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Emil Tscheulin Debatte: Erinnerungskultur am Beispiel Emil Tscheulin


Emil Tscheulin Debatte: Erinnerungskultur am Beispiel Emil Tscheulin



Den Kurzvortrag von Prof. Dr. Wolfram Wette, Freiburg/Waldkirch,
zum Thema
„NS-Geschichte: Verdrängen oder aufarbeiten? Erinnerungskultur am Beispiel Emil Tscheulin“
finden Sie unten auf dieser Seite.


Zweite „Gedenktafel“ für Emil Tscheulin / GRÜNE Kreistagsfraktion gratuliert örtlichen Initiativen
27.1.15
Seit vielen Jahren gibt es Kritik an der „Dankestafel“ für den Teninger Industriellen Emil Tscheulin, denn das Engagement Tscheulins für den Nationalsozialismus bleibt auf dieser alten Tafel an der Köndringer Kirche unerwähnt.
Am 1. Februar 2015 um 15:00 Uhr findet jetzt endlich die öffentliche Enthüllung einer Ergänzungstafel in Köndringen statt.
Die GRÜNE Kreistagsfraktion bedankt sich bei den örtlichen Aktiven, insbesondere bei DEMON (DEnk-Mal-Ohne-Nazis) , die sich so viele Jahre für diese wichtige Ergänzung engagiert haben.
Auch die GRÜNE Kreistagsfraktion hatte sich in diese Debatte eingebracht und eine Ergänzung der „Ehrentafel“ gefordert.
Gerade die Person Tscheulin zeigt deutlich das Doppelgesicht des Faschismus. Er war nicht nur „der gute, arbeitsplatzschaffende Patriarch“ der alten „Ehrentafel“ und er war nicht nur „die treibende Kraft beim Aufbau der NSDAP, die unter unmenschlichen Arbeitsbedingungen ZwangsarbeiterInnen“ ausbeutete. Er war tatsächlich beides in einer Person.
Gerade jetzt, in einer Zeit in der Intoleranz Intoleranz stärkt, ist kluge Analyse unserer Regionalgeschichte wichtig.
Unserem Text vom 25.3.2013 (unten) ist nichts hinzuzufügen. Wir sind auf die Ergänzungstafel und deren Inhalt gespannt.

Axel Mayer, Kreisrat, für die Fraktion





Emil Tscheulin Debatte: GRÜNE Kreistagsfraktion für Ergänzungstafel

Bündnis 90 / Die GRÜNEN im Kreistag Emmendingen


25.3.2013
Die GRÜNE Kreistagsfraktion verfolgt mit großem Interesse die Teninger / Köndringer Debatte um die Erinnerungstafel und um die Person Emil Tscheulin. Tscheulin war ein Pionier der Aluminiumindustrie, NS-Wehrwirtschaftsführer und treibende Kraft beim Aufbau der NSDAP, nicht nur in Teningen.

Die GRÜNE Kreistagsfraktion schließt sich der Forderung nach einer Ergänzungstafel zur bestehenden, so genannten, „Ehrentafel“ an. Ginge es nur um die Aufarbeitung der Geschichte, dann könnte die alte Tafel einfach entfernt werden. Es geht aber nicht nur um den historischen Rückblick, sondern auch darum, Lehren für die Gegenwart und zu aktuellen Bedrohungen der Demokratie zu ziehen. Mindestens 152 Menschen starben in Deutschland seit 1990 durch rechtsextreme Täter und die aktuellen, multiplen Krisen, die auch globale Krisen nicht nachhaltigen Wirtschaftens sind, bedrohen Zukunft und Demokratie.

Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen... Dafür bietet sich die Erinnerungstafel und die Person Emil Tscheulin ganz hervorragend an. In allen Diktaturen gab und gibt es nicht nur das „Böse in seiner Reinform“, so wie es in Filmen, Büchern und im Geschichtsunterricht gerne dargestellt wird. Das abgrundtief Menschenverachtende im Faschismus, das (nicht nur) in Auschwitz endete, war perfide-gut und geschickt verpackt. Hitler hat nicht immer von Krieg gesprochen. Er hat in den ersten Jahren der Machtausübung immer wieder von Frieden gesprochen, aber Krieg gemeint. Das Gift des Bösen war immer auch in Zucker getaucht. Wenn es der Geschichtsunterricht an den Schulen nicht wagt, diesen geschickt gestreuten “Zucker” zu beschreiben, dann können heute die Mechanismen der Propaganda nicht verstanden werden.

Gerade die Person Tscheulin zeigt deutlich das Doppelgesicht des Faschismus. Er war nicht nur „der gute, arbeitsplatzschaffende Patriarch“ der alten „Ehrentafel“ und er war nicht nur „die treibende Kraft beim Aufbau der NSDAP, die unter unmenschlichen Arbeitsbedingungen ZwangsarbeiterInnen“ ausbeutete. Er war tatsächlich beides in einer Person.

Dies könnte und sollte eine Ergänzungstafel in Köndringen aufzeigen, ohne zu banalisieren und zu verharmlosen. Die GRÜNE Kreistagsfraktion bedankt sich bei der DEMON (DEnk-Mal-Ohne-Nazis) Initiative, die mit Beharrlichkeit einen manchmal sehr unbequemen Weg gegangen ist.

Die Kreistagsfraktion:
Axel Mayer, Stefan Bilharz, Irene Kunz - Woestmann, Alexander Schoch, Barbara Schuler, Angelika Schwarz Marstaller,




Mehr Infos: Emil Tscheulin bei Wikipedia




Kurzvortrag von Prof. Dr. Wolfram Wette, Freiburg/Waldkirch,
zum Thema
„NS-Geschichte: Verdrängen oder aufarbeiten?
Erinnerungskultur am Beispiel Emil Tscheulin“

anlässlich der Enthüllung der Informationstafel mit dem Titel
„Was die Gedenktafel für Emil Tscheulin verschweigt…“
an der Evangelischen Kirche Köndringen
am Sonntag, den 1. Februar 2015, 15 Uhr.

[unter Rückgriff auf einen Text zur Vorbereitung der Podiumsdiskussion am Montag, 18. 3 2013, 20 Uhr, in der Zehntscheuer Teningen; gespeichert in: Texte/Teningen/Wette 18.3.2013]


Die Bürgerinitiative „Demon“ = „Denkmäler ohne Nazis“ stößt sich seit einigen Jahren an der Gedenktafel an den Fabrikanten Emil Tscheulin, die an der Außenwand der Köndringer Evangelischen Kirche angebracht ist. Tatsächlich ist diese Gedenktafel ist aus heutiger Sicht völlig inakzeptabel. Denn sie rühmt einen alten Nazi als „Fabrikanten und Ehrenbürger“ und unterschlägt sein einflussreiches Handeln für die nationalsozialistische Partei und den NS-Staat und deren Verbrechen.

Mehrere unserer Bundespräsidenten – um mit Gustav W. Heinemann, Richard v. Weizsäcker, Roman Herzog, Johannes Rau und Joachim Gauck nur einige zu nennen -- haben uns immer wieder klar gemacht: Die heute lebenden Generationen tragen keine Verantwortung für die Verbrechen, die in der NS-Zeit begangen wurden. Aber sie tragen eine moralische Verantwortung für die Erinnerung an diese Zeit. Sie Erinnerung ist kein Selbstzweck. Sie gibt uns eine Orientierung. Sie lehrt uns, die Mitmenschlichkeit und die Einhaltung der Menschenrechte als zentrale politische und kulturelle Werte zu bewahren. Und sie kann uns anleiten, diese Werte auch täglich zu praktizieren.

