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Elzwiesen: Schöne bedrohte Natur- und Wiesenlandschaft am Südlichen Oberrhein


Elzwiesen: Schöne bedrohte Natur- und Wiesenlandschaft am Südlichen Oberrhein


Inmitten der auf- und ausgeräumten Landschaft am Oberrhein, in der nach und nach ein durchgehendes Siedlungsband entlang der Vorbergzone entsteht, gibt es noch ein schönes, großes, naturnahes Wiesengebiet. Die Elzwiesen zwischen Kenzingen, Rheinhausen und Rust sind ein Landschafts- und Naturschutzgebiet das aus einer alten Bewirtschaftungsform (Wässerwiesen) entstanden ist. Die stille Wiesenlandschaft entlang der Elz ist ein wichtiges Brutgebiet für gefährdete Vogelarten und ein Rast- und Nahrungsgebiet für durchziehende Vögel.

Wiesen sind besonders bedroht
Im Jahr 2017 waren knapp zwei Drittel der in Deutschland vorkommenden Biotope gefährdet - wenn auch in unterschiedlichem Maße. Besonders dramatisch ist die Situation beim Grünland. Hier hat sich die Situation seit der letzten Fassung der Roten Liste von 2006 noch einmal deutlich verschlechtert.
Die Hauptursache für das Sterben von Insekten, wie Schmetterlingen und Bienen, ist die industrielle Landwirtschaft mit ihren Giften, der Überdüngung und die „pflegeleichte“ ausgeräumte, monotone Agrar-Landschaft. Aus zweimal gemähten artenreichen Wiesen wurden stark gedüngte artenarme Produktionsflächen für Biogasanlagen und Hochleistungskühe. Diese Entwicklung zeigt den besonderen Wert der Elzwiesen.

Für die Wässerung der Elz-Wiesen war und ist ein komplexes System aus Stellfallen und Wässerungsgräben nötig.
So funktioniert die Wiesenwässerung des Wasserverbands Elzwiesenwässerung:
    - Zuerst wird die Elz im Süden gestaut.
    - An den Einlass-Schleusen wird Wasser aus der Elz entnommen und in zwei Elz-parallelen Hauptwässerungsgräben geführt und angestaut.
    - Von den Hauptwässerungsgräben wird das Wasser über die kammartig abgehenden Seitengräben für etwa
    zwei Tage über die Wiesenflächen verteilt.
    - Die Gewanne werden nach und nach von Süd nach Nord gewässert. Jede Wässerungsphase erstreckt sich
    daher über mehrere Wochen.


Sofern die Elz ausreichend Wasser führt, wird in den Elzwiesen dreimal im Jahr gewässert: im Frühjahr (März)
im Sommer (August) und im Spätherbst (November). Wird im zeitigen Frühjahr gewässert, setzt das Pflanzenwachstum früher ein. Eine Wässerung im Sommer ermöglicht auch in Trockenphasen eine zweite Mahd der Wiesen.

Das Gebiet wurde per Verordnung am 6. November 1990 als Naturschutzgebiet ausgewiesen. Es hat eine Fläche von 410,8 Hektar.
Der Schutzzweck des Naturschutzgebietes ist:
„Die Erhaltung eines großflächigen Wiesengebietes in der Elzniederung, mit einem naturnahen Flussabschnitt der Alten Elz im südlichen Bereich,
  • als kulturhistorisches Dokument einer alten Bewirtschaftungsform (Wiesenwässerung) mit noch ursprünglichen wasserbaulichen Anlagen;
  • als Lebensraum für mehrere seltene und gefährdete Tierarten, insbesondere von in den Wiesen brütenden Vogelarten.
  • Schutzzweck ist auch die Erhaltung der Lebensraumtypen und Arten der FFH-Richtlinie und der Vogelschutzrichtlinie wie Fließgewässer mit flutender Wasservegetation und magere Flachland-Mähwiesen, die Gemeine Flussmuschel, die Helm-Azurjungfer, der Große Feuerfalter, der Große Brachvogel sowie mehrere hier als Durchzügler oder Wintergäste vorkommende Zugvögel, insbesondere Wat- und Greifvogelarten.“


Der Druck auf die letzten Naturschutzgebiete am Oberrhein und die Elzwiesen wächst
Die Verrummelung des Feldberges und des nahe gelegenen Taubergießen überträgt sich auch auf die Elzwiesen. Die letzten naturnahen Gebiete ziehen auch Besucher an, und hier gibt es immer wieder Probleme. Das Einfahren ist nur für Bewirtschafter erlaubt. Tatsächlich aber fahren viele Besucher mit dem Auto übers Ringsheimer Sträßle ins Naturschutzgebiet. Sie lassen Hunde frei laufen und sie verlassen auch die Wege. Das ist nach der Schutzgebietsverordnung nicht erlaubt und bedroht die Wiesenbrüter. Im Norden grenzen die Elzwiesen an die laute, "schöne, neue Plastikwelt" des Europa-Parks in Rust.

