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Volkshochschule Wyhler Wald: Lernen im Widerstand


Volkshochschule Wyhler Wald: Eine von vielen Veranstaltungen auf dem besetzten Platz in Wyhl. Im Bild u.a. Frank Baum, Heinz Siefritz, Brunhilde Hils, Ursula Göpper, Annemarie Sacherer, Walter Tittmann...

(Eine Aufführung des Freiburger Wallgraben-Theaters im Freundschaftshaus. "Die Gewehre der Frau Carrar" von Brecht am 17. August 1975. Die Veranstaltung stand nicht im gedruckten Programm und wurde ziemlich kurzfristig mit Hilfe von Walter Mossmann organisiert.)


Volkshochschule Wyhler Wald - Lernen im Widerstand



Am Sonntag, den 23. Februar 1975 besetzten 28.000 Menschen den Wyhler Wald, das Gelände auf dem die Badenwerk AG zwei Atomkraftwerke bauen wollte. Das Gelände war jetzt dauerhaft besetzt. Nun galt es Menschen zu informieren und noch mehr Menschen dazu zu bewegen immer wieder auf den besetzten Bauplatz zu kommen. Einige Aktive gründeten aus diesem Grund die Volkshochschule Wyhler Wald, eine alternative Bildungseinrichtung. Ich selber erinnere mich an Vorträge, Konzerte, Lesungen, Diskussionsrunden und viele, viele spannende Veranstaltungen...
Mein Dank geht stellvertretend für viele Aktive an Frank Baum, Irmgard Schneider und den leider früh verstorbenen Uli Beller vom Team der VHS Wyhler Wald.
Axel Mayer



Links zur VHS Wyhler Wald:
  • Badische Zeitung, 24. Januar 1983: Dokumentiert: Dieter Hildebrandt mit der VHS Wyhler Wald in der Endinger Stadthalle



    Vor "gefühlt 100 Jahren" habe ich im Sommersemester 1982 meine Diplomarbeit an der ev. Fachhochschule für Sozialwesen in Freiburg geschrieben.
    Das Thema war: "Politisches Lernen und politische Sozialisation. Dargestellt am Beispiel der Badisch-Elsässischen Bürgerinitiativen"
    Zwei Semester hatte ich dafür Zeit und eines davon wandernd im Himalaya verbracht... Mit dem zeitlichen Abstand gewinnt mensch auch ein wenig "Abstand zum Werk" und schmunzelt über manche jugendbewegte Textteile. Ich habe die Arbeit bei Herrn Konrad Maier geschrieben. Herr Maier (damals noch nicht Doktor) war ein kluger, konservativer Fachhochschuldozent mit dem ich während meines Studiums inhaltlich heftig gerungen und gestritten habe. Ich wollte meine Arbeit allerdings von einem klugen Fachmann bewertet wissen und nicht von Menschen meiner Meinung (wenn diese fachlich weniger wissen als der konservative Fachmann). Die beiden politisch so unterschiedlichen Mayer/Maier sind mit einander ausgekommen...

    Mein Dank geht an Dr. Konrad Maier, Politikwissenschaftler,auch Germanist, Soziologie, Philosoph und Theologe der im Jahr 2010 verstarb.
    Axel Mayer


    Politisches Lernen und politische Sozialisation. Dargestellt am Beispiel der Badisch-Elsässischen Bürgerinitiativen
    Hier die Kapitel zur Volkshochschule Wyhler Wald



    • 5.4.1. Geschichte und Entstehung der VHS Wyhler Wald.

      Die Inhalte, Programme und Veranstaltungen der VBS Wyhler Wald wurden auf die Belange und Ziele der BI abgestimmt. Jeder äußere und innere Wandel spiegelt sich deshalb auch in der Arbeit der VHS wider. Die Geschichte der VHS lässt sich aus diesem Grunde in zwei Hauptabschnitte einteilen. Die Zeit von Frühjahr bis Herbst 1975 auf dem besetzten Gelände und die Zeit nach der Besetzung, in der die VHS den Sprung vom Wyhler Platz in die Dörfer vollzog. Aber auch ab Herbst 1975 hat es Veränderungen in der Programmgestaltung und der Arbeitsweise gegeben.

    • 5.4.1.1. Entstehung der VHS Wyhler Wald.

      „Die ganze Bewegung gegen das KKW Wyhl ist immer mehr und mehr in die Breite gegangen und wir hatten schnell gemerkt, dass wir nicht nur stark sind, wenn wir zusammenhalten, sondern auch wenn wir genau Bescheid wissen. Und um dieses Wissen über KKW nicht einzelnen Experten zu überlassen, haben wir die VHS Wyhler Wald gegründet.“ (Lit.30) So beschreibt ein Bauer in einem Gespräch die Hintergründe für das Entstehen der VHS.

