Kriegskosten Afghanistan: 12,5 oder 47 Milliarden Euro? Eine Anfrage an den Bundesrechnungshof


Veröffentlicht am 03.05.2021 in der Kategorie Krieg und Frieden von Axel Mayer

Kriegskosten Afghanistan: 12,5 oder 47 Milliarden Euro? Eine Anfrage an den Bundesrechnungshof


Im Krieg ist die Wahrheit das erste Opfer.
Im Afghanistan-Krieg ist die Kosten-Wahrheit auch das letzte Opfer.




Screenshot: ZDF Dokumentation "Der Preis des Krieges"


An den
Bundesrechnungshof
Herrn Präsident Kay Scheller
Adenauerallee 81
53113 Bonn

3.5.2021

Kosten des Krieges in Afghanistan


Sehr geehrter Herr Präsident Kay Scheller,

ich wende mich an Sie und den Bundesrechnungshof mit einer sehr komplexen Frage:

Welche Kosten sind für mich und die anderen Steuerzahlenden durch den Krieg und die deutsche Kriegsbeteiligung in Afghanistan entstanden?
Spätestens am 11.9.2021 endet der verlorene Krieg in Afghanistan. Die Angaben zu den konkreten Kriegskosten in den deutschen Qualitätsmedien sind extrem unterschiedlich. Sie schwanken zwischen 12,5 Milliarden Euro in der Tagesschau und 47 Milliarden Euro in der ZDF-Dokumentation "Der Preis des Krieges“.

Da sind zuerst die menschlichen, schwer in Zahlen messbaren Kriegsopfer und das unglaubliche Leid, das ein Krieg über die Menschen bringt.

Die konkreten finanziellen Aufwendungen sind zwar messbar, aber auch geschickt interpretierbar.
  • Sind die Kriegskosten nur die Gelder für Soldatengehälter, Kriegsgerät, Munition, Transport- und Logistikkosten?
  • Oder zählen zu den Kriegskosten auch die Hinterbliebenenrenten, die Kosten für den temporären zivilen Aufbau, die Zahlungen an mörderische Warlords, das unglaublich viel "versickerte" Geld, das Afghanistan zu einem der korruptesten Länder der Welt gemacht hat?

Ich würde gerne wissen, was uns dieser verlorene Krieg in seiner Gesamtheit gekostet hat, bin mir aber auch im Klaren darüber, dass in einer Zeit massiver deutscher Aufrüstung kein großes Regierungsinteresse besteht, diese Zahlen objektiv zu benennen.

Nach einer Analyse des Watson Institute of International and Public Affairs der Brown Universität haben die US-Kriege in Afghanistan, Irak, Syrien und Pakistan den US-Steuerzahler seit ihrem Beginn im Jahr 2001 insgesamt 6,4 Billionen Dollar gekostet.
(Eine Billion sind tausend Milliarden, eine Milliarde sind tausend Millionen...)
Da erscheinen die rund 12,5 Milliarden Euro deutscher Kriegskosten, welche die Bundesregierung zugibt, doch "erstaunlich" günstig.

Zitate aus Qualitätsmedien zu den Kriegskosten in Afghanistan:


  • Die deutschen Steuerzahler haben für die Beteiligung der Bundeswehr an dem internationalen Militäreinsatz in Afghanistan bislang rund 12,5 Milliarden Euro aufgewendet. Das bestätigte ein Sprecher des Bundesverteidigungsministeriums dem ARD-Hauptstadtstudio.
  • Tagesschau, 17.04.2021 https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/verteidigung-kosten-101.html
  • Das deutsche Engagement in Afghanistan inklusive des Bundeswehr-Einsatzes hat seit 2001 rund 16,4 Milliarden Euro gekostet.
  • Hannoversche Allgemeine, 18.04.2019 https://www.haz.de/Nachrichten/Politik/Deutschland-Welt/So-viel-hat-das-deutsche-Afghanistan-Engagement-bislang-gekostet
  • "Der deutsche Afghanistan-Einsatz ist wahrscheinlich teurer als von der Regierung angegeben. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung schätzt die Ausgaben auf bis zu 47 Milliarden Euro. (...) Selbst im Falle eines frühzeitigen Abzugs schon im Jahr 2011 würde der Einsatz insgesamt zwischen 18 und 33 Milliarden Euro kosten, ermittelte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), in Berlin auf der Basis vorläufiger Schätzungen, schon im Jahr 2010. Jedes weitere Jahr koste etwa drei Milliarden Euro, obwohl das Budget im Bundeshaushalt dafür nur rund ein Drittel davon betrage.
  • Bleibe die Bundeswehr noch einige Jahre in dem Land am Hindukusch, dann sei sogar von Gesamtkosten zwischen 26 und 47 Milliarden Euro auszugehen."Die Welt, 26.05.2010 https://www.welt.de/politik/deutschland/article7793359/Afghanistan-Einsatz-kostet-bis-zu-47-Milliarden-Euro.html
  • Nach Berechnungen der Berliner Forscher, die manager magazin exklusiv in seiner am Freitag (21. Mai ) erscheinenden Juni-Ausgabe veröffentlicht, kostet die Fortsetzung des Bundeswehr-Einsatzes in Afghanistan Deutschland rund drei Milliarden Euro pro Jahr. Dieser Betrag steht in deutlichem Gegensatz zu den Angaben des Bundesverteidigungsministeriums, das die deutschen Einsatzkosten in Afghanistan für das laufende Jahr auf gut eine Milliarde Euro beziffert.
  • Manager Magazin, 20.05.2010 https://www.manager-magazin.de/unternehmen/artikel/a-695419.html
  • Die aktuelle ZDF-Dokumentation "Der Preis des Krieges: Afghanistan" nennt die Zahl von 47 Milliarden Euro
  • ZDF, 23.12.2020 https://www.zdf.de/dokumentation/zdfinfo-doku/der-preis-des-krieges--afghanistan-100.html


Die Medien haben die sehr unterschiedlichen Angaben zu den Kosten des Krieges nicht erfunden, sondern sie zitieren unterschiedliche Quellen. Vorzuwerfen ist ihnen das erschreckend geringe Interesse an einer Analyse der Quellen.

Angesichts dieser extrem unterschiedlichen Angaben liegt meine Hoffnung auf eine objektive Antwort auf meine Frage nach den Kriegskosten beim Bundesrechnungshof.

Ich denke, dass nicht nur ich ein Interesse an der Beantwortung dieser Fragen habe.

Mit freundlichen Grüßen
Axel Mayer, Kreisrat


Zusatzinfos die nicht Bestandteil des Briefes sind



Warum sind die Medien-Angaben zu den Kriegskosten so extrem unterschiedlich und unterscheiden sich teilweise um viele Milliarden Euro und Dollar?[/list] Die Medien haben die sehr unterschiedlichen Angaben zu den Kosten des Krieges nicht erfunden, sondern sie zitieren unterschiedliche Quellen. Vorzuwerfen ist ihnen das erschreckend geringe Interesse an einer Analyse der Quellen.

Der Mangel an Empörung ergibt sich auch aus der Tatsache, dass wir uns unter "einer Million" vielleicht noch etwas vorstellen können. 47 Milliarden Euro deutscher Kriegskosten und 6,4 Billionen Dollar amerikanischer Kriegskosten übersteigen unser Vorstellungsvermögen:
*Das Wort Milliarde steht für die 1.000.000.000. Eine Milliarde ist gleich tausend Millionen.
*Eine Billion ist tausendmal größer als eine Milliarde und ist eine Eins mit 12 Nullen. Eine Billion sind also tausend Milliarden, d.h. eine Million Millionen.

Arbeitsthese:
Mit dem Geld, dass dieser Krieg gekostet hat, ließe sich für jede afghanische Familie ein "westliches" Einfamilienhaus bauen.

