Löss-Hohlwege: zerstört & durch Befestigung gefährdet / Natur(ohne)Schutz-Gebiete


Veröffentlicht am 22.05.2022 in der Kategorie Naturschutz von Axel Mayer

Löss Hohlwege am Oberrhein & Naturschutz: zerstört & durch Befestigung gefährdet



Die wenigen verbliebenen Hohlwege am Kaiserstuhl, im Kraichgau und in der Vorbergzone am Oberrhein sind Jahrhunderte alt
Löss ist ein feinkörniges grau-gelbes Sediment und in der Kaltzeit durch Anwehung aus den eiszeitlichen Steppen entstanden. Durch den Tritt von Mensch und Tier, durch das Befahren mit Karren und Wagen gruben sich die Wege immer tiefer in den Löss ein. Das Wasser spülte den zerriebenen Löss aus, die Wege wuchsen langsam in die Tiefe, die Wände wurden immer höher und steiler. Hohlwege waren einmal dynamische, sich stetig verändernde, kleinräumige Landschaftsstrukturen. So entstanden vielerorts verzweigte Systeme von Zugangswegen in die Reben. Die Natur im Hohlweg ist menschengemacht. Die dort entstandene, wertvolle und bedrohte Natur ist auch Kulturerbe und ihr notwendiger Schutz ist Naturschutz und gleichzeitig Kulturerbeschutz.

Von den vielen traditionellen Hohlwegen
die einst das Landschaftsbild der Lössgebiete am Oberrhein prägten, ist heute nur noch ein winziger Teil in erstarrter Form erhalten. Im Rahmen der großen Flurbereinigungen der 70er und 80er Jahre wurden die meisten zugeschüttet, beseitigt und zerstört. Sie waren dem "Fortschritt" und der großen Agrarfabrik im Weg. In der Folgezeit dienten manche als wilde Müllkippen oder sie wuchsen zu, soweit sie nicht mehr benutzt wurden. Die Notwendigkeit von Flurbereinigungen wird von niemandem bestritten. Doch der naturfeindliche Brutalismus, mit dem sie realisiert wurden, war nicht gerechtfertigt.

In der Literatur steht häufig: "In den siebziger Jahren gingen im Rahmen der "Rebflurbereinigung" des Kaiserstuhls und anderer Gegenden die meisten der ursprünglichen Hohlwege unwiederbringlich verloren." "Verloren gegangen" oder "verschwunden" sind in diesem Zusammenhang seltsam beschönigende Neusprech-Begriffe. Sie klingen nach "freiwillig und still von uns gegangen". Die Hohlwege gingen aber nicht verloren, sie wurden zerstört!

Die wenigen verbliebenen Hohlwege
sind als Zeugnisse der alten Bewirtschaftung Kulturdenkmale, wichtige Teile der Erholungslandschaft sowie wertvolle Lebensräume. Auch in der Tourismuswerbung spielen sie zwischenzeitlich eine wichtige Rolle. Sie sollten offengehalten, gepflegt und genutzt werden. Eigentlich sind unsere verbliebenen Hohlgassen Naturmuseen, Erinnerungen an verlorene Landschaft und an große, nicht lange zurückliegende Zerstörungsprozesse.


Einer von vielen "erstarrten" Hohlwegen bei Endingen, die im Jahr 2022 mit Rasengittersteinen gepflastert wurden.

Wege in Hohlgassen dürfen nicht betoniert, geteert oder anderweitig befestigt werden, damit sie sich dynamisch weiter entwickeln können
Niemand würde die Fehler der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts wiederholen und Hohlwege beseitigen. Die Zeit der "offenen ehrlichen altbackenen Naturzerstörung" in der "Ökoregion ist vorbei. Und doch sind Hohlwege aktuell massiv gefährdet, denn heute gibt es die kleine, "freundliche", vielfältige Naturzerstörung überall.

Illegal werden immer mehr Hohlwege befestigt, geteert, gepflastert oder mit Rasengittersteinen belegt.

Es wird "ja nicht in die Lösswände eingegriffen, sondern nur der Weg befestigt", wird argumentiert und in immer mehr Hohlwegen gibt es diese Form von "illegalen Schwarzbauten".
Doch ein Hohlweg braucht Veränderung und Dynamik, die es nur ohne Befestigung des Weges gibt. Ein befestigter, erstarrter Hohlweg ist mit einem kanalisierten Bach vergleichbar. Der schlechte Zustand unserer letzten Hohlwege hat eine Hauptursache. Die Sohlenerosion wurde gestoppt und das langsame Sterben der Hohlwege begann. Hinter der Befestigung der Hohlwege steht zumeist keine Bösartigkeit der Verwaltung, sondern Unwissen und der Wunsch der Landwirtschaft nach pflegeleichter Zugänglichkeit zu den Grundstücken. Pflegeleicht ist der Tod der Vielfalt in einer Zeit, in der wir gerade täglich weltweit 150 bis 200 Arten ausrotten.

Eine pflegeleicht-hässliche Landschaft haben wir zwischenzeitlich fast überall und dazu auch eine Vielzahl geteerter landwirtschaftliche Wege. An einem Regentag muss eben mit dem Traktor auch einmal ein kleiner Umweg gefahren werden. Über eine Teilbefestigung von wenigen, extrem gefährlichen, kurzen Wegstellen lässt auch der Naturschutz mit sich reden. Nicht aber über die aktuelle Tendenz zur massiven Befestigung von Wegen in verbliebener Restnatur.

