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Insektensterben / Schmetterlingssterben / Bienensterben: Was tun?


Insektensterben / Schmetterlingssterben / Bienensterben: Was tun?


Ein kluger, umfassender 9-Punkte-Plan gegen das Insektensterben wurde am 19.10.2018 von WissenschaftlerInnen in Stuttgart veröffentlicht.

NEUN‐PUNKTE‐PLAN GEGEN DAS INSEKTENSTERBEN –
DIE PERSPEKTIVE DER WISSENSCHAFT



Insekten sind weltweit die artenreichste Tiergruppe und für die Funktion von Ökosystemen unerlässlich. Der dramatische Rückgang der Insekten hat in Mitteleuropa inzwischen alarmierende Ausmaße erreicht. Er ist Anzeichen einer globalen Biodiversitätskrise, die sich bereits seit Jahrzehnten abgezeichnet hat und die unabsehbare ökonomische und ökologische Folgen haben wird. Auf dem ersten Internationalen Insektenschutzsymposium am Naturkundemuseum Stuttgart am 19. Oktober 2018 wurden die Gründe für den Rückgang der Insekten aufgrund neuester Forschungsergebnisse diskutiert. Ziel der Tagung war es, konkrete Lösungsvorschläge und Empfehlungen für die Politik zu erarbeiten.
Wir, die Vortragenden des Internationalen Insektenschutzsymposiums, begrüßen die kürzlich vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit gemachten Diskussionsvorschläge für ein „Aktionsprogramm Insektenschutz“ der Bundesregierung. Als besonders wesentlich betrachten wir folgende Maßnahmen, mit denen sich aus unserer Sicht die Ursachen des Insektensterbens effektiv bekämpfen ließen. Für die Umsetzung dieser Maßnahmen ist eine enge Zusammenarbeit aller beteiligten Akteure aus Politik, Industrie, Landwirtschaft, Naturschutz, Wissenschaft und Gesellschaft erforderlich. Anstatt gegenseitiger Zuweisungen der Verantwortung, bedarf es jetzt eines gemeinsamen gesellschaftlichen Kraftaktes, um eine der größten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu bewältigen.



1. Einschränkung des Pestizideinsatzes in der Landwirtschaft


    a) Die Zulassungsverfahren für Pestizide sollten dringend geändert werden. Die Beurteilung der
    Toxizität von Pflanzenschutzmitteln muss ergänzt werden durch eine Bewertung der nicht
    tödlichen Schädigung. Die bisher verwendeten Kriterien (z.B. LD50) sind unzureichend und
    irreführend. Die „ökologischen Kollateralschäden“ müssen in die Beurteilung der
    schädigenden Wirkung von Insektiziden einbezogen werden, wobei das Vorsorgeprinzip nicht
    nur auf Menschen und Nutztiere, sondern auch auf die belebte und unbelebte natürliche
    Umwelt angewandt werden muss. Dringend nötig ist auch eine bessere Erforschung und
    Risikobewertung der Auswirkungen, die der kombinierte Einsatz mehrerer Pestizide mit sich
    bringt.

    b) Das Pflanzenschutzgesetz sollte dahin gehend geändert werden, dass jeglicher vorbeugender
    Pflanzenschutz verboten wird, insbesondere das Beizen von Samen und das vorsorgliche
    Spritzen, noch bevor ein Befall mit Schadinsekten nachgewiesen wurde.

    c) Neonikotinoide und Pestizide, welche auf dem gleichen Wirkprinzip beruhen, sollten im
    Freiland vollständig verboten werden. Der Einsatz aller anderen chemischen
    Pflanzenschutzmittel sollte auf höchstens 20% des bisherigen Einsatzes reduziert werden.

    d) Totalherbizide wie Glyphosat sollten in Schutzgebieten, Pufferzonen, Biotopverbundkorridoren
    und öffentlichen wie privaten Grünflächen umgehend vollständig verboten
    werden, da sie die Grundlage für artenreiche Nahrungsnetze beseitigen. Auf allen anderen
    Flächen sollte die Verwendung von Glyphosat schrittweise innerhalb der nächsten fünf Jahre
    eingestellt werden.


