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Walter Mossmann, Freund, Wyhl-Aktivist, Liedermacher, Redner, Autor, Journalist, Demokrat & Regisseur


Walter Mossmann - Unser Freund, Liedermacher, Aktivist, Redner, Autor, Journalist, Regisseur ist am 29.5.2015 in Breisach gestorben

Der erfolgreiche Protest gegen ein AKW im Wyhler Wald wurde von einer wunderbar unterschiedlichen und dennoch passenden Gruppe engagierter Menschen getragen, von Frauen und Männern, Kaiserstühler Winzern, von konservativen Bauern und linksalternativen Freiburger Freaks.

Einer dieser (nicht nur damals Aktiven) war unser Freund Walter Mossmann, ein analytisch kluger, scharfzüngiger Redner, Autor, Journalist, Regisseur und Liedermacher der (nicht nur!) bei der Erstellung wichtiger Texte der BI´s (Erklärung der 21 Bürgerinitiativen an die badisch-elsässische Bevölkerung) eine wichtige Rolle spielte. Sein "alemannisch" war manchmal ein wenig holprig, (ähnlich unserem badischen Hochdeutsch) doch wenn es um gute, kluge Texte, Lieder, Reden und Analysen ging, war Walter Mossmann einer der wichtigen "Schreiber und Texter" der damaligen Anti-Atom-Bewegung, nicht nur in Wyhl und Gorleben. Walter war ein "Meister der Wortes" der uns in diesen schwierigen Zeiten fehlen wird.

Hier ein Auszug aus einem der vielen Lieder von Walter Mossmann:

Die Wacht am Rhein


Im Elsaß und in Baden
war lange große Not
da schossen wir für unsre Herrn
im Krieg einander tot.
Jetzt kämpfen wir für uns selber
in Wyhl und Marckolsheim
wir halten hier gemeinsam
eine andere Wacht am Rhein.
Auf welcher Seite stehst du?
He! Hier wird ein Platz besetzt.
Hier schützen wir uns vor dem Dreck
nicht morgen, sondern JETZT!


Walter Mossmann projizierte die Idee vom Dreyeckland («es hat keine Grenzen sondern fließende Übergänge») auch auf die damals real existente und am schärfsten bewachte Grenze Europas, den Eisernen Vorhang, der an der Elbe die BRD von der DDR trennte, also auch Gorleben von Morsleben. In seinem im deutschen Sprachraum weithin bekannten gewordenen «Lied vom Lebensvogel» sang er schon 1978:

„Da, wo die Elbe rauskommt aus dem Zaun, der unter Strom steht und schießt,
da, wo die Elbe n’Zaun lang durch die grüne Stille fließt,
steht dreiunddreißig Jahre, viel zu lange schon,
eine zerbrochne Brücke als Sinnbild der Region,
wo rechts und links vom Wasser verwandte Menschen wohn’,
für die der Fluss so breit wie n’Weltmeer ist.
Da denk ich an den Oberrhein, die Grenze zwischen Wyhl und Marckolsheim –
Warum soll so’n Zusammenschluss hier ausgeschlossen sein?
Die Herrn in Ost und West spielen mit uns ein schlimmes Spiel,
schau, unter unsern Füßen brennt derselbe heiße Müll,
und doch sind uns die Nachbarn drüben fremd, «das Land ist still»
noch ist es still, noch ...
So sing doch, Vogel, sing ...“


Hier die für mich wichtigsten Textzeilen aus dem Gorleben Lied

"Sie trommeln uns die Ohren voll, sie wären unaufhaltsam,
und trotzdem, mein ich, kommt es auch auf unser Zutun an ..."


Gerade das Lied vom Lebensvogel (hier auf youtube) war eine große Ermutigung für die Umweltbewegung, die berühmte "kurze Rast im quellenkühlen Tal" auf dem langen Weg in eine nachhaltige Zukunft.

Walter war ein kritischer Demokrat und undogmatischer Linker, dem alle "ismen" und insbesondere der Antisemitismus zutiefst zuwider waren. Er zeigte Rudi Dutschke den Wyhl-bewegten Kaiserstuhl, erinnerte an den von US-Konzernen gesteuerten Umsturz 1973 in Chile und sang das UNRUHIGE REQUIEM für unseren in Nicaragua ermordeten Freiburger Freund Tonio Pflaum.

Die Umweltbewegung, die sozialen Bewegungen und auch ich haben einen angenehm-unbequemen Freund und Mitstreiter verloren. Wir sollten uns seiner erinnern, dort wo sich Menschen für Freiheit, Gerechtigkeit und eine nachhaltige Zukunft engagieren, aktuell z. Bsp. bei den TTIP-Protesten.

Axel Mayer, BUND-Geschäftsführer & ehemaliger Wyhl-Aktivist




Ich beginne hier einige Wyhl-Texte von Walter Mossmann zusammenzutragen:



Zu den Texten:



Walter Mossmann

IN MUEDERS STÜBELE


In Mueders Stübele, do goht der hm hm hm
In Mueders Stübele, do goht der Wind.
Der Wind sait d’Wohret, nit äso wie d’Zittig sait
Der Wind sait d’Wohret, ich loos em Wind.
Der Wind sait, d’Büre, de hän jetz hm hm hm
Der Wind sait, d’Büre, de hän jetz Kriag.
Der Kriag, der dundret nit, kunnt nit vum Üsland här
Der Kriag, der kunnt üs dinem aigne Land.
Sin nit d’Franzose, s’isch’s große hm hm hm
Sin nit d’Franzose, s’isch’s große Geld.
Die riiche Herre hän d’Büre üsbrücht
Die brüche Arwetslitt fir in d’Fabrik.
Wel der Atomstrom, der git viel hm hm hm
Wel der Atomstrom git viel Profit.
Zerscht kunnt’s Atomkraftwerk, un dann kunnt d’Großchemie
Un bis dü «Au!» g’sait häsch, isch’s Ländle hi.
So gosch zur Arwet fir klaine hm hm hm
So gosch zur Arwet fir klaine Lohn.
Din Lohn isch immer klai, isch der Profit au groß
Un kunnt die Krise, bisch arwetslos.
Do bisch di Arwet los un bisch de Acker los,
Un dini Herre bliebe riich un groß.
So goht im Elsaß un in Bade hm hm hm
So goht im Elsaß un in Bade Kriag.
In Mueders Stübele goht erscht en andre Wind,
Wenn mange Litt emol erscht uffgwacht sind!



Walter Mossmann: In der Mitte angekommen


Von Walter Mossmann, Rede bei der Bundesdelegiertenkonferenz Bündnis 90/Die Grünen am 19.11.2010, Freiburg

Als mich Claudia Roth zu ihrem Parteitag in meiner Stadt eingeladen hat, habe ich Marianne Fritzen im Wendland gefragt: Was soll ich sagen? Sie hat geantwortet: "Erinnere sie an ihre Wurzeln!".

Ich werde es versuchen.