Auf eine weitere spannende Informationsquelle verweist ausgerechnet das Bundeswehrjournal vom 25.11.2017:
"Langzeitprojekt „Costs of War“ des Watson Instituts
Ein neuer Bericht des Instituts erschien jetzt vor wenigen Tagen. Neta Crawford, Professorin für Politikwissenschaft an der Bostoner Universität und Leiterin des Projekts, fasst zusammen: „Die US-Kriege im Irak, in Syrien, Afghanistan und Pakistan sowie die erhöhten Ausgaben für den Staat beziehungsweise für die Ministerien für Verteidigung, Innere Sicherheit und Kriegsveteranentum haben seit den Anschlägen vom 11. September 2001 bis hin zum Fiskaljahr 2017 mehr als 4,3 Billionen Dollar gekostet.“ Damit nicht genug. Die Wissenschaftlerin ergänzt: „Addiert man die wahrscheinlichen Kosten für das Fiskaljahr 2018 und die geschätzten zukünftigen Verpflichtungen für die Veteranenpflege hinzu, werden die ,Kosten des Krieges‘ die wohl exorbitante Höhe von mehr als 5,6 Billionen Dollar erreichen.“

Der „durchschnittliche amerikanische Steuerzahler“ habe seit 2001 insgesamt 23.386 Dollar für die Kriege der Vereinigten Staaten aufgebracht, veranschaulicht Crawford. Sie warnte vor einer verengten Sichtweise: „Kriegskosten sind weit mehr als das, was wir in einem Jahr für das sogenannte ,spitze Ende des Speers‘ ausgeben. Hinter der Speerspitze lauern noch eine Menge anderer Kosten – wenn wir den Speer benutzen, müssen wir also mit massiven Konsequenzen rechnen.“ (Zitatende)
Quelle: http://www.bundeswehr-journal.de/2017/exorbitante-kriegskosten-muehlstein-am-hals-der-nation/

Quelle: https://watson.brown.edu/costsofwar/

Meine Arbeitsthese "Mit dem Geld, dass dieser Krieg gekostet hat, ließe sich für jede afghanische Familie ein "westliches" Einfamilienhaus bauen." entspricht so ziemlich der Realität.
Wer genauere, aktuelle, belegbare Zahlen zum Afghanistan Krieg hat, möchte mich bitte informieren mitwelt.stiftung (at) gmx.net


Axel Mayer



Aktueller Einschub
US-Präsident Biden kündigt den Abzug der USA aus Afghanistan bis zum 11. September 2021 an, doch die Bundeswehr stellt sich auf Anordnung der USA auch auf einen deutlich schnelleren Rückzug der deutschen Hilfstruppen aus Afghanistan ein. Das Verteidigungsministerium informierte Bundestagsabgeordnete über Beratungen, wonach der Rückzugs-Termin auf den 4. Juli vorgezogen werden könnte.

Wie zuvor schon die sowjetischen Truppen verlassen Amerika und seine Hilfstruppen das geschundene Land und nichts ist gewonnen. Danach werden die Taliban an die Macht zurückkehren. Viele Medien berichteten im April 2021 vondeutschen Kriegskostenvon "nur" 12,5 Milliarden / 12.500.000.000 Euro. Die konservative Zeitung "Die Welt" schrieb schon am 26.05.2010 von möglichen deutschen Kriegskosten von bis zu 47 Milliarden Euro und diese Zahl wird auch in der aktuellen ZDF-Sendung "Der Preis des Krieges: Afghanistan" genannt. Was können wir glauben?

Auf der Seite Afghanistan-Krieg beschäftige ich mich seit Kriegsbeginn kritisch mit diesem, auch deutschen Krieg, den wir alle so unglaublich gut verdrängt haben. Wir führen seit fast 20 Jahren Krieg, aber keiner merkt's.