Und nach den Vernunft-Argumenten einfach noch das Recht:
"Hohlwege sind gesetzlich geschützte Biotope im Sinne des § 30 Absatz 2 Satz 2 BNatSchG. Gesetzlich geschützt sind alle Hohlwege, die mindestens 1 m tief sind und deren Böschungen an der steilsten Stelle eine Neigung von mehr als 45° besitzen."

Gemeinden oder Eigentümer, die Hohlwege betonieren, teeren oder anderweitig befestigen wollen, müssten diese Baumaßnahme im geschützten Biotop von der Naturschutzbehörde genehmigen lassen und diese Anträge würden mit großer Sicherheit abgelehnt. In wenigen, begründeten Fällen kann die untere Naturschutzbehörde Ausnahmen erteilen. Doch dabei ist unter anderem zu beachten: Vermeidung, Minimierung oder gleichwertiger Ausgleich...

Die aktuell massiv zunehmenden Befestigungen und Baumaßnahmen in den Hohlwegen sind nach Ansicht des Naturschutzes Schwarzbauten und müssen entfernt werden.
Bürgermeister und Landwirtschaftsverbände sehen das anders.
Wer mit Hohlwegen Tourismus fördern will und Bienenfresser auf Weinetiketten druckt, darf die Hohlwege nicht gefährden.


Der Wurmlinger Hohlweg: Asphalt rauf, Asphalt runter
Ein Hohlweg in Wurmlingen wurde asphaltiert. Die zuständige Behörde im Landratsamt wies im Jahr 2016 die Stadt an, den Belag zu entfernen. Die Gemeinde bezifferte die Kosten auf rund 35000 Euro: 30.000 für die Asphaltierung und 4000 bis 5000 Euro für den Rückbau. Um solche ärgerlichen und teuren Fehlinvestitionen zukünftig zu vermeiden, sollten die Naturschutzbehörden und das Regierungspräsidium die Gemeinden im Rebland informieren. Auch diese neue Mitwelt-Internetseite zu den Hohlwegen dient der Information und der Vermeidung von Konflikten und Rückbaukosten.


Zugewachsene, voll begrünte Hohlwege
gefallen vielen Menschen. Doch für die wirklich seltenen und bedrohte Arten, insbesondere für Insekten, ist die "nackte", nicht bewachsene, sonnenbeschienene gelbe Lösswand ökologisch wertvoller als der zugewucherte, grüne Hohlweg. Eine sonnenbeschienene Lösswand ist ein Insekten-Hotel, die Nachbauten für den Garten eher eine Insekten-Notunterkunft.

Der Bienenfresser liebt die unbewachsene Sonnenseite der Hohlwege


Für viele seltene und bedrohte Arten,
z.B. viele Wildbienen, sind offene, besonnte und nur schütter bewachsene Lösswände der geeignete Lebensraum. Zahlreiche Wildbienenarten und solitäre Wespen nisten in Löss-Steilwänden, darunter viele „Nützlinge“ wie Bestäuber von Obstbäumen, Raupen- und Blattlausjäger. Ein Hohlweg bietet auf engem Raum vielfältige Lebensbedingungen. Sonne, Schatten und abwechslungsreicher Bewuchs führen zu unterschiedlichsten kleinklimatischen Verhältnissen. Sonnenbeschienene, steile Lösswände werden im Sommer sehr heiß, während die Schattenseite ein feuchtes Mikroklima aufweist. Derart verschiedenartigen Standortverhältnissen entspricht auch eine Pflanzen- und Tierwelt, die der jeweiligen Situation angepasst ist

Manche Arten kommen in Deutschland verstärkt in Hohlgassen vor. Der wärmeliebende Bienenfresser war noch vor wenigen Jahren eine Besonderheit der Löss-Landschaft des Kaiserstuhls, des Kraichgaus und der Lössgebiete in der Vorbergzone am Schwarzwaldrand. Viele hundert Brutpaare dieser tropisch bunten Vogelart nisten hier jährlich. Er braucht unbewachsene Steilwände, um seine Brutröhren anzulegen. Offene Löss-Absätze sind „Wärme- und Trockenfenster“ in der Böschung, wo sich viele Tiere gerne sonnen. Gehölze sollten hier kurz gehalten bzw. beseitigt werden, am besten manuell bzw. maschinell, was auch den Interessen des Weinbaus entgegenkommt. Die Verwendung von Pflanzenschutzmitteln (auch Herbiziden) muss im Interesse von Flora und Fauna unterbleiben.

Der lössreiche Oberrhein war einmal eine Hohlwegregion. Die wenigen verbliebenen Hohlwege sind aktuell ein gefährdeter ökologischer Schatz, für den insbesondere Südbaden eine besondere Verantwortung trägt. Wir müssen dieser Verantwortung gerecht werden. Teeren, pflastern und Gifteinsatz gehen überhaupt nicht. Und wir sollten in einigen der Hohlwege auch wieder Tiefenerosion und Dynamik zulassen. Das klingt heute noch so exotisch, wie es vor Jahren noch unmöglich erschien, unsere zu Kanälen gewordenen Bäche zu renaturieren.

Axel Mayer, Mitwelt Stiftung Oberrhein. Der Autor war 30 Jahre lang BUND-Geschäftsführer in Freiburg