Zu diesem Zweck greife ich einen Satz auf, den ein Sprecher der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg am vorletzten Wochenende in irgendein Mikro gesprochen hat.

"Jetzt sind wir in der Mitte der Gesellschaft angekommen".

Diese Aussage wurde dann wie üblich auf allen Kanälen tagelang wiederholt, und passenderweise trat zur selben Zeit in irgendeiner Talkshow eine Demonstrantin aus Stuttgart auf, die gestand, dass sie, obwohl normalerweise CDU-Wählerin, sich diesmal im Schlossgarten dem Wasserwerfer ausgesetzt habe. Offenbar ein lebendiger Beweis für die These: Jetzt sind wir in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Ich habe mich gefragt: Wo kam sie denn eigentlich her, diese Anti-AKW-Bewegung, dass sie einen derart weiten Weg in die Mitte der Gesellschaft zurücklegen musste?

In meiner Erinnerung k a m nämlich das, was wir "Anti-AKW-Bewegung" nennen, aus der Mitte der Gesellschaft, und zwar fast zeitgleich in ganz Westeuropa und in den USA. Das war doch die Pointe der Geschichte, dass die regierende CDU in Baden-Württemberg einen Teil ihrer "angestammten" Clientel an die Bürgerinitiativen verlor und nicht wusste, wie ihr geschah.

Die Organisationsform "Bürgerinitiative" war zunächst schwer zu begreifen. Politik machen mit nur einem einzigen Thema! Sich organisieren quer zu sämtlichen Parteien, zu den Alterskohorten, zu den sozialen Schichten! Sich wildwuchernd weithin vernetzen, auch über die nationalen Grenzen hinweg!

Heute, scheint mir, hat sich das Konzept Bürgerinitiative als ein komplementäres Element in unserer Parteiendemokratie etabliert.

Die Orte der Auseinandersetzung waren zunächst die Dörfer, die sich die Atomindustrie als Standorte ausgesucht hatte. Dort entwickelten die Bürgerinitiativen ihr Konzept der zivilen Verteidigung, oder wie es 1974 in Wyhl wörtlich hieß, den gewaltfreien Widerstand "gegen die Gewalt, die uns mit diesen Unternehmen angetan wird". (In Brokdorf wurde dann zwei Jahre später diese Erste Erklärung der 21 Bürgerinitiativen an die badisch-elsässische Bevölkerung im Wortlaut übernommen).

Was neu war: Auf den besetzten Plätzen in Marckolsheim, Wyhl oder Kaiseraugst trafen sich nicht mehr nur die üblichen Verdächtigen aus der linken Szene, auf die sich Polizei und Justiz längst eingeschossen hatten, vielmehr kamen dort Leute zusammen, die eigentlich gar nicht zusammen gehörten, deshalb ging es ja auch in Wyhl viel lustiger zu als bei den Parteimeetings der Moskau- oder der Peking-Kommunisten. Im Freundschaftshaus auf dem besetzten Platz in Wyhl trafen Winzergenossen und katholische Landfrauen auf eine Jugendgruppe der IG Metall aus NRW oder auf die Stuttgarter Gewerkschaftsopposition bei Daimler ("Plakatgruppe") mit Willi Hoss und Peter Grohmann, es trafen sich evangelische Pfadfinderinnen aus Heidelberg mit bündischen Jungs aus Hamburg und Grauen Panthern aus Westberlin, es kamen denkende Sozialdemokraten, die sich gerade mit Erhard Eppler gegen den Atompolitiker Helmut Schmidt aufrichteten, es kamen die Religiösen von den Anthroposophen bis zu den Zen-Buddhisten, dazwischen Linkskatholiken, Pfingstler, Basisgemeinden, orthodoxe Russen, reformierte Juden, laizistische Iraner, synchretistische und tolerante Brasilianerinnen, es kamen deutsche Männergesangsvereine, französische Feministinnen, geoutete Schwule, heimliche Heteros, Spontis, Maoisten, Trotzkisten, Anarchisten, Ornithologen, Vegetarier, Verteidiger des SED-Regimes, die absurderweise auf volkseigene Atomkraftwerke vom Typ Tschernobyl setzten, es kamen Leute vom Schwarzwaldverein, von den Vosges Trotter Colmar, von der Skizunft Brend, es kamen Pazifisten, Reserveoffiziere und die Schnapsnasen aus Webers Weinstuben, es kamen alte Leute, die ihre Ideen vom Naturschutz aus der nationalsozialistischen Erziehung mitbrachten, es kamen kritische Architekten, Mediziner, Pädagogen, Journalisten, frustrierte Orchestermusiker, grübelnde Polizisten, und sie trafen auf den Apotheker vom Kaiserstuhl, den Schmied, den Schreiner, die Ärztin, die Chemikerin, den Müller, den Fischereimeister, den Tabakbauer, die Winzerinnen, die Lehrer, die Pfarrer, und sie trafen Werner Mildebrath, den Elektriker aus Sasbach, der schon 1975/76 den Leuten seine Sonnenkollektoren aufs Dach setzte, denn die Bürgerinitiativen arbeiteten schon damals an erneuerbaren Energien, und sie organisierten 1976 die Sonnentage von Sasbach, als die Stuttgarter Regierung noch einfältig und doktrinär an das Perpetuum Mobile namens Atomkraft glaubten. Wenn ich heute die Herren Söder und Röttgen höre, wie sie sich brüsten mit ihrer Revolutionierung der Energieversorgung zugunsten der Erneuerbaren, dann denke ich: Schweigt Ihr doch lieber fein stille und pilgert hinaus nach Sasbach zu Werner Mildebrath und versucht ihm das Bundesverdienstkreuz anzudrehen, vielleicht nimmt er es an.

In der taz las ich dann gestern diesen zauberhaft ahnungslosen Satz:

"Wenige Kilometer weiter (von Freiburg aus gesehen), in dem Örtchen Wyhl, einte in den 70er Jahren der Widerstand gegen ein geplantes Atomkraftwerk eine breite Front Bürgerbewegter - einer der Vorläufer der Grünen entstand."

Abgesehen davon, dass das "Örtchen" Wyhl vielleicht etwas zu klein gewesen wäre für die "breite Front Bürgerbewegter", die es damals im Dreyeckland mit einem halben Dutzend Atomanlagen zu tun hatte, mal abgesehen also von dieser eher spitzwegerischen Phantasie der taz - das Wort "Vorläufer" bringt mich auf die Palme. Die Badisch-Elsässischen Bürgerinitiativen als Vorläufer, quasi wie Johannes der Täufer mit dem überlangen Zeigefinger hinweisend auf die eigentliche Verheißung, die Partei Bündnis90/Die Grünen. Derartige Hagiografie ist mir vollkommen zuwider.

Mir scheint, die Bürgerinitiativen waren keine Vorläufer der Grünen, sondern die grünen Parteien in Europa waren eine der zwangsläufigen Folgen der Anti-AKW-Bewegung. Eine Folge unter vielen anderen, denn das Neue Denken, das wir unter der Chiffre "ökologisch" fassen, hat seither in alle Bereiche der Gesellschaft hineingewirkt, selbstverständlich auch in die anderen Parteien, übrigens auch in die Parteibasis der CDU, das musste schon der Vorläufer von Stefan Mappus, der damalige Ministerpräsident Hans Karl Filbinger erleben.

