Kein AKW in Breisach: Das früh verhinderte Atomkraftwerk am Kaiserstuhl


Veröffentlicht am 31.12.2020 in der Kategorie Umweltgeschichte von Axel Mayer


AKW Breisach: Das früh verhinderte Atomkraftwerk am Kaiserstuhl


Wenn heute an Atomprotest am Oberrhein erinnert wird, dann gilt dieses Erinnern zumeist dem Fessenheim-Protest oder den durch Bauplatzbesetzungen verhinderten AKW in Wyhl und Kaiseraugst(CH). Die erfolgreichen Proteste gegen das französische AKW in Gerstheim bei Strasbourg, gegen eine Brennelemente-Fabrik in Heitersheim und gegen das geplante Hochrhein-AKW in Schwörstadt werden meist vergessen. Auch in Breisach am Kaiserstuhl war 1971 der Bau eines der größten AKW-Standorte der Welt (mehrere Reaktorböcke mit insgesamt 4000 MW!) geplant.

Hier einige Erinnerungsschnipsel:
Antrag der Badenwerk AG auf Standortgenehmigung für das AKW Breisach.
Die Badenwerk Aktiengesellschaft hatte am 2. Juni 1971 bei der zuständigen Genehmigungsbehörde des Landes Baden-Württemberg den Antrag auf Erteilung eines Standortvorbescheides gemäß 7 a AtG für ein Kernkraftwerk auf einem Gelände in der Gemarkung Breisach gestellt. Wegen zunehmender Proteste schränkte die Badenwerk AG ihren Antrag am 8. Dezember 1971, der ursprünglich auf eine geplante maximale Ausbauleistung von 4000 MW elektrischer Leistung lautete, auf eine Ausbauleistung von 2 Blöcken mit je 1300 MW ein. Dem Aufsichtsrat des Badenwerks gehörte auch der damalige Ministerpräsident Filbinger an, der den Bau des AKWs maßgeblich unterstützte.



Die regionale, am Kaiserstuhl stark verankerte Bürgerinitiative "Oberrheinisches Komitee gegen Umweltzerstörung durch Atomkraftwerke"
argumentierte gegen die atomaren und klimatischen Gefahren und erhielt nach einer großen Winzerversammlung im Januar 1972 in Oberrotweil großen Zulauf. Die "Notgemeinschaft Kaiserstühler Winzer" agierte vorwiegend mit weinbauspezifischen Argumenten, unterstützt unter anderem vom Badischen Weinbauverband. Inhaltlich unterstützt wurden die Kaiserstühler BIs von vielen Freiburger Studierenden.
Nach vielen frühen Informationsveranstaltungen am Kaiserstuhl gab es im September 1972 die erste große Kaiserstühler Treckerdemo mit 560 landwirtschaftlichen Fahrzeugen. Auf den Transparenten standen Sprüche wie: "Lieber heute aktiv als morgen radioaktiv" und "Kein Ruhrgebiet am Oberrhein". Neben den atomaren Gefahren ("Normalbetrieb", Unfälle...) spielte auch der zu erwartende Kühlturmnebel in der Weinbauregion eine wichtige Rolle. Es gab auch die berechtigte Sorge, dass "billiger" Atomstrom extrem umweltverschmutzende Industriebetriebe ((Bleiwerk Marckolsheim...) anziehen würde. Schon im Oktober 1972 wurden 65.000 Einsprüche gegen das AKW im Landratsamt Breisgau Hochschwarzwald abgegeben. Für das Jahr 1972, für eine junge, unerfahrene Umweltbewegung (und für den konservativen Kaiserstuhl!) waren dies enorm viele Einsprüche. Selbst der Freiburger Weihbischof Gnädiger brachte (zum Entsetzen der CDU!) am 27.September 1972 seine Bedenken gegen das Breisacher Atomprojekt deutlich zum Ausdruck.

Ein Rückblick schaut zumeist auf die demonstrierenden Landwirte
Vergessen wird häufig die wichtige Rolle Freiburger Initiativen im Protest. Gerade von Freiburger Studierenden und AkademikerInnen wurden viele Argumente geliefert und ein intensiver Schriftverkehr mit Behörden und Politik geführt. (Teilweise im Archiv von Axel Mayer)

Wichtige Freiburger Gruppen:
* "Aktionsgemeinschaft gegen Umweltgefährdung durch Atomkraftwerke e.V."
* Die am 9. November 1970 gegründete "Aktion Umweltschutz, Vorläufer des "BUND Regionalverband Südlicher Oberrhein" in Freiburg
(In dieser Geschichtsphase wurden aus "Nur-Naturschutzverbänden" politische "Umwelt- und Naturschutzverbände")

Wichtige überregionale Gruppen:
* Rheintalaktion
* Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz

Dazu kamen auch linke und rechte Initiativen wie K-Gruppen und der "Weltbund zum Schutz des Lebens", die aber keinen großen Einfluß hatten.