Man mag sich fragen: Wer trägt die Verantwortung für eine der Wahrheit verpflichtete Erinnerung in einer Gemeinde? Die Antwort lautet: Im Prinzip jeder Einzelne. Wo es sich um öffentliche Denkmäler aus der Nazi-Zeit handelt, ist selbstverständlich auch die politische Gemeinde oder die Kirchengemeinde gefordert. In vorliegenden Fall hat eine Gruppe engagierter Bürger die Initiative ergriffen. In einer konstruktiven Zusammenarbeit mit der Evangelischen Kirchengemeinde Köndringen konnte ein vorzeigbares Ergebnis präsentiert werden, nämlich eine Tafel, die darüber informiert, was über Emil Tscheulins Rolle in der NS-Zeit bislang verschwiegen wurde.

Tatsächlich wird die alte Tscheulin-Gedenktafel in Köndringen von 1954 den Erfordernissen einer zeitgemäßen Erinnerungskultur in keiner Weise gerecht. Denn sie beleuchtet den Teninger Unternehmer ganz einseitig und unterschlägt damit die historische Wahrheit. Das müsste eigentlich jedermann unmittelbar einleuchten.

Denn wir alle wären doch empört, wenn wir eine Gedenktafel sähen, auf der die widerständige Studentin Sophie Scholl als BDM-Mädchen dargestellt wird und auf der ihr mutiger Widerstand unterschlagen wird. Oder ein anderes Beispiel: Darf man an General Adolf Heusinger, den ersten Generalinspekteur der Bundeswehr, erinnern, ohne hinzuzufügen, dass er jahrelang neben Hitler am Kartentisch stand, um den verbrecherischen Ostkrieg gegen die Sowjetunion operativ zu führen? Oder, drittes Beispiel: Darf man über Adenauers „rechte Hand“, den Staatssekretär und Chef des Bundeskanzleramts, Hans Globke, erinnern ohne den Hinweis auf seine Rolle bei der Entstehung der Nürnberger Rassengesetze? Oder, viertes und letzte Beispiel: Darf man über den Waldkircher Orgelbauer Karl Jäger schreiben, dass er „zur klanglichen Perfektion“ seiner Instrumente beigetragen habe1, ohne zu erwähnen, dass er später der „Henker des litauischen Judentums“ war? Allgemeiner gesprochen: Historische Erinnerung darf nicht heißen, das Negative einfach abzuspalten und nur die Schokoladenseite einer Persönlichkeit hervorzuheben. Historische Erinnerung muss die ganze Persönlichkeit in den Blick nehmen. Das gilt auch für die Erinnerung an den Teninger Unternehmer Tscheulin.

Die Gruppe „Demon“ hat die einseitige Tscheulin-Gedenktafel von 1954 zum Anlass genommen, eine öffentliche Diskussion über das Wirken dieses Mannes vor und nach 1945 anzuregen. Die Gruppe veranstaltete am 18. März 2013 – vor fast zwei Jahren also – eine Podiumsdiskussion mit dem Titel „NS-Geschichte: Verdrängen oder aufarbeiten? Erinnerungskultur am Beispiel Emil Tscheulin“. Das Interesse der Bevölkerung war überwältigend. In der Teninger „Zehntscheuer“ wurden unterschiedliche Ansichten vertreten.2 Naturgemäß kamen bei dieser Gelegenheit die bisherigen Formen der lokalen Erinnerung an diesen einflussreichen örtlichen Fabrikanten in Teningen und in Köndringen in den Blick, auch das Verschweigen und Verdrängen. Nach meinem Eindruck unterstützte jedoch eine erkennbare Mehrheit das Vorhaben, diese Lokalgeschichte aufzuarbeiten. Mit der heute enthüllten Informationstafel ist eine erster, ein wichtiger Schritt getan. Nach den Erfahrungen, die wir bei der Veranstaltung in der Teninger Zehntscheuer 2013 machen konnten, darf man hoffen, dass eine Bevölkerungsmehrheit diese Informationstafel akzeptieren wird und dass sie die Tafel zum Anlass für ein neuerliches, kritisches Nachdenken über Tscheulin und die NS-Zeit nehmen wird.

