Erfolge für Mensch, Natur und Umwelt: Von frühen Kämpfen und aktuellen Konflikten


Veröffentlicht am 05.01.2020 in der Kategorie Umweltgeschichte von Axel Mayer

Erfolge für Mensch, Natur und Umwelt: Von frühen Kämpfen und aktuellen Konflikten


Die globale und regionale Umweltbewegung kann auf viele große Erfolge zurückblicken

Noch vor wenigen Jahrzehnten war die Umwelt massiv belastet und teilweise sogar vergiftet. Die Atemluft war vielerorts extrem verschmutzt, Kinder litten an Pseudokrupp, der saure Regen fraß Kulturdenkmäler und Wälder. Bäche und Flüsse, in denen heute wieder gebadet wird, waren stinkende Kloaken. Die Schweiz "entsorgte" ihren Atommüll im Meer und am Oberrhein wurden Baggerseen mit hochgiftigem Industriemüll gefüllt. Der Einsatz von FCKW zerstörte die überlebenswichtige Ozonschicht. Der hemmungslose, ungestrafte Einsatz von Asbest führte weltweit zu Millionen Krebserkrankungen, zu Leid und Tod und der Einsatz des Insektizids DDT brachte nicht nur Greifvögel an den Rand der Ausrottung. Tschernobyl, Fukushima und Atommüll, der eine Million Jahre strahlt, bestätigten die Kritik von Umweltaktiven.

Die weltweite und regionale Umweltbewegung haben in unendlich vielen Kämpfen und Konflikten viele dieser alten Gefahren beseitigt oder verringert.
Heute sind wir mit neuen Gefährdungen konfrontiert. Der zerstörerische Traum vom unendlichen Wachstum im begrenzten System Erde gefährdet mit Klimawandel, Atommüllproduktion, Artensterben und Atomwaffen Mensch, Natur und Umwelt.
Und wieder werden wir uns engagieren, um Fortschritt menschengerecht zu gestalten.
Axel Mayer



Bleiwerk Marckolsheim und die langen Kämpfe für Luftreinhaltung
Am 20. September 1974 wurde derBauplatz im elsässischen Marckolsheim von Umweltschützern aus Baden und dem Elsass besetzt und nach indianischem Vorbild ein hölzernes Rundhaus, das erste „Freundschaftshaus“ am Rhein, errichtet. Mit dieser ersten Bauplatzbesetzung wurde ein extrem umweltvergiftendes Bleichemiewerk verhindert und der Traum von einem Europa der Menschen wurde realisiert.
Nach Marckolsheim kamen in den 80er Jahren die heftigen Proteste und Aktionen gegen das Waldsterben. Unser Protest führte zu einer massiven Verbesserung der Luftqualität und zu einer Zunahme des Umweltbewusstseins. Gesetze wurden auf Druck der Umweltbewegung und gegen die Lobbyisten verschärft, der PKW-Katalysator eingeführt, verbleites Benzin verboten, Kraftwerke und Industrieanlagen wurden entstickt und entschwefelt. Alleine in Baden-Württemberg konnten die Schwefel-Emissionen von 334.200 Tonnen 1973 auf 58.800 Tonnen 1995 reduziert werden, was einem Rückgang um über 80 % entspricht.
Auch aus diesen frühen Konflikten heraus entwickelte sich die heutige Bewegung für den globalen Klimaschutz.


Kein AKW in Wyhl und Anderswo
Am 18. Februar 1975 wurde im Wyhler Wald Geschichte geschrieben. Es war der Tag des Baubeginns für die geplanten AKW. Männer und Frauen stellten sich mit ihren Kindern vor die Baumaschinen und brachten diese zum Stillstand, um ihre bedrohte Heimat zu schützen. Das AKW Wyhl wurde verhindert und der Niedergang der Nutzung der gefährlichen Atomenergie begann. Auch in Kaiseraugst in der Schweiz und in Gerstheim im Elsass verhinderten Bauplatzbesetzungen den Bau von Atomkraftwerken.
Heute sind Atomkraftwerke und Kohlekraftwerke die gefährlichsten Formen der Energieerzeugung. Kohlekraftwerke gefährden das Klima und Atommüll muss eine Million Jahre sicher gelagert werden. Der Export von AKW gefährdet durch Atomkraftwaffen den Weltfrieden. AKW sind auch die teuerste Form, Strom zu erzeugen. Strom aus Wind und Sonne ist wesentlich kostengünstiger als Atomstrom. Aber immer noch sind die alten atomaren Seilschaften aktiv, die nach Tschernobyl und Fukushima nur ein wenig in Deckung gegangen waren.


