Atommüll-Info Schweiz & NAGRA: Risiko für eine Million Jahre


Veröffentlicht am 06.01.2021 in der Kategorie Atomkraft von Axel Mayer

Atommüll-Info Schweiz & NAGRA: Risiko für eine Million Jahre



Atommüll Schweiz


Von 1969 bis 1982 hat die Schweiz 5321 Tonnen Atommüll im Nordatlantik versenkt, ein Umweltverbrechen das von Politik und Medien erst mit der "üblichen Verspätung" kritisiert wurde. Die Verantwortlichen wurden nie bestraft. Jetzt soll der Schweizer Atommüll in einer im internationalen Vergleich sehr dünnen Schicht Opalinuston vergraben werden. Wir sind nicht in der Lage "Atommüll zu denken". Müll der eine Million Jahre strahlt und 33.000 Generationen gefährdet.


Der weltbekannte Rheinfall bei Schaffhausen entstand vor ca. 14 000 - 17 000 Jahren während der letzten Eiszeit. In der Nähe des kleinen Schweizer Dorfs Benken, nahe am Rheinfall gelegen, könnte das Schweizer Endlager für hochradioaktiven Atommüll entstehen. Dieses Lager soll die gefährlichsten Gifte der Menschheit für mindestens eine Million Jahre sicher aufbewahren. Die Frage der Sicherheit oder Unsicherheit eines solchen Atommülllagers betrifft nicht nur die Anwohner in einem kleinen Radius um den Rheinfall, sondern alle Menschen der Region und insbesondere die vielen Millionen Menschen rheinabwärts, die ihr Trinkwasser aus dem Uferfiltrat des Rheins beziehen.

Woher kommt der hochradioaktive Atommüll der Schweiz?
Hochradioaktiver Müll entsteht insbesondere in Atomkraftwerken. Wenn man den bisherigen Angaben der Nationalen Genossenschaft zur Lagerung radioaktiver Abfälle (NAGRA) glauben kann (?), soll hauptsächlich der Müll aus den 5 Schweizer AKWs ins Endlager. Die Brennelemente der Atomanlagen in Leibstadt,Beznau,Gösgen und Mühleberg wurden bisher in Cap la Hague und Sellafield "wiederaufbereitet". Zusätzlich zu den gefährlichen Atomtransporten kam es durch die dortigen Wiederaufarbeitungsanlagen zu einer radioaktiven Vergiftung des Meeres und der Luft. Der dort anfallende, stark radioaktive Müll kommt in ein großes, grenznahes Zwischenlager in Würenlingen. Dort muss er zumindest 40 Jahre abkühlen, bevor er auch nur annähernd "endlagerfähig" ist. Da die "legale" Meeresvergiftung durch die Wiederaufarbeitungsanlagen immer mehr auf Widerstand stößt und da die Aufarbeitung immer teurer wird, könnten in Zukunft auch die Brennstäbe nach einer Zwischenlagerung direkt endgelagert werden.

Zumindest die unglaubliche "Versenkung" von Atommüll im Meer hat die Schweiz eingestellt. Von 1969 bis 1982 wurde Atommüll aus der Schweiz in 7420 Behältern mit einem Gewicht von 5321 Tonnen im Atlantik "entsorgt" und diese unsägliche Praxis wurde ähnlich verteidigt, wie die aktuellen Atommüllpläne am Hochrhein.

Wie gefährlich ist der Schweizer Atommüll?
In einem AKW entsteht in einem Jahr pro Megawatt Leistung ca. die kurz- und langlebige Radioaktivität einer Hiroshimabombe. Das heißt: Allein im AKW Leibstadt entsteht jährlich die Radioaktivität von ca. 1100 Hiroshimabomben. Ein Teil dieser Radioaktivität zerfällt nach relativ kurzer Zeit. Manche radioaktiven Abfälle zerfallen innerhalb weniger Jahre z.B. Krypton-85: Halbwertszeit 10,76 Jahre. Wogegen andere radioaktive Gifte extrem lange Halbwertszeiten aufweisen: z.B. Jod-129: Halbwertszeit 17000000 Jahre. Ins Endlager kommt ein "Cocktail" aus vielen verschiedenen radioaktiven Abfallstoffen. Ein atomares Endlager muss also Sicherheit über viele Halbwertszeiten geben, über Zeiträume, die unser Vorstellungsvermögen sprengen. Es fällt schwer, sich die Gefahren und Gefährdungszeiträume von Atommüll vorzustellen.