Umso grotesker, wenn heute immer noch die Regierungen in Stuttgart oder Berlin vor die Presse treten und mit dem Untergang des Abendlandes drohen, falls ihre Großprojekte nicht akzeptiert würden. Das Wort "Großprojekt" wird dabei ohne jedes weitere Attribut gebraucht, als ob schon allein die schiere Größe ein Garant für Bedeutung und Nutzen wäre.

Ich gebe zu, Wyhl ist ein vergleichsweise kleines Großprojekt gewesen, aber es war damals ja auch nur ein Mosaikstein, Teil eines wirklich flächendeckenden Groß-Projektes. Hier am Oberrhein sollte ein neues Ruhrgebiet entstehen, basierend auf der unermesslichen Energieproduktion einer "Perlenkette von Atomkraftwerken am Rhein".

1972 brachte der Club of Rome "Die Grenzen des Wachstums" heraus, und im selben Jahr veröffentlichte der Staatsanzeiger Baden-Württemberg einen Text, der alle technokratischen Tabularasa-Fantasien, die wir bisher kannten, bei weitem übertraf: "… rückt nämlich die EWG noch näher zusammen, was allgemein erwartet wird, so wird das Rheintal zwischen Basel und Frankfurt die Wirtschaftsachse überhaupt werden. Ob dann noch Platz für den Umweltschutz ist, muss bezweifelt werden. Sachverständige Leute sind deshalb der Ansicht, die Ebene solle für gewerbliche und industrielle Nutzung freigegeben werden, während die Funktionen Wohnen und Erholung in die Vorbergzone und in den Seitentälern angesiedelt werden sollen."

Selten habe ich eine Technokratenprosa gelesen, die den eigentümlichen Irrsinn dieser Spezies so unverblümt auszudrücken in der Lage war. Ich lese den Text nicht nur als einen gewalttätigen und biedermännisch elitären (die höchste Instanz sind die "sachverständigen Leute" - wer wohl?), sondern auch als eine hoffnungslos veralterte Industrie-Vision, schlechtes neunzehntes Jahrhundert, rückwärts gewandte Utopie. Und dann die Stuttgarter Prognose: "Kein Platz mehr für Umweltschutz" - man schrieb das Jahr 1972!

Die Antwort auf diese Bedrohung war dann die Gründung der Föderation der 21 Badisch-Elsässischen Bürgerinitiativen und der Gewaltfreien Aktion Kaiseraugst (GAK). Allein in den Jahren 1974 und 1975 stoppte das Netzwerk der Bürgerinitiativen an drei Orten im Dreyeckland den Bau von zwei Atomkraftwerken in Wyhl (D) und Kaiseraugst (CH) und einem Bleichemiewerk in Marckolsheim (F), d.h. drei hochgerüstete Industriestaaten mussten vor diesem neuartigen gewaltfreien Widerstand zurückweichen. Dass das scheinbar Unmögliche möglich ist, das war dann in der Folge die ermutigende Botschaft von Wyhl. Gut, diese Erfolge sind nicht irgendwelchen genialen Strategien zu verdanken, sondern der Gunst der Stunde, will sagen, die Bürgerinitiativen wurden von den Machthabern glücklicherweise vollkommen unterschätzt.

Wohlbemerkt: Auch die Projekte in Wyhl, Marckolsheim und Kaiseraugst waren abgesegnet auf allen politischen und juristischen Ebenen, aber sie wurden dann sang- und klanglos eingestellt, weil sie politisch nicht durchsetzbar waren. Der Rechtstaat kam dabei nicht zu Schaden, die Demokratie auch nicht, ganz im Gegenteil, und sogar die Lichter gingen nicht aus, wie Filbinger prophezeit hatte, stattdessen ging vielen ein Licht auf, aber davon war ja heute schon die Rede.

Zum selben Schluss kam vier Jahre später Ministerpräsident Albrecht in Hannover. Die Plutoniumfabrik WAA sei politisch nicht durchsetzbar. Und nun, noch einmal 30 Jahre später, nachdem herausgekommen ist, dass sich die Betreiber ihre Genehmigung mit allerlei Tricks erschlichen haben, dass die Entscheidung für Gorleben eine politische war und den Gegebenheiten des Kalten Krieges geschuldet, und nachdem wir in der Asse gesehen haben, was die Versicherungen der sachverständigen Leute wert sind, erleben wir, dass eine neue Politiker-Generation wieder einmal die Stirn hat, Sicherheits-Garantien für ein Endlager Gorleben abzugeben - auf unabsehbare Zeit. Wer diesen Garantien glaubt, kann wohl nicht ganz bei Trost sein.

Am vorletzten Wochenende haben viele Medien und alle Politiker der schwarzgelben Koalition die Demonstranten im Wendland nur als Fußtruppen der grünen Parteiprominenz wahrgenommen, weil sie selbst eben nur in den Kategorien von Führern und Verführten denken. Ich meine, nach Euren vielbeachteten Auftritten im Wendland sollte nunmehr von diesem Parteitag ein Signal ausgehen, das als Euer Ziel unzweideutig formuliert: Der Standort Gorleben muss definitiv aufgegeben werden. Dreiunddreißig Jahre sind genug, mehr ist den Menschen im Landkreis Lüchow-Dannenberg nicht zuzumuten. Ich höre die richtige Mahnung, man sollte nichts versprechen, was man nicht halten kann. Richtig. Aber man kann auch etwas als Ziel formulieren, und dann wirklich alles dransetzen, dieses Ziel zu erreichen






«Ich komm aus einer anderen Provinz»


Ein Text von Walter Mossmann im Buch "S Eige Zeige. Jahrbuch des Landkreises Emmendingen für Kultur und Geschichte / Siebenunddreißig Wyhl-Geschichten" vom Dezember 2014
Danke Walter für die Abdruckerlaubnis
Im Beitrag von Walter Mossmann gibt es eine Vielzahl von Querverweisen und Fußnoten. Diese finden Sie nur im lesenswerten Buch.


