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Kein Genmais in Buggingen: Erfolgreiche Ackerbesetzung / Ein Rückblick


Kein Genmais in Buggingen: Erfolgreiche Ackerbesetzung / Ein Rückblick


Am 1. Juni 1995 begann die erfolgreiche Ackerbesetzung gegen Genmais im südbadischen Buggingen
Die Wurzeln für den Erfolg der europäischen Gentechnik-KritikerInnen liegen auch in Südbaden


Welcher südbadische Umweltaktivist hätte am 1. Juni 1995, also vor genau 24 Jahren, die folgende, aktuelle Meldung für möglich gehalten?

"Erfolg für Gentechnik-Kritiker: Der US-Saatguthersteller Monsanto will in Europa keine Zulassungen für neue gentechnisch veränderte Pflanzen mehr beantragen. Damit reagiert das Unternehmen auf die breite Ablehnung von Gen-Pflanzen auf dem Kontinent. Nach Syngenta, Bayer und BASF gibt nun auch der weltgrößte Saatguthersteller Monsanto seinen Kampf für den Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen in Europa auf. Grund sei die fehlende Akzeptanz für solche Pflanzen bei Bauern und Verbrauchern, sagte das Unternehmen der Berliner Tageszeitung. Man wolle auf neue Feldversuche mit gentechnisch verändertem Saatgut verzichten."


Am 1. Juni 1995 begann die erste von zwei erfolgreichen Ackerbesetzungen gegen die geplanten Freilandversuche für gentechnisch veränderten Mais im südbadischen Buggingen bei Freiburg.
Der gentechnische Freilandversuch der holländischen Firma van der Have in Buggingen wurde von 1995 bis 1997 durch vielfältige Aktionen von UmweltschützerInnen, von Bürgerinitiativen und BUND verhindert. Der Genmais mit Antibiotikaresistenzgenen, der Mais gegen den Einsatz von Totalherbiziden resistent machen sollte, konnte nicht ausgesät werden. Der Bugginger Erfolg bestärkte die europäische Umweltbewegung im Konflikt mit den Gen-Multis.

Wer hätte damals, vor genau 24 Jahren, einen europaweiten Rückzug von Syngenta, Bayer, BASF und nun auch dem weltgrößten Saatguthersteller Monsanto für möglich gehalten? Wer hätte gedacht, dass es heute nicht nur am Oberrhein, sondern in ganz Europa so viele Bündnisse gegen Gentechnik in der Landwirtschaft geben würde?

Unsere damaligen Sorgen u.a. in Sachen Antibiotikaresistenz und Auskreuzung haben sich bestätigt. Es zeigt sich auch, dass die vorgeschobenen, scheinökologischen Argumente der Genkonzerne Lug und Trug waren. Nicht weniger, sondern mehr Herbizide werden in der globalen Genlandwirtschaft eingesetzt. Und selbst die VertreterInnen der konventionellen Landwirtschaft am Oberrhein freuen sich im Nachhinein über die damalige Besetzung. Durch die Aktivitäten der UmweltschützerInnen konnte die Auskreuzung von Genmaispollen auf die umliegenden Felder verhindert werden. Der Mais am Oberrhein ist gentechnikfrei und der Mais und das Maissaatgut vom Oberrhein kann auf den Weltmärkten teurer verkauft werden.

Der Rückzug von Syngenta, Bayer, BASF und Monsanto in Buggingen war ein wichtiger Teilerfolg der europäischen Umweltbewegung. Der BUND am Oberrhein freut sich, dass wichtige Wurzeln dieses Erfolges in Südbaden liegen. Der (fast vergessene) Bugginger Protest und die zweisommerlichen Ackerbesetzungen brauchen den Vergleich mit den erfolgreichen AKW-Protesten in Wyhl, Kaiseraugst und Gerstheim nicht zu scheuen.

Wir bedanken uns noch einmal bei den damals und heute Aktiven. Angesichts der Konzernmacht war die Ackerbesetzung damals für Viele ein Akt der Verzweiflung und der Versuch, das Unmögliche zu versuchen. Jetzt haben wir einen damals unmöglich geglaubten Teilerfolg erreicht, auch wenn die Macht von Syngenta, Bayer, BASF und Monsanto natürlich noch lange nicht gebrochen ist.

Axel Mayer, BUND-Geschäftsführer und zufriedener "Alt-Ackerbesetzer"

hier: Gentechnik - Genmais - Genfood- Information des BUND


Mit Langeweile gegen den Gen-Mais
Südbadische Öko-Initiative verhindert mit einem Feldcamp den Anbau manipulierten Saatgutes


Berliner Zeitung: 07.08.1995
Karl-Otto Sattler, Freiburg

Im südbadischen Buggingen verhindern seit Anfang Juni Öko-Gruppen mit einer "Ackerbesetzung" die Aussaat von genmanipuliertem Mais. Bis September müssen sie aushalten, dann ist die Schlacht für dieses Jahr gewonnen.

Richtig häuslich eingerichtet hat sich das Völkchen auf dem Feld bei der Markgräfler Gemeinde Buggingen am Oberrhein. In kleinen Rundzelten kriechen die Frauen und Männer nachts in ihre Schlafsäcke. Tagsüber versammeln sie sich im Schatten von Zeltvordächern an Tischen oder dösen gelangweilt in Liegestühlen vor sich hin. Immerhin sorgt mittlerweile ein von Solarzellen mit Strom gespeister Kühlschrank für erfrischende kalte Getränke in der Einöde. Mit Urlaubsspaß hat das nichts zu tun: Transparente machen deutlich, daß es um Politik geht - um eine Protestaktion gegen die Aussaat von genmanipuliertem Mais.

