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AKW Wyhl - KKW Wyhl: 44 Jahre kein Atomkraftwerk im Wyhler Wald

13.02.2018

AKW Wyhl / KKW Wyhl: 44 Jahre kein Atomkraftwerk im Wyhler Wald (und anderswo)



Kurzes Vorwort


Weit über vierzig Jahre nach der erfolgreichen Bauplatzbesetzung im Wyhler Wald ist in Südbaden zwischenzeitlich "alles irgendwie Wyhl". Jeder scheint damals dabei gewesen zu sein und alles war Friede, Freude, Eierkuchen... Es ist gut und wichtig sich an Erfolge der Umweltbewegung zu erinnern, doch sollten wir ein wenig darauf achten, dass das Erinnern nicht in´s Kitschige abdriftet. Dies gilt insbesondere in einer Zeit in der egoistische, industriegelenkte Bürgerinitiativen immer stärker werden und in der die globalen Kampagnen für Gefahrzeitverlängerung und neue AKW an Heftigkeit zunehmen. Es gibt keinen Grund für Nostalgie!
Axel Mayer



Vor 44 Jahren! Bauplatzbesetzung in Wyhl


„Die Umweltbewegung wird für das gelobt, was sie in der Vergangenheit getan und erreicht hat und sie wird dafür kritisiert, was sie aktuell fordert und durchsetzen will“

Am 18. Februar 1975, vor 40 Jahren, wurde im Wyhler Wald Geschichte geschrieben. Es war der Tag des Baubeginns für die geplanten AKW. Männer und Frauen stellten sich mit ihren Kindern vor die Baumaschinen und brachten diese zum Stillstand, um ihre bedrohte Heimat zu schützen. Es folgte die erste Räumung des Platzes durch die Polizei am 20. Februar. Nach einer Großkundgebung am Sonntag, den 23. Februar 1975 kam es zur zweiten Besetzung.

Auch aus dem erfolgreichen „NAI hämmer gsait“ der Bauplatzbesetzungen in Marckolsheim (F), Wyhl (D), Gerstheim (F), und Kaiseraugst (CH) und aus dem zeitgleichen „JA hämmer gsait“ der Sonnentage in Sasbach und den Anfängen der Umweltbewegung entwickelte sich nach und nach ökologischer, menschengerechter Fortschritt.

Wyhl war ein wichtiger optimistischer Impuls für die globale Anti-Atom-Bewegung und die Opfer der Atomunfälle in Tschernobyl und Fukushima haben den damals Aktiven Recht gegeben. Wyhl war auch ein Zeichen für einen grenzüberschreitenden, weltoffenen, europäischen, toleranten, alemannischen Regionalismus.

Aus konservativen Nur-Naturschutzverbänden wurden Umwelt- und Naturschutzverbände. Luft und Wasser sind durch die langen Kämpfe der letzten vierzig Jahre sauberer geworden, der Atomausstieg ist eingeleitet, Strom aus Wind und Sonne ist billiger als Strom aus neuen AKW und Kohlekraftwerken und auch einige Wurzeln der Grün-Roten Landesregierung liegen im Wyhler Wald.

Dies alles ist kein Grund für Nostalgie. Wir erlebten immer noch globale und regionale Umwelt- und Naturzerstörung, Kriege, ökonomisch-ökologische Krisen, Hunger in der Welt, eine Zunahme von Gewalt, Irrationalität und Intoleranz. Ein Blick in die Welt zeigt zunehmende Gefährdungen, Krisen, Kriegsgefahren, politische und manchmal auch gesellschaftliche Auflösungserscheinungen. Die umwelt- und demokratiegefährdende Macht der Konzerne hat in den letzten Jahren massiv zugenommen. Wenn es um deren ökonomische Interessen geht, dann haben trotz neuer, geschickterer Durchsetzungsstrategien und Greenwash, die Angriffe auf die Umweltbewegung die gleiche „Qualität“ wie vor vierzig Jahren. Das geplante Freihandelsabkommen TTIP wäre ein weiterer großer Schritt von der Demokratie zur Konzernokratie und brächte massive Rückschritte für Mensch, Natur und Umwelt.

Heute, lange nach dem Wyhl-Konflikt, gibt es leider immer mehr industriegelenkte Bürgerinitiativen, Stiftungen und egoistische Gruppen, die mit vorgeschobenen Umwelt- und Naturschutzargumenten gegen Mensch, Natur und Umwelt agieren.

Es gibt viele Gründe sich über vergangene Erfolge zu freuen und unendlich viel zu tun.

