25.01.2000
Atomkraftwerk Wyhl - Ein Rückblick von Axel Mayer
Von der Bauplatzbesetzung zum Atomausstieg (Hintergrundinformation: Kein AKW in Wyhl!)

AKW / KKW Wyhl: Im Freundschaftshaus
Atomausstieg jetzt!
Mit dieser aktuellen Forderung haben sich die Badisch-Elsässischen Bürgerinitiativen im Sommer 1999 an die Bundesregierung und an alle Abgeordneten des Deutschen Bundestages gewandt. Eine Forderung, deren Einlösung heute durchaus realistisch erscheint. Atomausstieg jetzt! Wer hätte damals vor 25 Jahren, an jenem kalten Tag im Februar bei der Besetzung des Bauplatzes im Wyhler Wald gedacht, gehofft, und im Ernst für möglich gehalten, dass aus dem Nein zum Wyhler Atomkraftwerk ein bundesweiter Atomausstieg werden könnte?
Doch unser Motto "Nai hämmer gsait"
hatte immer schon die Unterzeile "Kein Atomkraftwerk in Wyhl und anderswo". Eben dieses "Atomkraftwerk in anderswo", das es neben Wyhl stets auch zu verhindern galt, der Blick über den südbadischen Tellerrand, der Wille, nicht nur vor Ort Gefahren abzuwenden, hat unseren Widerstand geprägt und hat Menschen aus Südbaden zu Kundgebungen und Aktionen nach Kaiseraugst, Fessenheim, Gerstheim, nach Gorleben und Wackersdorf gebracht.

AKW Wyhl: Immer aktuell
25 Jahre erfolgreicher Widerstand im Wyhler Wald:
ein Vierteljahrhundert, eine lange Zeitspanne. Von den damals Aktiven sind manche schon nicht mehr unter uns, und die im Kinderwagen über den morastigen Wyhler Bauplatz geschobenen wurden, haben inzwischen eigene Kinder.
Wir haben Grund zu feiern.
Wir haben Grund zurückzuschauen, auf Erfolge und Niederlagen, auf Demonstrationen und Aktionen, auf Prozesse und Rechtsschutzbons, auf die Volkshochschule Wyhler Wald und auf die vielen, vielen Kuchen aus den Dörfern um Wyhl. Und wir erinnern uns an das Freundschaftshaus, an Frauen und Männer, an Winzer und Freaks, an Junge und Alte, an mancherlei Gesichter, an Reden, Streit, Gespräche und Lieder. Die Vergangenheitsverklärung bricht Ecken und Kanten der Erinnerung.
Wir haben Grund genug zu feiern und uns zu erinnern, gerade auch für die Zukunft. Wir wissen: Auch nach 25 Jahren Erfolg kann man einen Streit noch verlieren.
Was nützt uns der schönste Erfolg im Wyhler Wald,
wenn auch bei der zweiten Zehnjahresrevision im AKW Fessenheim wieder geschlampt wird, wenn AKWs uns weiter bedrohen. Der Atomausstieg in Deutschland kommt nur, wenn der Druck aus der Bevölkerung und der Umweltbewegung, also unser Druck, anhält. Wir konnten und wollten Politik nicht mit heimlich übergebenen, prall gefüllten Geldkoffern beeinflussen. Wir hatten keine gut dotierten Aufsichtsratsposten für Politiker in Energieversorgungsunternehmen zu vergeben. Und doch haben wir viele lange Jahre den nötigen politischen Druck erzeugt, mit vielfältigen gewaltfreien Aktionen, Demonstrationen, Bauplatzbesetzung, Prozessen, mit Wut, Witz und Kreativität. Der Druck der bundesdeutschen Anti-Atom-Bewegung hat die Ausstiegsdebatte ins Berliner Parlament gebracht. Ohne diesen Druck von unten wird Rot-Grün schwach.
Wir wollen den Atomausstieg jetzt,
aber der Streit um ein oder zwei Jahre darf nicht das ganze Projekt gefährden. Unumkehrbar muß der Ausstiegsbeschluß werden, damit bei einer eventuellen Rückkehr der alten Atomparteien an die Macht nicht alles vergeblich war.
Und was nützt der bundesweite Atomausstieg, wenn die internationalen Atomkonzerne uns zeigen, wie man mit Globalisierung die Menschen gegeneinander ausspielen kann?
Rot-Grün in Berlin
geht zaghaft an den Atomausstieg und Schwarz-Gelb in Stuttgart öffnet mit dem Verkauf von EnBW-Aktien an die EDF die Schleusentore für französischen Atomstrom. Yello, die EnBW Tochter, kauft den Großteil ihres sogenannten Billigstromes in den maroden AKWs in Fessenheim und Cattenom. Umso wichtiger wird unsere Zusammenarbeit über die Grenzen hinweg.
