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Stefan Bilharz: Versuch eines Nachrufs / Annäherungen an einen Menschen, Freund und Menschenfreund


Stefan Bilharz: Versuch eines Nachrufs


Jeder Versuch, für einen Menschen einen Nachruf zu schreiben ist eine Zumutung und Anmaßung. Wie soll/kann ein ganzes, langes, viel zu kurzes menschliches Leben in das enge Korsett eines Nachrufs gepresst werden?
Der folgende Text, ist der Versuch einer Annäherung an einen guten, klugen, engagierten, nachdenklichen Menschen, an meinen Freund und jahrzehntelangen Fraktionsvorsitzenden.

Der Text hat sich in der Trauerwoche "entwickelt" und ist in enger Absprache mit der Familie Bilharz und in guter Zusammenarbeit mit Johannes Bilharz entstanden. Nach und nach wurde er zum Text der Familie Bilharz und insbesondere der Text von Johannes. Ich danke der Familie, dass ich einige Text- und Lebensfragmente beisteuern konnte.
Axel Mayer, Kreisrat


Gute Freunde haben wir gefunden und gute Freunde haben wir verloren - entlang unseres Weges
Bob Marley

Stefan Bilharz: Annäherungen an einen Menschen, Freund und Menschenfreund



  • Geboren wurde er am 1.3.1960 als zweites Kind von sechs Geschwistern.
  • Seit der 3. Klasse war er Ministrant, später Oberministrant und sehr aktiv bei den Sternsingern. Damals setzte er durch, dass die Gruppen noch ohne Erwachsene losmarschieren konnten, was sicherlich förderlich war, Verantwortung zu lernen.
  • Es waren durchaus wilde Jugendjahre im kleinen beschaulichen aber doch städtischen Kenzingen. Sie waren jedoch von einem starken sozialen Engagement geprägt. Das war sicherlich mit einer der Gründe für seine tiefe Verwurzelung mit seinem Heimatort.
  • Lange leitete er die katholische Jugendgruppe, die identisch war mit den Ministranten. Unabhängigkeit war ihm schon in jugendlichem Alter wichtig, weshalb er sich dafür einsetzte, nicht einer größeren Organisation beizutreten. In dieser Funktion organisierte er schon als 16-Jähriger, zusammen mit ein paar anderen Gleichaltrigen, 14-tägige Zeltlager.
  • Lange Zeit war er als jugendlicher Posaunist aktives Mitglied der Stadt und Feuerwehrkapelle Kenzingen. Auch spielte er Klavier, zwar nicht virtuos, doch ermöglichte es ihm die Doppelrolle als Ministrant und Organist in der Altersheim-Kapelle.
  • Nach dem Abitur folgten zwei Jahre bei der Marine. Er liebte große Segelschiffe. Als es soweit war, wurde ihm als Brillenträger der Zugang auf die Gorch-Fock verwehrt. Auf U-Boote oder kleine Patrouillenboote wollte er nicht. So verbrachte er seine Dienstzeit an der Küste im hohen Norden als Funker im Bunker. Spaß hat es ihm dort nicht gemacht. Er hat die Zeit bei der Bundeswehr abgesessen.
  • Nach der Bundeswehr folgte das Studium in Freiburg, was er neben seinem politischen Wirken selbst durch Nebentätigkeiten finanzierte, um auch hier seine Unabhängigkeit deutlich zu machen. Seine Studienfächer Politik, Geschichte und Islamwissenschaften, brachten ihn dazu, Türkisch und Arabisch zu erlernen. Ein halbes Jahr studierte er deshalb in Istanbul.
  • Mehrmals zog es ihn ins türkische Hinterland, um die ihm fremde Kultur kennenzulernen. Die Bewohner waren erfreut, einem fremden Wanderer und Reisenden zu begegnen, der sich anstrengte, ihre Sprache zu sprechen. Die Gastfreundschaft, Einladungen und Großzügigkeit der ärmlichen Leute begeisterten ihn.
  • Sein politisches Engagement begann zunächst in der Jungen Union. Das Elternhaus war traditionell konservativ geprägt.
  • Mit der voranschreitenden Jugend wurden für ihn Umweltthemen wichtiger, ausgelöst durch das geplante Atomkraftwerk in Wyhl.