Die Auseinandersetzungen um die oberrheinischen Atomkraftwerke Kaiseraugst und Fessenheim
(1970) sowie Breisach (1971), mit denen heute jede Wyhl-Erzählung anfängt, sind mir damals schlicht entgangen. Ich habe davon nichts mitgekriegt. Ich denke, jenes vollkommen neue Epochen-Thema, für das wir heute die Chiffre «Ökologie» verwenden, hat mich Anfang der 70er Jahre noch nicht interessiert. Was mich aber sehr wohl interessiert hat, das war diese neuartige Organisationsform «Bürgerinitiative». Bürgerinitiativen schossen ab etwa 1970 wie die Pilze aus dem Boden, und man wusste nicht, ob sie bekömmlich sind oder giftig. Aber mir schien, diese neue Entwicklung versprach ein paar weitere Schritte in Richtung Demokratisierung, weg vom deutschen Obrigkeitsstaat, und das hat mich außerordentlich interessiert. Willy Brandt hatte 1969 angekündigt, seine Regierung wolle «mehr Demokratie wagen!».1 Das klang in meinen Ohren nun wirklich gut. Auch wenn Willy Brandt wohl etwas anderes gemeint hatte, als das, was dann kam, was in Gestalt der Bürgerinitiativen die Routine der repräsentativen Demokratie herausforderte. Da wurden plötzlich Leute politisch aktiv, die überhaupt nicht dazu vorgesehen waren, die sozusagen keine Lizenz für Politik hatten. Das waren keine Parteipolitiker, keine Gewählten, keine Leute aus der Administration. Das waren ganz normale Staatsbürger, normalerweise nur Stimmvieh, aber erklärten jetzt: «Da leider weder die Regierung noch die politischen Parteien unsere Interessen vertreten, müssen wir sie selber vertreten. Gezwungenermaßen machen wir Politik!» – wobei, nein, ich muss mich korrigieren, das Wort «Politik» haben sie bewusst vermieden, das hätte man ja als «Parteipolitik» missverstehen können, und das wollte niemand – aber in der Sache haben sie natürlich durchaus Politik gemacht.
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Ich habe seit 1967 hauptberuflich als Radiojournalist gearbeitet,
und zwar in der Jugendfunkredaktion des SWF-Baden-Baden, die damals im Funkhaus Freiburg-Günterstal untergebracht war. Im Sommer 1973 habe ich zusammen mit meiner Freundin und Kollegin Freia Hoffmann1 für den Südwestfunk eine zweistündige Featuresendung über das Phänomen Bürgerinitiativen entwickelt. Die Sendung handelte vom Protest und vom Widerstand gegen einen Truppenübungsplatz auf dem Larzac2, gegen einen Bombenabwurfplatz in Nordhorn und gegen das geplante KKW in Wyhl. Freia und ich sind im Juni auf den Larzac geraten. Das wurde dann für mich so eine Art Schlüsselerlebnis. So etwas gibt es nicht oft, dass man in zwei Tagen viel mehr erlebt und begreift und bei sich selbst im Kopf verändert als sonst in zwei Jahren. Der Larzac! – Ich war hingerissen von der Art und Weise, wie diese Leute, die ja aus vollkommen unterschiedlichen Ecken kamen, gemeinsam an einer Sache gearbeitet haben. Da waren zunächst die Schafbauern, darunter auch beispielsweise ein Mann wie Guy Tarlier, der in den 50er Jahren noch Kolonialoffizier in Äquatorialafrika gewesen war und erst in den 60ern mit seiner Frau Marizette auf den Larzac zog, um dort Schafe zu züchten. Dann waren da diese Gauchisten3 aus Paris, die die Nase voll hatten von ihrer Maoisten-Partei4 und die sich nun überall in den fast entvölkerten südfranzösischen Dörfern ansiedelten und das alternative Leben probierten. Da waren Naturfreunde, okzitanische Heimattümler, Pazifisten, Anarchisten, Regionalisten, Ornithologen – diese Liste könnte ich endlos verlängern. Die Art und Weise, wie die Leute vom Larzac Politik gemacht haben, hat mich einfach begeistert. Das Prinzip Gewaltfreiheit war ihnen sehr wichtig. Die heiligmäßige, religiös begründete Nonviolence war nicht so meine Sache, aber Gewaltfreiheit als kluge, strategische Überlegung hat mich beeindruckt, und dafür stand auf dem Larzac Guy Tarlier1. Er hat u.a. auch die berühmte Aktion mit den Schafen unterm Eiffelturm organisiert. Er und seine Freunde schmuggelten im Herbst 1972 verbotenerweise 60 Schafe durch die Straßensperren nach Paris und machten dort Propaganda für ihre Sache: «Wenn uns das Militär unsere Weidegründe auf dem Larzac wegnimmt, müssen wir eben die Schafe auf dem Marsfeld weiden lassen!». Die Aktion hat mächtig gewirkt! «Öffentlichkeit herstellen» hieß das damals. Und die Schäfchen unterm Eiffelturm waren natürlich für die Medien ein gefundenes Fressen!
Im Spätsommer hat mich dann Freia dazu überredet, nach Weisweil zu fahren zu einer der ersten Versammlungen der Bürgerinitiativen gegen ein KKW in Wyhl. Das war am 28. August 1973. Im evangelischen Gemeindehaus von Weisweil habe ich fast alle die Menschen kennengelernt, mit denen ich danach ein Jahrzehnt lang sehr eng verbandelt war. (Die Elsässer aus Marckolsheim waren noch nicht dabei, die kamen ein Jahr später dazu.)
Bei diesem Meeting in Weisweil haben mich erstens die Leute überzeugt, als Einzelne, als Personen – eine wunderbare Auswahl von Menschen aus den Dörfern und aus Freiburg. Und dann ihre Aktionsformen, die ich als eine Art Widerstandspoesie erlebt habe: Alle diese theatralischen Inszenierungen wie etwa die Treckerdemo2 durch den Kaiserstuhl, u.a. auch mit Masken aus der Fasnet-Tradition. Überhaupt die Theatralik aus der historischen und aktuellen Volkskultur, aus der Fasnet, aus dem Dreikönigs-Volkstheater, dem Gesangverein, später dann die Dialektgedichte und Lieder, die wunderbare alemannische Rhetorik, mal direkt und unverblümt, mal hinterfotzig verblümt, je nach Bedarf. Sie haben an ihre durchaus lebendige Volkskultur angeknüpft und die traditionellen Muster ganz aktuell geschärft und eingesetzt. Das hat mir alles unglaublich gut gefallen. Über den Zusammenhang zwischen Volkskultur und Politik hatte ich schon jahrelang gearbeitet, mit Material aus Italien, Spanien, Schottland, Chile, Brasilien, und jetzt konnte ich feststellen: Aha, so etwas geht also auch hier! – 1977 habe ich zusammen mit Peter Schleuning und Frans van der Meulen beim WDR einen Dokumentarfilm für die ARD gedreht: «Zweierlei Volksmusik», in dem der Buki1 auftritt, der Karl Meyer2 , der Männergesangverein «Rheintreue» und die Kanonenwirtin Inge Sexauer und ihre Partnerin aus Weisweil («Die singenden Winzerinnen»). Und als Kontrast dazu das TV-Volksmusikduo Maria und Margot Hellwig3. Ein Dokumentarfilm, der ohne ein einziges Wort Kommentar auskam, der lief dann am 1. Mai 1977 im ersten Programm. Das war nämlich eine meiner Aufgaben im Rahmen der Bürgerinitiativen: Werbung, Reklame, Propaganda für die Bürgerinitiativen im Radio, im Fernsehen, in Zeitungen, Büchern, auf Schallplatten, und natürlich auch auf der Bühne, wenn ich als Liedermacher unterwegs war, nicht nur in Hamburg, Berlin oder Wien, sondern eben auch in Weisweil, beispielsweise im Gasthaus «Kanone». Wohlbemerkt: Wir rannten damals noch keine offenen Türen ein, ganz im Gegenteil: Der Begriff «Anti-AKW-Bewegung» existierte noch gar nicht, kein Mensch hatte je von Brokdorf oder Gorleben gehört (ganz zu schweigen von Tschernobyl!), die Anne Lund in Arhus hatte das berühmte Symbol «Atomkraft – nej tak!» mit der Sonne noch nicht erfunden, und wenn jemand «die Grünen» sagte, dann meinte er die baden-würrtembergische Landespolizei. Das ist heute schwer vorstellbar.
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Zurück zu diesem 28. August 1973.
Damals haben mich in Weisweil die BI-Leute erstaunlich schnell davon überzeugt, dass die Idee von der allerneuesten industriellen Wunderwaffe, diesem Perpetuum Mobile namens Atomstrom eine blöde Idee ist, und eine verdammt riskante. Damals lernte ich ein «Neues Denken», um einen Begriff von Michajl Gorbatschow aufzugreifen, das neue Denken der Ökologen. Meine Kritik an der kapitalistischen Industrialisierung bekam eine neue Wendung. Erstmals wurde nicht nur die Produktionsweise kritisiert, sondern das Produkt selbst. In unserem Fall der Atomstrom und die Produkte einer Bleichemiefabrik. Damals begann eine ganz neue Sensibilisierung für derartige Probleme. Umweltkatastrophen hatte es zwar schon seit langem gegeben, aber in dieser Epoche traten sie erstmals ins öffentliche Bewusstsein, denn sie wurden aufgedeckt und dokumentiert, und die investigativen Kollegen von Presse, Funk und Fernsehen Alarm.
Wir – meine Freiburger Freunde und ich – haben uns dann im Herbst 1973 in kürzester Zeit in diese Thematik reingearbeitet, um zu den Kaiserstühler Aktivisten aufzuschließen. Denn die hatten einen gewaltigen Wissensvorsprung, beispielsweise Annemarie und Günter Sacherer1, Siegfried Göpper2, Lore Haag3, Balthasar Ehret4, Frank Baum5, Hans Erich Schött6, Margot Harloff7, alle diese BI-Menschen, die wir im evangelischen Gemeindehaus von Weisweil getroffen hatten, von den spezialisierte Wissenschaftlern ganz zu schweigen.
Wir haben dann in Freiburg – das war im Winter 1973 – eine weitere Bürgerinitiative gegründet, die «Initiativgruppe KKW NEIN». Der harte Kern kam aus der Freiburger Frauengruppe. Am Kaiserstuhl hießen wir «D Schtudänte», obwohl wir fast alle berufstätig waren, aber viele waren halt «Studierte» und mehr oder weniger von der 68er-Studentenbewegung beeinflusst. Allerdings verstanden wir uns als «undogmatisch» und lagen mit den Parteisoldaten von den K-Gruppen prinzipiell im Clinch.
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Mir scheint, die Jahre 1972/73 markieren eine Wende.
Einen Paradigmenwechsel. Eine Umwertung von Werten. Dafür steht die berühmte Studie «Die Grenzen des Wachstums», die der Club of Rome 1972 in St. Gallen veröffentlichte. Und getragen wurde diese Wende nicht von irgendwelchen politischen Parteien – im Deutschen Bundestag gab es überhaupt nur Atomparteien! – sondern von den Bürgerinitiativen. Freia und ich haben in unserem Feature, das am 30. September und am 7. Oktober 1973 über den Sender ging, behauptet: «Die Bürgerinitiativen sind die außerparlamentarische Opposition der Siebzigerjahre.» Dass es dann tatsächlich so kam, konnten wir damals nicht wissen. Aber wir waren davon überzeugt, weil uns die Leute in Weisweil überzeugt hatten.
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Zur Atomindustrie:
Ich hatte mich zuvor schon einige Jahre auch wissenschaftlich mit Entwicklungspolitik beschäftigt, vor allem mit Lateinamerika. Da bin ich erstmals auf das Thema Atomkraftwerke gestoßen. Denn 1968 war Gerhard Stoltenberg im Auftrag der BRD-Regierung nach Argentinien gereist, um das Atomkraftwerk Atucha I einzuweihen, das Siemens gebaut hatte. Sowas nannte man Entwicklungshilfe. Aber die Generäle der argentinischen Diktatur gierten natürlich nach dieser Technologie, sie kannten den militärischen Nutzwert. Soweit hatte ich schon etwas begriffen. Aber die ganze Tragweite der möglichen Proliferation1 – dazu brauchte ich Jahrzehnte, um diese Zusammenhänge zu verstehen.

