«Große Beschleunigung», Turbo-Beschleunigung & Anthropozän


Veröffentlicht am 29.07.2026 in der Kategorie Wachstumskritik von Axel Mayer

«Große Beschleunigung» & Turbo-Beschleunigung: Wachstum, Wachstumskritik, Artensterben, Klimawandel, technologische Singularität & Anthropozän (Great Acceleration)


Klimawandel, Artensterben, Atommüllproduktion, Weltvermüllung, Wüstenbildung, Regenwaldabholzung, Übertourismus, Proliferation, Rohstoffverknappung ... Die verheerenden Auswirkungen menschlichen Handelns im Anthropozän haben eine Vielzahl von viel diskutierten Einzelursachen. Und doch gibt es eine große verbindende Klammer, eine Hauptursache die hinter diesen vielen zunehmend menschheitsbedrohenden Detailproblemen steht. Es ist die «Große Beschleunigung», ein Thema, das in der ökologischen Debatte und in den Medien nur am Rande vorkommt, weil wir nicht in der Lage sind exponentielles Wachstum und seine Folgen zu verstehen und zu denken.


Der Begriff «Große Beschleunigung» (Great Acceleration) beschreibt das beispiellose, demografische, wirtschaftliche, kommerzielle und vor allem exponentielle Wachstum menschlicher Aktivitäten und deren Auswirkungen auf die Erde seit Mitte des 20. Jahrhunderts. Es brachte den industrialisierten Staaten des Westens, einem kleinen Teil der Welt das, was wir heute unhinterfragt Wohlstand nennen. Diese Wachstumsexplosion brachte aber auch Umweltzerstörung, Artenausrottung, Klimakatastrophe und eine massive Übernutzung der planetarischen Ressourcen. Jetzt sind nicht nur China, Indien und die Türkei in die Phase des explosionsartigen Wachstums eingetreten und verwandeln gemeinsam mit den Oligarchen des Silicon Valley diese Beschleunigung in eine Turbo-Beschleunigung.



Während der «Großen Beschleunigung» konnten bemerkenswerte, sozioökonomische und Erdsystemtrends beobachtet werden.
Exponential gewachsen sind Wirtschaftsleistung, Energieverbrauch, Düngemittelverbrauch, Atommüll, Wassernutzung, Treibhausgase, Meeresversauerung, Meeresfischerei, Artenausrottung, Weltbevölkerung, Verstädterung, tropischer Waldverlust und Plastikproduktion um nur einige Beispiele zu nennen.
"Die globale Bevölkerung ist von ca. 2,5 Milliarden im Jahr 1950 auf 8,3 Milliarden im Jahr 2026 angestiegen, und der Anteil der Stadtbevölkerung hat von 29 % im Jahr 1950 auf rund 56 % im Jahr 2021 zugenommen. Bis zum Jahr 2050 wird der Anteil der Stadtbevölkerung an der Weltbevölkerung voraussichtlich 68 % betragen. Das weltweite BIP ist von 9 Billionen US-Dollar im Jahr 1950 auf über 105,7 Billionen US-Dollar im Jahr 2023 gestiegen. Parallel zu diesen Trends haben sich die Veränderungen im Erdsystem beschleunigt: Die CO₂-Konzentration in der Atmosphäre ist von 310 ppm im Jahr 1950 auf über 426,5 ppm im Jahr 2026 gestiegen. Die globale Durchschnittstemperatur ist seit der vorindustriellen Ära um etwa 1,6 °C gestiegen, und die Rate des Artensterbens liegt schätzungsweise 100- bis 1.000-mal höher als die Hintergrundrate. Darüber hinaus ist die Kunststoffproduktion von zwei Millionen Tonnen im Jahr 1950 auf über 414 Millionen Tonnen im Jahr 2023 rasant angestiegen, und der weltweite Einsatz von Stickstoff- und Phosphordüngemitteln hat dramatisch zugenommen, was zur Wasserverschmutzung und Eutrophierung beiträgt."
Quellen:UN, Weltbank