Plutonium und der Pharao


Wenn der bekannte ägyptische Pharao Cheops vor 4550 Jahren nicht die berühmte Pyramide gebaut, sondern ein AKW 4 Jahre lang betrieben hätte, dann wären neben vielen anderen Abfällen ca. 1000kg Plutonium zusammengekommen. Bei einer Halbwertszeit von 24110 Jahren (Plutonium 239) wären heute noch ca. 877kg vorhanden. Nach 10 Halbwertszeiten, also nach 241100 Jahren, müssten immer noch ca. 0,1% der Ausgangsmenge, also 1kg Plutonium dauerhaft sicher gelagert werden. Mit der schon im Normalbetrieb gefährlichen Nutzung der Atomenergie (Harrisburg, Tschernobyl, Fukushima) hat die Atomindustrie weltweit ein unglaubliches Gefahrenpotential für die nachfolgenden Generationen geschaffen.


Der giftigste Stoff der Welt
Plutonium - sinnigerweise benannt nach Pluto, dem griechischen Gott des Totenreiches - ist der giftigste Stoff, den es gibt. Seine kurzreichende Alpha-Strahlung reißt gewissermassen tiefe Schneisen in jedes lebende Gewebe und zerstört es. Dabei kann es nur schwer oder gar nicht ausgeschieden werden, es setzt sich fest, reichert sich sogar an, die Strahlung ist bei einer Halbwertszeit von 24000 Jahren faktisch dauerhaft vorhanden. Bereits wenige Millionstel Gramm (Mikrogramm) können sofort, sogar nur etliche Milliardstel Gramm (Nanogramm) langfristig tödlich wirken ... " Zitat: Frankfurter Rundschau

Atommüll in die Alpen?
Beim Gedanken an ein sicheres Endlager in der Schweiz denken die meisten Menschen zuerst an die Alpen. Aber die Alpen sind ein geologisch sehr junges Gebirge, das jährlich immer noch um einige Millimeter wächst. Ein solch junges Gebirge hat Risse, Klüfte und Spalten und kommt für ein atomares Endlager für langlebige hochradioaktive Spaltprodukte nicht in Frage.

Oder nach Benken?
Darum war ein Endlager in tiefen Granitschichten, überdeckt von Sedimenten als zweite Sicherheitsbarriere, das ursprüngliche Konzept der NAGRA. Doch fand sich in der Schweiz, trotz intensiver, teurer Suche, keine geeignete Granitformation im Untergrund. Und dann erlebten die Umweltschützer auf beiden Seiten des Hochrheins, wie die NAGRA, nach dem Scheitern der Endlagerpläne im Granit, ein neues Endlagermedium als ideale Endlagerstätte ins Gespräch brachte. Aus dem ursprünglich geplanten Endlager im Granit wurde über Nacht die Endlagervariante Sediment. Ein Endlager für die gefährlichsten Gifte der Menschheit soll jetzt auch im Sedimentgestein (Opalinuston) möglich sein.


Atommüll Schweiz in einer extrem dünnen Schicht Opalinuston?


Bei der NAGRA bestimmt das Gestein das Bewusstsein.
Im Untergrund von Benken gibt es zwischen 400 und 900 Meter Tiefe eine nur ca. 105 - 125 Meter dicke (dünne!?) Schicht Opalinuston, die den Atommüll aufnehmen soll. Diese Schicht ist im internationalen Vergleich extrem dünn.