Axel Mayer, ehemaliger Bauplatzbesetzer und Sprecher der BI Riegel, heute BUND-Geschäftsführer, Vizepräsident TRAS & Kreisrat



Der Umweltbote (aus einem alten Infoblatt der Bürgerinitiativen)

Eine (alte) Information der BADISCH - ELSÄSSISCHEN BÜRGERINITIATIVEN


AKW - KKW - Wyhl Chronik: Der Widerstand im Wyhler Wald


Was geschah bisher um Wyhl

  • Bereits im Mai 1972 wird mit linksrheinischen Atomkraftgegnern ein Protestmarsch gegen das geplante Atomkraftwerk in Fessenheim durchgeführt.
  • Im September 1972 formiert sich der Widerstand der Kaiserstühler Winzer gegen den geplanten Standort eines Atomkraftwerks bei Breisach. 560 landwirtschaftliche Fahrzeuge demonstrieren mit Transparenten und Sprüchen wie "Lieber heute aktiv, als morgen radioaktiv" und "Kein Ruhrgebiet am Oberrhein".
  • Im Oktober 1972 werden 65.000 Einsprüche gegen das geplante Atomkraftwerk bei Breisach im Landratsamt Freiburg hinterlegt. Anhörungstermin/Breisach.
  • Am 19. Juli 1973 wird durch den Rundfunk erstmals der neue Standort eines Atomkraftwerkes - Wyhl - bekannt. Spontan bilden sich in Wyhl, Weisweil, Endingen und anderen Orten am nördlichen Kaiserstuhl Bürgerinitiativen. Umfassend informieren sich die betroffenen Bürger über Klimaveränderungen, vermehrte Nebelbildung, Grundwasserabsenkung, über Funktionsweise und Sicherheitsprobleme beim Betrieb von Atomkraftwerken. Die Badenwerk AG informiert inzwischen mit kostenlosen Informationsfahrten (Kaffeefahrten) auf andere Weise die Bevölkerung. Pro- und Contra Diskussionen verstärken nur den Widerstand in der Bevölkerung.

    Wyhl Protest

  • Im April 1974 werden im Landratsamt Emmendingen 96.000 Unterschriften abgegeben.
  • Juli 1974: Erörterungstermin in der Turnhalle in Wyhl.
  • Juli 1974: Bekanntgabe des Standortes für ein Bleichemiewerk der Chemischen Werke München (in der Bundesrepublik sind die Umweltauflagen zu hoch) in Marckolsheim/Elsaß, direkt gegenüber von Sasbach/Rhein.
  • Deshalb spontaner Zusammenschluß deutscher und französischer Umweltschützer und Gründung des Internationalen Komitees der 21 Badisch-Elsässischen Bürgerinitiativen.
  • Noch im Juli gemeinsame Aktionen der Badisch-Elsässischen Bürger. Über 3000 Menschen beim Sternmarsch zum geplanten Standort in Wyhl, über 4000 Menschen beim Demonstrationszug unter Glockengeläute, gegen das Bleichemiewerk in Marckolsheim.
  • Verstärkte Information und Diskussion in allen Ortschaften links und rechts des Rheins.
  • Am 20. September 1974 wird der Bauplatz in Marckolsheim von Umweltschützern beidseits des Rheins besetzt. Errichtung des 1. Freundschaftshauses.
  • Oktober 1974: Der Badische Weinbauverband und der Landwirtschaftliche Hauptverband melden verstärkt Bedenken gegen das Bleichemiewerk und das Atomkraftwerk an.
  • Dezember 1974: 700 Kaiserstühler warten erfolglos drei Stunden im Regen vor dem Stuttgarter Landtagsgebäude, um Wirtschaftsminister Eberle ihre Bedenken vorzutragen.
  • Januar 1975: Verhöre und Hausdurchsuchungen. Das Wirschaftsministerium genehmigt den Bau eines Atomkraftwerkes in Wyhl.
  • Stellvertretend für alle Bürger der Region erheben 10 betroffene Bürger und 4 Gemeinden Klage.
  • Februar 1975: Baubeginn in Wyhl. In letzter Verzweiflung stellen sich am 18. Februar Männer und Frauen mit ihren Kindern vor die Baumaschinen und bringen diese zum Stillstand, um ihre bedrohte Heimat zu schützen.
  • Erste Räumung des Platzes durch die Polizei am 20. Februar mit Hundestaffeln und Wasserwerfern. Mit Panzerdraht wird das Gelände eingezäunt.
  • Täglich stehen Tausende ohnmächtig am Stacheldraht.
  • Nach einer Kundgebung am Sonntag, den 23. Februar 1975, an der laut polizeilichen Angaben 28.000 Menschen teilnehmen, überwinden Kundgebungsteilnehmer die Barrikaden mit bloßen Händen.
  • Die Polizei verläßt unter Wahrung der Verhältnismäßigkeit der Mittel den Platz.
  • Somit wird der Platz wieder besetzt und ist in den Händen der Bevölkerung.

  • Das Freundschaftshaus im Wyhler Wald wird errichtet.
  • Die Volkshochschule Wyhler Wald wird gegründet.
  • Schadensersatzforderungen, Berufsbehinderungen, Stromabschaltungen, Telefonüberwachungen, Anzeigenkampagnen sollen die Bevölkerung einschüchtern.
  • Im Sommer 1975 erste Kontakte mit der Landesregierung (CDU Fraktionsvorsitzender L. Späth).
  • November 1975 verlassen die Bürgerinitiativen den Platz, der nun von den Bürgerinitiativen, der Landesregierung und der KWS gemeinsam bewacht wird; dies als Voraussetzung für die Verhandlungen mit der Landesregierung.
  • 31. Januar 1976: nach vier Verhandlungsrunden kommt die "Offenburger Vereinbarung" der Bürgerinitiativen mit der Landesregierung Baden-Württemberg zustande, die mit großer Skepsis von den Bürgerinitiativen angenommen wird.
  • Der Verlauf des Jahres 1976 wird vom ,,Burgfrieden" um Wyhl geprägt. Es werden neue beidseitig vereinbarte Gutachten erstellt, welche Ende des Jahres erörtert werden. Im Anschluß daran beginnt im Januar 1977 in Herbolzheim die Hauptverhandlung des Wyhl-Prozesses vor dem Freiburger Verwaltungsgericht. 10 Tage lang stehen 50 Pro-Gutachter und Kernenergiebetreiber, sowie drei Kernenergiekritiker dem Gericht vor viel Publikum Rede und Antwort.
  • Anfang April 1977 bescheidet das Gericht in Freiburg, daß der Atomkraftwerksbau wegen eines fehlenden Berstschutzes unzulässig sei.
  • Die erneute Ruhephase wird zur Ausarbeitung von neuen Gutachten genutzt.