      Entstanden ist die Idee in den ersten Monaten der zweiten Baulatzbesetzung im Frühjahr 1975 auf dem gesetzten Gelände in Wyhl. Vorbilder für die Einrichtung gab es keine, Ideen und Gründe aber genug. Es galt, wie auch das oben genannte Gespräch zeigt, Wissen über Atom-Kernkraftwerke zu vermitteln. Das Bedürfnis nach diesem Fachwissen war in der Bewegung der AKW Gegner sehr groß und es gab auch Fachleute, die dieses Wissen vermitteln konnten. Ein anderer Grund war, durch interessante Veranstaltungen, anderen Menschen einen Anreiz zu bieten, in den Wyhler Wald zu kommen und durch diesen Anreiz, die Hemmschwelle, ein besetztes Gelände zu betreten, abzubauen. Es ging also auch darum, einen zusätzlichen Grund zu bieten, um an den Besetzungen teilzunehmen. Und manch einer, der an einer der Veranstaltungen teilnahm, blieb dann auch die ganze Nacht.

      Die Entstehungsgründe waren also rein pragmatischer Art. Mitglieder der Aktion Umweltschutz diskutierten die verschiedenen Ideen und Vorschläge, druckten das erste Vierwochenprogramm und am 15.April 1975 fand die erste Veranstaltung zum Thema: „Wie funktioniert ein AKW?“, auf dem Wyhler Platz statt.
      Der Veranstaltungsraum war das Freundschaftshaus. Ein, nach dem Vorbild eines Indianerzeltes gebautes Holzrundhaus mit 25 Metern Durchmesser und einem Feuer in der Mitte. Der Raum bot Platz für ca. 500 Personen. Die Einrichtung bestand aus einfachen Holzbänken, sodass im ersten Programm noch stand. "Bringen Sie eventuell eine Sitzgelegenheit mit." Bei den späteren Veranstaltungen, insbesondere bei Theateraufführungen und Diskussionsveranstaltungen, waren häufig mehr als 500 Personen anwesend, sodass der Platz nicht ausreichte.

    • 5.4.1.2. Das Programm der ersten Monate auf dem Baugelände in Wyhl

      Das erste Vierwochenprogramm ließ vier zentrale inhaltliche Blöcke erkennen. Jedes dieser vier Schwerpunktthemen wurde einem Wochentag zugeordnet.

      Dienstag: Kernkraftwerke und Alternativen
      Mittwoch: Reisen, Fahrten, fremde Länder
      Donnerstag: Fragen der modernen Landwirtschaft
      Freitag: Natur- und Umweltschutz

      Die Zuordnung einzelner Themenschwerpunkte zu bestimmten Wochentagen sollte das Programm strukturieren und den Besuchern der Veranstaltungen die Auswahl erleichtern. Bereits das erste VHS Programm zeigte die inhaltliche Breite der Veranstaltungen. Im Dienstags-Block, zur Kernkraftproblematik, wurde die Funktionsweise eines AKW erklärt. Es wurde auf die weitergehenden Probleme des Brennstoffzyklus hingewiesen und damit auch die überregionale Problematik aufgezeigt. Dieses Aufzeigen überregionaler Zusammenhänge bereits in der zweiten AKW Veranstaltung, war typisch für das VHS-Programm. Dass die vielzitierte St. Florianspolitik bei den Bürgerinitiativen (BI) nicht aufkam, ist u.a. der VHS Wyhler Wald zuzuschreiben. Die Bevölkerung und die BI haben diesen überregionalen Zusammenhang früh erkannt. Als Beispiel für diesen Lernprozess kann die größte deutsche Traktor-Solidaritäts-Demonstration am 24.03.1979 am Kaiserstuhl, später für Gorleben gelten. In der dritten AKW Veranstaltung des Dienstagsblocks wurden bereits Alternativen zur Stromerzeugung von AKWs aufgezeigt. Auch diese Veranstaltung kann stellvertretend für viele Veranstaltungen in den darauffolgenden 7 Jahren stehen.

      Auch das Aufzeigen von Energiealternativen hat zu Bewusstseinsänderungen geführt. Der Mittwochsblock, „Reisen, Fahrten, fremde Länder“, sollte das Programm auflockern und der Unterhaltung dienen. Aber auch diese mehr unterhaltenden Abende dienten der Wissensvermittlung, wie die Aufzählung einiger Themen der Mittwochsreihe zeigte. So gab es Beiträge wie: „Sind soziale Probleme und Arbeitslosigkeit in Indien durch Entwicklungshilfe lösbar?“ „Die Rolle der Landwirtschaft im heutigen Albanien“, „Brasilien - entwickeltes Entwicklungsland.“ Insbesondere die Dritte Welt Problematik stand im Mittelpunkt dieser Reihe, die ihren inhaltlichen Schwerpunkt aber nach kurzer Zeit auch auf mehr heimatbezogene, regionale Themen lenkte.