Übersicht 2021: Krieg und Frieden auf Mitwelt.org (Aufrüstung, Rüstungsausgaben, Iran, Afghanistan, Irak, Syrien, Drohnenkrieg...)


Mitwelt: Mit Zorn und Zärtlichkeit aufseiten von Mensch, Natur und Umwelt

Die NATO hat im Jahr 2020 nach Angaben des ZDF 1100 Milliarden Dollar für Rüstung ausgegeben und Russland 61 Milliarden... Warum lesen wir im gut organisierten neuen Kalten Krieg diese Zahl so selten in unseren Medien?


Mehr Infos:Aufrüstung

















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  • 3) Im Zweifel ist die -Allgemeine Erklärung der Menschenrechte- immer noch eine gute Quelle zur Orientierung.
  • Axel Mayer, Mitwelt Oberrhein

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Bundesrechnungshof • Postfach 12 06 03 • 53048 Bonn
Herrn
Kreisrat Axel Mayer
Venusberg 4
79346 Endingen
Ausschließlich per E-Mail
Bonn, den 19. Mai 2021
Telefon 0228 99 721-1410
Unser Zeichen, unsere Nachricht vom
IV 1 - 05 20 35 - 6993/2021
Ihr Zeichen, Ihre Nachricht vom
Ihr Schreiben vom 3. Mai 2021
Sehr geehrter Herr Mayer,
für Ihr Schreiben vom 3. Mai 2021, in dem Sie die Frage der Kosten des Einsatzes der Bundeswehr in Afghanistan ansprechen, bedanke ich mich.
Der Bundesrechnungshof prüft die Wirtschaftlichkeit und die Ordnungsmäßigkeit der Haushalts- und Wirtschaftsführung des Bundes. Prüfungserkenntnisse zu den Gesamtkosten des
deutschen Engagements in Afghanistan hat der Bundesrechnunghof nicht.
Wie Sie in Ihrem Schreiben zutreffend feststellen, ist die Ermittlung der Kosten des Bundeswehreinsatzes in Afghanistan seit seinem Beginn im Jahr 2001 komplex. Eine allgemeingültige
Definition von „Einsatzkosten“ besteht nicht. Die Kosten sind abhängig von der Bewertung, welche Ausgaben aus dem Bundeshaushalt der Afghanistan-Einsatz unmittelbar oder auch nur mittelbar verursacht hat. Sie nennen in Ihrem Schreiben einige Beispiele für Positionen, die bei der
Ermittlung herangezogen werden können. Betrachtet man nicht nur die Einsatzkosten, sondern
die Kosten des deutschen Engagements in Afghanistan, kommen zu den Ausgaben, die aus dem
Verteidigungshaushalt geleistet werden, weitere Ausgaben aus anderen Bereichen des Bundeshaushalts hinzu, wie dem Haushalt des Auswärtigen Amtes, des Bundesministeriums des Innern, für Bau und Heimat oder des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit
und Entwicklung. Der von Ihnen zitierte WELT-Artikel bezieht sich auf das Deutsche Institut für
Wirtschaftsforschung (DIW). Er zählt neben der Ausbildung und den Bezügen der Soldatinnen
und Soldaten sowie für die Polizeimission unter anderem auch die Wertminderung des Materials zu den Einsatzkosten.2
Vor diesem Hintergrund kann ich Ihnen keine allgemein akzeptierte Zahl zu den Kosten des
Afghanistan-Einsatzes nennen. Die Ausgaben für Auslandseinsätze sind in jedem Jahr Gegenstand der Verhandlungen über den Bundeshaushalt. Der Bundesrechnungshof unterstützt die
politischen Entscheidungsträger in diesem Verfahren mit den Erkenntnissen aus seinen Prüfungen der Haushalts- und Wirtschaftsführung des Bundes. Er trägt hierdurch zu einem wirtschaftlichen Einsatz der Haushaltsmittel bei.
Für Ihr Interesse an der Kontrolle der öffentlichen Finanzen danke ich Ihnen.
Mit freundlichen Grü