Die Wutach im Schwarzwald & die Papierfabrik Neustadt: Erfolgreiche frühe Kämpfe für eine bessere Wasserqualität


Veröffentlicht am 08.06.2021

Die Wutach im Schwarzwald & die Papierfabrik Neustadt: Erfolgreiche frühe Kämpfe für eine bessere Wasserqualität


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Im Jahr 1972 geschieht in der kleinen, konservativen Schwarzwaldstadt Neustadt Ungeheuerliches. Aktive der Freiburger Aktion Umweltschutz und des Schwarzwaldvereins demonstrieren, verteilen Infoblätter und verlangen die Abwassererklärung der Papierfabrik in Neustadt und die Beendigung der massiven Wasserverschmutzung der Wutach. Nach langem Streit, wirtschaftlichen Verwerfungen und vielfältigen Aktionen wird eine Kläranlage eingebaut. Ein erster Erfolg für den Wasserschutz und den Schutz unserer Bäche und Flüsse, an dem eine damals noch jungen Umweltbewegung ihren Anteil hat. Wenn heute in Bächen und Flüssen wieder gebadet werden kann, wenn die Lachse langsam zurückkehren, dann sollten wir daran erinnern, dass diese Erfolge nicht vom Himmel gefallen sind, sondern teilweise hart erkämpft werden mussten.

Die Wutach entspringt im Südschwarzwald,
wenige Meter unterhalb des 1448 m hohen Seebuck am Feldberg. Kurz danach stürzt sie in das felsige Kar des kreisrunden Feldsees. Ab Titisee heißt der kleine Wiesenbach Gutach („gute Ach“). Nach Neustadt strömt der durch viele Zuflüsse angewachsene Fluss durch eine zunehmend tiefe Schlucht, Nach der Mündung der Haslach wird aus der Gutach erneut die Wutach („wütende Ach“). Hier beginnt die obere Wutachschlucht, der kleine-große Canyon des Schwarzwalds, ein berühmtes und teilweise sehr überlaufenes Wandergebiet. Zwischen Küssaberg-Kadelburg und Koblenz mündet die Wutach in den Hochrhein,

"Die Woche": Moderne illustrierte Zeitschrift -August Scherl Verlag, Berlin Ausgabe Heft- Nr: 28, 15.07.1911


Die Wasserqualität der Wutach war bis zur Jahrhundertwende 1900 sehr gut.
1894 kaufte eine reiche Gruppe britischer Angler das Hotel in Bad Boll. Grund dafür war der Forellenbestand in der Wutach. Der exklusive „Bad Boll Fishing Club“ pachtete auf einer Länge von 80 Kilometer die Angelrechte an der Wutach.
Bad Boll war damals ein kleines Schwarzwald-Bad am Rande der Wutach-Schlucht. Heute erinnert nur noch die alte Badkapelle und die noch immer sprudelnde Quelle an das einstige Bad. Seine größte Blüte erreichte das heute verfallene Bad in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Es gab die Mineralwasser führende Badquelle, die landschaftliche Schönheit des Tales und der Fischreichtum der Wutach. Auch der Lachs wanderte einst zur Laichzeit über den Rhein die Wutach hinauf. Für längere Zeit galt die Wutach als das beste Forellenwasser Europas. Die Gasthöfe und Hotels entlang der Wutach verdankten ihre Existenz den schweizerischen aber vor allem den englischen Fischgästen. Allein der exklusive englische Fishing Club betrieb damals ein Hotel mit 12.000 Übernachtungen pro Jahr.
(Wir neigen heute dazu den exklusiven „Bad Boll Fishing Club“ und seine reichen Mitglieder zu idealisieren. Doch der Reichtum seiner Mitglieder beruhte zumeist auf der brutalen Ausbeutung verarmter englischer Arbeiter und auf entsetzlichen Verbrechen in den damaligen Kolonien des Commonwealth.)


Wutach, Fischerei, Forellen & der Bad Boll Fishing Club



Die ungeklärten Abwässer der Zellstoff- und Papierfabrik in Neustadt und die damit verbundene Wasserverschmutzung führten ab 1905, erst langsam und dann immer schneller, zu einem raschen Rückgang des Fischbestandes der Wutach. Durch die sinkenden Erträge der Wutachfischrei blieben nach und nach die zahlenden Angler aus. Damit wurde der Niedergang von Bad Boll eingeläutet. 1912 zog sich der Fishing Club Limited wieder aus Bad Boll zurück.

Der konservativ-bürgerliche Schwarzwaldverein hatte schon früh die Unterschutzstellung der Wutachschlucht gefordert,
allerdings zumeist mit Natur- und Landschaftsschutzargumenten. Gegen den Widerstand der damaligen Forstbehörden, beschloss der Badische Landtag 1928 einstimmig, die Landesregierung zu beauftragen, ein Naturschutzgebiet Wutach-Gauchachtal zu schaffen. Es war ein früher "Ausgleich" für die durch den Bau des Schluchseewerkes zerstörten Naturlandschaften. Am 26. Juli 1939 erfolgte dann die Unterschutzstellung. Seit der letzten Erweiterung am 16. März 1989 umfasst das Naturschutzgebiet Wutachschlucht 950 Hektar. Trotz Naturschutz wollte Anfang der 1950er Jahre die Schluchseewerk AG die Wutach mit einer 62 Meter hohen Mauer aufstauen. Proteste von Naturschützern, hier ist insbesondere Fritz Hockenjos zu nennen und 185 000 Unterschriften aus der Bevölkerung verhinderten das Wahnsinnsprojekt.