Wenden wir noch einmal den Blick zurück auf die alte Gedenktafel von 1954 mit dem Portrait von Tscheulin an der Außenwand der Evangelischen Kirche von Köndringen. Was sagt uns das Jahr 1954 in Bezug auf die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus? Die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse der Jahre 1945-1949 waren vorüber. Die Regierung Adenauer hatte eine politische Entscheidung zugunsten einer weitgehenden Integration der NS-Funktionseliten in den demokratischen Staat getroffen. Das sogenannte 131er-Gesetz von 1951 machte den Weg frei zur Rückkehr alter Nazis auf die Planstellen der Republik. Eine kritische Erinnerungskultur gab es kaum. Die populärsten Forderungen lauteten Schlussstrich und Amnestie. Die strafrechtliche Verfolgung von NS-Tätern stagnierte in diesen Jahren fast vollständig. Unbußfertigkeit, Rechthaberei und Leugnung beherrschten den gesellschaftlichen Diskurs. Um es zusammenfassend mit einer Formulierung des soeben verstorbenen Schriftstellers und Publizisten Ralph Giordano zu sagen: Es war die Zeit des „großen Friedens mit den Tätern“, die er als die „zweite Schuld der Deutschen“ bezeichnete.3

Bundespräsident Joachim Gauck hat sich soeben sehr treffend über die geschichtspolitischen Tendenzen in der Nachkriegszeit geäußert. In seiner Rede zum Gedenktag 27. Januar 2015, dem 70. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz, hielt er eine Rede im Deutschen Bundestag, in der auch die folgenden Sätze vorkamen: „Gleich nach dem Krieg stand der Wiederaufbau im Vordergrund. In den Jahren des Wirtschaftswunders schauten im Westen zu viele Menschen nur nach vorn, und zu wenige auch zurück.“ Von vereinzelten Aufklärungsbemühungen blieb die Mehrheit der Bevölkerung „unberührt“. „Sie schottete sich ab, sie schützte sich vor Schuld- und Schamgefühlen, indem sie die Erinnerung verweigerte. Das führte dazu, dass oft Selbstmitleid an die Stelle von Empathie mit den Opfern trat.“4

Aus dieser Zeit stammt die Köndringer Gedenktafel. Sie spiegelt das politische Klima in unserem Lande während der ersten Hälfte der 1950er Jahre wider. Heute sind wir wesentlich weiter und müssen die in Bronce gegossenen Zeugnisse früherer Verdrängungskultur überprüfen. Allerdings ist die Sache, wen wundert es, auch hier kontrovers. Einige Bürger – wie viele es sind, wissen wir nicht - wollen ausdrücklich keine Veränderung und auch keine historisch-politische Diskussion über dieses Thema. Die Bürgerinitiative „Demon“ und mit ihr viele Mitbürger wollen die öffentliche Diskussion und die Veränderung. Erwogen wurde, die Gedenktafel entweder abzuhängen oder sie durch eine Informationstafel zu ergänzen, auf welcher deutlich wird, dass Tscheulin ein fanatischer Nazi war. Man entschied sich für die zweite Lösung, am das Anschauungsmaterial zu erhalten.