      Der Donnerstagsblock, „Fragen der modernen Landwirtschaft“, bot den Rahmen für eine fachliche Diskussion zu Problemen der modernen Landwirtschaft. Die Themen des ersten Programmes zeigten bereits die Schwerpunkte dieser Diskussion auf: „Schädlingsbekämpfungsmittel - Für und Wider“, „Methoden der biologischen Wirtschaftsweise“, „Rebumlegungen am Kaiserstuhl.“ Diese Themen, die ansonsten häufig nur akademisch, von der bäuerlichen Realität weit entfernt diskutiert wurden, wurden im Freundschaftshaus in einem bunt gemischten Kreis aus Landwirten, Nebenerwerbslandwirten, Arbeitern und Akademikern oft sehr kontrovers diskutiert.

      Der Freitagsblock beschäftigte sich mit Fragen des Natur- und Umweltschutz, wie die Themen zeigen. „Die Grenzen des Wachstums - ein weltweites Problem“, „Die Rheinauewälder und ihre Bedeutung für Natur- und Umweltschutz“, Industrieansiedlung und Umweltschutz im Elsass“, „Zur Frage der Schwarzwaldautobahn.“ Mit diesen Veranstaltungen gelang es, auch Umweltschutzthemen, die über den AKW-Themenbereich hinausgingen, darzustellen und Teile der Zuhörer auch für diese Fragen zu sensibilisieren. Ich habe mich mit diesem ersten Programm der VHS Wyhler Wald ein wenig intensiver auseinandergesetzt, weil es die grundlegende Richtung der folgenden Programme bestimmte und deshalb auch in viele Parallelen zu den vielen folgenden Veranstaltungen bot.
      Dennoch gab es auch bald Veränderungen. So wurde die Anzahl der wöchentlichen Veranstaltungen von 4 auf 3 reduziert und Themen mit heimatbezogenen Veranstaltungen kamen häufiger ins Programm. Die Referenten dieser Veranstaltungen waren Leute aus den BI‘s am Kaiserstuhl, Winzer, Bauern und Fischer. Themen der Abende waren zum Beispiel: „Vom Kaiserstuhl, Lieder vom Kaiserstuhl, Fischerei am Rhein, Die Revolution von 1848 in Baden, badisch elsässischer Heimatabend."
      Dadurch, dass die Winzer und Bauern, die in sonstigen Volkshochschulen selbst als passive Zuhörer selten genug anzutreffen waren, in der VHS Wyhler Wald oft auch die Rolle des Referenten hatten, ließ sich der große Solidarisierungseffekt mit dieser VHS erklären. Bei diesen Veranstaltungen wurden z.T. alte, verschüttete Traditionen, wiederbelebt.

    • 5.4.I.3. Die VHS Wyhler Wald als mobiles Informations- und Kommunikationszentrum in den Dörfern

      Nachdem die BI im November 1975, nach Verhandlungen mit der Landesregierung, den Bauplatz in Wyhl verlassen hatten, galt es für das geistige Zentrum- (Lit,3I) der Bewegung, einen neuen Rahmen, ein neues Konzept, zu schaffen. Aus der VHS im Freundschaftshaus wurde die mobile VHS Wyhler Wald. Die Inhalte blieben die alten, lediglich der äußere Rahmen veränderte sich. Die VHS setzte ihr Programm in den Gasthöfen der umliegenden Ortschaften fort. Anfänglich fand jeweils ein ganzes Vierwochenprogramm an einem Ort statt, später wurden die einzelnen Programmpunkte auch auf verschiedene Ortschaften verteilt. Mit dem 18. Programm im September 1976 trat die VHS auch aus der engen Kaiserstühler Region heraus und bot Veranstaltungen in Freiburg an.

