Kein AKW in Schwörstadt: Das früh verhinderte Atomkraftwerk am Hochrhein


Veröffentlicht am 18.12.2020 in der Kategorie Umweltgeschichte von Axel Mayer

AKW Schwörstadt: Das früh verhinderte Atomkraftwerk am Hochrhein


Wenn heute an Atomprotest am Oberrhein erinnert wird, dann gilt dieses Erinnern zumeist dem Fessenheim-Protest oder den durch Bauplatzbesetzungen verhinderten AKW in Wyhl und Kaiseraugst(CH). Die erfolgreichen Proteste gegen das französische AKW in Gerstheim bei Strasbourg, gegen eine Brennelemente-Fabrik in Heitersheim und gegen das geplante AKW in Breisach werden meist vergessen. Auch in Schwörstadt am Hochrhein war 1972 der Bau dreier Atomkraftwerke des Badenwerks geplant.

Hier einige Erinnerungsschnipsel:
Ab 1972 war in Schwörstadt ein Atomkraftwerksprojekt mit drei Druckwasserreaktoren, Kühltürmen und mit einer Leistung von je 1300 MW geplant. Doch schon 1965 / 1966 hatte es geheime Probebohrungen der RWE (Rheinisch-Westfälisches Elektrizitätswerk AG) auf Schwörstädter Gemeindegrund gegeben und auch der Standort Dogern war zuerst noch im Gespräch.

Im Mai 1973 befürwortete der Gemeinderat unter Bürgermeister Witzig in einer nicht öffentlichen Sondersitzung das AKW-Projekt des Badenwerks. Laut Medienberichten lag die anfängliche "Geheimhaltung" im Interesse des Badenwerks und des Gemeinderats. Die drei Atomkraftwerke sollten zusammen 4,2 Milliarden Mark kosten und der Baubeginn war für 1977/78 geplant. Der vorgesehene Standort des 35 Hektar großen Geländes lag östlich des Wasserkraftwerks und sollte vom Rhein bis zur B 34 reichen.
Ministerpräsident Hans Filbinger und der damalige CDU-Wirtschaftsminister Eberle waren die der großen Atom-Lobbyisten auf Landesebene. Sie standen für eine konservative, unkritische Technikgläubigkeit.

Der örtlich regionale Widerstand formierte sich unter anderem in einem „Arbeitskreis gegen Atomkraft Schwörstadt“ (AGAS).

Vergessen wird häufig die wichtige Rolle Freiburger Initiativen im Protest gegen die geplanten AKW in Schwörstadt, Breisach und Wyhl. Gerade von Freiburger Studierenden und AkademikerInnen wurden viele Argumente geliefert. Die Schwörstädter Initiativen konnten auf den frühen Protest gegen die geplanten AKW in Fessenheim, Breisach, Kaiseraugst (CH) und später auf den erfolgreichen Wyhl-Protest aufbauen.

Wichtige Freiburger Gruppen:
* "Aktionsgemeinschaft gegen Umweltgefährdung durch Atomkraftwerke e.V."
* Die am 9. November 1970 gegründete "Aktion Umweltschutz, Vorläufer des "BUND Regionalverband Südlicher Oberrhein" in Freiburg
(In dieser Geschichtsphase wurden aus "Nur-Naturschutzverbänden" politische "Umwelt- und Naturschutzverbände")

Wichtige überregionale Gruppen:
* Rheintalaktion
* Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz

Dazu kamen auch linke und rechte Initiativen wie K-Gruppen und der "Weltbund zum Schutz des Lebens", die aber keinen großen Einfluss hatten.

Die damaligen Pläne zeigt ein Zitat aus dem Spiegel:
"An keinem Ort der Welt gibt es eine derartige Konzentration von Atommeilern", rechnet Hansjürg Weder, Rat im Baseler Parlament, vor: Zwischen Gösgen und Wyhl ortet er Pläne für "vorläufig" acht Nuklearparks mit 14 bis 17 Reaktoren. "Ab Marktplatz Basel", hat er gemessen, liegen im Umkreis bis 60 Kilometer die Atommeiler von Kaiseraugst (12), Schwörstadt (20), Gösgen (39), Fessenheim (40), Graben (41), Leibstadt (45) und Wyhl (60).

Von Planung oder Absprache konnte dabei nur selten die Rede sein. Die Regierung des Kantons Aargau genehmigte ihre Atomkraftwerke Leibstadt und Kaiseraugst, "ohne die deutschen Nachbarn auch nur zu begrüßen", so Hansjürg Weder. Dann aber erhob sie Protest gegen das deutsche Projekt Schwörstadt. Das war unhöflich, denn Schwörstadt-Planer Badenwerk finanziert Leibstadt und Kaiseraugst mit.
Quelle: Der Spiegel vom 29.09.1975




AKW Kaiseraugst & AKW Schwörstadt- Gemeinsamer Protest
In "nächster Nachbarschaft" zu Schwörstadt, 13 Kilometer über dem Rhein entfernt, wurde auch in Kaiseraugst (CH) ein AKW geplant. Das Atomkraftwerk im Schweizer Kanton Aargau scheiterte am erbitterten Widerstand der regionalen Bevölkerung und der grenzüberschreitenden Bürgerinitiativen. Die spektakulärste Aktion in Kaiseraugst war 1975 eine elf Wochen andauernde Besetzung des Baugeländes durch anfänglich rund 15'000 Personen. Die Bewegung gegen die AKWs in Schwörstadt und Kaiseraugst ging grenzüberschreitend Hand in Hand. Eine Bauplatzbesetzung und ein erfolgreicher Protest wie in Wyhl (D), Kaiseraugst (CH) und Gerstheim (F) sollte in Schwörstadt unbedingt verhindert werden. 1980 wurde das Vorhaben nach massivem Protest aufgegeben.


