thetext
druckenSeite zurück     druckenDiesen Artikel drucken (Druckansicht)

Bauplatzbesetzung Marckolsheim 1974 - 1975 / Die erste erfolgreiche Bauplatzbesetzung im Elsass. Ein Erfolg gegen die Chemische Werk München CWM

16.03.2004

Bauplatzbesetzung Marckolsheim 1974 - 1975. Die erste Bauplatzbesetzung im Elsass

Am 20. September 1974 wurde der Bauplatz in Marckolsheim von Umweltschützern beidseits des Rheins besetzt.


Vor über 40 Jahren verhinderte die elsässisch - badische Bevölkerung den Bau des Bleichemiewerks Marckolsheim CWM

Immer ein wenig im Schatten des Wyhl Konflikts steht die weltweit erste, ökologische, grenzüberschreitend organisierte und erfolgreiche Bauplatzbesetzung im elsässischen Marckolsheim am Rhein, am Fuße des Kaiserstuhls.

Den Hintergrund des Umweltkonflikts aus dem Spätsommer und Winter 1974 – 75 würde man heute als klassisches Beispiel der Globalisierung deuten. Ein deutscher Konzern, die CWM (Chemische Werke München), machte sich die Grenzlage zu nutze und wollte in Frankreich, direkt an der Grenze, ein Bleichemiewerk bauen. Vom Bleistaub betroffen wäre die Bevölkerung auf beiden Rheinseiten gewesen. Auch damals schon gab es Versuche die Menschen gegeneinander aus zuspielen.

Die Baupläne wurden 1973 bekannt, einer politisch brisanten Zeit am Oberrhein. Vorangegangen waren der umstrittene Baubeginn des französischen AKW Fessenheim und erste massive Bürgerproteste gegen die Pläne des Badenwerks, erst in Breisach und später in Wyhl, ein Atomkraftwerk zu bauen.


Bauplatzbesetzung Marckolsheim 1974 - 1975



MARCKELSE

en Marckelse hets aangfange
Marckelse lejt am Rhin

en Marckelse han mer s guldene kalb gstoche
en Marckelse han mer d demokratie entdeckt
en Marckelse han mer d granze gsprangt
en Marckolse sen mer majorann worre

en Marckolse hets aangfange
Marckelse em Elsass

(André Weckmann)



Gründe gegen die Bleifabrik anzugehen gab es viele. Viele Tonnen Blei hätte die Fabrik jährlich über den Schornstein abgegeben und das in einer Weinbauregion. Schnell wurde auch bekannt, dass in der Umgebung vergleichbarer Werke in Deutschland die Kühe auf der Weide gelegentlich tot umgefallen waren. Ursache: Bleivergiftung.

Gegen Bleichemie und Atomindustrie schlossen sich im August 1974 deutsche und französische Umweltschützer zusammen und gründeten das Internationale Komitee der 21 badisch-elsässischen Bürgerinitiativen. Einen ähnlichen Zusammenschluss dieser Art hatte es nach den Wunden des ersten und zweiten Weltkrieges bisher nicht gegeben. Erstaunliches tat sich vor 30 Jahren und fast 30 Jahre nach Kriegsende in der ländlichen Region beiderseits des Rheins: Über 3000 Menschen aus beiden Ländern kamen beim Sternmarsch zum geplanten Standort in Wyhl zusammen, über 4000 Menschen beim Demonstrationszug unter Glockengeläute gegen das Bleichemiewerk in Marckolsheim.

Dennoch begannen Mitte September die bauvorbereitenden Maßnahmen auf dem Marckolsheimer Baugelände. Am 20. September 1974 wurde der Bauplatz in Marckolsheim von Umweltschützern beiderseits des Rheins besetzt und nach indianischem Vorbild ein hölzernes Rundhaus, das erste Freundschaftshaus am Rhein, errichtet. Bauplatzbesetzungen in Wyhl (D), Kaiseraugst (CH), Gerstheim (F) und Heiteren (F) sollten folgen und auch die badischen Ackerbesetzer in Sachen Genmais Buggingen beriefen sich zwei Jahrzehnte später noch auf die Marckolsheimer Erfahrungen.