Erfolgreiche Wühlmäuse
Seit Anfang Juni dauert diese "Ackerbesetzung" bereits, organisiert von einer Bugginger Bürgerinitiative und unterstützt vom Regionalverband des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND). Abwechselnd schieben die Öko-Aktivisten Tag und Nacht Wache auf dem unbepflanzten "Gen-Camp" inmitten von weiten Maisfeldern. Mit einem Handy werden im Bedarfsfall die Sympathisanten mobilisiert.

Zwei Mal schon seit der ersten Platzbesetzung ging der Alarmruf rund, weil die holländische Saatgutfirma van der Have Traktoren schickte. Doch von der Polizei räumen läßt die Firma nicht. Die Umstehenden nicken, wenn BUND-Sprecher Axel Mayer sagt: "Wir halten bis September durch" - dann kann endgültig kein Mais mehr ausgesät werden.

Eine solch konsequente Widerstandsaktion wie im südbadischen Buggingen läuft nur noch im hessischen Wölfersheim, wo die Umweltinitiative "Wühlmäuse" ebenfalls seit Anfang Juni ein Versuchsfeld besetzt hält. Andernorts konnten Proteste die Freiluft-Gentests nicht verhindern - zum Beispiel im schwäbischen Renningen bei Böblingen, in Tarnow und Rukieten (Mecklenburg-Vorpommern). Alle Freilandversuche sind vom Robert Koch-Institut (RKI) in Berlin genehmigt.

In Buggingen unternimmt van der Have schon seit langem Saatgutexperimente. Dieses Mal soll beim Mais das sogenannte Totalherbizid "Basta" getestet werden: Das Mittel tötet radikal alles Grünzeug ab, und eine Genmanipulation soll den Mais gegen "Basta" resistent machen - so können auf einfache und effiziente Weise Maisfelder von Unkraut "gereinigt" werden.

Was für Saatgutfirmen und Chemieunternehmen wie Hoechst lediglich eine methodische Ergänzung der normalen Pflanzenzüchtung ist, ruft hingegen Umweltschützer auf den Plan. Karl-Otto Nagel meint als Sprecher der Markgräfler Bürgerinitiative, daß über die Risiken der Genmanipulation, über die Wechselwirkung mit der Umwelt noch viel zuwenig bekannt sei. Es wird befürchtet, daß neue Substanzen entstehen, die Allergien oder Krebs auslösen. Kritiker warnen vor einer weiteren Industrialisierung der Landwirtschaft und wachsender Abhängigkeit der Bauern von Chemieunternehmen.

Gegen die Genehmigung des Bugginger Freilandversuchs durch das RKI haben Mitglieder der Bürgerinitiative Klage beim zuständigen Verwaltungsgericht in Berlin eingereicht. Beim RKI ist man indes überzeugt, diesen Prozeß zu gewinnen - wie schon alle anderen Rechtsstreitigkeiten dieser Art.

Debatte mit Manager
Wenn die südbadischen Protestler auch unbeugsam in ihrem Widerstand sind, so finden sie es doch gut, daß sich die Verantwortlichen bei van der Have immerhin der öffentlichen Diskussion stellen. Manager debattierten bereits auf dem besetzten Acker und äußerten sich auch bei einer Versammlung vor über 300 Gegnern.

Ackerbesetzung / Buggingen / Plakate



Plakat, Umwelt, Gentechnik: Aktionsbündnis / Zwei von vielen Plakaten der Ackerbesetzung gegen Gentechnik 1995 in Buggingen.


Plakat, Umwelt, Gentechnik: Buggingen / Eines von vielen Plakaten der Ackerbesetzung gegen Gentechnik 1995 in Buggingen.


Plakat, Umwelt, Gentechnik: Gen-food, Buggingen / Eines von vielen Plakaten der Ackerbesetzung gegen Gentechnik 1995 in Buggingen.


Plakat, Umwelt, Gentechnik: Gen-Mais / Eines von vielen Plakaten der Ackerbesetzung gegen Gentechnik 1995 in Buggingen.


Plakat, Umwelt, Gentechnik: Osterspaziergang / Eines von vielen Plakaten der Ackerbesetzung gegen Gentechnik 1995 in Buggingen.

















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Axel Mayer

Getragen von der Hoffnung auf das vor uns liegende Zeitalter der Aufklärung (das nicht kommen wird die Morgenröte nach durchschlafner Nacht)



Weihnachten 2019: Kein Grund unnötigen, kurzlebigen, dummen Scheiß zu kaufen


Wenn die Zyklen des Produzierens, Kaufens, Nutzens und Wegwerfens immer kürzer werden, dann brauchen wir uns über die absehbare Endlichkeit der Energie- und Rohstoffreserven und die Verlängerung der Lebensarbeitszeit nicht zu wundern.
Gute, schöne, sinnvolle, reparaturfähige Produkte,
die umwelt- und menschenfreundlich produziert wurden, möglichst lange nutzen... Nur so können wir die Energie- und Rohstoffwende durchsetzen und die globalen Zerstörungsprozesse stoppen.

Axel Mayer


Unbedingt hörenswert im DLF:


Klima, Kommentare und kleinere Katastrophen: Die Sommer sind heiß, die Gletscher schmelzen schneller als gedacht, eine weltweite Jugendbewegung treibt die Politiker vor sich her. In seinem dreiteiligen essayistischen Jahresrückblick im Deutschlandfunk stellt Mathias Greffrath fest, dass alles ungut mit allem zusammenhängt.
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Dieser Artikel wurde 2313 mal gelesen und am 9.11.2019 zuletzt geändert.