Sonnentage Sasbach und der Anfang der erneuerbaren Energien
Über 12 000 BesucherInnen kamen 1976 zu diesen ersten "Sonnentagen" nach Sasbach am Kaiserstuhl. Die Bürgerinitiativen gegen das AKW Wyhl und die Aktion Umweltschutz/BUND organisierten die damals weltgrößte Ausstellung zu alternativen Energien. Der Widerstand gegen das im Nachbardorf Wyhl geplante AKW, das berühmte "Nai hämmer gsait" war den Aktiven nicht genug, es galt auch Alternativen zur Atomenergie aufzuzeigen.
Aus heutiger Sicht war es eine kleine, ja geradezu winzige Ausstellung alternativer Energien. Aber gerade dieses "aus heutiger Sicht" zeigt den unglaublichen Erfolg der damaligen Idee und der umgesetzten Vision. Die heutigen weltweiten Erfolge der kostengünstigen, umwelt-freundlichen und zukunftsfähigen Energien haben ihre Wurzeln in einem kleinen Kaiserstühler Dorf und den dortigen Aktiven.
Auch heute noch werden die zukunftsfähigen Energien und insbesondere die Windkraft von industriegelenkten Kohle-, Öl- und Atomlobbyisten und von Klimawandelleugnern massiv bekämpft.

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Reiner Rhein, Usine Kayersberg, Kläranlagen und der lange Kampf für saubere Flüsse
Rot, blau, gelb... in allen Regenbogenfarben färbte sich der Rhein bis 1996 an einer einsamen Stelle unterhalb der beiden Rohre der elsässischen Papierfabrik Kaysersberg gegenüber von Breisach. Nach einem langen Konflikt zwischen Firmenleitung und BUND-Regionalverband bekam die allerletzte Fabrik am Oberrhein endlich eine Kläranlage.
Schon 1972 hatten Aktive der Aktion Umweltschutz/ BUND eine Abwassererklärung für die Papierfabrik in Neustadt im Schwarzwald und die Beendigung der massiven Wasserverschmutzung der Wutach durchgesetzt.
Langsam endete in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts am Oberrhein die Zeit der sichtbaren, alten, großen Luft-, Wasser- und Umweltverschmutzung. Die Luft- und Wasserqualität hat sich deutlich verbessert und andere Probleme (Klimawandel, Artensterben, Überkonsum, Endlichkeit der Rohstoffe...) treten in den Vordergrund. Nachdem sich die Wasserqualität der Bäche und Flüsse verbessert hatte, konnte die Umweltbewegung sich jetzt auch stärker für die Renaturierung der Gewässer engagieren.


Regional und weltweit: Gemeinsam gegen Atomwaffen und Atomwaffentests
Weltweit und auch am Oberrhein gab es in den Jahren 1995 und 1996 Proteste gegen Atombomben und Atomwaffentests. Die Entscheidung des französischen Staatspräsidenten Jacques Chirac für neue Atombombentests auf Mururoa führte damals zu globalen Protesten. Auch die grenzüberschreitende Umweltbewegung am Oberrhein demonstrierte. Es gab Kundgebungen und Aktionen an der deutsch-französischen Grenze, u.a. vom BUND in Sasbach am Kaiserstuhl.
Der weltweite Protest führte dazu, dass die Atomwaffentests 1996 nach 30 Jahren endeten. Die radiologischen Auswirkungen für die betroffenen Menschen in der Südsee waren und sind immer noch verheerend.
Damals war der kleine, örtliche Protest Teil einer global-erfolgreichen Bewegung gegen die Bedrohung durch Atomkraftwaffen. Die Aktiven in den örtlichen Gruppen sind immer wieder eingebunden in weltweite Aktionen für das Leben. Gemeinsam haben wir erfolgreich gegen Atomtests, AKW, DDT und ozonschichtschädigendes FCKW demonstriert und engagieren uns heute für den Klimaschutz.

Vogelschutz, Artenschutz & DDT-Verbot
In der Mitte des letzten Jahrhunderts wurde festgestellt, dass DDT auch dazu führte, dass Greifvögel Eier mit dünneren Schalen legten, was zu erheblichen Bestandseinbrüchen führte. DDT geriet auch unter Verdacht, beim Menschen Krebs auslösen zu können. Auch in Südbaden gab es AktivistInnen und ForscherInnen, die früh auf den Zusammenhang zwischen DDT und Vogelsterben aufmerksam machten und - wie immer in solchen Konflikten - gab es auch industriegelenkte Verharmloser. Auch wegen des Drucks der Umweltbewegung wurde die Verwendung von DDT von den meisten westlichen Industrieländern in den 1970er-Jahren verboten. Vogelschützer im Schwarzwald und in den Vogesen bewachten die letzten Horste von Wanderfalken oder Seeadlern in Deutschland. Erst langsam, doch in den letzten Jahren immer schneller erholten sich die Greifvogelbestände Südbaden und in Europa. In Deutschland leben heute wieder viele hundert Paare von Wanderfalken, Fisch- und Seeadlern. Das geforderte und mühsam erkämpfte DDT-Verbot war erfolgreich. Artenschutz ist immer auch Menschenschutz.