    Wyhl Protest

  • 1977 erste Sonnenenergieausstellung in Sasbach.
  • Die im Freundschaftshaus im Wyhler-Wald ins Leben gerufene Volkshochschule Wyhler Wald wirkt in den Ortschaften im Umkreis von 50 km um Wyhl weiter.
  • März 1979: aus Solidarität mit den Gorlebener Bauern demonstrieren über 2000 Menschen in Sasbach (über 100 Traktoren)
  • Sonderzug der Badisch-Elsässischen Bürgerinitiativen zum Gorleben-Treck nach Hannover.
  • 30. Mai 1979: Beginn des Wyhl-Prozesses vor dem VGH in Mannheim. Befangenheitsanträge gegen 2 Richter wegen "konspirativer" Beweiserhebung im Hiltonhotel in San Francisco.
  • Besorgter Brief zum Wyhl-Prozeß von 22 Pfarrern des Ev. Kirchenbezirks Emmendingen. Zu allen Prozeßterminen fahren die Kaiserstühler in mehreren Bussen.
  • 1980: Bürgerinitiativen und klagende Gemeinden fordern, daß die Mannheimer Wyhlverhandlungen in Weisweil fortgesetzt werden.
    VGH lehnt ab.
  • Spätjahr 1981: letzte Plädoyers. Gericht weist alle Beweisanträge und Befangenheitsanträge der Kläger ab.
  • 30. März 1982 verkündet der Verwaltungsgerichtshof in Mannheim das Urteil, das den Betreibern den Baubeginn zuläßt/ freigibt. Spontane Kundgebungen und Sorge, dass jetzt doch noch mit dem Bau des AKW begonnen wird
  • Winter 1982-1983: Hubert Hoffmann entwirft das "Nai hämmer gsait" Plakat. Das Plakat gehört in die Mobilisierungsphase gegen die drohende Wiederaufnahme der Bauarbeiten in Wyhl 1982/83, genauso wie "S'Weschpenäscht" (April 1982) und unzählige Aktivitäten in den Dörfern und Städten der Region
  • Im Jahr 1983: Gespräche der Ministerpräsidenten mit den regionalen Politikern und dem Weinbau- und Bauernverband.
  • März 83: 45.000 Einsprüche während einer Unterschriftensammlung gegen die sogenannte Baulinie 80.
  • Juli 83: über 300 Widersprüche gegen das Wasserrechtsverfahren.
  • Bekanntgabe eines geheimen Einsatzplanes der Polizei bei einem eventuellen Baubeginn in Wyhl. Danach herrscht große Unruhe in der Bevölkerung.

    Hans Filbinger und Wyhl Protest

  • Am 30. August 1983 sagt Ministerpräsident Späth: "Der Zeitdruck für Wyhl ist weg." (Zitat)
  • Aufatmen der Bevölkerung. Trotzdem bleibt die Region hellwach.
  • Anläßlich der Aktionstage am 18. September 1983 wird ein symbolischer Bündnispakt zwischen Schweizer-, Badener-, und Elsässer Bürgerinitiativen geschlossen.
  • Übrigens, bei den Wahlen im Oktober 1984 werden 5 Atomkraftwerksgegner in den Gemeinderat in Wyhl gewählt.
  • 1985: die Volkshochschule Wyhler Wald schreibt zur 10-jährigen Platzräumung und Besetzung ihr 72. Programm.

Kein Atomkraftwerk in Wyhl und anderswo
Aus einem alten Flugblatt der BADISCH-ELSÄSSISCHEN BÜRGERINITIATIVEN




Atomkraftwerk Wyhl: Ein "subjektiver & persönlicher" Rückblick von Axel Mayer



Im Wyhler Wald, in den Rheinauen am Kaiserstuhl stehen mächtige Bäume mit großen Wurzeln.
Doch nicht nur Bäume haben hier ihre Wurzeln, sondern auch der BUND, das Ökoinstitut, die GRÜNEN, das badische „NAI hämmer gsait“ zur Atomkraft und das erste, frühe JA zu den zukunftsfähigen alternativen Energien.

