thetext
druckenSeite zurück     druckenDiesen Artikel drucken (Druckansicht)

Biodiversität / Artenvielfalt / Artenschutz & Naturschutz in Baden, im Elsass und am Oberrhein: Biologische Vielfalt statt menschlicher Einfalt


Weidbuche: Bedrohte Artenvielafalt am Oberrhein

Im internationalen UNO-Jahr der Biodiversität 2010
ist es mehr als erfreulich, dass sich Medien und Öffentlichkeit verstärkt mit Themen wie dem bedrohten Blauflossenthunfisch, dem gefährdeten Great Barrier Reef und der Abholzung des Dschungels in Amazonien beschäftigen. Der Verlust der Lebensräume und der Klimawandel gefährdet beispielsweise das Überleben von Schmetterlingen, Käfern und Libellen in Europa. Das zeigt die neuesten von der EU-Kommission in Auftrag gegebene europäische Roten Liste. Demnach sind u.a. knapp zehn Prozent der Schmetterlinge, 14 Prozent der Libellen und elf Prozent der in verrottendem Holz lebenen Käferarten in Europa vom Aussterben bedroht. Einigen Arten droht sogar das weltweite Aussterben.
Doch die Artenvielfalt ist nicht nur in Europa und in weit entfernten, exotischen Ländern bedroht sondern auch hier vor unserer Haustür, am Oberrhein, in Südbaden und im Elsass. Darum wollen wir Ihre Aufmerksamkeit auch auf bedrohte Rebhühner und Feldhasen, auf den vom Aussterben bedrohten großen Brachvogel und den Kiebitz lenken, auf die Verrummelung der Natur am Feldberg und im Taubergießen und auf die Gefährdung der Naturschutzaspekte des Integrierten Rheinprogramms, nicht nur durch ökonomische Interessen. Raubbau an Natur und Umwelt war und ist immer auch ein Thema in der so genannten „Ökoregion“ am Südlichen Oberrhein.


Der Schwarzwald mit seinen Vorbergen,
die Vogesen, der Kaiserstuhl, die Rheinauen und das elsässische Ried: Manche Gebiete am Oberrhein gehören zu den schönsten und wertvollsten Naturlandschaften Europas, mit einer faszinierenden und reichhaltigen Flora und Fauna.
Aber auch hier hat die biologische Vielfalt, das Thema Biodiversität, unsere Aufmerksamkeit bitter nötig: In Deutschland sind von etwa 16.000 auf ihre Gefährdung untersuchten Tierarten über ein Drittel und von rund 14.000 Pflanzen- und Pilzarten über ein Viertel bedroht. Mehr als zwei Drittel ihrer Lebensräume wie Moore, Auen, Wiesen und naturnahe Wälder sind durch Zersiedelung und intensive Land- und Forstwirtschaft gefährdet. Jede Art kann innerhalb der Ökosystemfunktionen eine wichtige Rolle einnehmen und viele Arten hängen in ihrer Existenz voneinander ab.

Die letzten Jahrzehnte
waren keine gute Zeit für die Artenvielfalt am Oberrhein. Die größten Landschaftszerstörungen gab und gibt es insbesondere in der Rheinebene. Die Naturflächen wurden kleiner und zerstückelt, Flächenverbrauch, Zersiedelung und Verscheußlichung der Landschaft haben massiv zugenommen und gehen fast ungebremst weiter. Dazu kommen immer neue Straßen und auch die geplante neue Bahntrasse wird massive Naturverluste bringen, die auch durch „Ausgleichsmaßnahmen“ nicht kompensiert werden können. Während an anderen Stellen der Republik die Bevölkerung bereits abnimmt, hält der Flächenverbrauch in der Region zwischen Schwarzwald und Vogesen an. Durch die geplante Metropolregion Oberrhein könnten sich die Probleme noch verstärken. Gerade auch im Elsass sehen Umweltschützer mit Sorge die Pläne, die bestehenden umweltbelastenden Schwerindustriezonen entlang des Rheins erheblich auszudehnen.