Die «Große Beschleunigung» und exponentielles Wachstum


Stellen Sie sich vor, Sie hätten vor 300 Jahren einen Euro (den es damals noch nicht gab) zu einem Zinssatz von 3 % angelegt. Erst einmal wäre viele, viele Jahre nur sehr wenig geschehen. Ab dem Jahr 1950 aber wäre das angesparte Kapital (erkennbar) exponentiell gewachsen. Ausgehend von 1 € im Jahr 1730 wächst das Kapital bei 3 % Zinseszins bis 2030 auf ca. 7.095 €. Bis im Jahr 2100 erhöht sich die Summe auf ca. 56.113 €. Bei einem Zinssatz von 6 % läge die Summe nach 300 Jahren bei ca. 2,31 Milliarden €. Jetzt ersetzen Sie den Begriff Euro durch die Begriffe Wirtschaftsleistung, Energieverbrauch, CO₂ Produktion, Düngemittelverbrauch, Atommüll, Wassernutzung, Treibhausgase, Meeresversauerung, Meeresfischerei, Weltbevölkerung, tropischer Waldverlust und Plastikproduktion ...


Exponentielles Wachstum als Ursache der «Großen Beschleunigung»
Das Wachstum der letzten Jahrhunderte, wenn nicht gar Jahrtausende lief annähernd linear und wurde nur durch Kriege gelegentlich zurückgeworfen. Doch ab den Jahren nach 1950 explodierte das Wachstum, insbesondere in den industrialisierten Staaten des Westens. Das vorhandene Kapital und die Produktionsmittel hatten um das Jahr 1950 eine kritische Schwelle überschritten, die exponentielles Wachstum ermöglichte.
Doch dauerhaftes exponentielles Wachstum einer Wirtschaft ist innerhalb des begrenzten Systems Erde nicht möglich und führt zwangsläufig zur Selbstzerstörung. Die Auswirkungen von dauerhaftem exponentiellem Wachstum verstehen wir Menschen einfach nicht. Wir leben in einem System, das nur funktioniert, wenn es wächst und sich damit zwangsläufig selbst zerstört. Der Glaube an das unbegrenzte Wachstum im begrenzten System Erde zählt zu den größten Verschwörungstheorien unserer Zeit.[/b][/quote]

Krisen ohne Wachstum / Zerstörung mit Wachstum
Viele Länder des Westens sind aktuell in einer Wachstumskrise. Das führt nicht nur in den USA und Deutschland zu massiven sozialen und politischen Verwerfungen. Die einzige Lösung für die sozialen Probleme dieser politischen Wachstumskrise wäre mehr Gerechtigkeit und eine bessere Verteilung der Effizienzgewinne und Übergewinne der letzten Jahrzehnte.
Jahrzehntelang hatten wir den Ländern des Südens versprochen, dass, "fleißige Arbeit vorausgesetzt", die Menschen in China und Indien sich auch irgendwann "einen Mercedes leisten können". Jetzt ist die Schwelle zur «Große Beschleunigung» überschritten und die Produktivität in vielen Ländern des globalen Südens so stark gestiegen, dass sie selbst konkurrenzfähige Autos und andere Produkte herstellen. Häufig wurden solche Konkurrenzprobleme in der Menschheitsgeschichte mit Kriegen "gelöst". Im Zeitalter von Massenvernichtungswaffen wäre das keine gute Idee.
Gier & Wachstumsreligion: Ein zentrales Problem für das gute Leben ...
"Ein Milliardär ist so klimaschädlich wie eine Million Menschen", sagt eine Oxfam-Studie. Millionäre wären gerne Milliardäre und Gutverdienende wollen Millionäre sein. Deutsche Arme wären gerne Gutverdienende und "der arme Rest der Welt" würde gerne so verschwenderisch leben wie wir. Das kann auch mit "guter, grüner Technik" nicht gutgehen.


Globale Artenausrottung, Klimawandel, Atommüllproduktion, Weltvermüllung, Umweltzerstörung und wachsende soziale Ungleichheit sind Symptome einer Krankheit, die Wachstumszwang heißt. Etwa 5- bis 10 Millionen Menschen lebten vor 10 000 Jahren auf der Erde. Heute sind es über 8,3 Milliarden Menschen, die alle so verschwenderisch leben wollen wie wir. Es ist nur logisch, dass dieses explosionsartige Wachstum für andere Lebewesen Folgen hat. Kaum jemand bestreitet noch, dass derzeit auf der Welt ein gigantisches Massensterben läuft, ähnlich dem vor 66 Millionen Jahren, als die Dinosaurier von der Erdoberfläche verschwanden. Wir leben in einem System der globalisierten Gier, das scheinbar nur funktioniert, wenn es unbegrenzt wächst und dabei erstaunlicherweise die Menschen immer unzufriedener macht. Wir Menschen und insbesondere die Politik sind in Zeiten entfesselnder globaler Gier nicht in der Lage, uns die Folgen exponentiellen Wachstums vorzustellen. Wachstumskritik darf allerdings nicht den jetzigen extrem ungerechten Zustand der Welt zementieren. Viele Länder des globalen Südens sind auf ein kluges, ökologisch vertretbares, nachholendes Wachsen angewiesen.