Bauplatzbesetzung, das schreibt sich mit 30 Jahren Abstand so einfach. Doch diese erste Bauplatzbesetzung in Marckolsheim, das war zuallererst Matsch, Schnee, knöcheltiefer Schlamm in einem nassen, kalten Winter. Das war der Rücktritt des Marckolsheimer Gemeinderats und eine besetzte Pontonbrücke über den Rhein nach Sasbach. Das waren Elsässer, Badener, Badisch, Elsässisch, Hochdeutsch und Französisch sprechende Menschen und Sprachprobleme zwischen Deutschen, Franzosen und Dialektsprechern. Das war ein Aufblühen der alemannischen Regionalkultur, gleichzeitig eine Blüte und ein Schwanengesang des elsässischen Dialekts. Das waren Frauen und Männer, Winzer und Freaks, Junge und Alte, Linke und Wertkonservative, mancherlei Gesichter, Reden, Streit, Liebesbeziehungen, Gespräche und Lieder am Lagerfeuer, Demos, Brückenbesetzungen, Flugblätter, Liederbücher und Plakate. Die Vergangenheitsverklärung bricht Ecken und Kanten der Erinnerung.


"Ende September 1974, während der Platzbesetzung gegen ein deutsches Bleichemiewerk im elsässischen Marckolsheim, hat der französische Schullehrer Jean Gilg ein Transparent in den Schlamm gepflanzt: "Deutsche und Franzosen gemeinsam: Die Wacht am Rhein“. D.h. er hat ganz bewusst den Titel der informellen deutschen Nationalhymne aus dem ersten Weltkriegs aufgegriffen und mit einer vollkommen neuen, entgegengesetzten Bedeutung versehen: Deutsche und Franzosen machen sich nicht mehr kriegerisch den Besitz des Rheinstroms streitig, sondern schließen sich zusammen, um die gemeinsame Region am Oberrhein gegen die neuartigen, grenzüberschreitenden Gefahren wie Radioaktivität und die Emissionen der Chemie-Industrie.zu schützen – eine in der Tat "Andere Wacht am Rhein“. Vom ersten Tag an hat sich die oberrheinische Umweltbewegung der 70er Jahre als die historische Antwort auf das Menschheits-Verbrechen des ersten Weltkriegs verstanden.
" Zitat Walter Mossmann


Am 25. Februar 1975 kam dann der Erfolg. Die französische Regierung untersagt der deutschen Firma CWM offiziell die Errichtung der Bleifabrik in Marckolsheim und mit dem Wissen, dass illegale Bauplatzbesetzungen auch zu Erfolgen führen können wendet sich der Protest gegen das wenige Kilometer entfernte AKW Bauprojekt im Wyhler Wald. Doch das ist eine andere Geschichte....

Was bleibt ist ein Erfolg. Ein Erfolg für Mensch und Umwelt, der jährlich viele Tonnen Blei erspart geblieben sind. Erstaunlicherweise sogar ein nachträglicher Erfolg für die Firma CWM, denn die Fabrik sollte Stabilisatoren für PVC und andere Kunststoffe herstellen, Produkte die heute für PVC nicht mehr gebraucht werden. Wie so häufig hatte die Umweltbewegung auch einen ökonomischen Flop verhindert.

In diesen ökologischen Kämpfen am Oberrhein liegen wichtige Wurzeln des BUND, von Alsace Nature und den GRÜNEN. Hier wurden aus konservativen Naturschutzverbänden politische Umweltorganisationen und der Wachstumsglaube der 60er Jahre bekam erste Risse.

Und nicht zuletzt liegt eine der vielen Wurzeln Europas und der deutsch französischen Aussöhnung in Marckolsheim. Hier wurde der Traum vom grenzenlosen Europa geträumt, ausgedrückt im Lied von François Brumbt: "Mir keije mol d Gränze über de Hüfe und danze drum erum". Und was Mensch gegen Luftverschmutzung, Klimaveränderung und die Auswüchse der Globalisierung tun kann, haben die Aktionen vor 30 Jahren auch gezeigt.

Heute stehen auf dem ehemals besetzten Gelände ein Autoauslieferungslager der Firma Peugeot und eine Zitronensäurefabrik. Beide Firmen sind bei weitem nicht mehr so umweltbelastend wie es das Bleichemiewerk gewesen wäre. Und doch stinkt die Zitronensäurefabrik Jungbunzlauer, wenn auch nicht giftig, in die Dörfer beiderseits des Rheins....