„Die wenigen erhalten gebliebenen, historischen Altstädte und die restlichen Naturschutzgebiete am Oberrhein verbindet eines: Sie sind zunehmend Inseln in einem Meer von Scheußlichkeit.“


Die Tendenz zur industriellen Landwirtschaft
führt in Südbaden zu einer zunehmenden, großflächigen Maismonokultur. Wo früher eine artenreiche Acker-, Wiesen- und Streuobstlandschaft war, steht heute fast überall giftgeduschter Mais.
Die in der Landwirtschaft eingesetzten Spritzmittel sind ein Grund für den massiven Rückgang der Artenvielfalt auf Ackerböden und deren Umgebung. Feldlerchen und Rebhühner, einst häufige Arten in der Agrarlandschaft, sind in vielen Gebieten der Rheinebene bereits verschwunden. Der große Brachvogel und der Kiebitz stehen hier vor dem Aussterben und die Bestände des Feldhasen gehen drastisch zurück. Besserung ist nicht in Sicht, die monotone Maissteppe und intensive Sonderkulturen dringen immer weiter in die Täler des Schwarzwalds und des Kaiserstuhls vor. Die größte Gefahr für die Vielfalt der Arten geht von der Gentechnik aus.


Einige ausgewählte Problemfelder in Sachen Naturschutz am Oberrhein


  • Wiesen und Weiden
    Die beginnende weltweite Energiekrise und der damit verbundene Energiehunger beeinflusst auch die Wiesen und Weiden am Oberrhein. In der Rheinebene werden immer mehr Wiesen umgebrochen und durch eine Energie-Mais-Wüste ersetzt. Im Schwarzwald werden immer mehr Wiesen totgedüngt um möglichst viel Gras für die Biogasanlagen zu erzeugen. Dieser Zerstörungsprozess bedroht alle Arten die lebendige Wiesen brauchen.

  • Amphibien
    Das globale Amphibiensterben hat auch den Oberrhein erreicht. Die Bestandszahlen einheimischer Amphibien sind rückläufig.

  • Rheinauewälder
    Von den ursprünglich vorhandenen Auewäldern am Oberrhein sind nur noch ca. 2% in naturnahem Zustand übrig geblieben. Hier hat über zwei Jahrhunderte hinweg ein Zivilisations- und Zerstörungsprozess stattgefunden, wie wir ihn im Moment in den Wäldern Amazoniens beobachten. Das Integrierte Rheinprogramm IRP könnte ein wenig mehr Natur bringen, doch gerade die ökologischen Aspekte des IRP werden aktuell von örtlichen Bürgerinitiativen und den Paten der Kieswirtschaft in der Politik massiv in Frage gestellt.

  • Elz, Dreisam, Glotter, Kinzig, Rench, Kinzig, Schutter...
    In der Vergangenheit wurden die meisten Mittel- und Unterläufe unserer Bäche und Flüsse zu geradegestreckten, kanalisierten, naturfernen Kanälen umgebaut. Die landschaftsprägenden Gewässer unserer Heimat könnten durch geeignete Maßnahmen, insbesondere durch Dammrückverlegungen, ökologisch aufgewertet, renaturiert und zu grünen Bändern werden, die Rheinauen und Schwarzwald natürlich verbinden. Dort wo an wenigen Stellen renaturiert wird, erleben wir extrem teure Ingenieurbiologie und nicht die notwendigen Dammrückverlegungen, die politisch schwerer durchsetzbar sind.



Elz, Dreisam, Kinzig & Glotter sind die gradgestreckten "Charakterflüsse"
unserer Heimat. Links und rechts der Damm und die Angst vor dem Hochwasser.


Natürlich werden auch am Oberrhein neue Naturschutzgebiete ausgewiesen
Doch während diese unter öffentlichem Beifall eingeweiht werden, verschwinden gleichzeitig wesentlich größere Flächen unter Beton und Asphalt. Gerade auch am Oberrhein gilt: “Der Naturschutz arbeitet am kleinen Detail, die Naturzerstörer arbeiten am großen Ganzen”.