Alle engagierten AKW-Gegner haben in den folgenden Jahren ziemlich viel riskiert, alle. Besonders die Landwirte, die sollten mit unglaublich hohen Schadensersatzforderungen eingeschüchtert und weichgekocht werden. Oder auch die Lehrer, überhaupt alle möglichen Angestellten im öffentlichen Dienst. Wir reden vom Jahrzehnt der Radikalenerlässe, der Berufsverbote und der «Schere im Kopf». Und selbstverständlich bekamen auch die Journalisten ganz spezielle Probleme. Ein Beispiel: Im Oktober 1979 fand in Ottenheim (Nähe Offenburg) eine Veranstaltung statt mit dem Titel «Heimat in einer bedrohten Umwelt», eine Veranstaltung im Rahmen der Männerarbeit der evangelischen Landeskirche Baden. Anwesend allerlei Publikum, drei Abgeordnete, ein Dekan und außerdem mein damaliger Kollege Thomas Lehner, Redakteur im SWF Landesstudio Freiburg mit seinem Tonbandgerät. Die Veranstaltung zog sich ohne Publikumsbeteiligung träge hin, und irgendwann schaltete Thomas Lehner sein Mikro aus und erklärte, er sei ja nicht nur Journalist, sondern auch betroffener Bewohner dieser Region und als solcher wolle er nun auch über den Fall Wyhl reden. Zumal an diesem Tag die größte Demonstration der bundesrepublikanischen Geschichte stattfand1. 150.000 Menschen, darunter sehr viele aus Südbaden, waren in Sonderzügen nach Bonn gefahren, um gegen die Projekte der Atomindustrie zu demonstrieren. Es habe sich nach Lehners Einmischung eine lebhafte Diskussion entwickelt, nur der CDU-Abgeordnete für den Ortenaukreis sagte kein Wort. Aber am nächsten Tag schrieb er an seinen CDU-Parteigenossen Willibald Hilf einen Brief – der Mann war damals Intendant des SWF. Der Abgeordnete beklagte sich bitter über den Journalisten und forderte Hilf auf, doch bitte «Maßnahmen zu ergreifen». Kurz danach bekam Lehner eine Abmahnung, was bekanntlich im Arbeitsrecht der halbe Weg zur Kündigung ist. Der Abgeordnete, der sich derart engagierte, um dem Journalisten das Maul verbieten zu lassen, hieß Wolfgang Schäuble. Ich sollte an dieser Stelle darauf hinweisen, dass es damals noch keinen Hörfunk außerhalb der ARD gab, wer also bei der ARD rausflog, konnte seinen Beruf nicht mehr ausüben.
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Meine politische Aktivität fing ja nicht an mit Wyhl,
ich war schon fünf Jahre früher aktiv in der Studentenbewegung, und habe mich seit Anfang der 60er Jahre mit meinen Liedern am deutschen Obrigkeitsstaat gerieben. Wir – d.h. meine Generation, die Nazikinder – sind aufgewachsen mit der Entschuldigungssuada der Erwachsenen: «Man musste damals gehorchen, man musste mitmachen, alles wurde oben entschieden, wir hatten nichts zu sagen, Widerstand war zwecklos». Anscheinend hatte die gesamte Nazigeneration im permanenten Befehlsnotstand gelebt und war infolgedessen für nichts verantwortlich. Und wir, nun wir sind mit den Ideen der amerikanischen Demokratie aufgewachsen. Einer meiner Freunde, der gerade von einem Studienjahr in Amiland zurückkam, wurde nicht müde, diese Idee zu predigen: «Jeder erzogene Amerikaner», so hat er das educated übersetzt, «ist für sein Tun wie für sein Nichtstun selbst verantwortlich und ist mitverantwortlich für Staat und Gesellschaft». Das war nun der schärfste Widerspruch zur Untertanengesinnung im Obrigkeitsstaat, und diese Idee hat möglichweise die sogenannten 68er mehr geprägt als sämtliche marxistische Theorien, die später aufkamen.
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Was die Arbeit in den Bürgerinitiativen betrifft –
da war nichts einfach. Sie hat verdammt viel Zeit und Nerven und Kraft gekostet, gerade weil es kein formales, hierarchisches, autoritäres System gab. Natürlich gab es Autoritäten, Dorfkönige am Kaiserstuhl oder Frontmen in der Stadt, manche hatten mehr Einfluss, andere weniger. Aber das konnte sich auch ändern, und zwar nicht bei irgendwelchen Kampf-Abstimmungen, sondern infolge dieser komplizierten persönlichen Beziehungen. Die Bürgerinitiativen – das waren ein paar hundert Personen diesseits und jenseits der Grenze, und die waren sehr kompliziert miteinander vernetzt, und alles ging – persönlich, Aug in Aug sozusagen. Ich nenne mal ein Beispiel: Ich glaube, es war am 25. August 1974, als wir im Gasthaus Fischerinsel feierlich die Föderation der 21 badisch-elsässischen Bürgerinitiativen gegründet haben. Da kam die Idee auf, wir bräuchten jetzt eine Erklärung, eine Art Charta 74, ein Manifest, in dem wir uns hieb- und stichfest erklären, sowohl der Welt gegenüber als auch untereinander, als Verabredung und Selbst-Vergewisserung. Der Zufall wollte es, dass ich damit beauftragt wurde, das war mir grad recht, und ich hab mich sofort an die Arbeit gemacht. Aber die Arbeit – das war nicht nur das bisschen schreiben, das war vor allem das herumfahren und jede kleine Wendung durchsprechen mit allen möglichen Leuten. Ich musste zum Schött1 nach Endingen fahren, mit ihm den Text durchdiskutieren, nach Weisweil, mit dem Belz2 und mit der Lore3 jeden Satz, jede Wendung durchdiskutieren, und alles noch mal, und hin und her und vorwärts und rückwärts. Und dann ins Elsass. Jean Jacques Rettig4 war damals in Saales in den Vogesen Volksschullehrer und er hat den Marckolsheim-Teil der Erklärung geschrieben. Er und seine Frau Inge haben den ganzen deutschen Text ins Französische übersetzt und daran auch noch dies und das nach ihrem Geschmack geändert. Ich hatte geschrieben: «Passiver Widerstand», und die haben «friedlicher (pacifique) Widerstand» daraus gemacht. Aber das war okay. – Irgendwann war dieser Text mit allen besprochen und akzeptiert. Das passierte also nicht in einem bestimmten Moment und nicht in irgendeiner Versammlung, wo sich der beste Volksredner durchsetzt. Das war ein sehr komplizierter und langwieriger Prozess, und alles wurde geklärt bei persönlichen Begegnungen.