2. Extensivierung der Landwirtschaft


    a) Die EU‐Agrarsubventionierungen sind dahingehend zu ändern, dass Direktzahlungen an
    ökologische Leistungen gekoppelt werden.

    b) Die Anzahl von Brachflächen sollte dringend erhöht werden. Um den Rückgang der Insekten
    vor allem in der Fläche zu bekämpfen, wäre es sinnvoll, in Gebieten mit besonders intensiver
    Landwirtschaft strategisch Flächen auszuwählen, die der Natur zurückgegeben werden.

    c) Der Anteil der landwirtschaftlichen Flächen, die ökologisch bewirtschaftet werden, sollte nicht
    erst 2030 (wie von der Bundesregierung angestrebt), sondern so schnell wie möglich auf
    mindestens 20 % erhöht werden. Die Umstellung auf ökologische Bewirtschaftung sollte
    prioritär in Schutzgebieten, Pufferzonen und Biotopverbundkorridoren vorangetrieben
    werden.

    d) Die Kriterien für ökologische Vorrangflächen (ÖVF) müssen dringend hinsichtlich ihrer
    Naturschutzrelevanz überprüft und angepasst werden. Der Anteil ökologischer Vorrangflächen
    sollte von 5% auf 10‐20% erhöht werden.

    e) Nährstoffüberschüsse in der Landschaft müssen wirksam begrenzt werden. Dazu ist auf die
    Einhaltung einer bedarfsgerechten Düngung zu bestehen. Verstöße gegen die novellierte
    Düngeverordnung sollten sanktioniert werden.

    f) Kleinere Felder mit strukturreichen Feldrändern und Hecken sollten stärker subventioniert
    werden. Zudem braucht es eine verbesserte Landschaftsplanung, um Biotopverbundkorridore
    mit allen lokal sinnvollen Maßnahmen der Vernetzung zu gestalten. Ökologische Maßnahmen
    sollten vorrangig in bereits strukturarmen/ausgeräumten Landschaften durchgeführt werden.


3. Erhöhung der Artenvielfalt des Grünlands


    a) Der weitere Rückgang der Grünlandflächen, die z.Zt. noch ca. 30 % der landwirtschaftlich
    genutzten Flächen ausmacht, muss umgehend gestoppt werden.

    b) Für die Entstehung vielfältiger Insekten‐ und Pflanzengemeinschaften im Grünland ist die
    Einführung insektenfreundlicher Mähweisen und –methoden eine Grundvoraussetzung. Dazu
    zählt die Einhaltung einer "10‐10‐Regel", d.h. Stehenlassen von 10% des Wiesenbestandes
    (auch über den Winter) sowie Einhaltung einer Mahdhöhe von mindestens 10 cm. Die sich
    daraus ergebenden wirtschaftlichen Einbußen sind finanziell zu kompensieren.

    c) Der Einsatz von Mulchgeräten und Mähaufbereitern gehört auf ein absolutes Minimum
    reduziert.



4. Pflege von Naturschutzgebieten


    a) Habitatansprüche von Insekten und anderen Wirbellosen sollten im Pflegemanagement von
    Naturschutzgebieten berücksichtigt werden. Dazu gehören auch eine insektenfreundlichere
    Mahd (s. Punkt 3) unter Einbeziehung von Fachwissenschaftlern.

    b) Der Etat der zuständigen Naturschutzbehörden muss dringend erhöht werden, um Pflege‐ und
    Bewirtschaftungsmodelle in den Schutzgebietsflächen zu ermöglichen, die optimal auf den
    Erhalt der lokalen Artenvielfalt ausgerichtet sind und viel stärker die Besonderheiten der
    lokalen Diversität berücksichtigen.

    c) Jegliche Form der Landnutzung (z.B. von Ackerflächen) muss angemessen in den Pflege‐ und
    Bewirtschaftungssystemen der Schutzgebiete integriert sein. Zielkonzeptionen aus der Sicht
    des Biodiversitätsschutzes sollten für unterschiedliche Nutzungstypen klar definiert werden.

    d) Der Einsatz von Pestiziden sollte in Naturschutzgebieten untersagt sein. Um den Pestizideintrag
    zu minimieren, sollten zwischen Naturschutzgebieten und angrenzenden Ackerflächen
    angemessene Pufferzonen eingerichtet werden.

    e) Durch gezielten Ankauf von Flächen sollte die Zahl von Schutzgebieten und damit der Anteil
    der unter Naturschutz stehenden Gesamtfläche dringend erhöht werden.