      In den Zeiten, in denen es in der Auseinandersetzung um Wyhl ruhiger wurde, fanden auch viele Veranstaltungen im Markgräflerland statt. In diesen Veranstaltungen wurde insbesondere häufig über die Gefahren des AKW Fessenheim informiert. Es gab auch Veranstaltungen in der Schweiz und dem Elsass, die den grenzüberschreitenden Charakter dieser Einrichtung der BI zeigten. In den Dörfern gab es nicht nur Informations-, sondern auch viele große Kulturveranstaltungen, wie Liederabende,
      Konzerte und Theateraufführungen, die oft von mehreren hundert Menschen besucht wurden. Wenn irgend möglich, wurden die Veranstaltungen als Gemeinschafts-veranstaltungen mit den örtlichen BI oder Vereinen, wie zum Beispiel der Landjugend, organisiert. Durch diese Kontakte und Absprachen und durch die gemeinsame Organisation mit Gruppen in den Dörfern und Städten, wurde die VHS nicht als etwas Fremdes, Aufgesetztes empfunden, sondern akzeptiert. Die Absprache mit den Dörfern ging so weit, dass bei den Veranstaltungen nicht einmal Vertreter des kleinen Organisationsteams anwesend sein mussten. Ein BI-Mitglied des Dorfes eröffnete und beschloss den Abend. Die Veranstaltungen waren gut organisiert und liefen dann auch ohne die konkrete Beteiligung der eigentlichen Organisatoren der VHS ab. Diese Erfahrung, das Vertrauen und die Sicherheit, die hinter dieser Organisationsform steckten, erstaunten die Fachleute der herkömmlichen VHS. Durch die Mobilität erreichte die VHS Wyhler Wald auch Menschen, die nicht auf den Wyhler Platz gekommen waren. Dadurch und durch die Berichterstattung der Medien, hatte die VHS eine enorme Breitenwirkung. Aber neben der Weitergabe von Sach- und Handlungsinformationen durch Veranstaltungen und Büchertische, neben diesem kulturellen Auftrag, hatte die VHS Wyhler Wald auch eine wichtige Aufgabe als Kommunikationszentrum der BI.


    • 5.4.2. Besucher und Dozenten der VHS Wyhler Wald

      "Der politische Sozialisationswert von BI als Organisationsform von Partizipationslernen im Reproduktionsbereich beschränkte sich weitgehend auf die sozialen Mittelschichten“,
      schrieb Kißler in seinem Buch - Politische Sozialisation - und fasste zusammen. „BI sind soziale Übungsfelder für Mittelschichtsangehörige.“ (Lit. 32)

      Diese Meinung und die, dass „sowohl bei der Initiierung wie bei der Durchführung der BI, Mitglieder der bürgerlichen Mittelschicht die führende Rolle einnahm", (Lit.33) findet sich durchgängig in der Literatur zum Thema BI und Sozialisation.

      Für die Badisch-Elsässische-Bürgerinitiative wurde diese Aussage bereits durch die Thesen des Battelle-Instituts widerlegt. Es wurde festgestellt, dass "BI im Bereich von AKW nach Angabe ihrer Leiter die Meinungs- und Sozialstruktur der Bevölkerung, auf die sie sich beziehen, widerspiegeln" (Lit.34) und die These, (Lit.35) dass Angehörige der Mittelschicht überall die führende Rolle einnahmen, sich nicht bestätigte. Dasselbe ließ sich auch aus der Besucherstruktur der VHS Wyhler Wald feststellen. Zu den Veranstaltungen der VHS kamen je nach Thema und Veranstaltungsort zwischen 30 und 600 Personen. Die Mehrzahl der Veranstaltungen war von 50 - 100 Personen besucht. Bei 59 Programmen, mit jeweils 6 - 15 Einzelprogrammpunkten, Sonderveranstaltungen außerhalb des Programms und großen Gemeinschafts-veranstaltungen mit anderen Veranstaltern, wie Dreyecklandfest 1981 auf der Hochburg, mit mehreren tausend Besuchern, ließ sich die Anzahl der erreichten Veranstaltungsbesucher ungefähr abschätzen. Einer Fragebogenaktion von 1975 zufolge, bestand etwa die Hälfte der Besucher aus Schülern, Studenten und Akademikern, die andere Hälfte aus Handwerkern, Arbeiter, Landwirten und Angestellten.
      „Man konnte aber davon ausgehen, dass der Anteil der Nichtakademiker sehr viel höher lag, als sich aus den beantworteten Fragebögen darstellen ließ, da anzunehmen war, dass die Beantwortung eines dreiseitigen Fragebogens, an Schreibtischarbeit gewohnte Akademiker, sehr viel weniger Überwindung kostete als Handwerker, Winzer oder Arbeiter.“ (Lit.,6).
      Für diese Annahme spracht auch, dass nur 15 bis 20 Prozent der ausgeteilten Fragebögen zurückgeschickt wurden. (Lit.37) Der Anteil der Arbeitnehmer und Bauern an den Besuchern der VHS Wyhler Wald war auf jeden Fall wesentlich höher, als der, herkömmlicher VHS und Kulturinstitute. Auch dieser Erfolg spricht dafür, dass sich Pädagogen und Sozialarbeiter herkömmlicher Einrichtungen, intensiver als bisher, mit der VHS Wyhler Wald auseinandersetzen sollten.

