Lore Haag (Weisweil) ist tot / Wyhl- und Marckolsheim Aktivistin / 7.3.2004
Veröffentlicht am 29.01.2025 in der Kategorie Sonstiges von Axel Mayer

Lore Haag (Weisweil) ist tot / AKW-Wyhl- und Bleiwerk-Marckolsheim Aktivistin / 7.3.2004
Lore Haag lebte in Weisweil, in der Nähe des Kaiserstuhls, in ihrem Elternhaus. Nach dem frühen Tod ihres Mannes musste sie die Familie allein durchbringen. Sie engagierte sich beim Deutschen Roten Kreuz, machte Lehrgänge zur Übungsleiterin für Behindertensport, wurde Gesundheitsberaterin und besuchte eine Heilpraktikerschule. Außerdem saß sie im Gemeinderat und wurde im Naturschutz aktiv. Ein wichtiges Kapitel in Lore Haags Leben war der Widerstand gegen den Bau des Atomkraftwerks Wyhl. Zusammen mit Menschen aus der Region hat sie in den 70er Jahren diesen Kraftwerksbau verhindert. In ihrer Küche wurden Atomkraftgegner aus Nah und Fern bewirtet, wurden Versammlungen abgehalten und Flugblätter gedruckt. Zum 25-jährigen Jubiläum der Demonstrationen von Wyhl wurde Lore Haag, stellvertretend für alle AtomkraftgegnerInnen, in Stuttgart geehrt.
Badisch - Elsässische Bürgerinitiativen
BUND Regionalverband Südlicher Oberrhein
Die Badisch - Elsässischen Bürgerinitiativen, der BUND, der Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz und die Umweltbewegung am Oberrhein haben eine unersetzbare Mitstreiterin verloren.
Am Sonntag den 7.3.04 ist Lore Haag gestorben. Drei Jahrzehnte lang hat sie die Geschäftsstelle der Badisch Elsässischen Bürgerinitiativen in Weisweil geleitet und sich für Mensch, Natur, Umwelt und gegen die Gefahren der Atomenergie eingesetzt. Sie war Mitbegründerin der Aktion Umweltschutz und gehört so zu den Gründermüttern des heutigen BUND Regionalverband / Aktion Umweltschutz. Jahrelang war sie im Vorstand des Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz aktiv.
Sie gehörte nie zu den "lauten" Sprechern die häufig im Vordergrund solcher Bewegungen stehen und war doch für die Bürgerinitiativen unersetzlich. Ihre kontinuierliche, stille, und doch unglaublich wichtige Arbeit lief eher unbemerkt im Hintergrund. Ihr Engagement, ihre Kontakte am Kaiserstuhl und in der Welt waren wichtig für die Kontinuität und den Erfolg der Bürgerinitiativen in Sachen Marckolsheim und Wyhl.
Die 1927 in Weisweil geborene, früh verwitwete Mutter von vier Söhnen hat im Landwirtschaftsamt gearbeitet und sich auch ansonsten ehrenamtlich in ihrer Heimatgemeinde engagiert. Dies alles in einem Leben unter einen Hut zu bekommen, war nicht einfach.
Ihr Engagement wurde in den letzten Jahren auch überregional gewürdigt. So wurde sie mit dem Orden der Stiftung "Holy Human Leben" bedacht und http://www.51-prozent.de/ findet sich ihr umfangreicher Lebenslauf bei den 51 "spannenden Frauen" die in den letzten 50 Jahren in Baden Württemberg gelebt haben.
In den anstehenden Auseinandersetzungen um die alternden Atomreaktoren in Fessenheim und gegen die dort drohenden neuen EDF / EnBW Euroreaktoren werden wir sie vermissen.
Für die Badisch - Elsässischen Bürgerinitiativen
Heinz Siefritz
Für den BUND Regionalverband
Axel Mayer
Ältere Texte zu Lore Haag
DIE MUTTER COURAGE VOM KAISERSTUHL
Dokumentation von Reinhild Dettmer-Finke, 2000, 30 Min., SWR
Am 24. März 2000 wird die 73 jährige Lore Haag im Haus der Wirtschaft in Stuttgart der "Orden für Zivilcourage" überreicht. Mit dem jährlich ausgelobten Orden wird sie für ihr jahrelanges Engagement im Kampf gegen die Atomkraft geehrt, denn sie gehörte zu den Hauptakteuren der Badisch-Elsässischen Bürgerinitiativen. Menschen wie Lore Haag ist es zu verdanken, dass damals das Kernkraftwerk in Wyhl nicht gebaut wurde und dass ausgehend von Wyhl eine ganze Region politisiert wurde, ja, bundesweit und länderübergreifend eine Umweltbewegung entstand. Wyhl ist bis heute ein Symbol für Widerstand gegen fortschrittsgläubige Energiepolitik, für politisches Engagement von Bürgern und für die Wiederentdeckung des Regionalen.
Ausgehend von der Ehrung stellt der Film Lore Haag vor, die sich jahrelang mit so viel persönlichem Engagement, Zeitaufwand und auch finanziellen Opfern in den Dienst der Allgemeinheit gestellt hat. Er fragt nach ihren Motiven, den schönen Erfahrungen, aber auch den Sorgen . Immerhin hat die früh verwitwete Frau vier Söhne alleine großgezogen, nebenbei noch Geld als Sekretärin verdient und eine Ausbildung zur Gymnastiklehrerin gemacht.