Die Konstellation zwischen Aufklärern und Schlussstrich-Anhängern gibt es überall, wo geschichtspolitische Auseinandersetzungen stattfinden. Aus der Erfahrung in anderen Städten und Gemeinden kann man lernen, dass lokalgeschichtliche Forschungen über die NS-Zeit und historisch-politische Diskussionen über sie einen hohen politischen Symbolwert haben und dass sie in der Regel mit großer Heftigkeit und einem enormen emotionalen Aufwand ausgetragen werden. Dafür gibt es einige drastische Beispiele. Der aus Freiburg stammende Historiker Bernd Burkhardt bekam großen Ärger, als er sein Buch schrieb „Eine Stadt wird braun“; gemeint war Mühlacker.5 Die junge Historikerin Anna Rosmus bekam die geballte Macht der Passauer Honoratioren zu spüren, als sie mit dem zähen Willen zur Aufklärung über deren Rolle in der Nazi-Zeit forschte.6 Als sie dem Druck nicht mehr standhielt, wanderte sie in die USA aus. Auch in Waldkirch war und ist es nicht leicht, über den Massenmörder Karl Jäger zu forschen und eine Form für das Gedenken an seine Opfer zu finden. Der Umgang mit der eigenen Geschichte ist sozusagen ein ewiges Ringen, in dem es mal einen Schritt nach vorn geht, mal einen Schritt zurück.

Damit zurück zu Erinnerungsarbeit im Falle Tscheulin in Teningen und in Köndringen sowie zu der Frage, weshalb es noch immer die Meinung gibt, man solle doch „die Dinge ruhen lassen“, oder, wie sich ein älterer Teninger Bürger damals in der Zehntscheuer ausdrückte: „Lehn doch der alt Schissdreck bliiebe!“7 Stecken hinter dieser Haltung womöglich bestimmte Interessen? Die historische Forschung hat unter anderem die folgenden Fakten über Tscheulin Rolle in Teningen während der NS-Zeit ermittelt:

- Dieser Unternehmer beschäftigte bevorzugt NSDASP-Mitglieder in seinem Aluminiumwerk.
- Er finanzierte die örtlichen SA-Männer, deren sogenanntes „Argument“ darin bestand, sich mit Sozialdemokraten, Kommunisten und Gewerkschaftlern zu prügeln. Er pumpte Geld in die Teninger SA, damit diese in Straßenkämpfen möglichst immer siegreich blieb, und er beteiligte sich auch selbst an Saalschlachten. Er beschaffte sogar Schusswaffen und gab sie an die örtlichen SA-Mitglieder.
- Tscheulin übernahm die Kosten für die NSDAP-Parteiarbeit am Ort.
- Er setzte sich vehement für den Aufbau einer nationalsozialistischen Ersatz-Gewerkschaft ein, die sich „Nationalsozialistische Betriebszellenorganisation (NSB0)“ nannte. Die Teninger NSBO hatte bereits im Februar 1932, also ein ganzes Jahr vor Hitlers Ernennung zum Reichskanzler, 650 Mitglieder. Das bedeutet, dass im Aluminiumwerk Teningen praktisch alle Beschäftigten NSBO-Mitglieder waren. Nimmt man deren Ehepartner hinzu, kann man annehmen, dass weit mehr als 1000 Teninger ziemlich direkt von Tscheulin abhängig gewesen sind – und das bei damals nur etwa 2100 Einwohnern.8

Es gibt also eine erkennbare Interessenlage: Wer auch immer vor 1933 und nach 1933 von Tscheulins Engagement für den Nationalsozialismus profitierte, wer in diesem Werk in der Zeit 1933-1945 und dann wieder ab 1949 einen Arbeitsplatz fand, der fühlt sich dem rührigen, tatkräftigen Firmenchef in irgendeiner Weise verbunden; die Familien und Nachkommen wahrscheinlich eingeschlossen. Sie hatten nach dem Kriege kein Interesse daran, dass ihre Verstrickung in den Nationalsozialismus, der in Teningen mit dem Namen Tscheulin aufs Engste verbunden ist, öffentlich erörtert wurde. Da gab und gibt es Gefühle der Scham, der Schuldabwehr und den Wunsch, „die Dinge doch ruhen zu lassen“.