      Unabhängig von der Sozial- und Berufsstruktur ließ sich auch noch eine Einteilung der Besucher vornehmen:
      a) Stammbesucher, die an vielen Veranstaltungen auch an wechselnden Orten teilnehmen,
      b) Stammbesucher, die an allen Veranstaltungen , die in ihrem Ort stattfanden, teilnahmen,
      c) Besucher, die einmal oder selten eine Veranstaltung besuchten.

      Für die Besucher der Gruppe (c) zählte insbesondere der Informationswert der einzelnen Veranstaltung. Für die Besucher der Gruppe (a) und (b) war außer dem Informationswert der Veranstaltungen, auch die Funktion der VHS als Kommunikationszentrum der Bewegung wichtig. In beiden Gruppen fanden sich die Multiplikatoren und Organisatoren der BI, die ihre Informationen zusätzlich aus den in 5.3 beschriebenen, anderen BI-Medien bezogen. Für sie war das Gespräch vor und nach der Veranstaltung mit den anderen 'Multiplikatoren wichtig. Hier wurden wichtige Ideen und Informationen diskutiert und ausgetauscht. Für die Kommunikation der BI, hatte die VHS Wyhler Wald eine ähnlich wichtige Funktion, wie die gewählten BI-Gremien. Einen ähnlich breiten, wenn auch anzahlmäßig nicht so repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung, repräsentierten die Dozenten der VHS. Die Referenten, Dozenten, Künstler und Liedermacher, die sich am VHS Programm beteiligten, bekamen meist kein Honorar, wenn man von einigen wenigen Ausnahmen absah, bei denen die Vortragenden auf ein Honorar unbedingt angewiesen waren. Häufig wurden allerdings die Fahrtkosten erstattet.

      Diese Unkosten wurden, wie die ganzen Unkosten der VHS, nicht durch Eintrittsgelder, sondern durch Spenden finanziert. Häufig wanderte bei Veranstaltungen ein Spendenkorb, der den weniger Verdienenden die Möglichkeit gab, weniger zu spenden und den Mehrverdienenden die Möglichkeit bot, mehr zu spenden. Der die unterschiedlichen Einkommensverhältnisse nivellierende, ungerechte Eintrittspreis, fiel dadurch weg. Dadurch kam die VHS zwar nicht zu Reichtümern, diese Methode war aber ein Stück gelebter Zukunftstraum, der auch partiell unter den heutigen gesellschaftlichen Verhältnissen realisierbar wäre.

      Die meisten Referenten wollten mit ihrer Arbeit die VHS und die BI unterstützen. Von ihrer Herkunft und politischen Auffassung spiegelten sie auch die ganze politische Breite der BI wieder. Eine Auswertung der ersten 28 Vierwochenprogramme ergab folgende Berufsstruktur der Referenten: 18 Physiker, 14 Landwirte, 14 Politiker, 12 Biologen, je 9 Winzer, Pfarrer, je 7 Mediziner, Politologen und Schriftsteller, 6 Juristen, 5 Lehrer, je 4 Liedermacher und Ingenieure, je 3 Gärtner und Geologen, je 2 Psychologen, Forstmänner und Soziologen sowie je ein Diakon, Journalist, Gemeindeangestellter, Landschaftsarchitekt, Naturschutzbeauftragter, Fischermeister, Volkswirt, Dozent, Meteorologe, Verleger, Museumsleiter, Gewerkschaftssekretär, Regionalverbandsdirektor, Erziehungswissenschaftler, Diplomkaufmann, Fotograf, Pharmazeut, Naturschutzwart und Bäcker. In 36 Fällen waren Gruppen, wie BI, Musik- und Jugendgruppen als Veranstalter genannt. Bei 61 Referenten, überwiegend bei
      Veranstaltungen mit unterhaltendem Charakter, war keine Berufsbezeichnung vorhanden. (Lit.38) Gerade bei diesen Veranstaltungen war der Anteil der Arbeitnehmer und Bauern als Vortragende besonders groß.