Autoren:

Axel Mayer, BUND Geschäftsführer und Kreisrat, damals Lehrling und 18 jähriger Bauplatzbesetzer
Jean Jacques Rettig, CSFR Sprecher, Pensionär, damals Lehrer und 34 jähriger Bauplatzbesetzer



Wichtiger aktueller Nachtrag:
Mit dem Kampf gegen das Bleichemiewerk in Marckolsheim begann das Ende der "guten, alten, offenen, ehrlichen Umweltvergiftung" steht zurecht im oberen Text. Doch diese Aussage bezieht sich leider nur auf Kerneuropa. In Marckolsheim hätte das Bleiwerk zu einer massiven und gesundheitsschädigenden Bleibelastung geführt. Das konnte abgewehrt werden. Doch wie sieht es heute, vierzig Jahre später, an anderen Orten der Welt aus?
In den peruanischen Anden wird Blei abgebaut. Dort gibt es einen der zehn am meist verschmutzten und vergifteten Orte der Welt. 99 Prozent der Kinder leiden an Bleivergiftung. „Der Großkonzern Renco hat dies zu einem großen Teil zu verantworten.“, berichtet 3sat „Die peruanische Regierung forderte Renco zwei Mal auf den gesetzlichen Auflagen nachzukommen und bestimmte Stellen zu dekontaminieren. Eine neue Schwefelsäurefabrik sollte die Alte ersetzen. Renco unternahm aber nichts, sondern nutzte stattdessen das Freihandelsabkommen zwischen den USA und Peru. Darin enthalten: Eine Klausel für "Investorenschutz.“ Umweltschutz und Schutz der Kinder gefährdet die Profite des Konzerns und der Umweltvergifter Renco fordert jetzt vor einem Schiedsgericht 800 Millionen Dollar Schadensersatz von Peru.
Es gibt gute Gründe den Erfolg von Marckolsheim und die vielen folgenden Erfolge der Umweltbewegung zu feiern. Doch heute
müssen wir uns gegen TTIP, Investorenschutz und Konzerngerichtsbarkeit wehren und die Kämpfe gegen Gift und Konzermacht in den weit entfernten peruanischen Anden sind auch unsere Kämpfe.
Axel Mayer

(Einen aktuellen Rückblick auf den Wyhl-Konflikt und eine umfangreiche Wyhl-Chronik finden Sie hier)



Walter Mossmann
S’BRUCKELIED
Kunnsch riiwer uff Marckolse, kunnsch iiwer d’Bruck,
mir süffe im Frendschaftshüss noch ä Schluck,
d’Büre, d’Fräuje, d’Schudente sin drbi,
mir schwätze un bsetze un genn nit in d’Knie!
Im letschte Johr bin i noch als Dürischt im Elsiss gsi
Bim Iseheimer Choucrout un bim Minschter-Wii,
ä Främde bin i gsi mit minere Schproch un minem Gäld,
wo Kilometer frisst un wo halt alti Kirchli zällt...
Hit isch’s verwandlet,
mir hän abandlet,
mir kämpfe mitenandr ums Läwe,
bim kämpfe hanmr glehrt,
dass s’Volk zämmeghert,
suscht verrecke do nit nur d’Räwe!

Kunnsch riiwer in’ Wyhlerwald, kunnsch iiwer d’Bruck,
mir süffe im Frendschafthüss noch ä Schluck,
d’Büre, d’Fräuje, d’Schudente sin drbi,
mir schwätze un bsetze un genn nit in d’Knie!
Im letschte Jphr hesch dü noch dänkt, d’Schwowe wäre lätz,
die käme mit Kanone uff Schtroßburj un uff Metz,
«D’Schwowe bliibe Schwowe» – «Sieg Heil!» un «Guet Nacht» ...
«d’Schwowe sin üs Uniform un Iiseschtiefel gmacht»
Hit isch’s verwandlet ...

Kumm riiwer, gang niiwer, des isch bloß ä Bruck,
d’gränzer bikumme üs’m Rhin ä Schluck,
un sin die vu dere Giftbreje grien im Gsicht,
verzelle mir däne ä ganz alti Gschicht:
Es het ämol ä Zitt gä, wo mir blin gsi sin,
es het ämol ä Zitt gä, wo mir däub gsi sin,
es het ämol ä Zitt gä, wo mir schtumm gsi sin,
es het ämol ä Zitt gä, wo mir Knecht gsi sin –
Hit isch’s verwandlet ...


Mehr Infos:







Eine Presseerklärung des BUND Regionalverband Südlicher Oberrhein, Wilhelmstraße 24a, 79098 Freiburg

www.bund-freiburg.de

Richtig wichtig! Ihnen gefällt diese Seite? Legen Sie doch einen Link:
<a href="http://www.mitwelt.com/europawahl-bauplatzbesetzung-marckolsheim.html">Bauplatzbesetzung Marckolsheim 1974 - 1975 / Die erste erfolgreiche Bauplatzbesetzung im Elsass. Ein Erfolg gegen die Chemische Werk München CWM</a>

Teilen über:
Twitter Facebook

Dieser Artikel wurde 2269 mal gelesen und am 10.12.2018 zuletzt geändert.