Die Erklärung der 21 wurde bei der Druckerei Vollherbst in Endingen auf ein DIN-A3-Plakat gedruckt, auf der einen Seite Deutsch auf der andern Seite Französisch. Über die Initiativgruppen haben wir dann 30.000 Plakate rechtsrheinisch und linksrheinisch verbreitet. Ich weiß ein Hoftor in Königschaffhausen, da hing es über zehn, vielleicht zwanzig Jahre. Die Erklärung wurde auch sonst überall ausgelegt und angepinnt: beim Zahnarzt, im Laden, in der Kneipe, in der Kaiserstühler Winzergenossenschaft, in der Freiburger Wohngemeinschaft, und sie wurde verschickt an Sympathisanten in der BRD, in Frankreich, in der Schweiz, Österreich, und nachgedruckt, und übrigens anderthalb Jahre später von den Brokdorfern Anti-AKW-Initiativen als ihre eigene Erklärung fast wörtlich übernommen.
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Was meine Liedermacherei angeht:
Ich hatte damals meine Karriere als «Chansonpoet» schon hinter mir, die hatte stattgefunden zur Zeit der Waldeck-Festivals1, also von 1965 bis 1969. In der Zeit habe ich meine ersten beiden LPs gemacht, das hatte mir gereicht. 1969 war das für mich zu Ende, da habe ich aufgehört. Seltsamerweise gibt es ein Lied, das einen Bogen schlägt von 1967 zu zu 1976, es heißt «Meine Provinz». Als ich es 1967 geschrieben habe, kannte ich weder Wyhl noch Marckolsheim noch Fessenheim, aber ich hatte offenbar einen Wunsch. Die Strophen arbeiten sich an der Idee des Nationalstaates ab, und die Refrainzeile lautet: «Ich komm aus einer anderen Provinz».
    Da ist ein Land, wo wir in vielen Zungen reden
    Ein Weinberg im Markgräfler Land
    Der Wind aus Burgund, aus der Campagna die Reben
    Und Schnee von den Alpen kühlt die Hand
    Im Westen das Siècle des lumières –
    »Democratie – ma femme!«
    Im Norden vor dem Barbarenheer
    Der Limes, der nützliche Damm!