    • 5.4.3 Organisation

      Das Organisationsteam der VHS bestand aus ca. 10 Personen (Lit. 9) und war ein ständiger Arbeitskreis der BI. Ohne den Rückhalt, die Rückkopplung und die gemeinsame Organisation und Durchführung der Veranstaltungen mit den örtlichen BI, wäre die Arbeit der VHS nicht möglich gewesen. Für die örtliche BI stellte das Organisationsteam eine wesentliche Erleichterung der eigenen Öffentlichkeitsarbeit dar, denn die Erfahrungen, Kontakte zu Presse und Referenten, erleichterte den örtlichen BI die Durchführung von Veranstaltungen. Durch die guten Kontakte der VHS und der BI kamen viele Referenten auf die VHS zu oder wurden angesprochen. Bei der Auswahl der Veranstaltungen spielten insbesondere die Bedürfnisse der Besucher und die jeweilige politische Lage eine Rolle. Das heißt, wenn es um Wyhl ruhiger wurde, fanden mehr Veranstaltungen in der Gegend von Fessenheim statt, beim VG-Prozess in Herbolzheim waren Veranstaltungen in der Herbolzheimer Gegend und so war die ganze Arbeit der VHS mehr pragmatisch, als methodisch didaktisch aufgebaut. Die Finanzierung der VHS wurde bereits in Pkt. 5.4.2. beschrieben.

      Die Werbung für die Veranstaltungen lief insbesondere über die große Anzahl gedruckter Programme. Diese wurden an Interessierte, BI, Medien und Multiplikatoren verschickt. Bei Veranstaltungen und in Buchläden lagen diese Programme aus und am Kaiserstuhl hingen in beinahe jedem Ort spezielle Holztafeln, an denen die VHS Programme aushingen. Für einzelne wichtige Großveranstaltungen wurde auch mit Plakaten geworben. Daneben wurden die BI-Medien „Was Wir Wollen" oder Radio Dreyeckland genutzt, aber auch die Badische Zeitung und der Kaiserstühler Wochenbericht wiesen regelmäßig auf Veranstaltungen hin. Neben dieser offiziellen Werbung, durfte aber auch der Aspekt der Mund zu Mund Propaganda, insbesondere bei Gemeinschaftsveranstaltungen mit BI oder Vereinen in den Dörfern, nicht außer Acht gelassen werden. In der BZ, insbesondere im Regionalteil, wurde häufig über Veranstaltungen der VHS berichtet, denn die VHS Wyhler Wald zählte zu den wichtigsten kulturellen und politischen Einrichtungen des Landkreis Emmendingen. Welche andere VHS in der Provinz hatte in kurzer Zeit Künstler und Referenten wie Eppler, Gruhl, H.H. Wüstenhagen, Ivan Illich, W. Moßmann , A. Weckmann, Petra Kelly, Robert Jungk, Carl Amery, Freimut Duve, Roger Siffer, H. Ströhm, um nur die Bekanntesten zu nennen, in ihrem Programm. Die Aufgabe des Organisationsteams war es, diese Veranstaltungen zu planen, mit Referenten und lokalen Veranstaltern zu koordinieren, Räumlichkeiten in Gasthäusern, Sälen, Winzergenossenschaften oder Jugendzentren zu finden, das Programm zu entwerfen, zu drucken und zu verteilen, für die Finanzierung zu sorgen und manchmal auch für die konkrete Durchführung. Betrachtet man nachträglich Umfang, Erfolg und Qualität, sowie Kontinuität der damaligen Arbeit, so muss es trotz idealer Bedingungen erstaunen, dass die ganze Arbeit von BI Mitarbeitern neben ihrer üblichen Arbeit her geleistet wurde.


    Axel Mayer
    Diplomarbeit an der ev. Fachhochschule für Sozialwesen in Freiburg 1982. Thema: "Politisches Lernen und politische Sozialisation. Dargestellt am Beispiel der Badisch-Elsässischen Bürgerinitiativen"
    (Die Arbeit war natürlich mit der Schreibmaschine geschrieben. Ich bitte Übertragungsfehler zu entschuldigen)






    Auszug aus dem Text "Die Lernbewegung einer sozialen Bewegung ab 1957 von den 'Göttinger 18' in den 'Wyhler Wald'"
    1975 entstand auf dem von den badisch-elsässischen Bürgerinitiativen besetzten Bauplatz für das Atomkraftwerk Wyhl die VHS Wyhler Wald. Veranstaltungsort war, solange die Besetzung anhielt, das auf dem Platz stehende Freundschaftshaus, danach noch über elf Jahre lang waren es Gasthöfe in unterschiedlichen Orten der Region rund um den Kaiserstuhl. In der Hochzeit fanden bis zu vier Veranstaltungen pro Woche statt, später wöchentlich eine.
    Das inhaltliche Angebot umfasste vier Bereiche:

    • 1. Die unterschiedlichsten Facetten der Atomenergiediskussion: So war die allererste Veranstaltung der Frage gewidmet, wie ein Atomkraftwerk funktioniert. Weitere Themenfelder waren u.a. die Risiken des nuklearen Brennstoffzyklus, die Wirkungen von Radioaktivität auf die menschliche Gesundheit, Fragen nach alternativen Energien oder nach der moralischen Verantwortung von Naturwissenschaftler/inne/n.