Im Jahr 1972 begann der öffentliche Protest gegen die industrielle Wutachverschmutzung.
Der Zustand der Umwelt in Deutschland war 1972 teilweise entsetzlich und viele Bäche und Flüsse stinkende Kloaken. Es war eine Zeit, in der in Deutschland Kinder durch Luftverschmutzung krank wurden, Asbest-Gefahren wurden verharmlost und der Schweizer Atommüll wurde im Meer versenkt. Es war allerdings auch die Zeit einer erwachenden Umweltbewegung, in der aus „Nur-Naturschutzverbänden“ politische "Umwelt- und Naturschutzorganisationen wurden, wie die 1970 gegründete "Aktion Umweltschutz“, aus der später der BUND-Regionalverband Südlicher Oberrhein wurde.

Aktive der Freiburger Aktion Umweltschutz und des Schwarzwaldvereins demonstrierten
und verteilten 1972 bei einem Fest in Neustadt kritische Infoblätter. Sie verlangen die Abwassererklärung der Papierfabrik in Neustadt und die Beendigung der massiven Wasserverschmutzung der Wutach. Zwei der damals Aktiven waren die Umweltschützer und Paddler Roland Görger und Konrad Jäger, die auch beim Atomprotest in Breisach und Wyhl dabei waren. Konrad Jäger berichtet, dass die damals sehr ungewöhnliche Flugblattverteilung neben Zustimmung teilweise auch viel Ärger und böse Reaktionen auslöste. Nach langem Streit, vielfältigen Aktionen, wirtschaftlichen Verwerfungen und einem Konkurs wurde eine Kläranlage eingebaut, ein erster Erfolg einer damals noch jungen Umweltbewegung in Sachen Wasserreinhaltung. Die alte Papierfabrik war wirtschaftlich nicht erfolgreich und ging 1989 in Konkurs. Durch die Übernahme durch die Felix Schoeller Group konnte das Unternehmen und die Arbeitsplätze gerettet wurden. 105 Millionen Euro hat das Unternehmen seither in Titisee-Neustadt, auch in die Wasserreinhaltung, investiert und produziert Papier-Spezialitäten. Umweltschutz und wirtschaftlicher Erfolg schließen sich nicht aus.

Die Erfolge in Sachen Wasserqualität nicht nur in der Wutach sind beachtlich. Wenn heute Wutach, Rhein und andere Gewässer wieder sauber sind, wenn in Bächen und Flüssen gebadet werden kann, wenn Forellen zurück sind und erste Lachse im Rhein aufsteigen, dann wurden solche Erfolge immer auch erkämpft. Ein Beispiel für diesen Streit war der Konflikt um die letzte Papierfabrik der Region ohne Kläranlage im Jahr 1996(!), der Usine Kaysersberg, gegenüber von Breisach. Mit dem frühen Protest 1972 in Neustadt begannen Veränderungen, die heute, im Zeitalter des Anthropozän, einer Zeit des Überkonsums, der Artenausrottung und der Klimakatastrophe immer noch ganz am Anfang stehen.

Axel Mayer, (Alt-) BUND-Geschäftsführer, Mitwelt am Oberrhein


Umweltgeschichte: Die Wutach im Schwarzwald, die Papierfabrik Neustadt und die erfolgreichen Kämpfe für eine bessere Wasserqualität

(Verein zur Wahrung der Interessen der chemischen Industrie Deutschlands, in: Zeitschrift für angewandte Chemie, 1889, S.497-498f.)
Zitiert nach Zur Geschichte des Gewässerschutzes am Ober- und Hochrhein



  • „1. Eine generelle Behandlung der Abwässerfrage muss als eine Unmöglichkeit bezeichnet werden. Natur und Menge der Abwässer, Wassermengen des Flusses, Strömung, örtliche Lage der Fabrik, Bodenverhältnisse, bisherige Verwendung der Flußwässer u.a.m. werden in jedem einzelnen Falle zu erwägen sein und für den einzelnen Fall die Entscheidung geben müssen.

  • 2. Die Ableitung der Fabrikwässer in die Flüsse ist notwendig und berechtigt. Die Flüsse sind als die natürlichen Ableiter der Abwässer anzusehen und zu benutzen, wobei in jedem einzelnen Falle die Bedingungen zu prüfen und festzustellen sind; insbesondere zu berücksichtigen ist der Einfluß der Wassermenge der Flüsse und Bäche auf die Unschädlichmachung der Abwässer durch Verdünnung, durch chemische Einwirkung, durch vegetabilische und animalische Lebensprozesse.

  • 3. Die Feststellung allgemeiner Grenzwerte des Gehaltes an schädlichen Bestandteilen der Abwässer beim Eintritt in die Flußläufe ist nicht durchführbar, weil solche Grenzwerte jeweils den besonderen Verhältnissen des einzelnen Falles anzupassen sind.

  • 4. Die Entstehung epidemischer Krankheiten durch Fabrikabwässer ist bisher nicht nachgewiesen.

  • 5. Die Industrie erkennt im übrigen grundsätzlich ihre Verpflichtung an, nach Maßgabe der durch Wissenschaft und Praxis gegebenen Mittel Belästigungen durch Abwässer nach Möglichkeit zu vermeiden oder zu vermindern. Gleichzeitig aber ist eine Abwägung der Interessen geboten und bei entgegenstehenden und nicht zu versöhnenden das wirtschaftlich Größere zu schützen.


Kap. 41696. Zur Herbeiführung einer einheitlichen und gleichmäßigen Behandlung von bezüglichen Streitfragen erscheint die Schaffung einer gewerblichen-technischen Reichsbehörde geboten








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  • 3) Im Zweifel ist die -Allgemeine Erklärung der Menschenrechte- immer noch eine gute Quelle zur Orientierung.

Axel Mayer,Mitwelt am Oberrhein

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