Heute müssen wir fragen: Welche Farbe hat unser Strom? Strahlend gelb? Ruß- und CO2- schwarz? Oder grün wie Sonne, Wind, Erdwärme, Biogas und die Hoffnung?
Wir haben vor 25 Jahren nicht nur Nein zur Atomenergie gesagt.
Unser Nein zur Bedrohung durch AKWs war immer auch ein Ja zum Leben, eine Bejahung der alternativen Energien und einer nachhaltigen Entwicklung. Die ersten "Sonnentage", die erste Solarausstellung 1976 in Sasbach war klein, überschaubar und bescheiden. Viele Menschen sahen zum ersten mal einen Sonnenkollektor. Die erste große Windenergieanlage, der Growian des Kernforschungszentrums Jülich war nach wenigen Betriebstagen kaputt (wer keine Windräder bauen kann, sollte von Atomanlagen die Finger lassen). Damals waren unsere ökologischen Alternativen zur Atomenergie noch Visionen.
Und heute?
Trotz Tschernobyl versuchen die Energieversorgungsunternehmen, die ernstzunehmende Konkurrenz der Windkraft und der Blockheizkraftwerke zu behindern, und die damals belächelte Solarenergie boomt. Mit den satten Profiten der letzten Jahrzehnte und Atomstrom aus alten AKW`s gehen EnBW, EDF, Yello und andere Konzerne gegen die Zukunft an.
25 Jahre nach der Bauplatzbesetzung in Wyhl
sagen wir Nein zum schwarzen und gelben, atomdominierten "Egalstrom". Unser Nein, gewachsen in 25 Jahren, ist orientiert an der Zukunft, und deshalb wollen wir feiern, in Wyhl und Weisweil, und vielleicht auch anderswo.
Axel Mayer
Wyhl und die Anti-Atomkraft-Bewegung
Quelle: Martin Oversohl / Deutsche Presseagentur /DPA März 2009
Wir danken Herrn Oversohl für die Abdruckerlaubnis
Da ist immer noch Stolz
in seiner Stimme. Stolz, gemeinsam etwas vollbracht zu haben im Kampf David gegen Goliath. Axel Mayer, so etwas wie ein Veteran der Anti-Atomkraft-Bewegung, war dabei, als sich eine ganze Region - Bauern, Studenten, Beamte - auflehnte gegen den geplanten Bau eines Atom-Meilers vor ihrer südbadischen Haustür. Mayer trug 1975 seinen Teil zum Mythos von Wyhl bei - und er marschierte am 28. Februar 1981 an der Seite von 100 000 anderen mit bei den größten Anti-Atom-Protesten der deutschen Geschichte in Brokdorf an der Elbe. Jetzt spürt er wieder so etwas wie ein Aufleben der Proteste. „Sie sind im Aufwind“, sagt der 53-jährige Arbeitersohn.

Wyhl Widerstand
Ende der 1960er Jahre hatte selbst Mayer die Kernkraftwerke noch akzeptiert. „Als Kind und Schüler habe ich die Atomkraft unterstützt“, sagt er. Kernkraftwerke galten schließlich als sicher, als wirtschaftlich, als umweltfreundlich, als Segen für die Menschheit. Aber dann sollte ein Bleichemiewerk in Marckolsheim gebaut werden - und der langhaarige Vermessungstechnikerlehrling ging auf die Straße.
„Für mich war es doch keine Frage, sich gegen die Bedrohung von Mensch, Natur und Heimat, gegen das Bleichemiewerk und später gegen das AKW in Wyhl zu engagieren.“ Also schwang sich Mayer 1974 mit seiner Freundin auf den Motorroller und fuhr zur ersten Besetzung nach Marckolsheim.
„Nai hämm'r gsait (Nein haben wir gesagt)“ - unter dem alemannischen Motto wird die 3613 Einwohner zählende Gemeinde Wyhl am Kaiserstuhl wenig später zum Symbol für den Widerstand gegen technische Klötze.
Hunderte von Menschen stellen sich den anrückenden Baumaschinen entgegen, darunter viele Weinbauern, die Angst hatten, dass die Schwaden der Kühltürme ihren Weinbergen die Sonne wegnehmen, aber auch Landwirte mit ihren Traktoren. Die Kernkraftwerk Süd GmbH will auf dem Gelände zwei Kraftwerksblöcke bauen.
Die Protestler besetzen im Februar 1975 den Bauplatz, wenige Tage später müssen sie Polizisten, Wasserwerfern und Hundestaffeln weichen. Doch der erzwungene Friede währt nicht lange. Nach einer Kundgebung bewegen sich 28 000 Menschen auf das mit Stacheldraht eingezäunte Gebiet zu, etliche überwinden die Absperrung.