    • 2. Über die Atomenergie hinausgehende ökologische Perspektiven Probleme und Bedrohungen, z.B. Fragen nach den Grenzen des Wachstums allgemein, oder die Ambivalenz einer Schwarzwald-
      autobahn, Perspektiven der ökologischen Landwirtschaft und des neuzeitlichen Weinbaus oder die Landschaft zerstörende Wirkung des Rhein-Main-Donau-Kanals.

    • 3. Praktische und theoretische Aspekte, Erfahrungen und Strategien der ökologisch-politischen Widerstandsarbeit und Solidarität. Hier reichte das Spektrum der Themen von der Frage nach dem Selbstverständnis der Bürgerinitiativen über den historischen Rückblick auf die Bauernkriege im 16. oder die Hotzenwälder Freiheitsbewegung im 18. Jahrhundert und aktuelle Widerstandsaktionen z.B. in Frankreich, der Schweiz und den USA bis zu Konzepten des gewaltfreien Widerstandes bei Mahatma Ghandi und ihrer konkreten Umsetzung in der eigenen Widerstandsarbeit.

    • 4. Kulturelle Veranstaltungen mit unterhaltendem und oft regionalem Charakter:

      Sie umfassten gleichermaßen Reiseberichte, die unterschiedlichsten musikalischen Darbietungen, regionale Kultur, Geschichte und Mundart bis zu gemeinsamen Festen. Der seinerzeit auch in der VHS Wyhler Wald engagierte Liedermacher Walter Moßmann fasst zusammen:

      »Einmal Feierabend, Unterhaltung; bringt jeder, was er vorher schon hatte. Die Bauern ihre Heimatschnulzen, die jungen Linken ihre Politschnulzen, die Gebildeten ihr Streichquartett am Pfingstsonntag. Und dann gibt es Situationen, in denen zu verschiedenen Zwecken die Inhalte unseres Kampfes ausgedrückt werden müssen. Und dann kommen sich die verschiedenen Gruppen näher« (zit. nach Beer 1983, S. 150).

      Das Zitat von Moßmann verweist auf die ziemlich einmalige Besucherstruktur der Veranstaltungen, die eben durch die Verschiedenheit, der am Widerstand gegen das Atomkraftwerk beteiligten Menschen geprägt war, die sich auch in den Veranstaltungen trafen und nicht nach Themen und Anlässen selektiert teilnahmen.
      Gleiches gilt auch für die Liste der Referent/inn/en. Sie setzte sich zu etwa gleichen Teilen aus wissenschaftlichen, fachlichen oder politischen Spezialisten und Aktiven der Bürgerinitiativen,
      Winzern, Landwirten, Fischern, Hausfrauen, Förstern, Lehrern u.a. zusammen. Die VHS Wyhler Wald wurde ausschließlich ehrenamtlich organisiert, Honorare wurden nie gezahlt, die
      anfallenden Kosten für die Organisation über Spenden finanziert.

      »Die Volkshochschule Wyhler Wald ist die Verbindung zwischen Menschen, die nicht mehr bereit sind, den Massenkonsum unserer Wegwerfgesellschaft weiter mitzumachen. [...] Ich sehe sie als ein alternatives Instrument, das nicht nur gegen das Atomkraftwerk Wyhl sein kann, wenn es am Anfang unseres Kampfes auch den Anschein hatte. Die Vielfalt des Programms zeigt uns dies. Sie zeigt aber auch, dass die Volkshochschule Wyhler Wald nicht nur gegen etwas informiert, sondern für etwas: für das Leben.«

      So Lore Haag, Sprecherin der badisch-elsässischen Bürgerinitiativen in einer Festrede zum vierjährigen Bestehen der »Volkshochschul für’s Volksgewuhl« (zit. ebd., S. 144).


    Lernprojekte in sozialen Bewegungen
    Die Volkshochschule Wyhler Wald war Sinnbild für die unauflösbare Verknüpfung zwischen ökologisch-politischem Lernen und einem zivilgesellschaftlichen Widerstand sozialer Bewegungen gegen Umweltzerstörung und Friedensbedrohung. Sie war auch ein Vorbild für eine Reihe von Projekten, die Ende der 1970er bis Mitte der 1980er Jahre gegründet wurden und dort, wo sie den Schritt von der Initiative zur selbstorganisierten Einrichtung erfolgreich gegangen sind, heute noch erfolgreich arbeiten.