Am 1. Juni 1995 begann die erste von zwei erfolgreichen Ackerbesetzungen gegen Genmais im südbadischen Buggingen
Der gentechnische Freilandversuch der holländischen Firma van der Have in Buggingen wurde von 1995 bis 1997 durch vielfältige Aktionen von UmweltschützerInnen, von Bürgerinitiativen und BUND verhindert. Der Genmais mit Antibiotikaresistenzgenen, der Mais gegen den Einsatz von Totalherbiziden resistent machen sollte, konnte nicht ausgesät werden. Der Bugginger Erfolg bestärkte die europäische Umweltbewegung im Konflikt mit den Gen-Multis um im Kampf gegen eine zunehmend industrialisierte Landwirtschaft.


Erfolg! Kalihalde / Abraumhalde Buggingen: Salz & Grundwasserversalzung durch den "Kalimandscharo"
In Buggingen wurde von 1926 bis 1973 Kalisalz abgebaut. Der Abraumhügel, im Volksmund "Kalimanscharo" genannt, besteht zum Teil immer noch aus Steinsalz. Insgesamt 200.000 bis 250.000 Tonnen Steinsalz befinden sich noch in diesem Hügel und täglich laufen bis zu 2,5 Tonnen salz ins Grundwasser.
Von 1926 bis 1973 wurden von der Kali und Salz AG und deren "Rechtsvorgängern" Gewinne gemacht. Es gab nie eine Bestrafung der Verantwortlichen für die Grundwasserversalzung, die Untersuchungen des Grundwassers zahlte bisher stets die Allgemeinheit (auch mit Interreg-Geldern). Lange versuchte die Kali und Salz AG sich auch noch vor den Kosten der Sanierung zu drücken und diese der Allgemeinheit aufzulasten. Um eine Bestrafung der Verantwortlichen zu erreichen, hatte BUND-Geschäftsführer Axel Mayer schon im Dezember 1997 die Verantwortlichen für die Grundwasserversalzung auf beiden Rheinseiten angezeigt und damals die größte Razzia in der Geschichte des Freiburger Wirtschaftskontrolldienstes ausgelöst.
Nach unsäglichen 11 Jahren "Verhandlung" zwischen dem Landratsamt Breisgau-Hochschwarzwald und der Kali und Salz AG soll Ende 2020 die Sanierung beschlossen werden.

*Über eine Milliarde Mark hat das Engagement des BUND und anderer Umweltschützer dem Steuer- und Gebührenzahler in den Kreisen Emmendingen und Ortenau erspart. 1990 hatte das Planungsbüro AEW-Plan (eng verbunden mit Firmen, die Müll-Öfen bauen) den beiden Kreisen den Bau eines Müll-Ofens für 360.000 Jahrestonnen empfohlen. Der BUND und einige Bürgerinitiativen wehrten sich gegen die überzogenen Verbrennungspläne. Im Jahr 2000 lieferten die Menschen in beiden Landkreisen statt der geplanten 360.000 Jahrestonnen real aber nur noch 140.000 Tonnen Müll bei der Deponie Kahlenberg an. Mit Hilfe einer Biologisch-Mechanischen-Abfallbehandlungsanlage konnte der brennbare Müllrest auf rund 30.000 Tonnen pro Jahr reduziert werden.

*Der grenzüberschreitende Widerstand gegen die neue, umweltbelastende Flachglasfabrik in Hombourg (F) kann den Bau im Jahr 1994 zwar nicht verhindern, erzwingt aber den Einbau modernster Technik zur Luftreinhaltung (Entstickungsanlage).