Mit dieser erinnerungspolitischen Konstellation müssen die örtlichen Aufklärer auch zukünftig rechnen und sich auf eine kontroverse und langwierige Auseinandersetzung einstellen. Aus den Waldkircher Erfahrungen kann ich beisteuern: Historisch-politische Aufklärung gleicht einem zähen Bohren in harten Brettern. Und noch etwas Erfreuliches: Aufgeschlossen und weithin vorurteilsfrei sind in Waldkirch die jungen Menschen, besonders die Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums. Sie wollen ganz einfach wissen, wie es damals in der Nazi-Zeit gewesen ist. Aus der Kenntnis über die damaligen menschenfeindlichen Geschehnisse leiten sie eine Orientierung für ihr Wertesystem und damit für ihr zukünftiges Leben in einer globalisierten Welt ab.

Ich würde mir wünschen, dass es gelingt, auch in Teningen eine längerfristig angelegte historisch-politische Diskussion zu entfachen, die sich der Aufklärung verpflichtet weiß. Gewiss, es ist spät, 80 Jahre nach 1933. Aber es ist nicht zu spät. Auch andere haben spät begonnen.

Ich erinnere exemplarisch an die Forschungen über das Auswärtige Amt (AA), das Bundeskriminalamt (BKA)9, die Wehrmacht, die Polizei im NS-Staat, an Ausstellungsprojekte über das Reichskriegsgericht und über die Justiz im Dritten Reich, an die im Gange befindlichen Forschungen über den Bundesnachrichtendienst (BND)10, über das Bundesministerium der Justiz und seine Vergangenheit11, an das Projekt „Das Reichsfinanzministerium im Nationalsozialismus“12, an Forschungen über Industriekonzerne wie Bertelsmann, Degussa13 und Krupp, Flick14, über die Unternehmerfamilie Quandt und über die Banken15. Über die Geschichte mittelständischer Betriebe in der NS-Zeit16 sowie über die Geschichte deutscher Städte und Gemeinden ist generell noch viel zu wenig geforscht wurden.

Da ist Teningen dank der Forschungen meiner Kollegen Norbert Ohler und Robert Neissen vergleichsweise weit.17 Und wo es noch Nachholbedarf gibt, ist es für weitere Forschungen noch lange nicht zu spät. Es hat sicher auch sein Gutes, dass ein neuer Umgang mit dem Namen Emil Tscheulin, der in Teningen und Köndringen allgegenwärtig ist18, nicht „von oben“, von der Gemeinde her, verordnet wird. Tragfähiger dürfte eine Entwicklung sein, die „von unten“ kommt, das heißt, dass es jetzt darauf ankommt, um Zustimmung bei der Bevölkerung für die Informationstafel und die weiteren erinnerungspolitischen Schritte zu werben.

Gerne schließe ich mich dem Aufruf des Teninger Bürgermeisters Heinz-Rudolf Hagenacker an. Er sagte am Volkstrauertag 18. November 2012: „[…] wie oft erleben wir, dass etwas beschönigt, beschwichtigt wird. Wir alle haben es in der Hand, in unserem persönlichen Lebensumfeld, in unserer kleinen Welt, genau hinzusehen und laut zu sagen, was Sache ist.“19 Genau! So ist es. Auch in der Erinnerungskultur. Wir nehmen das wörtlich und möchten den Bürgermeister ermutigen: Es gibt noch viel zu tun!.