Elzwiesen - Besucherdruck - Hund & Kiebitz...
Peter Berthold der bekannte Ornithologe und Bestsellerautor beschreibt in einem mehr als lesenswerten Beitrag in der Frankfurter Rundschau das Problem vieler Naturschutzgebiete:

"Da hinten im Ried haben immer Kiebitze gebrütet. Vor ungefähr zwanzig Jahren, ich könnte nachgucken, wann genau, haben sie aufgehört zu brüten. In diesem Gebiet ist früher im Winter mal ein einzelner Bauer zu Fuß unterwegs gewesen, mit einer Handsäge über der Schulter und einer Axt, und der hat an einer Hecke ein bisschen Brennholz geschnitten und geschlagen, das er später mit dem Pferdefuhrwerk heimgeholt hat. Das war alles. Wenn Sie heute im Januar, Februar, März an einem schönen Sonntag rausgehen, sind in demselben Gebiet, in dem früher dieser einzelne Mensch gelaufen ist, unter Umständen zweihundertfünfzig Leute unterwegs und mindestens fünfzig Hunde in allen Größen und Schattierungen, die sich fast alle unangeleint im Naturschutzgebiet herumtreiben. Wenn da ein einziger Kiebitz noch irgendwo sitzt, der sich vielleicht überlegt, ob er hier brüten könnte, dann steigt der auf, macht seinen „Whääähh! Whääähh!“-Warnruf, fliegt weiß Gott wie weit, hat fast keine Möglichkeit, irgendwo zu landen, weil überall Leute unterwegs sind, und verlässt das Gebiet. Der wird nie und nimmer in diesem Gebiet anfangen zu brüten. Denn freilaufende Hunde, das heißt für ihn: Das ist Wolfsgebiet, das regelmäßig bestrichen wird, und wenn er dort ein Gelege hat, wird das von den Viechern gefunden und aufgefressen. Das ist für ihn völlig indiskutabel."


Der Große Brachvogel in den Elzwiesen
Der Große Brachvogel ist einer unserer größten bodenbrütenden Wiesenvögel und eine typische, sehr seltene Art des Offenlandes der Elzwiesen. Früher vor allem auf brachliegenden Flächen zu beobachten, die es heute fast nicht mehr gibt. Dort brütete er seine Küken in Nestern auf dem Boden aus. Heute nimmt er auch mit Lebensräumen wie Mähwiesen und Äckern vorlieb. Mit seinem Federkleid ist er auf den Wiesen gut getarnt und kaum zu sehen. Häufig erkennt man ihn nur an seinem Ruf. Die Stimme ist ein lauter, sehr melodisch klingender Ruf, der wie "kuri li" klingt. Gerade streunende Hunde und Menschen abseits der Wege gefährden diese seltene Vogelart. Albert Reif, Professor für Vegetationskunde an der Universität Freiburg, schätzt den Bestand auf zehn Paare. Freilaufende Hunde, der Lärm des Europaparks, der Verkehr und der fortschreitende Flächenverbrauch setzen dem Vogel mit dem charakteristischen Schnabel zu. "Die Mortalitätsrate ist inzwischen höher als die Geburtenrate", sagt Reif. Da die Vögel 25 Jahre alt werden können, sei es ein langsames Verschwinden."


Die wenigen, erhalten gebliebenen, historischen Altstädte und die restlichen, viel zu kleinen Naturschutzgebiete am Oberrhein verbindet eines: Sie sind zunehmend Inseln in einem Meer von Scheußlichkeit.

Es gibt zwei Ansätze diesen Zielkonflikt zu lösen:
  • Mehr Besucherlenkung und Verbote um die tatsächlich bedrohten Arten und Biotoptypen zu schützen
  • Mehr Naturschutzgebiete zu schaffen um den Besucherdruck zu verteilen


Der gegen unglaubliche Widerstände durchgesetzte Nationalpark Nordschwarzwald und die erfolgreichen Renaturierungsmaßnahmen an Elz und Dreisam zeigen den Weg.

Text & Bilder: Axel Mayer, BUND-Geschäftsführer und Kreisrat im Landkreis Emmendingen


Empfehlenswerte Literatur zum Thema Elzwiesen
Das Natur- und Landschaftsschutzgebiet Elzwiesen. Herausragendes Naturpotential einer alten Kulturlandschaft. Herausgeber: Regierungspräsidium Freiburg, Fachschaft für Ornithologie Südlicher Oberrhein im NABU Deutschland. Reihe Naturschutz am südlichen Oberrhein, Band 5. 320 Seiten, 19 Euro. (leider aktuell vergriffen)




Elzwiesen: Selten gewordene Natur- und Kulturlandschaft am Oberrhein


Und die schöne neue, massiv expandierende Plastikwelt des Europapark Rust im Norden...