Die Vogelstimmen werden weniger,
die Klingeltöne der Handys nehmen zu



Zunehmende Verrummelung
bedroht auch die letzten Naturschutzgebiete. Das abschreckensde Beispiel für die Verrummelung naturnaher Gebiete am Oberrhein ist der ehemals schönste Berg des Schwarzwaldes, der Feldberg. Der Erholungsdruck nimmt massiv zu und die Feldbergisierung des Schwarzwaldes schreitet voran. Oder besuchen Sie einmal an einem schönen Wochenende das Naturschutzgebiet Taubergießen oder den inneren Kaiserstuhl...

Von Robbenbabys und Kormoranen
Ein erstaunliches Phänomen ist die Liebe von Medien und Öffentlichkeit zu weit entfernten und exotischen Arten. Rettet die Wale, Delfine, Eisbären und Robbenbabys... Es ist schön und wichtig, dass sich Menschen mit diesen Problemen und Themen auseinandersetzen. Doch warum ist „die Liebe“ zu den erschlagenen Robben in Kanada größer als das Interesse an den erschossenen Kormoranen im „Naturschutz“gebiet vor der eigenen Haustür? Warum berichten lokale Medien öfter über den bedrohten Blauflossenthun und nicht über bedrohte Feldlerchen und Feldhasen? Warum wird eher für die Walrettung gespendet als für den Amphibienschutz im eigenen Dorf?


Um die letzten und wertvollsten Gebiete und Arten zu erhalten
müssten eigentlich immer mehr "Rühr mich nicht an"- Schutzgebiete ausgewiesen werden. Es gibt ein unauflösbares Dilemma zwischen der Notwendigkeit die bedrohten Arten zu schützen und dem Wunsch Menschen an die Natur heranzuführen. Das größte Problem ist die übertriebene Kommerzialisierung aller Lebensbereiche und damit auch des „Naturerlebens“. Der Profi-Paddeltourismus in den Rheinauen ist nur ein Beispiel für diese Entwicklung. Es scheint weltweit ein Nivellierungsprinzip zu geben, nach dem die wertvollen, einzigartigen Landschaften so lange vermarktet werden, bis aus Schönheit Mittelmaß (oder weniger) wird.

Nur in wenigen Bereichen
gibt es positive Entwicklungen. Wir freuen uns über die Rückkehr der Lachse, über die Wildkatzen am Kaiserstuhl und über die Zunahme mancher Vogelarten. Das kompensiert aber nicht die großen Verluste.
Viel zu zaghaft werden Naturschutzgebiete ausgewiesen und kleine Teilstücke der kanalisierten Flüsse und Bäche renaturiert. Das Integrierte Rheinprogramm zum Hochwasserschutz könnte ein Mehr an Natur und an ökologischen Fortschritten bringen, doch gerade hier nimmt der Druck auf die Naturschutzaspekte leider zu.

Noch finden sich am Oberrhein
einzigartige und wertvolle Naturlandschaften, mit seltenen, manchmal stark gefährdeten Tieren und Pflanzen. Dass Wiedehopf, Storch, Smaragdeidechse und Küchenschelle am Oberrhein vorkommen, ist nicht zuletzt das Verdienst ehrenamtlichen Engagements und einer engagierten, politisch leider geschwächten Naturschutzverwaltung. Jahr für Jahr kommen tausende Menschen an den Kaiserstuhl, um den farbenprächtigen Bienenfresser, die Gottesanbeterin und seltene Orchideen zu bewundern.

Kaiserstuhl: Fragmente von Biodiversität

Wir wollen aufzeigen,
dass Artenvielfalt und Schutz der Natur immer auch dem Menschen nutzt. Zersiedelung, Flächenverbrauch, Verlärmung, Monokulturen und Natur- und Umweltzerstörung bedeuten eben nicht nur Verlust von Artenvielfalt, sondern auch Verlust an Lebensqualität. Das Artensterben kann nicht losgelöst von unserer globalen Raubbauwirtschaft betrachtet werden. Der BUND will Vielfalt statt Einfalt und Biodiversität statt Monokultur.