Wikipedia und die fehlende «Große Beschleunigung»
Es ist beeindruckend und beunruhigend. Die deutschsprachige Wikipedia umfasst derzeit über 3,12 Millionen Artikel (Stand Mitte 2026). Doch zum zentralen Thema der Umweltbewegung, zur "Große Beschleunigung", gab es (am 3.6.2026) noch keinen Beitrag.

Erfreuliche und gebrochene Wachstumskurven
In einigen wenigen Teilbereichen (DDT, Smog, Asbest, FCKW, Schwefeldioxid ...) ist es der Umweltbewegung gelungen,die allerverheerendsten Entwicklungen zu bremsen. Im großen Ganzen sind dies erfreuliche, aber leider kleine Nischenerfolge. Ein großer Nischenerfolg ist die Entwicklung der zukunftsfähigen Energien. Sonnen- und Windenergie sind schon lange kostengünstiger als Gefahrstrom aus Kohle, Gas und Atom. Dennoch läßt sich die «Große Beschleunigung» auch mit Ökoenergie vorantreiben.
Ein Hoffnungszeichen kommt aus einer unerwartet technischen Richtung. Der "Handy-Knick". Seit 2008 stagnieren oder fallen die Geburtenraten in fast allen 38 OECD-Industriestaaten kontinuierlich. Inzwischen liegt die Geburtenrate in mehr als der Hälfte aller Länder weltweit unter dem Erhaltungsniveau von 2,1 Kindern pro Frau. Auf den Pillen-Knick folgt der Handy-Knick. Das Smartphone hat die soziale Interaktion zwischen Menschen grundlegend verändert. Diese Veränderung bringt Probleme und wird in allen Medien als Katastrophe dargestellt, doch sie bremst die Folgen der "Super-Beschleunigung".

Trump, Musk, Milei, Thiel ... Die großen Super-Beschleuniger
Ideologen des Wachstums, der Gier und des Wucherns sind aktuell auch die marktradikalen, rechtslibertären Beschleuniger Trump, Musk, Milei, Thiel, die gut organisierten Fossilisten und ihre Idee eines enthemmten, von allen Fesseln der Vernunft, der ökologischen Grenzen und der Demokratie befreiten, schrankenlosen Kapitalismus. Mit libertärer Gier, Weltraumtourismus, Bitcoins, energiefressenden Rechenzentren und Transhumanismus beschleunigen sie die Zerstörungsprozesse. Die größenwahnsinnigen Wachtsumsträume des rechtslibertären Billionärs Elon Musk seien hier nur stellvertretend genannt. Wieder einmal setzen die Verantwortlichen im Krieg gegen die Natur auf kommende "Wunderwaffen".



Die Folgen der erwarteten technologischen Singularität auf die «Große Beschleunigung» sind unüberschaubar. Als technologische Singularität wird der kommende(?) Zeitpunkt bezeichnet, an dem Künstliche Intelligenz die menschliche Intelligenz übertrifft, sich rasant selbst verbessert und dadurch einen unkontrollierbaren technologischen Fortschritt und Wachstum auslöst. Sobald eine KI fähig ist, ihre eigene Intelligenz zu optimieren, führt dies zu einer rekursiven Selbstverbesserung, bei der jede Generation intelligenter ist als die vorherige. Nach diesem Wendepunkt wird die Entwicklung so schnell und tiefgreifend, dass die Zukunft für Menschen unvorhersehbar wird.