Offene Fragen
Wer kann beurteilen, wie sicher der Untergrund von Benken für eine Million Jahre ist? Was passiert, wenn durch die Wärmeabgabe des Atommülls der Opalinuston trocknet und sich Risse bilden? Das von Ingenieuren, Technikern und Politikern für hunderttausende von Jahren absolut sicher gehaltene atomare Endlager in Morsleben droht bereits wenige Jahrzehnte nach der Inbetriebnahme zusammenzustürzen. Wem kann die Bevölkerung am Hochrhein glauben? Den teueren, psychologisch geschickten Werbekampagnen und den Ingenieuren der NAGRA? Und wo geht bei Prognosen über derart lange Zeiträume Ingenieurwissen in Glauben und Hoffnung über? Viele Schweizer Politiker hoffen im ruhigen Züricher Weinland auf einen geringeren Widerstand und eine geduldigere Bevölkerung als beispielsweise in Ollon. Dort in der französischsprachigen Schweiz lassen sich die Menschen in Sachen leicht- und mittelaktiver Atommüll nicht alles gefallen. Und die deutschen Nachbarn bekommen sowieso nur die Illusion von Beteiligung.

"Die ganze Entsorgung basiert auf Zeitplänen, die nie realistisch waren und nie eingehalten wurden. 1978/79 hat die Nagra zum Beispiel geschrieben, dass das Endlager für hochaktive Abfälle 1990 in Betrieb gehen und zwei Milliarden Franken kosten würde. Heute geht die Nagra davon aus, dass das Hochaktivlager 2060 in Betrieb geht. Offiziell soll die gesamte Entsorgung 25  Milliarden kosten. Es ist aber wahrscheinlich, dass es um ein Vielfaches teurer wird. Die Nagra hat schon mehr als eine Milliarde in den Sand gesetzt, aber niemand spricht darüber."
Zitat: Marcos Buser, Geologe, ehemaliges Mitglied Kommission für nukleare Sicherheit



Gefahren für Anwohner und Rheinanlieger
Gefahren bringt ein Atomlager auf jeden Fall. Die Atommülltransporte nach Benken und die konkrete Einlagerung wären unfallgefährdet und jeder Castortransport wäre ein ideales Angriffsziel für Terroristen. Unfallmöglichkeiten gibt es bei der Einlagerung der Abfälle, und ein schwerer Unfall heißt bei Plutonium und anderen radioaktiven Stoffen immer auch Katastrophe und langfristige Räumung von grossen Gebieten. Ein undichtes Endlager am Rheinfall könnte das Grundwasser vor Ort, aber auch den Rhein als Trinkwasserquelle von Millionen Europäern gefährden.

Wohin mit dem Atommüll?
Da haben die Atomindustrie und ihre Paten in der Politik (nicht nur in der Schweiz!) uns und den nachfolgenden Generationen ein schier unlösbares Problem beschert. Gute und einfache Lösungen gibt es nicht. Da gibt es gefährliche Utopien ("ab in die Sonne") und kluge Überlegungen ("Hütekonzept"). Da setzen die einen auf Salzstöcke und andere auf Granit. Marcel Burri beschreibt ein altes Diskussionspapier der atomenergiefreundlichen US Atomic Energy Commission. Diese hatte die geologischen Bedingungen an ein Endlager für hochradioaktive Stoffe folgendermaßen beschrieben:

Vergleichen Sie bitte selbst einmal die geologische und geographische Situation am Hochrhein mit diesen Anforderungen. Für ein solches Endlager müssten alle Bedingungen erfüllt sein. In Benken trifft keine einzige dieser Bedingungen zu.

Überlegungen und Diskussionsvorschläge


Und die Schweiz?
Die Schweiz erscheint aufgrund der Grösse und der geologischen Gegebenheiten (junge Gebirge, keine massive Granitscholle, ....) zu klein und zu ungeeignet für ein derartiges Endlager für hochradioaktiven Müll. Ein Atommüllexport und gleichzeitiger Weiterbetrieb der AKW ist aber nicht akzeptabel.