  • 1Raimund Murch: Die neue Orgel in St. Theresia in Bischofsheim. In: Ars Organi 48. Jg., Heft 1, März 2000, S. 44 f.
  • 2Patrick Müller: Wohltäter oder Nazi? Teninger Bürger diskutieren mit Historikern über Emil Tscheulins Verstrickungen in die braune Terrorherrschaft. In: Badische Zeitung v. 20.3.2013; Thomas Gaess: Die ganze Wahrheit muss ans Tageslicht. Voll besetzte Zehntscheuer. Podiumsdiskussion zur Nazi-Vergangenheit des Teninger Fabrikanten Emil Tscheulin. In: Wochenzeitung Emmendinger Tor, Ausg. 12, 20.3.2013, S. 14: Teningen.
  • 3Rede von Bundespräsident Joachim Gauck im Deutschen Bundestag am Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus 27. Januar 2015. Dokumentiert u.a. in: https://www.blaetter.de/archiv/themen/nationalsozialismus.
  • 4Ralph Giordano: Die zweite Schuld oder Von der Last Deutscher zu sein. Hamburg 1987.
  • 5Bernd Burkhardt: Eine Stadt wird braun. Die nationalsozialistische Machtergreifung in der schwäbischen Provinz; [e. Fallstudie] / Bernd Burkhardt. [Mit e. Geleitwort von Heinrich August Winkler]. Hamburg 1980.
  • 6Anna Rosmus: Widerstand und Verfolgung am Beispiel Passaus 1933–1939. Passau 1983; dies.: Was ich denke. München 1995.; vgl. auch Sven Keller: Günzburg und der Fall Josef Mengele. Die Heimatstadt und die Jagd nach dem NS-Verbrecher. München 2003 (= Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Bd. 87), sowie Wolfram Wette: Karl Jäger. Mörder der litauischen Juden. Frankfurt/M. 2011.
  • 7Siehe den Bericht von Patrick Müller (wie Anm. 2).
  • 8Informationen entnommen aus dem Eintrag: http://de.wikipedia.org/wiki/Emil_Tscheulin
  • 9Es wies bei seiner Gründung und über längere Zeit danach einen ungewöhnlich hohen Anteil von ehemaligen Mitgliedern der NSDAP und Angehörigen der SS auf. Siehe: Dieter Schenk: Auf dem rechten Auge blind. Die braunen Wurzeln des BKA. Köln 2001; Bundeskriminalamt (Hrsg.): Das Bundeskriminalamt stellt sich seiner Geschichte. Neuwied 2008; dazu Jan Friedmann: Neue Studie zum BKA. Versorgungsanstalt für Ex-Nazis. Spiegel Online, 7. Dezember 2011.
  • 10Im Jahre 2011 wurde eine Unabhängige Historikerkommission berufen, welche die Geschichte des BND erforschen soll. Siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/Bundesnachrichtendienst.
  • 11Vgl. dazu den Tagungsbericht über ein Symposium zu diesem Thema in Nürnberg von Franziska Augstein: Das freundliche Fanal der Aufklärung. In: Süddeutsche Zeitung, 8.2.2013, S. 6.
  • 12Die Schriftenreihe zu diesem Projekt wird hrsg. von Jane Caplan, Ulrich Herbert, Hans Günter Hockerts, Werner Plumpe, J. Adam Tooze, Hans-Peter Ullman, Patrick Wagner. Siehe demnächst Bd. 1 von Christiane Kuller. Bürokratie und Verbrechen. Antisemitische Finanzpolitik und Verwaltungspraxis im Nationalsozialistischen Deutschland. München Mai 2013.
  • 13Saul Friedländer/ Norbert Frei/ Trutz Rendtorff/ Reinhard Wittmann: Bertelsmann im Dritten Reich. München 2002; siehe auch: http://de.wikipedia.org/wiki/Bertelsmann.
  • 14Kim Christian Priemel: Flick - Eine Konzerngeschichte vom Kaiserreich bis zur Bundesrepublik. Göttingen 2007; Johannes Bähr, Axel Drecoll, Bernhard Gotto, Kim Christian Priemel, Harald Wixforth: Der Flick-Konzern im Dritten Reich. München 2008; Norbert Frei, Ralf Ahrens, Jörg Osterloh, Tim Schanetzky: Flick. Der Konzern. Die Familie. Die Macht. Blessing Verlag, München 2009.
  • 15Peter Hayes: Die Degussa im Dritten Reich. Von der Zusammenarbeit zur Mittäterschaft. München 2004; siehe auch: http://de.wikipedia.org/wiki/Evonik_Degussa.
  • 16Vgl. exemplarisch Petra Bräutigam: Mittelständische Unternehmer im Nationalsozialismus. Wirtschaftliche Entwicklungen und soziale Verhaltensweisen in der Schuh- und Lederindustrie Badens und Württembergs. München 1997.
  • 17Norbert Ohler: Die Geschichte der Ortsgruppe der Teninger NSDAP. Ein bemerkenswertes Dokument. In: Die Pforte 28/29, Kenzingen 2009, S. 112-136; ders.: Der Aufstieg des Nationalsozialismus in Teningen. In: Teningen. Ein Heimatbuch. Im Auftrag der Gemeinde Teningen. 1990, S. 396-435.
  • 18Vgl. den anschaulichen Text von Anonymus: Mein Teningen. Ein Rundgang mit Emil Tscheulin. Hrsg. von DEMON – Initiative „Denk mal ohne Nazis“, Teningen, 11.2.2013.
  • 19Bürgermeister Heinz-Rudolf Hagenacker: Grußwort zum Volkstrauertag. In: Teninger Nachrichten. Amtsblatt der Gemeinde Teningen, 38. Jg., Nr. 46, 14.11.2012, S. 1.