Erst knapp neun Monate später verlassen die letzten Demonstranten den Bauplatz wieder, nachdem sie dort ein „Freundschaftshaus“ errichtet, eine „Volkshochschule Wyhler Wald“ gegründet, nächtelang zusammengesessen und diskutiert hatten. „Wer dort saß, der war sich sicher, dass sein Protest rechtens war“, erinnert sich Mayer. 1978 gibt die Regierung das „Aus“ für Wyhl bekannt - mangels Bedarfs. „Wir haben erlebt, dass man mit einer illegalen Besetzung etwas erreichen kann“, sagt Mayer.
Den Erfolg der badisch-elsässischen Bürgerinitiativen auf dem besetzten Bauplatz feiert nicht nur er als Geburtsstunde der deutschen Anti-Atomkraft-Bewegung und als Wiege der Grünen. „Der Umweltschutz war damals ein exotischer Gedanke, er brauchte diesen Schub, und die Zeit war reif.“
Der Region verpasst der Protest mit seinem frühen Ja zu alternativen Energien eine Art ökologisches Wirtschaftswunder: Forschungsinstitutionen werden rund um Freiburg aus der Taufe gehoben, die Stadt im Breisgau gilt heute als Mekka der Solarindustrie.

Wyhl: Meinrad Schwörer, Peter Book, Axel Mayer...
„Friedlich war der Protest damals, tief verwurzelt und solidarisch“, erinnert sich Mayer, der heute als Geschäftsführer des BUND-Regionalverbands Südlicher Oberrhein „sein Hobby zum Beruf“ gemacht hat. Dennoch, ein bisschen Wehmut meint man aus seiner Stimme zu hören. „Ganz im Gegensatz zu den Protesten in Brokdorf Jahre später.“
Brokdorf - ein Schlagwort, ähnlich wie es heute Gorleben ist mit seinen regelmäßigen Massenprotesten gegen das Zwischenlager und die Transporte der abgebrannten Brennstäbe. Der Erfolg der Wyhler war den Atomkraftgegnern in Norddeutschland nicht vergönnt: „Die Betreiber hatten aus den Fehlern von Wyhl gelernt, es gab eine bessere Propaganda und massive Aufrüstung bei der Polizei“, sagt Mayer, der sich damals mit einem Bus auf den Weg in den Norden gemacht hatte. Wasserwerfer wurden vor genau 28 Jahren gegen die Demonstranten auf dem Acker eingesetzt, es hagelte Stahlkugeln gegen Polizisten. Es sind vor allem diese Bilder der Gewalt, die im Gedächtnis hängengeblieben sind.
Die Kieler Regierung zog mit mehr als 10 000 Beamten das bis dahin größte Polizeiaufgebot in der deutschen Geschichte zusammen. Etliche Polizisten und Demonstranten wurden verletzt. Brokdorf, das steht für eine Niederlage der Bewegung. Für viele politisch Bewegte mag dieser Frust der Anfang vom Ende ihres Engagements gewesen sein.
Dennoch: Hin und wieder blitzte auch in den Jahren danach noch der Erfolg auf. „Lieber heute aktiv als morgen radioaktiv“ schrieben sich die Atom-Gegner auf die Schilde. „Der Bau der Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf Mitte der 80er Jahre konnte verhindert werden“, sagt Mayer. Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl in der Ukraine schürte weitere Ängste vor einem deutschen GAU, und immer wieder sorgt seit Mitte der 1990er Jahre der Protest gegen die Castor-Transporte mit abgebrannten Brennelementen aus der Wiederaufarbeitungsanlage La Hague ins Zwischenlager Gorleben für massiven Protest.
Nach wie vor lacht hier und dort eine rote Sonne auf gelbem Grund, der berühmte „Atomkraft? Nein Danke!“-Aufkleber, der eine Generation geprägt hat. Der Sticker hat seinen Platz im Berliner Deutschen Historischen Museum gefunden.
„Man fühlt sich belogen und betrogen,“ schimpft Mayer, als das Gespräch auf den Atomkonsens kommt, der Absprache von Politik und Atomwirtschaft über einen Ausstieg bis etwa zum Jahr 2021. Mayer spürt so etwas wie damals, in Wyhl, eine Aufbruchstimmung, die die Massen wieder auf die Straßen treiben könnte. „Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass die Umwelt- und Anti-Atom-Bewegung wieder stärker wird.“
Mehr Infos:
Regionale Umweltgeschichte
vom Badischen Waldgesetz bis über den Wyhler Wald hinaus - eine Zusammenfassung
Historische und aktuelle Umweltplakate im Dreyeckland
Eine nach Themen sortierte Übersicht von Umweltplakaten
Kein Atomkraftwerk im Wyhler Wald
Chronik des Widerstandes
Kein KKW in Wyhl
Ein Rückblick von Axel Mayer
Nach Wyhl
Nach Wyhl: Veränderung in Sachen Atompropaganda, Akzeptanzforschung und Greenwash
Eine Presseerklärung des BUND Regionalverband Südlicher Oberrhein, Wilhelmstraße 24a, 79098 Freiburg
www.bund-freiburg.de