AKW Schwörstadt & Ruhrgebiet am Oberrhein / Hochrhein?
Der Staatsanzeiger Baden-Württemberg schrieb am 23.9.1972: „Rückt nämlich die EG noch näher zusammen, (……) so wird das Rheintal zwischen Frankfurt und Basel die Wirtschaftsachse überhaupt werden. Ob dann noch Platz für Umweltschutz ist, muß bezweifelt werden. Sachverständige Leute sind deshalb der Ansicht, die Ebene sollte für die gewerbliche und industrielle Nutzung freigegeben werden, während die Funktionen `Wohnen`, `Erholung` und so weiter in der Vorbergzone und in den Seitentälern des Rheins angesiedelt werden sollten.“

Dazu auch ein lesenswerter Beitrag im Spiegel vom 29.09.1975


Das AKW Schwörstadt war politisch nicht durchsetzbar
Diese frühen, verzweifelt-hoffnungsfrohen, grenzüberschreitenden, ökologischen Konflikte im Dreyeckland (Breisach, Wyhl, Schwörstadt, Marckolsheim, Kaiseraugst, Gerstheim, Heitersheim...) brachen erstmals mit der vorherrschenden Nachkriegslogik der Gier, des Wachstumszwangs und der Zerstörung. Sie waren erste Zeichen der Hoffnung mit Fernwirkung und haben die globalen Zerstörungsprozesse entschleunigt. Aus dem Nein zur Atomkraft entwickelt sich auch das Ja zu den zukunftsfähigen, erneuerbaren Energien.

Axel Mayer, Mitwelt Stiftung Oberrhein, lange Jahre Sprecher der BI Riegel und (Alt-) BUND-Geschäftsführer


AKW Schwörstadt: Grenzüberschreitender Protest beim Pfingstmarsch 1977
Eine von vielen, vielen Protestaktionen war ein trinationaler Pfingstmarsch vom 28. bis 31. Mai 1977. Atomkraftgegner forderten einen Baustopp für Leibstadt (Schweiz) und Gösgen (Schweiz) sowie einen Verzicht auf Schwörstadt, Wyhl und Kaiseraugst.





Nachtrag: Aus einer frühen Pro-Atomkraft Broschüre (vor Tschernobyl & Fukushima), wie sie damals überall an geplanten AKW-Standorten verbreitet wurden:

Broschüre der HEW/NWK 1973: 66 Fragen 66 Antworten. Zum besseren Verständnis der Kernenergie
Frage 42: Sind Kernkraftwerke sicher?
Antwort: Ja. Kernkraftwerke sind sicher.

(...) Der Technische Überwachungsverein hat einmal ausgerechnet, dass die Eintrittswahrscheinlichkeit für den sogenannten „Größten anzunehmenden Unfall“ (GAU), das heißt eines hypothetischen Unfallablaufes, für den jede Kernkraftanlage ausgelegt ist, 1:100 000 pro Jahr beträgt. Mit anderen Worten: Hätte der bekannte König Cheops aus der 4. altägyptischen Dynastie statt der von ihm errichteten Pyramide 20 große Kernkraftwerke gebaut und diese wären bis heute in Betrieb gewesen, dann müsste man damit rechnen, dass sich seither einmal ein solcher Unfall hätte ereignen können. Die Auswirkungen dieses Unfalls wären überdies so gewesen, dass jedermann am Kraftwerkszaun tagaus tagein hätte zuschauen können, ohne dabei mehr als die zulässige Strahlendosis zu empfangen. Nimmt man an, dass sämtliche Sicherheitseinrichtungen des Kernkraftwerkes nicht funktioniert hätten, dann wäre dies mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:1 Mrd. pro Jahr passiert. Das bedeutet, dass die Vormenschenaffen im Alt-Tertiär vor 50 Millionen Jahren besagte 20 Kernkraftwerke hätten bauen und seither betreiben müssen, dann hätte man einen solchen Unfall vielleicht einmal registrieren können."

In den alten Pro-Atombroschüren wurden die Möglichkeiten der Stromversorgung ohne Kohle und Atom gezielt mit scheinwissenschaftlichen Argumenten heruntergespielt. So stand in der Broschüre "Fragen und Antworten zur Kernenergie":

Frage: Welche Bedeutung kommt der Sonnenenergie in der Bundesrepublik zu?
Antwort: (...) Äußerst unwahrscheinlich ist dagegen, dass die Sonnenenergie bei uns für die Elektrizitätserzeugung genutzt eingesetzt wird. (...) Die direkte Nutzung der Sonnenenergie wird für unsere Energieversorgung keine bedeutende Rolle spielen.(...)


Selbst noch im Jahr 1993 behaupteten die vier großen deutschen Energieversorger und Atomkonzerne in einer Anzeige in der Zeit: „Regenerative Energien wie Sonne, Wasser oder Wind können auch langfristig nicht mehr als 4 % unseres Strombedarfs decken.“


Ökostrom deckte im Jahr 2020 fast die Hälfte des Stromverbrauchs ab. Den größten Beitrag dazu leisteten Windkraftanlagen – vor allem an Land. On- und Offshore-Anlagen kamen gemeinsam auf einen Anteil von 27,4 Prozent. Photovoltaik deckte 9,7 Prozent. Die übrigen 12,2 Prozent entfielen auf Biomasse, Wasserkraft und sonstige Erneuerbare.





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  • 3) Im Zweifel ist die -Allgemeine Erklärung der Menschenrechte- immer noch eine gute Quelle zur Orientierung.

Axel Mayer,Mitwelt am Oberrhein

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