Mit dem Jahr 1970 begann ein spannendes, wichtiges Jahrzehnt.
Der Nachkriegsglaube an das unbegrenzte Wachstum bekam erste Risse, aus konservativen Nur-Naturschutzverbänden wurden politische Umweltverbände und am Oberrhein, im Elsass, in der Nordschweiz und Südbaden schwoll der Protest gegen umweltvergiftende Industrieanlagen und geplante Atomkraftwerke zu einer massiven Bürgerprotestbewegung an. In kurzer Folge wurden ab dem Jahr 1974 das Gelände für ein geplantes, extrem umweltvergiftendes Bleichemiewerk in Marckolsheim (F) und für drei Atomkraftwerke besetzt. Alle diese umstrittenen Projekte wurden durch massiven Bürgerprotest und illegale Bauplatzbesetzungen verhindert und nie realisiert. Bauplatzbesetzung, das schreibt sich mit 40 Jahren Abstand so einfach. Doch diese Bauplatzbesetzungen bedeuteten auch Debatten und Streit, Demovorbereitungen, Plakataktionen, Flugblattschreiben, Polizeigewalt, Freund- und Liebschaften, viele, viele gebackene Kuchen, Matsch, Schnee, knöcheltiefer Schlamm und nasse, kalte Winter im Strohlager und Zelt.


AKW KKW Wyhl: Demo mit Meinrad Schwörer, Axel Mayer und vielen anderen


Natürlich war ich damals in Wyhl dabei.
Für den jungen Lehrling aus dem Wyhler Nachbardorf Teningen war es doch keine Frage, sich gegen die Bedrohung von Mensch, Natur und Heimat, gegen das Bleichemiewerk in Marckolsheim und später gegen das AKW in Wyhl zu engagieren. 1974 bin ich mit meiner Freundin Barbara auf der Vespa zur ersten Besetzung nach Marckolsheim gefahren. Hätten wir uns damals nicht mit so vielen Menschen engagiert, dann wären in den letzten 40 Jahren über 400 Tonnen Blei auf den Kaiserstuhl und das elsässische Ried herabgeregnet. Bei einem vergleichbaren Bleichemiewerk in Norddeutschland starben in der Umgebung ab und zu die Kühe an Bleivergiftung und die Kinder hatten Pseudokrupp und Hustenanfälle. Es gab damals in Europa noch Formen der Umweltverschmutzung und Vergiftung, die heute nicht mehr vorstellbar sind und die Fortschritte für Mensch und Natur wurden in vielen mühsam-erfolgreichen Konflikten erkämpft. Hätten wir uns später in Wyhl nicht gewehrt, dann stünde im Erdbebengebiet am Oberrhein ein weiteres, gefährliches AKW.


Wyhl Protest: Demo mit Balthasar Ehret (dr Bälz) von der Fischerinsel und dem berühmten Transparent "Heute Fische morgen wir"


Auf den besetzten AKW-Bauplätzen in Wyhl (D), Kaiseraugst (CH) und Gerstheim (F)
wurde drei Jahrzehnte nach Kriegsende auch der europäischen Traum vom grenzenlosen Europa geträumt und erkämpft. Die europäischen Nachbarn haben grenzüberschreitend gemeinsam die Grenzen und die alte, verlogene "Erbfeindschaft" überwunden, Bauplätze und Brücken besetzt, Gifteinleitungen in Rhein und Luft abgestellt, für Leben und Zukunft gekämpft und gemeinsam viele Gefahren am Oberrhein abgewehrt. Hier wurde der Traum vom grenzenlosen Europa geträumt, ausgedrückt im Lied von François Brumpt: "Mir keije mol d Gränze über de Hüfe und danze drum erum". Der damaliger Traum von einem schlagbaumlosen Europa ist heute am Oberrhein Realität. Und was mensch gegen Luftverschmutzung, Klimaveränderung und zerstörerische Auswirkungen der Globalisierung tun kann, haben die Aktionen vor 40 Jahren auch gezeigt.


Brückenbesetzung auf der alten Pontonbrücke in Sasbach: Gegen das Bleiwerk in Marckolsheim und das Atomkraftwerk in Wyhl


Einschub: Von ungewollten GRÜNEN Vaterschaften...
Im Konflikt um das geplante AKW gab es bei uns Bürgerinitiativlern auch die Überlegung, einen Menschen als Vertreter in den Landtag zu bringen. Die Schwarzen kamen nicht in Frage, denn sie waren für´s AKW und die Roten kamen am schwarzen Kaiserstuhl nicht so richtig in Frage. Herr Dr. Schött, Endinger Apotheker und ein wichtiger Vertreter der Bürgerinitiativen, war bereit, den Weg ins Parlament über die FDP zu machen. Auf seinen Wahl-Plakaten stand aber kein Partei-Logo, sondern nur „Dr. Hans Erich Schött – Bürgerinitiative“. Und er wurde tatsächlich gewählt, auch ohne Partei-Logo. Staunend stellten wir damals fest, dass es möglich war als Umweltschützer in den Landtag zu kommen und dieser ungewöhnliche FDP-Umweg war auch ein Impuls, eine Umweltpartei zu gründen. Die Geschichte kennt nicht nur gerade Wege. 1976 wurde Herr Dr. Schött in den Landtag gewählt und 1980 wurden die GRÜNEN gegründet.