Heute lebt Lore Haag allein in ihrem ehemaligen Elternhaus in Weisweil, pflegt über 200 Apfelbäume - alles alte Sorten -, versorgt die eigenen Hühner, experimentiert mit Heilpflanzen, liest viel, kocht gerne und hält weiterhin regen Kontakt zu den alten Kämpen aus der Bürgerinitiative , mit denen sie im Februar ein Fest zum 25. Jahrestag der Wyhler Platzbesetzung ausgerichtet hat.
Kleine Ergänzung:
In einer Rede am 19. November 2010 auf dem Bundesparteitag von Bündnis 90 / Die Grünen beschrieb Walter Mossmann erfrischend realistisch die Wyhler Besetzer und Besetzerinnen. Eine der damals Aktiven war Lore Haag.
"Was neu war: Auf den besetzten Plätzen in Marckolsheim, Wyhl oder Kaiseraugst trafen sich nicht mehr nur die üblichen Verdächtigen aus der linken Szene, auf die sich Polizei und Justiz längst eingeschossen hatten, vielmehr kamen dort Leute zusammen, die eigentlich gar nicht zusammen gehörten, deshalb ging es ja auch in Wyhl viel lustiger zu als bei den Parteimeetings der Moskau- oder der Peking-Kommunisten. Im Freundschaftshaus auf dem besetzten Platz in Wyhl trafen Winzergenossen und katholische Landfrauen auf eine Jugendgruppe der IG Metall aus NRW oder auf die Stuttgarter Gewerkschaftsopposition bei Daimler ("Plakatgruppe") mit Willi Hoss und Peter Grohmann, es trafen sich evangelische Pfadfinderinnen aus Heidelberg mit bündischen Jungs aus Hamburg und Grauen Panthern aus Westberlin, es kamen denkende Sozialdemokraten, die sich gerade mit Erhard Eppler gegen den Atompolitiker Helmut Schmidt aufrichteten, es kamen die Religiösen von den Anthroposophen bis zu den Zen-Buddhisten, dazwischen Linkskatholiken, Pfingstler, Basisgemeinden, orthodoxe Russen, reformierte Juden, laizistische Iraner, synchretistische und tolerante Brasilianerinnen, es kamen deutsche Männergesangsvereine, französische Feministinnen, geoutete Schwule, heimliche Heteros, Spontis, Maoisten, Trotzkisten, Anarchisten, Ornithologen, Vegetarier, Verteidiger des SED-Regimes, die absurderweise auf volkseigene Atomkraftwerke vom Typ Tschernobyl setzten, es kamen Leute vom Schwarzwaldverein, von den Vosges Trotter Colmar, von der Skizunft Brend, es kamen Pazifisten, Reserveoffiziere und die Schnapsnasen aus Webers Weinstuben, es kamen alte Leute, die ihre Ideen vom Naturschutz aus der nationalsozialistischen Erziehung mitbrachten, es kamen kritische Architekten, Mediziner, Pädagogen, Journalisten, frustrierte Orchestermusiker, grübelnde Polizisten, und sie trafen auf den Apotheker vom Kaiserstuhl, den Schmied, den Schreiner, die Ärztin, die Chemikerin, den Müller, den Fischereimeister, den Tabakbauer, die Winzerinnen, die Lehrer, die Pfarrer, und sie trafenWerner Mildebrath, den Elektriker aus Sasbach, der schon 1975/76 den Leuten seine Sonnenkollektoren aufs Dach setzte, denn die Bürgerinitiativen arbeiteten schon damals an erneuerbaren Energien, und sie organisierten 1976 die Sonnentage von Sasbach, als die Stuttgarter Regierung noch einfältig und doktrinär an das Perpetuum Mobile namens Atomkraft glaubte."
Protest & Bauplatzbesetzung: Wyhl, Kaiseraugust, Marckolsheim, Gerstheim
Links: Protest & Bauplatzbesetzungen vor 5 Jahrzehnten in Wyhl, Kaiseraugust, Marckolsheim, Gerstheim, Breisach, Schwörstadt ...
- 50 Jahre - Kein AKW in Wyhl: Rückblick auf den Erfolg im Wyhler Wald
- Kein AKW in Wyhl, kein Bleiwerk in Marckolsheim! Ein Rückblick von Axel Mayer auf YouTube
- Umweltgeschichte, Regionalgeschichte & Geschichte am Oberrhein in Südbaden, Elsass und Nordschweiz
- Kein Bleiwerk in Marckolsheim: Die frühen Kämpfe für Luftreinhaltung und der Anfang der Klimaschutzbewegung
- Keine AKW in
-Gerstheim (F),
-Breisach,
-Schwörstadt,
-Kaiseraugst (CH)
-und keine keine Brennelementefabrik in Heitersheim- Die Lehren der Industrie aus dem Wyhl-Debakel: PR, Propaganda & Greenwash
- Volkshochschule Wyhler Wald: Lernen & Widerstand
- Erklärung der 21 Bürgerinitiativen an die badisch-elsässische Bevölkerung
- Hans Filbinger und das Atomkraftwerk Wyhl
- Wyhl-Plakate: Eine umfangreiche Sammlung von Protest-Plakaten
- Sonnentage in Sasbach: Die frühen Kämpfe für die zukunftsfähigen Energien
- Am 29.5.15 gestorben: Walter Mossmann
- Chronik des Fessenheim-Protestes
- Mastbesetzung in Heiteren
- Werner Mildebrath: Solarpionier, Tüftler und Aktivist am 18.9.2020 verstorben

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- 3) Im Zweifel, gerade in Kriegszeiten, ist die -Allgemeine Erklärung der Menschenrechte- immer noch eine gute Quelle zur Orientierung.
Axel Mayer Mitwelt Stiftung Oberrhein
Mit Zorn und Zärtlichkeit auf Seiten von Mensch, Natur, Umwelt & Gerechtigkeit.
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