5. Mehr Natur im öffentlichen Raum


    a) Insektenfreundliche Management‐Konzepte sollten umgehend auf öffentlichen Grünflächen
    umgesetzt werden. Diese sollten auch auf den gewerblichen und privaten Bereich ausgedehnt
    werden.

    b) Bei Bepflanzungen sollte gerade in Städten und Gemeinden statt exotischer Pflanzen (z.B.
    Forsythien, Thuja und Kirschlorbeer) konsequent heimische, im Idealfall nektarreiche Pflanzen
    eingesetzt werden. Die hierzu notwendigen Mittel sollten aus neuaufzulegenden
    Biodiversitätsprogrammen kommen. Anstatt „Mehr Grün in der Stadt“ braucht es „Mehr
    heimische Blütenpflanzen in der Stadt“.

    c) Großflächige Umstellung des Mähregimes öffentlicher Grünflächen im städtischen und
    ländlichen Raum von einem Kurzrasen‐Management auf ein extensives Wiesenmanagement
    mit maximal zwei Mahden pro Jahr unter Abräumung des Mähguts erst nach einigen Tagen.
    Wiesen im öffentlichen Raum sollten unter Verwendung regionaltypischen einheimischen
    Saatguts neu angelegt werden.

    d) Im Straßenbau sollten insektenfreundliche Straßenränder unter Verwendung autochthonen
    Saatguts und Einhaltung eines extensiven Mähregimes angelegt werden.



6. Lichtverschmutzung


    Licht mit hohem Blauanteil zieht viele Insekten aus dem Naturraum an, mit einem negativen
    "Staubsauger"‐Effekt für das Ökosystem. Daher ist der Einsatz von LED Straßenleuchten aus
    ökologischer und ökonomischer Sicht zu begrüßen. Statt der häufig von den Kommunen
    getroffenen Entscheidungen für eine Farbtemperatur von 4000 Kelvin (neutralweißes Licht)
    sollten jedoch LED‐Straßenlampen mit einer Farbtemperatur von maximal 3000 Kelvin
    eingesetzt werden. Diese Farbtemperatur zieht nachweislich weniger nachtaktive Insekten an.
    Eine ausreichende Helligkeit, um der Verkehrssicherungspflicht nachzukommen, kann mit
    2800 – 3000 Kelvin ebenso erreicht werden



7. Forschungs‐ und Bildungsoffensive


    a) Der Kenntnisstand zur Biodiversität der Insekten in Deutschland ist alarmierend gering und
    muss dringend ausgebaut werden. Nur für etwa ein Drittel der Arten existieren
    Gefährdungsbewertungen, für den überwiegenden Teil der Arten fehlen Grundlagendaten zur
    Lebensweise, Verbreitung sowie zu ihren Funktionen in den lokalen Artengemeinschaften.

    b) Deutschland braucht eine Taxonomie‐Offensive zur Erforschung und Dokumentation der
    Artenvielfalt mit neuen Stellen an Naturkundemuseen und Universitäten. Die taxonomische
    und faunistische Expertise von freiberuflichen Feldbiologen aber auch Amateurentomologen
    sollte ebenfalls erhalten und ausgebaut werden. Nur so kann der weitere Verlust an
    biologischem Grundlagenwissen und der Rückgang gut ausgebildeter Artenkenner verhindert
    werden.

    c) Anstatt das Fach Biologie in Schulen weiter einzuschränken, sollten wieder verstärkt Artenkenntnis,
    Verständnis für ökologische Zusammenhänge und die Bedeutung von Biodiversität
    vermittelt werden.

    d) Ein langfristiges und flächendeckendes Insekten‐Monitoring muss Hoheitsaufgabe der
    Bundesländer werden und als Grundlage für zukünftige Naturschutzmaßnahmen dienen.
    Untersuchungen sollten nicht nur auf einzelne Indikatorgruppen begrenzt sein, sondern
    möglichst viele Arten mit unterschiedlichen ökologischen Funktionen berücksichtigen.

    e) Naturkundliche Sammlungen werden als Archive des Lebens zukünftig eine zunehmende
    Bedeutung für die moderne Biodiversitätsforschung und für Monitoring‐Projekte haben. Ihnen
    sollten für den weiteren Ausbau und den Erhalt ausreichend finanzielle und personelle Mittel
    zur Verfügung gestellt werden.