Volkshochschule Wyhler Wald: Eine von vielen Veranstaltungen auf dem besetzten Platz in Wyhl



40 Jahre nach den Wyhl-Protesten
bleiben Erinnerungen und grenzüberschreitende Freundschaften. Es bleiben Erinnerungen an die besetzten Plätze in Wyhl, Marckolsheim, Gerstheim, Kaiseraugst (und später das Gencamp in Buggingen), ans Wyhler Freundschaftshaus, die Volkshochschule Wyhler Wald, an engagierte Frauen und Männer, an Kaiserstühler Winzer, an konservative Forchheimer Bauern und linksalternative Freiburger Freaks, an Menschen wie Solange Fernex, Annemarie Sacherer, Lore Haag und Balthasar Ehret, an die heute noch aktiven Frank Baum, Erhard Schulz, Walter Mossmann und den unermüdlichen Jean-Jacques Rettig..., an den mühsam glücklichen Tag der Wyhler Besetzung, an die Blüte der alemannischen Regionalkultur, an die Überwindung der nationalen Grenzen und ein Stück gelebtes Europa, an mancherlei Gesichter, an Reden, Streit, Gespräche und Lieder. Die Vergangenheitsverklärung bricht Ecken und Kanten der Erinnerung.

JA hämmer gsait


Der Wyhl-Protest war nicht nur das kämpferische "Nai hämmer gsait", sondern auch das Ja zu damals absolut neuen und exotischen Dingen wie Solar- und Windenergie bei den ersten Sonnentagen in Sasbach. Im Sommer 1976 veranstalteten einige Aktive des Bund für Umwelt und Naturschutz gemeinsam mit den Bürgerinitiativen die weltweit erste und größte Ausstellung zu alternativen Energien in Sasbach am Kaiserstuhl. Der Widerstand gegen das im Nachbardorf Wyhl geplante AKW Wyhl war uns Aktiven nicht genug, es galt auch Alternativen zur Atomenergie aufzuzeigen. Werner Mildebrath (Solarpionier Sasbach) und Erhard Schulz (BUND Mitbegründer) waren mit vielen anderen die treibenden Kräfte. Aus heutiger Sicht war es eine kleine, ja geradezu winzige, Ausstellung alternativer Energien. Aber gerade dieses "aus heutiger Sicht" zeigt den unglaublichen Erfolg der damaligen Idee und der umgesetzten Vision. Wer hätte die unglaublichen Entwicklungen im Bereich alternativer Energien damals für möglich gehalten? Viele Aktive aus den damaligen Bürgerinitiativen sind heute aktive BUND-Mitglieder und gerade der BUND am Südlichen Oberrhein steht immer noch für die kämpferische Tradition der erfolgreichen trinationalen Umweltbewegung am Oberrhein.

Wenn ich auf vier Jahrzehnte intensiv erlebte regionale Umweltarbeit zurückschaue, dann muss ich sagen, dass wir einen "Fehler" gemacht haben. Überall dort, wo wir dem Staat oder der Allgemeinheit durch unsere Aktivitäten Kosten erspart haben ( oder hätten ersparen können, wenn man auf uns gehört hätte, wie bei schlechten, überteuerten Müllverbrennungsanlagen oder Stuttgart 21), überall dort hätten wir 5% dieser Summen einfordern sollen.


Aus dem langhaarigen Vermessungstechnikerlehrling
wurde der grau-und kurzhaarige BUND-Geschäftsführer und Kreisrat, der sich immer noch für Natur, Umwelt, Frieden, Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit engagiert, der manchmal über den Hunger in der Welt, Kriege für Öl und die schleichende Zerstörung seiner Heimat am Oberrhein verzweifelt und dennoch immer noch Kraft aus Wyhl, den damaligen und manchen aktuellen Erfolgen zieht. Auf den besetzten Bauplätzen habe ich meine Lebensbatterie geladen. Ob diese Batterie ein Leben lang hält, wird sich zeigen...

Axel Mayer, BUND-Geschäftsführer, Vizepräsident TRAS, Kreisrat





BauplatzbesetzerInnen in Wyhl & Marckolsheim...


Auszug aus einer Rede von Walter Mossmann (Dezember 2010)
Was neu war:
Auf den besetzten Plätzen in Marckolsheim, Wyhl oder Kaiseraugst trafen sich nicht mehr nur die üblichen Verdächtigen aus der linken Szene, auf die sich Polizei und Justiz längst eingeschossen hatten, vielmehr kamen dort Leute zusammen, die eigentlich gar nicht zusammen gehörten, deshalb ging es ja auch in Wyhl viel lustiger zu als bei den Parteimeetings der Moskau- oder der Peking-Kommunisten.