Das geplante AKW in Breisach / Aus einer alten Broschüre des Badenwerks

AKW Breisach & Ruhrgebiet am Oberrhein?
Der Staatsanzeiger Baden-Württemberg schrieb am 23.9.1972: „Rückt nämlich die EG noch näher zusammen, (……) so wird das Rheintal zwischen Frankfurt und Basel die Wirtschaftsachse überhaupt werden. Ob dann noch Platz für Umweltschutz ist, muss bezweifelt werden. Sachverständige Leute sind deshalb der Ansicht, die Ebene sollte für die gewerbliche und industrielle Nutzung freigegeben werden, während die Funktionen `Wohnen`, `Erholung` und so weiter in der Vorbergzone und in den Seitentälern des Rheins angesiedelt werden sollten.“

Dazu auch ein lesenswerter Beitrag im Spiegel vom 29.09.1975


Um dem Einbruch in die CDU-Wählerschaft vorzubeugen
wurde im Badenwerk und in der Landesregierung dringend nach einem "unproblematischen Alternativ-Standort" gesucht, der dann im wenige Kilometer entfernten Wyhl gefunden wurde.
Am 19. Juli 1973 wurde durch eine Rundfunksendung der neue Standort Wyhl bekannt. Doch die Entwicklungen am "unproblematischen Alternativ-Standort Wyhl" sind eine andere Geschichte...


Das AKW Breisach war politisch nicht durchsetzbar
Diese frühen, verzweifelt-hoffnungsfrohen, grenzüberschreitenden, ökologischen Konflikte im Dreyeckland (Breisach, Wyhl, Schwörstadt, Marckolsheim, Kaiseraugst, Gerstheim, Heitersheim...) brachen erstmals mit der vorherrschenden Nachkriegslogik der Gier, des Wachstumszwangs und der Zerstörung. Sie waren erste Zeichen der Hoffnung mit Fernwirkung und haben die globalen Zerstörungsprozesse entschleunigt.

Axel Mayer, Mitwelt Stiftung Oberrhein, lange Jahre Sprecher der BI Riegel und (Alt-) BUND-Geschäftsführer
(In meinem Archiv finden sich noch viele alte Broschüren und Schriftverkehr zum geplanten AKW in Breisach)




Nachtrag: Aus einer frühen Pro-Atomkraft Broschüre (vor Tschernobyl & Fukushima), wie sie damals überall am Kaiserstuhl verbreitet wurden:

Broschüre der HEW/NWK 1973: 66 Fragen 66 Antworten. Zum besseren Verständnis der Kernenergie
Frage 42: Sind Kernkraftwerke sicher?
Antwort: Ja. Kernkraftwerke sind sicher.

(...) Der technische Überwachungsverein hat einmal ausgerechnet, dass die Eintrittswahrscheinlichkeit für den sogenannten „Größten anzunehmenden Unfall“ (GAU), das heißt eines hypothetischen Unfallablaufes, für den Pyramide 20 große Kernkraftwerke gebaut und diese wären bis heute in Betrieb gewesen, dann müsste man damit rechnen, dass sich seither einmal ein solcher Unfall hätte ereignen können. Die Auswirkungen dieses Unfalls wären überdies so gewesen, dass jedermann am Kraftwerkszaun tagaus tagein hätte zuschauen können, ohne dabei mehr als die zulässige Strahlendosis zu empfangen. Nimmt man an, dass sämtliche Sicherheitseinrichtungen des Kernkraftwerkes nicht funktioniert hätten, dann wäre dies mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:1 Mrd. pro Jahr passiert. Das bedeutet, dass die Vormenschenaffen im Alt-Tertiär vor 50 Millionen Jahren besagte 20 Kernkraftwerke hätten bauen und seither betreiben müssen, dann hätte man einen solchen Unfall vielleicht einmal registrieren können."

In den alten Pro-Atombroschüren wurden die Möglichkeiten der Stromversorgung ohne Kohle und Atom gezielt mit scheinwissenschaftlichen Argumenten heruntergespielt. So stand in der Broschüre "Fragen und Antworten zur Kernenergie":

Frage: Welche Bedeutung kommt der Sonnenenergie in der Bundesrepublik zu?
Antwort: (...) Äußerst unwahrscheinlich ist dagegen, dass die Sonnenenergie bei uns für die Elektrizitätserzeugung genutzt eingesetzt wird. (...) Die direkte Nutzung der Sonnenenergie wird für unsere Energieversorgung keine bedeutende Rolle spielen.(...)


Selbst noch im Jahr 1993 behaupteten die vier großen deutschen Energieversorger und Atomkonzerne in einer Anzeige in der Zeit: „Regenerative Energien wie Sonne, Wasser oder Wind können auch langfristig nicht mehr als 4 % unseres Strombedarfs decken.“


Ökostrom deckte im Jahr 2020 fast die Hälfte des Stromverbrauchs ab. Den größten Beitrag dazu leisteten Windkraftanlagen – vor allem an Land. On- und Offshore-Anlagen kamen gemeinsam auf einen Anteil von 27,4 Prozent. Photovoltaik deckte 9,7 Prozent. Die übrigen 12,2 Prozent entfielen auf Biomasse, Wasserkraft und sonstige Erneuerbare.






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  • Axel Mayer, Mitwelt Oberrhein

Getragen von der Hoffnung auf das vor uns liegende Zeitalter der Aufklärung (das nicht kommen wird wie die Morgenröte nach durchschlafner Nacht)




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