Das war so eine poetische Utopie. Eine Wunschfantasie. Ich wollte nicht zuhause sein im starren Rahmen eines Nationalstaates, sondern in einer Region, die keine Grenzen hat, sondern fließenden Übergänge, und wo wir «in vielen Zungen reden». Fast ein Jahrzehnt später hatten wir dann diese Provinz – das Dreyeckland, und der Widerstand war dort in der Tat vielsprachig: deutsch, französisch, alemannisch, und für internationalen Besuch haben wir selbstverständlich auch noch unsere Englisch- oder Spanisch-Kenntnisse hervorgekramt.
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1973 bin ich nicht als der Liedermacher nach Weisweil gekommen,
sondern als der Typ vom Südwestfunk. Und die BI-Menschen in den Dörfern waren halt kluge und moderne Leute, die genau wussten: Öffentlichkeitsarbeit ist wichtig, und die Journalisten sollten wir uns warm halten, mit denen müssen wir arbeiten – insofern hatten Freia und ich es leicht, dort zu landen. Schließlich habe ich dann aber doch wieder Lieder gemacht, weil sie offenbar gebraucht wurden, z.B. im Oktober 1974, auf dem besetzten Platz in Marckolsheim. Auslöser war ein tolles Transparent, das dort der Jean Gilg (Elsässer, Volksschullehrer, Sozialist) in den Schlamm gepflanzt hatte: «Deutsche und Franzosen – die Wacht am Rhein.» Das fand ich eine geniale Idee, dass man die dämliche Formel der alten Franzosenfresserhymne aus dem 19. Jahrhundert vom Kopf auf die Füße stellt. Dass wir diesmal nämlich nicht gegeneinander die Wacht halten, als mörderisch feindselige Nachbarn wie in allen diesen Kriegen seit 1870, sondern dass wir gemeinsam gegen die neuartige Bedrohung der Region eine ganz neuartige Wacht am Rhein halten. Und dazu habe ich ein Lied gemacht nach dem Modell eines amerikanischen Streikliedes, das ich von Pete Seeger1 kannte: «Which Side Are You On?», übersetzt «Auf welcher Seite stehst du?» Ich habe «Die andere Wacht am Rheim» geschrieben, damit man nachts am Lagerfeuer nicht nur La Paloma und solche Sachen bei der Hand hat, sondern, dachte ich, vielleicht auch einen Song, womit wir uns als Platzbesetzer ausdrücken können. – Dieses Lied wanderte in der Folge durch die Lande und wurde auch überregional in Gebrauch genommen, umgesungen, umgetextet. Le Monde2 hat es als eine neue deutsch-französische Hymne am Oberrhein bezeichnet. Es war für eine bestimmte Periode sozusagen unsere musikalische Fahne. Annemarie Sacherer hat im Wyhl-Buch 13 wunderbar darüber geschrieben, wie die Besetzer bei der Polizeiräumung dieses Lied gesungen haben. Das ging mir sehr zu Herzen, als ich es gelesen habe.
Jedenfalls bin ich dann nach sechs Jahren Abstinenz wieder gelegentlich zur Folk- und Chanson-Community gegangen und habe dort die Bühne genutzt, um die Trommel zu schlagen gegen die Atom-Mafia. Ich bin an Pfingsten 1975 das erste Mal nach langer Zeit wieder zum Open-Ohr-Festival nach Mainz gefahren und habe dort sofort einen Workshop über Wyhl und die Atomindustrie gemacht und dafür noch ein paar weitere Lieder geschrieben. Dann hat die Evangelischen Studentengemeinde (ESG) eine Tournee organisiert, bei der es fast nur um die Frage der Atomindustrie und der Bürgerinitiativen ging. Ich war nur zufrieden, wenn sich sofort nach dem Konzert eine Bürgerinitiative gründete, und ich hatte sehr oft Grund zur Zufriedenheit. So kam ich also wieder herum und hatte eine gute Möglichkeit, unsere Geschichten zu verbreiten. Wichtig war natürlich nicht, was ich über die Gefahren der Atomindustrie zu sagen hatte – da gab es überall schon längst Leute, die zum Teil viel mehr wussten als ich – aber wir aus dem Dreyeckland waren die Einzigen, die sagen konnten: wenn man es so und so anstellt, dann kann es erfolgreich sein! Wir haben es bewiesen in Marckolsheim, Wyhl, Kaiseraugst! Das war ja das absolut Neue. Das gab es sonst nirgends. Die Botschaft war eigentlich ziemlich einfach: Schaut her, bei uns gibt es Leute, die kommen von sehr weit rechts und von sehr weit links, und die meisten sind mittig oder halbrechts oder halblinks, aber wir haben bestimmte Regeln gefunden, wie wir alle unsere Energien für die gemeinsame Sache nutzbar machen können. Wir haben gelernt, wie wir den Karren nicht an die Wand fahren, wie wir verhindern, dass irgendeine Parteipolitik den Widerstand in die Hand kriegt und instrumentalisieren kann. – Gerade die K-Gruppen1 hatten sich ja die Aufgabe gestellt, die Führung zu übernehmen und uns unwissende arme Leute so nach und nach in die Klassenkämpfe und zur politischen Reife zu führen. Aber Bürgerinitiativarbeit – das war eben das absolut Andere. Es gab in den Badisch-Elsässischen Bürgerinitiativen beispielsweise nie einen Vorsitzenden. Kein Zentralkomitee und kein Zentralorgan. Und es gab zwar in einigen Fragen Einigkeit, aber niemals Einheitlichkeit. Es handelte sich um eine Föderation von zunächst 21 ganz selbstständigen Gruppen. Allein in Freiburg gab es die Aktion Umweltschutz, die Aktionsgemeinschaft, die Fachschaft Chemie an der Uni, die Initiativgruppe KKW NEIN und die GAF (Gewaltfreie Aktion Freiburg)2. Jede dieser Gruppen war für sich eine eigene Community, die ihrerseits Zugang zu vielen andern mit uns verbandelten Menschen hatte, und von denen war auch wieder jeder Einzelne eingebunden in diverse Netzwerke.
Und dann haben wir uns zusammengesetzt, sehr oft informell, aber gelegentlich auch offiziell, und haben Verabredungen getroffen. Und eine der wichtigen Verabredungen war: Keine Parteipolitik! Diejenigen, die für die Bürgerinitiativen reden, dürfen nicht im Auftrag ihrer Partei reden! Das musste ausbalanciert werden und war nicht immer leicht durchzusetzen. Aber es gab eigentlich nur zwei wichtige Leute, die sowohl Bürgerinitiativler als auch prominente Parteimitglieder waren: der Hans-Erich Schött mit seiner FDP-Kandidatur und der Belz mit seiner DKP-Mitgliedschaft3. Die haben es selber begriffen, dass sie hier keine Parteireden halten dürfen, und sie haben es auch nicht gemacht. Das föderative Element war deshalb so wichtig, weil es den einzelnen Gruppen, die alle selbstverantwortlich waren, sehr viel Spielraum ließ. Allerdings immer im Rahmen unserer Verabredungen. Also: Keine Parteipolitik! Und zweitens: Keine Gewalt! Das war nach links wie nach rechts gar nicht so leicht durchzusetzen. Es kam beispielsweise auch mal vor, dass irgendwelche Jungs aus dem Dorf, die beim Bund gewesen waren und die ihre Flinten im Kofferraum hatten, wegen irgendeiner Provokation wütend wurden und sagten: «Jetzt zeigen wir aber den Ja-lern1, wo der Bartl de Moscht holt!» – Man musste nach allen Seiten immer wieder aufs Neue darüber diskutieren, weil die Gewaltfreiheit nunmal eine sehr ungewohnte und unübliche Idee war.