Im Freundschaftshaus
auf dem besetzten Platz in Wyhl trafen Winzergenossen und katholische Landfrauen auf eine Jugendgruppe der IG Metall aus NRW oder auf die Stuttgarter Gewerkschaftsopposition bei Daimler ("Plakatgruppe") mit Willi Hoss und Peter Grohmann, es trafen sich evangelische Pfadfinderinnen aus Heidelberg mit bündischen Jungs aus Hamburg und Grauen Panthern aus Westberlin, es kamen denkende Sozialdemokraten, die sich gerade mit Erhard Eppler gegen den Atompolitiker Helmuth Schmidt aufrichteten, es kamen die Religiösen von den Anthroposophen bis zu den Zen-Buddhisten, dazwischen Linkskatholiken, Pfingstler, Basisgemeinden, orthodoxe Russen, reformierte Juden, laizistische Iraner, synchretistische und tolerante Brasilianerinnen, es kamen deutsche Männergesangsvereine, französische Feministinnen, geoutete Schwule, heimliche Heteros, Spontis, Maoisten, Trotzkisten, Anarchisten, Ornithologen, Vegetarier, Verteidiger des SED-Regimes, die absurderweise auf volkseigene Atomkraftwerke vom Typ Tschernobyl setzten, es kamen Leute vom Schwarzwaldverein, von den Vosges Trotter Colmar, von der Skizunft Brend, es kamen Pazifisten, Reserveoffiziere und die Schnapsnasen aus Webers Weinstuben, es kamen alte Leute, die ihre Ideen vom Naturschutz aus der nationalsozialistischen Erziehung mitbrachten, es kamen kritische Architekten, Mediziner, Pädagogen, Journalisten, frustrierte Orchestermusiker, grübelnde Polizisten, und sie trafen auf den Apotheker vom Kaiserstuhl, den Schmied, den Schreiner, die Ärztin, die Chemikerin, den Müller, den Fischereimeister, den Tabakbauer, die Winzerinnen, die Lehrer, die Pfarrer, und sie trafen Werner Mildebrath, den Elektriker aus Sasbach, der schon 1975/76 den Leuten seine Sonnenkollektoren aufs Dach setzte, denn die Bürgerinitiativen arbeiteten schon damals an erneuerbaren Energien, und sie organisierten 1976 die Sonnentage von Sasbach, als die Stuttgarter Regierung noch einfältig und doktrinär an das Perpetuum Mobile namens Atomkraft glaubten.





Nai hämmer gsait! Kein Atomkraftwerk in Wyhl und anderswo



Dieser Satz und das alte Plakat
im Winter 1982 - 1983 (als der Bau des AKW wieder einmal kurz bevor stand) entworfen von Hubert Hoffmann, stehen für die erfolgreiche, selbstbewusst-alemannische, grenzüberschreitend-trinationale Umwelt- und Anti-Atombewegung im Dreyeckland, die in Wyhl (D), Kaiseraugst (CH) und Gerstheim (F) den Bau von drei Atomkraftwerken verhindert hat. Ursprünglich allerdings stammt das Motiv von einem Transparent der Bauplatzbesetzung 1974/75 in Marckolsheim Das "awer" (siehe unten im Foto) im Ursprungstext zeigt deutlich, dass hier elsässische Transparentmaler am Werk waren und dass der grenzüberschreitend-gemeinsame Dialekt viele Variationen hat.

Als Plakatidee
hat Hubert Hoffmann den Satz des Transparents für die Badisch-Elsässischen Bürgerinitiativen aufgegriffen. Hubert war in der Zeit der Wyhl-Proteste ein vielbeschäftiger niebezahlter Hobbygrafiker der Bürgerinitiativen und der Umweltbewegung. Auf vielen der alten Wyhl-, Fessenheim-, Waldsterben- und Dreyecklandplakaten findet sich irgendwo versteckt ein kleines Schneckensymol, das Zeichen, dass die Grafik von Hubert Hoffmann stammt. Von ihm kam die Idee des ersten NAI-Plakats und ich erinnere mich noch wie schwierig es für mich war, die erste Ablehnung in den BI´s für das Motiv zu überwinden und endlich in Druck zu gehen. Es war damals nicht anders als heute: Ein Plakatmotiv, drei Leute, vier Meinungen und viel Kritik... Später wurde das anfänglich umstrittene und teilweise sogar abgelehnte Motiv zu dem Symbol des erfolgreichen Widerstands gegen das Atomkraftwerk Wyhl und heute ziert es im Wyhler Wald den Gedenkstein der Badisch-Elsässischen Bürgerinitiativen. Ich selber habe vor über 30 Jahren das Plakat vielhundertfach an Kaiserstühler Hoftore getackert.

Das Motiv findet sich auch als "Widerstandskitsch",
beispielsweise auf kleinen Weingläsern, es wurde bei der Debatte um die Gefahrzeitverlängerung für AKW und nach dem GAU in Fukushima aber auch wieder politisch wichtig. "Atomausstieg jetzt" stand jetzt unter dem "Nai" auf 16.000 neuen BUND- und BI-Plakaten und auf vielen Aufklebern. Aus dem Fahnenmeer der gelben Anti-Atom-Sonnen leuchtet es als Fahne selbstbewusst-alemannisch bei den vielen Fukushima- und Fessenheim-Demos hervor (sogar bei einer Demo in Tokio) und Plakate und Fahnen hängen an vielen Balkonen am Oberrhein.

Das neueste Motiv
stammt wieder aus der Zusammenarbeit von Hubert Hoffmann und Axel Mayer. Das "Nai hämmer gsait" steht jetzt etwas kleiner unter dem Plakat, das AKW-Motiv mit Kühlturm wurde durch ein Fessenheim-Foto ersetzt und oben am Plakat steht in großen Lettern "FESSENE?" Jetzt wird trinational gemeinsam die Gefahrenquelle am Rhein angegangen.

Kleiner sind die NAI-Plakate geworden,
denn die Zeit der schönen, großen alten Holzhoftore ist vorbei. Es wird auch in den Städten immer schwieriger große Plakate aufzuhängen und so wurden die Plakate im Laufe der Jahre immer kleiner. Immer mehr tritt der Aufkleber oder der "Spucki" an Stelle des Plakats als Vermittler von politischen Botschaften.