Emil Tscheulin Debatte: GRÜNE Kreistagsfraktion für Ergänzungstafel






Ein kleiner, auszugsweiser Überblick über die Tätigkeit von Kreisrat Axel Mayer im Kreistag im Landkreis Emmendingen



Immer wieder gehe und fahre ich auch im Jahr 2018
durch diesen, an vielen Stellen immer noch schönen Landkreis Emmendingen. Ich kenne die sanften Kuppen des Kaiserstuhls, die steilen Wege auf unseren Hausberg den Kandel, den Rheinwalddschungel des Wyhler Waldes. Die Dörfer, Städte und Gemeinden im Breisgau, insbesondere Teningen, Riegel und Endingen, sind meine Heimat. Immer öfter aber sehe ich auch neue Wunden, neue Schneisen der Zerstörung, neue Verluste.

Entlang der Bundesstraße 3 entsteht ein hässlicher Siedlungsbrei. Zwischen Offenburg und Freiburg gibt es noch einen minimalen Freiraum von 17,7 km und bandartige Siedlungsstrukturen von 50,3 km. Der Verkehrslärm im Transit-Landkreis Emmendingen nimmt zu. Das "Autobahnkreuz" an der B3 bei Denzlingen ist eines von vielen Beispielen für einen rückwärtsgewandten, zerstörerischen Fortschrittsglauben. Zerstörung bedeutet immer auch Kulturverlust und Innenweltverschmutzung. Heimat zerrinnt zwischen den Fingern. Und ich wundere mich warum niemand schreit.
Axel Mayer, Kreisrat, Endingen






Kreistag Emmendingen im Landkreis Emmendingen




Dank
Ohne das gute, bunt gemischte, kreative Team der GRÜNEN Kreistagsfraktion im Landkreis Emmendingen wäre diese Arbeit nicht möglich und nicht erträglich. Ich danke Stefan Bilharz, Irene Kunst-Woestmann, Alexander Schoch, Martina Balzer, Uwe Bauer, Rüdiger Tonojan, Susanne Wienecke, Barbara Schuler (und früher Angelika Schwarz-Marstaller) für die langjährige, mehr als erfreuliche Zusammenarbeit.

Mein Dank geht aber auch an das ehemalige Mitglied des Bundestages Hans-Christian Ströbele. Seine Arbeit und sein unabhängiger, freier Geist hat mir manchmal geholfen die GRÜNE Partei zu ertragen.







Gemeinden im Landkreis Emmendingen:
Bahlingen, Biederbach, Denzlingen, Elzach, Emmendingen, Endingen, Forchheim, Freiamt, Gutach, Herbolzheim, Kenzingen, Malterdingen, Reute, Rheinhausen, Riegel, Sasbach, Sexau, Simonswald, Teningen, Vörstetten, Waldkirch, Weisweil, Winden, Wyhl









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Dieser Artikel wurde 4222 mal gelesen und am 23.11.2017 zuletzt geändert.