Der Naturschutz muss
- nicht nur in Baden und im Elsass -
kreativer und kämpferischer werden!



Unser Dank geht an die Menschen, die sich im Naturschutz engagieren. An Naturschützerinnen und Naturschützer in Verbänden und Vereinen aber auch in den Naturschutzbehörden. An alle, die mit Sense, Spaten, Rechen, Ziege und Computer dazu beitragen, dass die Natur am Oberrhein auch für die Zukunft erhalten bleibt.


Text & Fotos: Axel Mayer, BUND-Geschäftsführer, Kreisrat




Nachträge:





hier geht´s zum BUND-Infoblatt " Bedrohte Vielfalt am Oberrhein"



Rote Listen der in Deutschland bedrohten Arten:








Bedrohte Artenvielfalt: Anteile der Gefährdungskategorien der Schmetterlinge in Baden-Württemberg



Weitere Informationen finden Sie bei der Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz.




Das Artensterben kann nicht losgelöst von unserer globalen Raubbauwirtschaft betrachtet werden
Die Menschen der Umweltbewegung am Oberrhein (Südbaden, Elsass, Nordschweiz) haben viel erreicht. Luft und Wasser sind tatsächlich sauberer geworden. Das bedeutet aber nicht mehr und nicht weniger, als dass die weltweiten Zerstörungsprozesse hier in unserer Region ein wenig langsamer ablaufen als anderswo. "In einem Jahr verbrauchen wir gerade weltweit so viele fossile Rohstoffe, wie die Erde innerhalb einer Million Jahre herausgebildet hat." Quelle: Zukunftsfähiges Deutschland 2008. Gleichzeitig erzeugen wir Atommüll der eine Million Jahre sicher gelagert werden muss. Immer noch gehören auch wir am Oberrhein zu den, zumeist unzufrieden gehaltenen, 20% der Menschheit, die 80% der Energie und Rohstoffe verschwendet und die damit für den Großteil der weltweiten Umweltverschmutzung verantwortlich sind. Und die restlichen 80% der Welt (insbesondere China und Indien) sind gerade dabei unser zerstörerisches Modell einer Raubbauwirtschaft nachzuahmen. Zur Umweltzerstörung kommt im Zeitalter der Globalisierung ein zunehmend ungehemmter Konsumismus, eine Gefährdung der Demokratie, Ungerechtigkeit und Sozialabbau und eine verstärkte Innenweltverschmutzung. Hundertfünfzig Jahre Industrialisierung haben dazu geführt, dass die in vielen Millionen Jahren geschaffenen Energievorräte und die Rohstoffreserven der Welt zu Neige gehen und gleichzeitig haben wir u.a. mit Atommüll Gifte produziert, die über eine Million Jahre sicher gelagert werden müssen. Das menschengemachte Artensterben
und der Klimawandel nehmen zu und eine Milliarde Menschen hungert. Die nachfolgenden Generationen werden unser Zeitalter eine Zeit des Raubbaus und der Barbarei nennen. Die Zukunftsaufgabe auch der regionalen Umweltbewegung wird es sein, aufzuzeigen, dass unbegrenztes Wachstum begrenzte Systeme zerstört. "Gut leben statt viel haben" ist die Zukunftsdevise. Es gilt, eine tatsächlich nachhaltige Entwicklung einzuleiten.

Axel Mayer




Die zentrale Frage: Nicht nur am Oberrhein





Biodiversität / Artenvielfalt in Baden, im Elsass und am Oberrhein: Biologische Vielfalt statt menschlicher Einfalt

Richtig wichtig! Ihnen gefällt diese Seite? Legen Sie doch einen Link:
<a href="http://www.mitwelt.com/biodiversitaet-baden-elsass-oberrhein.html">Biodiversität / Artenvielfalt / Artenschutz & Naturschutz in Baden, im Elsass und am Oberrhein: Biologische Vielfalt statt menschlicher Einfalt</a>

Weitersagen
Delicious Twitter Facebook StudiVZ

Dieser Artikel wurde 626 mal gelesen und am 4.8.2010 zuletzt geändert.