt. Die Landwirtschaft in Baden-Württemberg konkurriert auf einem weltweiten Agrarmarkt im Rahmen der Globalisierung und des Freihandels mit Ländern wie Südafrika. Unsere in kleinen Teilen immer noch erfreulich kleinräumige Landwirtschaft (insbesondere in Südbaden) verkauft teilweise auf dem gleichen Markt wie die giftdominierte, großindustrielle Landwirtschaft in den USA. Auch in Nord- und Ostdeutschland dominiert eine politisch gewollte, industrielle, massiv umweltzerstörende Landwirtschaft. Wir sind, politisch gewollt, auf dem Weg zur großen, globalen Agrarfabrik mit Gift und Gentechnik und gefährden Mensch und Natur. Wenn nur noch der Preis und der „freie Markt“ zählen, wenn eine verfehlte EU-Agrarpolitik nur die großindustrielle Landwirtschaft und Agrarfabriken unterstützt, wenn die Bauernverbände in Baden-Württemberg diese Zusammenhänge nicht erkennen wollen, dann haben Insekten, Vögel, Hecken, Grundwasser, aber auch die Mehrzahl der Landwirte in Baden-Württemberg selbst keine Chancen. Bündnispartner der südbadischen Landwirtschaft sind hier schon lange die Naturschutzverbände und nicht die Anhänger einer menschenfeindlichen Globalisierung in der Politik.


Was tun?
Die jetzigen Grundstücksbesitzer sind nicht für die Sünden der Vergangenheit verantwortlich. Es gibt auch erste Winzer auf den ehemaligen Naturschutzflächen, die ohne Gift auskommen. Ein vorsichtiges Umdenken in Teilen der Winzerschaft ist erkennbar. Eine giftfreie Landwirtschaft auf den gesamten Flächen ist ein unbedingt notwendiges Ziel, ebenso wie die Ausdehnung der echten Naturschutzflächen in benachbarte Gebiete. Vielleicht löst auch der Klimawandel die Nutzungskonflikte. Ob in diesen extrem heißen Lagen, mit einer dünnen Erdkrume auf Vulkangestein wie (nicht nur) auf der Amolterer Heide auch in Zukunft dauerhaft Weinbau betrieben werden kann, ist eine offene Frage.

Im Regierungsbezirk Freiburg sind 3,4 % der Fläche Naturschutzgebiet, schreibt das Regierungspräsidium. Teil dieser 3,4 % sind auch die 65 % landwirtschaftlich genutzte Fläche der Amolterer Heide. Nach den im Jahr 2010 international vereinbarten Aichi-Zielen sollten bis 2020 mindestens 17 Prozent der Landgebiete und 10 Prozent der Meeresfläche geschützt sein, doch in der Realität schrumpfen diese Flächen weltweit oder werden mit Agrargiften und Fungiziden besprüht und das nicht nur im weit entfernten Amazonien.
Die Welt und Südbaden braucht dringend mehr Natur- und Artenschutz und mehr Mut der Naturschützenden und eine Naturschutzverwaltung, die nicht immer einknickt.



Naturschutzgebiet AMOLTERER HEIDE: DAS NATUR-ohne-SCHUTZ-GEBIET





Nachtrag:
Naturschutz im Zentraleuropäischen Verdichtungsraum


Die Amolterer Heide, der Kaiserstuhl und seine Naturschutzgebiete liegen im Herzen des Zentraleuropäischen Verdichtungsraums, der sogenannten Blauen Banane.
Die Blaue Banane bezeichnet eine dicht bevölkerte Zone, einen bandförmig - breiartigen verdichteten europäischen Großraum zwischen irischer See und Mittelmeer, dessen Urbanisierung eine Kette von zusammenwuchernden Agglomerationen mit bisher rund 111 Millionen Einwohnern bildet. Vorbild dieses wirtschaftsgeografischen Modells sind die anderen Verdichtungsräumen der Welt, etwa die großen Ballungsräume an den Küsten und großen Flüssen Asiens, wie dem japanischen Taiheiyō Belt. Raumordnerische Fehlentwicklungen und Zurückdrängung von Restnatur lassen sich europaweit überall im angedachten Verdichtungsraum erkennen. Am Oberrhein wuchert entlang der Vorbergzone des Schwarzwaldes von Basel nach Karlsruhe ein durchgängiger, gesichtsloser Siedlungsbrei. Klein gedachte Baugebiete wachsen zu hässlich wuchernden, breiartige Siedlungsstrukturen zusammen. Zwischen Freiburg und Offenburg bleiben auf der Strecke von 68 Kilometern heute nur noch 17 Kilometer Freiraum. Auf beiden Rheinseiten entstehen ohne jegliche erkennbare Raumordnung die hässlichen, neonschrillen Ortseinfahrten, Gewerbesteppen, Nichtarchitektur und die Billigbauten der Hypermarche-Kultur. Die jetzigen Naturschutzgebiete im Rheingraben werden zukünftig immer mehr zu verrummelten, naturnahen Stadtparks in der breiartig wuchernden Bandstadt.