Ein Plakat muss plakativ sein
und die Aussage auf ein zentrales Motiv beschränken, alles andere wäre ein plakatives Flugblatt. Doch hinter dem gemeinsamen "NAI" der Menschen am Oberrhein zu den Todestechnologien stand immer auch ein vielstimmiges "JA". Da war das erst verlachte, bekämpfte und später vielkopierte "JA" zu den nachhaltigen, zukunftsfähigen alternativen Energien bei den Sonnentagen in Sasbach. Und dann natürlich der mühsam erkämpfte Traum, das "JA" zu einem grenzenlosen Europa der Menschen, nicht nur am Oberrhein, ausgedrückt im alten Lied unseres elsässischen Mitstreiters François Brumbt: "Mir keije mol d Gränze über de Hüfe und danze drum erum". Im heutigen Europa der ökonomisch-ökologischen Krisen und der Habgier ist die erkämpfte Realität der offenen Grenzen durch Intoleranz und (noch) kleine Nationalismen wieder einmal massiv gefährdet und braucht erneut die Kräfte der Zivilgesellschaft ...

Hoffentlich
werden wir zumindest das "NAI" zur Atomkraft auch am Oberrhein in wenigen Jahren nicht mehr benötigen und die alten Plakate werden zu Sammlerstücken für die Museen.
Doch erst einmal müssen 5000 neue "Fessene- NAI" und in Kürze vielleicht auch Beznau- und Leibstadtplakate an Fensterläden und Hoftore und auch mal wieder zur Demo gebracht werden. Die Energiewende zur Nachhaltigkeit grenzüberschreitend voranzubringen wird uns noch einige Zeit beschäftigen.

Axel Mayer, BUND-Geschäftsführer, ehemaliger Wyhl-Aktivist und "Plakatierer"



Nai hämmer gsait: Das erste, elsässische Banner mit diesem Motiv bei der Bauplatzbesetzung in Marckolsheim 1974/75 Info



Hier das erste Plakat von Hubert Hoffmann für die Badisch-Elsässischen-Bürgerinitiativen.



Das Motiv, jetzt als BUND-Plakat in der Zeit der von schwarz-gelb geplanten Laufzeitverlängerung für AKW.




"Nai hämmer gsait" als hundertfach gezeigte Fahne nach dem Atomunfall in Fukushima.



Das Motiv als kleines Din A1 Banner ist noch im Druck und wird von der Druckerei Ende Juli ausgeliefert...




Das Motiv als Längs-Banner ist noch im Druck und wird Ende Juli ausgeliefert...



"Nai hämmer gsait" exotisch: Die Fahne bei einer Fukushima-Demo von Friends of the Earth Japan in Tokio



Demo in Breisach



Der Begriff "Nai hämmer gsait" wird bei GOOGLE zwischenzeitlich 15.000 mal gefunden...







Wyhl und die Anti-Atomkraft-Bewegung


Quelle: Martin Oversohl / Deutsche Presseagentur /DPA März 2009
Wir danken Herrn Oversohl für die Abdruckerlaubnis


Da ist immer noch Stolz
in seiner Stimme. Stolz, gemeinsam etwas vollbracht zu haben im Kampf David gegen Goliath. Axel Mayer, so etwas wie ein Veteran der Anti-Atomkraft-Bewegung, war dabei, als sich eine ganze Region - Bauern, Studenten, Beamte - auflehnte gegen den geplanten Bau eines Atom-Meilers vor ihrer südbadischen Haustür. Mayer trug 1975 seinen Teil zum Mythos von Wyhl bei - und er marschierte am 28. Februar 1981 an der Seite von 100 000 anderen mit bei den größten Anti-Atom-Protesten der deutschen Geschichte in Brokdorf an der Elbe. Jetzt spürt er wieder so etwas wie ein Aufleben der Proteste. „Sie sind im Aufwind“, sagt der 53-jährige Arbeitersohn.

Wyhl Widerstand

Ende der 1960er Jahre hatte selbst Mayer die Kernkraftwerke noch akzeptiert. „Als Kind und Schüler habe ich die Atomkraft unterstützt“, sagt er. Kernkraftwerke galten schließlich als sicher, als wirtschaftlich, als umweltfreundlich, als Segen für die Menschheit. Aber dann sollte ein Bleichemiewerk in Marckolsheim gebaut werden - und der langhaarige Vermessungstechnikerlehrling ging auf die Straße.

„Für mich war es doch keine Frage, sich gegen die Bedrohung von Mensch, Natur und Heimat, gegen das Bleichemiewerk und später gegen das AKW in Wyhl zu engagieren.“ Also schwang sich Mayer 1974 mit seiner Freundin auf den Motorroller und fuhr zur ersten Besetzung nach Marckolsheim.