    Auszug aus dem Text "Die Lernbewegung einer sozialen Bewegung ab 1957 von den 'Göttinger 18' in den 'Wyhler Wald'" von Wolfgang Beer





    DIETER HILDEBRANDT AM KAISERSTUHL
    So steht es fettgedruckt auf der Eintrittskarte vom 22. Januar 1983 für eine Veranstaltung der Volkshochschule Wyhlerwald. Ort: die Stadthalle Endingen. Kaum hingen die Plakate, waren auch schon die 2.000 Tickets ausverkauft. So voll war die Stadthalle seit ihrer Eröffnung noch nie gewesen. «Dieter Hildebrandt am Kaiserstuhl» – das war damals eben eine Sensation. Und diese Sensation war dem VGH Mannheim geschuldet, der kürzlich alle Klagen gegen den Bau des AKW Wyhl abgeschmettert hatte. Seither hing ein Damokles-Schwert über den Badisch-Elsässischen Bürgerinitiativen. Niemand wusste, wann und mit welcher Streitmacht die Stuttgarter Regierung nun den Bau würde durchsetzen wollen. Aber bevor Filbingers Nachfolger Lothar Späth einmarschieren konnte, kam eben dieser Dieter Hildebrandt, er hatte es uns versprochen.

    Im Februar 1980 – der Mannheimer Prozess war schon in vollem Gange – hatten wir zu viert, zusammen mit Wolf Biermann und Hanns Dieter Hüsch, auf dem Stuttgarter Killesberg ein Benefizkonzert für die Familie Dutschke absolviert, und ich hatte zwischen den Liedern (u.a. «Krönungszug Lothars des Erstbesten») darüber gesprochen, dass wir nach dem Mannheimer Prozess ganz neue Widerstandformen finden müssten. Das hat Dieter Hildebrandt interessiert. Keine Selbstverständlichkeit für einen Sozialdemokraten, denn seine SPD brauchte noch fünf weitere Jahre, um sich von der Atompolitik zu verabschieden. «Wie kann ich euch helfen?» – «Komm halt bei uns vorbei, ich ruf Dich an, wenn es so weit ist!».

    Zwei Jahre später war es dann soweit, ich habe angerufen, er hat sofort zugesagt, ganz selbstverständlich, und ohne Gage, wie die anderen Beteiligten auch. Die Volkshochschule Wyhlerwald organisierte ein Programm, das disparater nicht sein konnte, mit Annemarie Sacherer, Ernst Schillinger, Buki und d'Jokili-Brünnler vom Kaiserstuhl und den jungen Kabarettisten des Ensembles Schmeißfliege aus Freiburg und eben dem berühmten Gast und Zuschauermagneten Dieter Hildebrandt. Die Endinger Blasmusik gab das Startsignal mit «Ein Prosit der Gemütlichkeit!». Wolfgang Prosinger zwei Tage später in der Badischen Zeitung: «Gemütlichkeit und Dieter Hildebrandt? Das schließt sich aus. Drei Stunden später ist der Berichterstatter eines Besseren belehrt. Die vielen Köche haben den Brei nicht verdorben. Warum? Weil niemand versuchte, das Unvereinbare zu vereinen. Da stand Stück für Stück nebeneinander, kantig, auch klotzig, aber immer unverwechselbar, authentisch, kompromisslos...» Und ganz nebenbei haben wir auch an diesem Abend in einem satirischen Sketch mit einer neuen Widerstandform gedroht – Grenzverstopfung auf allen Brücken zwischen Straßburg und Basel. Auch diese Idee hat Dieter Hildebrandt außerordentlich gefallen und er hat sie lustvoll mitpropagiert.

    Seit gestern konnten wir zahlreiche Nachrufe lesen, voller Bewunderung, Respekt, Begeisterung, Zuneigung, und alle haben sie Recht, die Nachrufer, keine Frage. Zusätzlich möchte ich nur auch daran erinnern, wie uns dieser großartige Kabarettist geholfen hat in einer Situation, als es noch kein Politikziel «Energiewende» gab und als wir noch keineswegs wissen konnten, wie die Wyhlgeschichte einmal ausgehen würde – grand merci! Und die Biermösel mögen ihm ein schönes Ständchen blasen, mit denen zusammen und mit ihrer schrägen Volksmusik hat Dieter Hildebrandt nämlich just ebenfalls in den frühen 80ern (zum Schrecken der CSU) begonnen, in manchen bayrischen Dörfern sein Unwesen zu treiben.
    (vgl. auch Badische Zeitung vom 24.1.1983 «Notizen in der Provinz» von Wolfgang Prosinger, mit einem Bühnenfoto)

    © Walter Mossmann 2013.




    Volkshochschule Wyhler Wald: Lernen & Widerstand



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    Dieser Artikel wurde 2583 mal gelesen und am 27.6.2016 zuletzt geändert.