8. Förderung von Wildbestäubern


    a) Für hochgradig gefährdete Wildbienen sollte entsprechend der Gefährdungskategorien
    RL 0, 1, 2, G und R ein strengerer Schutzstatus in der Bundesartenschutzverordnung eingeführt
    werden, damit diese bei Eingriffs‐ und Landschaftsplanungen obligatorisch berücksichtigt
    werden.

    b) Trotz ihrer Schlüsselfunktion wurden Wildbienen nicht in die FFH‐Richtlinie (Council Directive
    92/43/EEC) aufgenommen. Daher sollten zumindest Arten, die europaweit als gefährdet
    gelten, in der EU geschützt werden.

    c) Bei der Zucht und der kommerziellen Vermarktung von Honigbienen, Hummeln und anderen
    Bienenarten als Bestäuber sollten strengere Hygienemaßnahmen durchgeführt werden, um
    eine Übertragung von Krankheiten auf Wildbienen und andere Insekten zu vermeiden.

    d) Initiativen zur Förderung von Honigbienen eignen sich nicht als Naturschutzmaßnahmen, da
    sie vor allem bei knappem Blütenangebot zu Nahrungskonkurrenz mit Wildbestäubern führen
    können. Spezifische Maßnahmen für Wildbienen sind zwingend.

    e) Für Honigbienenvölker sollte abhängig vom Lebensraum eine ökologisch vertretbare
    Höchstzahl festgesetzt werden. Honigbienenhaltung darf innerhalb von Naturschutzgebieten
    und angrenzenden Pufferzonen nicht mehr erlaubt sein.



9. Öffentlichkeitsarbeit


    a) Jede/r Einzelne kann und sollte dazu beitragen, einen weiteren Rückgang von Insekten zu
    verhindern. Hierzu ist jedoch ein neues Bewusstsein nötig, welches die Vielfalt an Pflanzen und
    Tieren auch in Wohngebieten und öffentlichen Grünanlagen als einen Wert an sich begreift.

    b) Monotone Rasenflächen oder mit Kies versiegelte Gärten und Grünanlagen sollten nicht als
    „aufgeräumt“ angesehen, sondern als Problem der weiteren ökologischen Verarmung unserer
    Städte und Gemeinden identifiziert werden. Sich selbst überlassene ausgewählte Flächen in
    Parks und Privatgärten stellen wichtige Naturerlebnisräume für die Stadtbevölkerung,
    insbesondere mobilitätseingeschränkte Gruppen dar.

    c) Um ein langfristiges Umdenken in der breiten Bevölkerung einzuleiten, müssen wir bei den
    Jüngsten beginnen. Gezielte Fortbildungen von Lehrer/innen und Erzieher/innen könnten z.B.
    ein Weg sein, um das Thema verstärkt in die Schulen zu tragen und die Aufmerksamkeit von
    Kindern weg von ihrem Smartphone und hin zu dem, was da am Wegesrand krabbelt, zu
    lenken.





Verfasser

Dr. Lars Krogmann (Staatliches Museum für Naturkunde Stuttgart)
Prof. Dr. Oliver Betz (Universität Tübingen)
Dr. Jonas Geldmann (University of Cambridge)
Prof. Dr. Dave Goulson (University of Sussex)
Prof. Dr. Randolf Menzel (Freie Universität Berlin)
Dr. Uwe Riecken (Bundesamt für Naturschutz)
Prof. Dr. Joachim Ruther (Universität Regensburg)
Hans Richard Schwenninger (Arbeitskreis Wildbienen Kataster)
Dr. Martin Sorg (Entomologischer Verein Krefeld)
Prof. Dr. Johannes Steidle (Universität Hohenheim)
Prof. Dr. Teja Tscharntke (Georg‐August‐Universität Göttingen)
Prof. Dr. Wolfgang Wägele (Zoologisches Forschungsmuseum Alexander König)

Stuttgart, 19.10.2018






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Dieser Artikel wurde 169 mal gelesen und am 30.10.2018 zuletzt geändert.