„Nai hämm'r gsait (Nein haben wir gesagt)“ - unter dem alemannischen Motto wird die 3613 Einwohner zählende Gemeinde Wyhl am Kaiserstuhl wenig später zum Symbol für den Widerstand gegen technische Klötze.
Hunderte von Menschen stellen sich den anrückenden Baumaschinen entgegen, darunter viele Weinbauern, die Angst hatten, dass die Schwaden der Kühltürme ihren Weinbergen die Sonne wegnehmen, aber auch Landwirte mit ihren Traktoren. Die Kernkraftwerk Süd GmbH will auf dem Gelände zwei Kraftwerksblöcke bauen.
Die Protestler besetzen im Februar 1975 den Bauplatz, wenige Tage später müssen sie Polizisten, Wasserwerfern und Hundestaffeln weichen. Doch der erzwungene Friede währt nicht lange. Nach einer Kundgebung bewegen sich 28 000 Menschen auf das mit Stacheldraht eingezäunte Gebiet zu, etliche überwinden die Absperrung.

Erst knapp neun Monate später verlassen die letzten Demonstranten den Bauplatz wieder, nachdem sie dort ein „Freundschaftshaus“ errichtet, eine „Volkshochschule Wyhler Wald“ gegründet, nächtelang zusammengesessen und diskutiert hatten. „Wer dort saß, der war sich sicher, dass sein Protest rechtens war“, erinnert sich Mayer. 1978 gibt die Regierung das „Aus“ für Wyhl bekannt - mangels Bedarfs. „Wir haben erlebt, dass man mit einer illegalen Besetzung etwas erreichen kann“, sagt Mayer.

Den Erfolg der badisch-elsässischen Bürgerinitiativen auf dem besetzten Bauplatz feiert nicht nur er als Geburtsstunde der deutschen Anti-Atomkraft-Bewegung und als Wiege der Grünen. „Der Umweltschutz war damals ein exotischer Gedanke, er brauchte diesen Schub, und die Zeit war reif.“


Der Region verpasst der Protest mit seinem frühen Ja zu alternativen Energien eine Art ökologisches Wirtschaftswunder: Forschungsinstitutionen werden rund um Freiburg aus der Taufe gehoben, die Stadt im Breisgau gilt heute als Mekka der Solarindustrie.

Wyhl: Meinrad Schwörer, Peter Book, Axel Mayer...

„Friedlich war der Protest damals, tief verwurzelt und solidarisch“, erinnert sich Mayer, der heute als Geschäftsführer des BUND-Regionalverbands Südlicher Oberrhein „sein Hobby zum Beruf“ gemacht hat. Dennoch, ein bisschen Wehmut meint man aus seiner Stimme zu hören. „Ganz im Gegensatz zu den Protesten in Brokdorf Jahre später.“

Brokdorf - ein Schlagwort, ähnlich wie es heute Gorleben ist mit seinen regelmäßigen Massenprotesten gegen das Zwischenlager und die Transporte der abgebrannten Brennstäbe. Der Erfolg der Wyhler war den Atomkraftgegnern in Norddeutschland nicht vergönnt: „Die Betreiber hatten aus den Fehlern von Wyhl gelernt, es gab eine bessere Propaganda und massive Aufrüstung bei der Polizei“, sagt Mayer, der sich damals mit einem Bus auf den Weg in den Norden gemacht hatte. Wasserwerfer wurden vor genau 28 Jahren gegen die Demonstranten auf dem Acker eingesetzt, es hagelte Stahlkugeln gegen Polizisten. Es sind vor allem diese Bilder der Gewalt, die im Gedächtnis hängengeblieben sind.
Die Kieler Regierung zog mit mehr als 10 000 Beamten das bis dahin größte Polizeiaufgebot in der deutschen Geschichte zusammen. Etliche Polizisten und Demonstranten wurden verletzt. Brokdorf, das steht für eine Niederlage der Bewegung. Für viele politisch Bewegte mag dieser Frust der Anfang vom Ende ihres Engagements gewesen sein.

Dennoch: Hin und wieder blitzte auch in den Jahren danach noch der Erfolg auf. „Lieber heute aktiv als morgen radioaktiv“ schrieben sich die Atom-Gegner auf die Schilde. „Der Bau der Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf Mitte der 80er Jahre konnte verhindert werden“, sagt Mayer. Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl in der Ukraine schürte weitere Ängste vor einem deutschen GAU, und immer wieder sorgt seit Mitte der 1990er Jahre der Protest gegen die Castor-Transporte mit abgebrannten Brennelementen aus der Wiederaufarbeitungsanlage La Hague ins Zwischenlager Gorleben für massiven Protest.

Nach wie vor lacht hier und dort eine rote Sonne auf gelbem Grund, der berühmte „Atomkraft? Nein Danke!“-Aufkleber, der eine Generation geprägt hat. Der Sticker hat seinen Platz im Berliner Deutschen Historischen Museum gefunden.

„Man fühlt sich belogen und betrogen,“ schimpft Mayer, als das Gespräch auf den Atomkonsens kommt, der Absprache von Politik und Atomwirtschaft über einen Ausstieg bis etwa zum Jahr 2021. Mayer spürt so etwas wie damals, in Wyhl, eine Aufbruchstimmung, die die Massen wieder auf die Straßen treiben könnte. „Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass die Umwelt- und Anti-Atom-Bewegung wieder stärker wird.“








Mehr Infos:










Eine Presseerklärung des BUND Regionalverband Südlicher Oberrhein, Wilhelmstraße 24a, 79098 Freiburg

www.bund-freiburg.de

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Dieser Artikel wurde 9514 mal gelesen und am 2.12.2018 zuletzt geändert.