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*Trotz Widerstand: Der Nationalpark Schwarzwald kommt
Der 28. November 2013 war ein guter Tag für Natur, Umwelt und Baden Württemberg. Der Landtag von Baden-Württemberg beschloss endlich das Gesetz zur Errichtung eines Nationalparks Schwarzwald mit 71 zu 63 Stimmen. FDP und CDU stimmten gegen Natur und Nationalpark. Gemeinsam mit Sägern, Jägern und Bürgerinitiativen hatten sie den Nationalpark massiv bekämpft. Doch Umweltverbände, GRÜNE und SPD konnten sich durchsetzen.
Mehr Infos: hier


*Fridays for Future
Nein, wir haben die Jugendbewegung Fridays for Future nicht "geschaffen oder organisiert". Die jungen Menschen organisieren sich erfreulich selber. Aber wir haben uns jahrzehntelang für Luftreinhaltung, Klimaschutz und zukunftsfähige Energien engagiert und massive Konflikte mit Klimawandelleugnern und mächtigen Energiewendegegnern ausgetragen. Unsere Öffentlichkeitsarbeit war der stete Tropfen, der den Stein höhlt. Und irgendwann wurde aus der Quantität der Information, die Qualität der Aktion und wir freuen uns Fridays for Future zu unterstützen. Und die Kämpfe sind noch lange nicht ausgestanden und wir brauchen Jung und Alt.

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Fessenheim Abschaltung 2020?
Wenn im Jahr 2020 (hoffentlich) die beiden Fessenheimer Reaktoren abgestellt werden, dann hat das auch ein wenig mit den Tätigkeiten des BUND am Oberrhein in der großen grenzüberschreitenden Umweltbewegung zu tun. Hunderttausende von Infoblättern wurden gedruckt, die Zahl der BUND-Plakate, Banner, Anstecker, Mails, Aktionen & Demos ist unermesslich. Die Medien wurden fast drei Jahrzehnte mit viel zu vielen Presseerklärungen gequält.

Zum Thema Fessenheim-Abschaltung gibt BUND-Geschäftsführer Axel Mayer eine "Sektempfehlung"

Kaufen Sie drei gute Flaschen Sekt
*Die Erste öffnen sie am Tag der endgültigen Abschaltung des Letzten der beiden Reaktoren
*Die Zweite öffnen am Tag der Entleerung der Brennelemente-Zwischenlager (Erst dann ist die die GAU-Gefahr tatsächlich beseitigt)
*Die Dritte Flaschen sollten Sie gut lagern. In ca. einer Million Jahre ist der Großteil des in Fessenheim angefallenen Atommülls zerfallen. Dann gibt es tatsächlich Grund auf die Fessenheim-Schließung anzustoßen.

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Renaturierung: Elz, Dreisam, Kinzig, Glotter

Über zwei Jahrzehnten gab es beim BUND am Südlichen Oberrhein einen Traum. Am Anfang stand der jahrzehntelange, erfolgreiche Kampf um eine bessere Wasserqualität der Gewässer am Oberrhein. Danach konnten wir endlich die Renaturierung der zu gerade gestreckten Kanälen geronnenen Bäche am Oberrhein, von Elz, Dreisam, Kinzig, Glotter angehen... Wir hatten den frühen Traum von naturnahen Bächen und grünen, naturverbindenden Bändern von den Rheinauen zum Schwarzwald nicht nur geräumt, sondern stets auch bei den Behörden eingefordert.
Wenn jetzt an der Elz zwischen Köndringen und Riegel die Dämme zurückverlegt sind, wenn aus der "Bach-Autobahn Elz" auf ersten Teilstücken ein mäandernder Fluss mit Kiesbänken und Auen wurde, wenn der Flussregenpfeifer und der Lachs zurückkehren, dann hat das auch damit zu tun, dass aus dem Traum auch eine ständig wiederholte BUND-Forderung an die politisch Verantwortlichen wurde.[/list]

Der Erfolg hat immer viele Väter und Mütter und der Großteil der Erfolge lässt sich nicht einer Person oder einem Verband alleine zuschreiben. So waren die frühen Erfolge: die Verhinderung des Bleichemiewerks in Marckolsheim und der AKW in Wyhl, Gerstheim und Kaisersaugst das Werk der grenzüberschreitenden Umweltbewegung am Oberrhein. Der BUND war nur eine von vielen Initiativen. Der Konflikt um die Usine Kaysersberg, der letzten großen Papierfabrik am Rhein ohne Kläranlage, wurde vom BUND Regionalverband alleine getragen. Und da sind auch die stillen Erfolge, da ist immer auch jeder Frosch und jede Kröte, die von Umweltaktiven im nächtlichen Einsatz über die Straße getragen wurde. Und so steht am Beginn der Auflistung auch der große Dank an alle Aktiven, die sich für Mensch, Natur, Frieden, Gerechtigkeit und Umwelt engagiert haben.

Axel Mayer, BUND-Geschäftsführer