Infosammlung 2019: Natur, Naturschutz & Naturgebiete, in Südbaden, im Elsass und am Oberrhein












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Mitwelt-Warnungen 2019 & Hinweise zu diesen Seiten...


  • 1) Diese Mitwelt-Internetseiten der zukünftigen Mitwelt Stiftung Oberrhein sind "altmodisch-textorientiert" und manchmal lang. Wir bieten keine modischen Infohäppchen, sondern wenden uns an die kleine Minderheit, die noch in der Lage ist längere Texte zu lesen und zu erfassen.
  • 2) Wenn Sie hier "Die Wahrheit" suchen, werden Sie sie nicht finden. Es gibt sie nicht, "Die Wahrheit", sondern immer nur Annäherungen daran, Wahrheitsfragmente. Es wird Ihnen nichts übrigbleiben, als sich mit den "anderen Wahrheiten" auseinander zu setzen, um zu einer eigenen Meinung zu kommen. Verlassen Sie auch einmal den engen "Echoraum" der eigenen Meinung im Internet. Misstrauen Sie Wahrheitsverkündern. Haben Sie Mut Ihren eigenen Verstand zu gebrauchen.
  • 3) Im Zweifel ist die-Allgemeine Erklärung der Menschenrechte- immer noch eine gute Quelle zur Orientierung.

Axel Mayer

Getragen von der Hoffnung auf das vor uns liegende Zeitalter der Aufklärung (das nicht kommen wird die Morgenröte nach durchschlafner Nacht)


Artenausrottung in Deutschland 2019: Neue Studien


Während bundesweit Landwirte mit Grünen Kreuzen & Demos für Agrargifte & Glyphosat demonstrierten, gab es 2019 neue, erschreckende Studien zum Artensterben in Deutschland:

  • Vogelsterben


    "Die Fachgruppe „Vögel der Agrarlandschaft“ der Deutschen Ornithologen-Gesellschaft hat ermittelt, dass die Zahl der abnehmenden und stark abnehmenden Arten von 55 Prozent auf 68 Prozent gestiegen ist. Die Bestandsrückgänge von Rebhuhn (89 Prozent seit 1992), Kiebitz (88 Prozent seit 1992), Feldlerche (45 Prozent seit 1992) und vieler weiterer Arten halten nicht nur an, sie haben sich sogar noch beschleunigt. Als wesentliche Ursache für die Bestandsrückgänge sehen die Fachleute die fortschreitende Intensivierung der Landwirtschaft, insbesondere durch Pestizideinsatz, starke Düngung, den Verlust von Landschaftselementen wie Ackerbrachen und die Einengung der Fruchtfolgen.
    Quelle: Dachverband Deutscher Avifaunisten (DDA) e.V.

  • Insektensterben / Insektenausrottung


    Der Rückgang der Insekten und Spinnen in Deutschland reicht weiter, als bislang angenommen. Seit 2009 ist etwa ein Drittel aller Arten aus Wiesen und Wäldern verschwunden. Die Auswertung ergab insgesamt: Sowohl die Zahl der Insektenarten nahm massiv ab wie auch die Biomasse – allein auf den Wiesen um mehr als zwei Drittel. Der Insektenschwund war überall dort besonders stark, wo die Wiesen von Ackerland umgeben waren. Damit weist das Forscherteam um den Ökologen Sebastian Seibold darauf hin, dass die Hauptursache in der Landwirtschaft zu finden ist.
    Quelle: Studie der TU München

  • Lügen und Realitätsverdrängung


    Der Bauernbund bezeichnet das Insektensterben als „Agrarlüge“
    Landwirte sollen ein Mitschuld am Insektensterben haben? Davon will der Bauernbund nichts wissen. Geschäftsführer Reinhard Jung spricht von der „größten Agrarlüge seit BSE“... Landwirte tragen aus Sicht des Brandenburger Bauernbunds gar keine Mitschuld am Insektensterben. „Die Behauptung des Nabu, in den letzten 25 Jahren sei die Masse der Insekten um mehr als 70 Prozent zurückgegangen, können wir nicht nachvollziehen“, sagte Bauernbund-Vorstand Thomas Kiesel. „Fest steht allerdings, dass sich auf landwirtschaftlicher Seite die Lebensbedingungen für Insekten in den letzten 25 Jahren nicht verschlechtert haben.“
    Quelle: Märkische Allgemeine vom 25.3.2019


Mehr Infos: Insektensterben, Ursachen & Studien







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Dieser Artikel wurde 1643 mal gelesen und am 29.10.2019 zuletzt geändert.