  • Aus diesem Engagement heraus wurde mit Gleichgesinnten der BUND in Kenzingen gegründet.
  • 1983 war er Mitgründer der ABL in Kenzingen (Alternative Bürgerliste), was ihn 1984 in den Stadtrat brachte, dem er 35 Jahre angehörte.
  • Vom letzten Listenplatz aus schaffte er es 1989 auf der Liste der Grünen in den Kreistag. Dort wirkte er viele Jahre als Fraktionsvorsitzender für Bündnis 90/Die GRÜNEN im Landkreis Emmendingen.
  • Lokalpolitik war seine Leidenschaft und seine Ehrenämter in der Politik nahmen einen großen Teil seiner Lebenszeit in Anspruch.
  • Stefan Bilharz war der Tradition verpflichtet und zugleich aufgeschlossen für Neues und Veränderung, ein Werte-Bewahrer und Erneuerer, ein bürgerlicher und freundlicher Radikaler. Für ihn waren das keine Gegensätze.
  • Er war zutiefst verwurzelt in Kenzingen und Südbaden. Der Flächenverbrauch, das Artensterben, der Klimawandel und die zerstörerischen Auswirkungen unbegrenzten Wachstums auf Kenzingen und seine Heimat, waren seine großen Themen. Dafür hat er sich unermüdlich eingesetzt.
  • Seine klugen Haushaltsreden, gespickt mit Zitaten, waren Perlen der Arbeit in Kreis und Stadt.
  • Es ist keine Floskel zu sagen, dass er und seine Arbeit bei den demokratischen Parteien im Kreis anerkannt und geschätzt wurde.
  • Beruflich war er in seiner Firma „RhetoLog“ mit Texten und Gestaltungen engagiert.
  • 2007 hat er mit seinem Bruder Johannes einen kleinen Verlag gegründet, den Kletterfirmen Media-Dienst. Neben ein paar kleinen Buchprojekten brachte er federführend als Chefredakteur die jährliche Kurszeitschrift der Münchner Baumkletterschule heraus, das Kletterblatt, eine Zeitschrift für gewerbliche Baumkletterer mit Kursprogramm und vielen Geschichten.
  • Sehr erfolgreich betrieb er auch das Baumpflegeportal ein Portal, das Baumlaien und Baumfachleute zusammen bringt.
  • Seine Frau Renate und ihre beiden Söhne waren seine große Liebe. Die letzten Jahre war es vor allem sein Enkel Lines (7 Jahre), den er liebevoll begleitete und der ihn immer wieder als Spiel-Opa herausforderte und ihm viel Lebensfreude bescherte.
  • Seine Hobbys waren neben vielen, vielen (tatsächlich auch gelesenen!) Büchern und Musik auch das Fotografieren und seine Freunde, für die er sich sehr viel Zeit nahm, da sie ihm wichtig waren.
  • Stefan war ein großer Baumliebhaber, Baumfotograf und begeisterter Bergwanderer, dem auch mehr als tausend Höhenmeter am Tag keine Probleme, sondern Freude bereiteten.
  • Im Mai 2019 beendete er seine öffentlichen politischen Tätigkeiten mit Ablauf der Legislaturperiode. Die freiwerdende Zeit wollte er für seine Hobbys und neue beruflichen Projekte nutzen. Die kurz darauf entdeckte Krebskrankheit machte diese Pläne zunichte.
  • Auf die Frage der BZ: "Wie würden Sie sich selbst bezeichnen?" antwortete er: "Homo sum . . . Ich bin ein Mensch - nichts Menschliches ist mir fremd".
  • Stefan Bilharz, der langjährige Gemeinde- und Kreisrat, starb am 25.11.2019 nach "kurzer", schwerer Krankheit im Alter von 59 Jahren.




Am Freitag den 29.11. (dem Tag des großen Klimastreiks) wird um 13 Uhr in Kenzingen mein Freund Stefan beerdigt. Am gleichen Tag um 14 Uhr wird auch mein Freund Otto Bury in Sasbach beerdigt. Es zerreißt mich... Ich werde eine Beerdigung unhöflich früh verlassen und an der anderen Beerdigung unhöflich verspätet teilnehmen. Ich habe keine bessere Lösung für meine Zerrissenheit gefunden.
Axel Mayer


Badische Zeitung: Zur Person Stefan Bilharz



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Dieser Artikel wurde 824 mal gelesen und am 30.11.2019 zuletzt geändert.