Atommüll Schweiz: Was tun?
Auf Grund der speziellen geologischen Situation der Schweiz erscheint ein Endlager für hochradioaktiven, langlebigen Atommmüll im Opalinuston beinah ausgeschlossen. Ein Lager für schwach- und mittelaktiven Abfall wäre denkbar. Der mittel- und schwachaktive Abfall fällt vor allem beim Rückbau der AKWs an. Er ist weniger gefährlich als der hochaktive Abfall und hat auch kürzere Halbwertszeiten. Eventuell müsste die Schweiz hier international kooperieren. Plutonium hat eine längere Halbwertszeit als die Grenzen von Nationalstaaten.

Ein mögliches Endlager in Benken bringt nicht nur der Hochrheinregion ungeahnte Gefahren. Menschen, Umweltverbände und Bürgerinitiativen auf beiden Seiten des Rheins engagieren sich gegen diese Gefahr. Immer noch ist es entsetzlich einfach, die Menschen über die Grenzen hinweg gegeneinander auszuspielen. Im Konflikt um den Fluglärm waren manche Reaktionen, Artikel und Äusserungen auf beiden Seiten des Rheins erschreckend. Es gibt nicht "Unseren A-Müll" und "Eueren A-Müll", auch wenn manche Politiker das so sagen. So wenig wie es nach Tschernobyl und Fukushima "Unsere Gefahr" und "Euere Gefahr" gibt.

Axel Mayer, Mitwelt Stiftung Oberrhein





Aktueller Einschub

35 Jahre Tschernobyl & 10 Jahre Fukushima: Pilze haben ein längeres Gedächtnis als manche Schweizer Politiker


Am 26. April 1986 explodierte ein Reaktor im Atomkraftwerk von Tschernobyl und schleuderte riesige Mengen radioaktiven Materials in die Atmosphäre. Sieben Monate lang kämpften 800 000 sowjetische Soldaten, Bergleute und Zivilisten, um die Radioaktivität vor Ort einzudämmen und um eine zweite Explosion zu verhindern. 50.000 bis 100.000 dieser Katastrophenhelfer sind inzwischen an den Folgen der Strahlenbelastung gestorben, die meisten Überlebenden sind krank.

35 Jahre nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl und 10 Jahre nach Fukushima
haben viele Menschen und insbesondere viele Politiker die atomare Katastrophe vergessen oder verdrängt. Auch die vielen anderen Atomunfälle (Lucens, Harrisburg, Geesthacht...) waren vergessen. (besser: Das Vergessen wurde/wird gut organisiert)
Die SVP und die anderen rechten Parteien der Schweiz drängen auf die Gefahrzeitverlängerung der noch nicht abgeschalteten Schweizer AKW und wollen neue AKW bauen.

Pilze haben ein besseres Gedächtnis: Bestimmte Pilz- und Wildarten sind in einigen Gegenden der Schweiz durch die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl noch immer stark mit Cäsium-137 belastet.




Die Schweizer Bevölkerung drängt auf die Energiewende



Die Energiewende in der Schweiz stösst auf breite Akzeptanz, wie eine repräsentative Bevölkerungsumfrage von gfs-zürich im Auftrag der SES zeigt. Gewünscht wird eine einheimische, erneuerbare und umweltfreundliche Energieversorgung, und das lieber schon morgen als erst übermorgen.

Eine repräsentative Bevölkerungsumfrage, welche gfs-zürich im November 2020 bei über tausend Personen durchgeführt hat, liefert eindrückliche Erkenntnisse zur Akzeptanz der Energiewende in der Schweiz. 96 (!) Prozent der Befragten befürworten das Ziel, den Strombedarf zukünftig mit erneuerbaren Energien zu decken. 89,5 Prozent sind der Meinung, die erneuerbaren Energien sollen im Inland produziert werden. 93 Prozent sind der Meinung, der Strom soll unter Berücksichtigung des Naturschutzes produziert werden




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  • 3) Im Zweifel ist die -Allgemeine Erklärung der Menschenrechte- immer noch eine gute Quelle zur Orientierung.
  • Axel Mayer, Mitwelt Oberrhein

Getragen von der Hoffnung auf das vor uns liegende Zeitalter der Aufklärung (das nicht kommen wird wie die Morgenröte nach durchschlafner Nacht)




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