Wenn wir den Klimawandel und die aktuelle, tägliche Ausrottung von täglich 130 bis zu 150 Tier- und Pflanzenarten (im eigenen Interesse) beenden wollen, müssen wir das jetzige, auf Gier beruhende und zutiefst zerstörerische Wachstumssystem beenden. (Das ist leichter geschrieben als getan)

Wir haben das Wissen und die gute, nachhaltige Technik, um mit Gerechtigkeit und einem wesentlich verringerten Input von Energie, Rohstoffen und Arbeitszeit, allen Menschen der Welt ein gutes Leben zu ermöglichen. Es ist unsere Aufgabe, Fortschritt, Technik und Zukunft menschengerecht und global gerecht zu gestalten, Entschleunigung durchzusetzen und Fehlentwicklungen zu kritisieren. Der Wohlstandsbegriff und das "gute Leben" müssen endlich neu und menschengerecht definiert werden. Eine viel zubrave Umweltbewegung darf sich in ihren Debatten nicht mit vorgegebenen putzigen Nischenthemen zufriedengeben.
Gerade auch heute gilt der Satz von Mahatma Gandhi: "Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier."

Axel Mayer, Mitwelt Stiftung Oberrhein


The Great Acceleration / Quelle: globaia.org/acceleration


Die Folgen der Großen Beschleunigung: Klimakatastrophe, Artenausrottung, Extremwetter, Atommüllproduktion, Umweltvergiftung, Innenweltzerstörung, Menschenrechtsverletzungen, Demokratiegefährdung, Psychosen, Neurosen, Handy-Sucht, Weltvermüllung, Rohstoffverschwendung, Atommüllproduktion, Verschwörungstheorien, Nationalismus, Meeresspiegelanstieg, Gletscherschmelze, Waldsterben, Überbevölkerung, Bodenversiegelung, Bodenerosion, Wasserknappheit, Überfischung, Ozeanversauerung, Luftverschmutzung, Mikroplastikbelastung, Hitzewellen, Dürren, Überschwemmungen, Permafrostauftauen, Korallenbleiche, Insektensterben, Lebensraumverlust, Urbanisierung, Massentierhaltung, toxische Chemikalien, Lärmbelastung, Lichtverschmutzung, Rohstoffkriege, Atomwaffen, Krieg ...



Die große Beschleunigung: Wachstum, Wachstumskritik, Artensterben, Klimawandel & Anthropozän










Mitwelt Stiftung Oberrhein: Warnungen & Hinweise zu diesen Mitwelt-Seiten

  • 1) Die Internetseiten der Mitwelt Stiftung Oberrhein sind "altmodisch-textorientiert" und manchmal lang. Wir bieten keine modischen Infohäppchen, sondern wenden uns an die kleiner werdende Minderheit, die noch in der Lage ist, längere Texte zu lesen und zu erfassen.
  • 2) Wenn Sie hier "Die Wahrheit" suchen, werden Sie sie nicht finden. Es gibt sie nicht, "Die Wahrheit", sondern immer nur Annäherungen daran, Wahrheitsfragmente. Es wird Ihnen nichts übrigbleiben, als sich mit den "anderen Wahrheiten" auseinander zu setzen, um zu einer eigenen Meinung zu kommen. Verlassen Sie auch einmal den engen "Echoraum" der eigenen Meinung im Internet. Misstrauen Sie Wahrheitsverkündern, Ideologen, vom Krieg bestärkten Ewiggestrigen und Verschwörungstheoretikern. Haben Sie Mut, Ihren eigenen Verstand zu gebrauchen.
  • 3) Im Zweifel, gerade in Kriegszeiten, ist die -Allgemeine Erklärung der Menschenrechte- immer noch eine gute Quelle zur Orientierung.

Axel Mayer Mitwelt Stiftung Oberrhein
Mit Zorn und Zärtlichkeit auf Seiten von Mensch, Natur, Umwelt & Gerechtigkeit.


Getragen von der kleinen Hoffnung auf das vor uns liegende Zeitalter der Aufklärung (das nicht kommen wird wie die Morgenröte nach durchschlafner Nacht)



Sie wollen uns und unsere Arbeit unterstützen?

  • Sie können gerne spenden und unsere Beiträge über Ihre (Un-)Sozialen Netzwerke weiter leiten, aber bitte nicht über X. Wir boykottieren den Oligarchen Elon Musk, seine Produkte und Dienstleistungen.
  • Links von Ihrer Homepage auf unsere Seiten wären eine große kostenlose Unterstützung.
  • Hier geht's zu unseren Newslettern.