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Mir scheint, die Kaiserstühler waren nicht weniger erfinderisch
als die Schafbauern vom Larzac, angefangen von der Kahn-Demonstration auf dem Altrhein bis hin zu Einzelkämpfern wie dem Meyer Karle aus Bottingen, der ja immer alles ganz alleine ausgebrütet hat und zu jeder Demonstration mit einer neuen Installation kam. Einmal zum Beispiel montierte er echten NATO-Stacheldraht vom Wyhlerwald auf ein Schild, darunter das Portrait von Filbinger und dazu die Schrift: «Des Landesvaters Heiligenschein».
Ich fand es großartig, als der Männergesangverein in Weisweil das Lied «Freiheit, die ich meine» umgetextet hat, Freiheit wurde in der neuen Version ganz aktuell und konkret so definiert: «Freiheit für den Kaiserstuhl: Kein Kernkraftwerk am Rhein!». Wunderbar!
Und dann die Elsässer wie Franz Brumbt oder Jean Dentinger oder Francis Keck oder der große Dichter André Weckmann. Denen ging es ja zunächst vor allem um ihre elsässische Sprache, aber in Marckolsheim und Fessenheim und in Wyhl haben sie auch dazugelernt und ihr Repertoire erweitert – und unseren Liedschatz bereichert! Oder der Buki, der damals angefangen hat und diesen wunderbaren Strauß von kaiserstühlerischen Anti-AKW-Liedern gemacht hat, die dann von allen Leuten in den Dörfern und in der Stadt gern übernommen wurden – dieser Poet hat Volkslieder geschrieben.
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Es gibt 28.000 Wyhl-Erzählungen, die alle voneinander abweichen,
weil jeder, der damals dabei war, seine eigene Erzählung hegt und pflegt und abwandelt und anpasst an seine neuen Ideen und an seine Tagesform. Aber wenn Leute auftreten und eine angeblich verbindliche, weil angeblich wahre und wissenschaftlich erhärtete Wyhlerzählung zum Besten geben, dann sträuben sich bei mir die Nackenhaare. Dann wird ganz gewiss in irgend eine Richtung ideologisiert. Da wird dann beispielsweise eine linke Geschichte draus, oder eine ganz gemütliche Kaiserstühler Dorfgeschichte, oder eine religiöse oder eine typisch deutsche oder eine typisch grüne – alles Quatsch. Man muss alle 28.000 Geschichten gleichzeit anhören, dann kriegt man aus dem chaotischen Gesumm und Gequiecke und Gekreisch eine Ahnung davon, was damals wirklich abging.
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Es ist wichtig, sich klar zu machen,
dass da Leute über lange Zeit sehr eng zusammengearbeitet haben. Leute, die sich sonst wahrscheinlich nie getroffen hätten. Man wusste genau, mit dem oder mit der habe ich das und das zusammen erlebt und durchgestanden. Auf die oder auf den kann ich mich verlassen, auch wenn sie jetzt gerade einen Stuß erzählen, der mir gar nicht gefällt – egal, die Bindung hält! Da hat sich eine menschliche, aber auch eine politische Verlässlichkeit entwickelt. Und wir hatten Glück in diesem dramatischen historischen Moment gerade an diesem Ort zu leben, hier am Oberrhein, wo uns die Regierung glücklicherweise so unterschätzt hat, dass wir tatsächlich gewinnen konnten. Ganz anders verlief die Sache zwei Jahre später in Brokdorf1. Dort war die Staatsmacht schon vorbereitet, als die Demonstranten kamen. Die Regierung von Stoltenberg wusste, was auf sie zukommt, und sie hat sich bemüht, die Auseinandersetzung zu militarisieren, und ein Teil der Demonstranten ist darauf reingefallen und hat das Spiel mitgespielt. Und in Hamburg, wo das Zentrum der Brokdorf-Widerstandes lag, dort haben die Genossen dann fruchtlose parteipolitische Linienkämpfe durchgespielt, um herauszukriegen, wer denn nun «die Führung übernehmen» darf. – Der Ort, wo ich mich später fast wie zuhause fühlte, war Gorleben, also das Wendland. Die haben dort eine ganz ähnliche Widerstandskultur entfaltet wie die badisch-elsässischen Bürgerinitiativen einige Jahre zuvor.
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Wenn man aus der Wyhl-Erzählung einen Teil wegnähme,
egal welchen, den linken, den rechten, den mittigen, den rationalen, den irrationalen, den feministischen, den spinnerten, den träumerischen – egal, ein Steinchen weg, und das historische Gebäude würde lautlos in sich zusammenfallen.
Und auch die Vorgeschichte darf man nicht wegretouchieren. Die Wyhlerzählung fängt 1970 in Kaiseraugst und in Fessenheim an. Von dort kamen wichtige Ideen und Ideen-Kuriere nach Breisach und nach Wyhl, in Kaiseraugst haben die jungen Leute eine «Probebesetzung» inszeniert, als bei uns das Wort «Besetzung» noch gar vorkam. Kurz: aus diesem unglaublichen explosiven Gemisch kann man kein Teilchen wegnehmen. Sonst hat man nur ein bisschen Ideologie und Erinnerungskitsch in der Hand.
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Es war eine Riesenarbeit, die unübersehbar viele Leute geleistet haben,
und zu keinem Zeitpunkt konnte jemand wissen, wie es wirklich ausgehen würde. Für mich war es das Großartigste, was ich in meiner inzwischen doch ziemlich langen politischen Biografie erlebt habe. Die wichtigste Erfahrung, und ein großer Genuss: über die Grenzen der eigenen, gut bekannten Gruppe mit ihren Gewohnheiten und Selbstverständlichkeiten hinausgehen, aus dem gemütlichen Vorurteil über die guten «Eigenen» und die verdächtigen «Fremden» ins Vorurteilsfreie zu gelangen, sozusagen «ins Offene». Und dann nicht versuchen, die Differenzen wegzulügen oder gewaltsam eine Vereinheitlichung zu erzwingen – alles Unfug! Aus diesen Differenzen ergeben sich Reibungen, die Funken schlagen, sie können lästig sein oder produktiv – nun ja, meistens beides, gleichzeitig.

Ein Text von Walter Mossmann im Buch
"S Eige Zeige. Jahrbuch des Landkreises Emmendingen für Kultur und Geschichte / Siebenunddreißig Wyhl-Geschichten" vom Dezember 2014

Danke Walter für die Abdruckerlaubnis
Im Beitrag von Walter Mossmann gibt es eine Vielzahl von Querverweisen und Fußnoten. Diese finden Sie nur im lesenswerten Buch.



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Dieser Artikel wurde 4859 mal gelesen und am 25.11.2016 zuletzt geändert.