Aktueller Einschub: Mehlschwalben in Österreich: dramatischer Bestandseinbruch Die Mehlschwalbe steht in Österreich massiv unter Druck: Laut dem aktuellen Brutvogel-Monitoring von BirdLife Österreich ist ihr Bestand 2025 gegenüber 2024 um 45 Prozent eingebrochen – ein historischer Tiefstand. Seit Beginn der systematischen Erfassung 1998 ist der Bestand damit um gut 60 Prozent zurückgegangen. Quelle: BirdLife Österreich, „Schwalben in Not: Dramatische Bestandseinbrüche“, 12.05.2026; Brutvogel-Monitoring Österreich.
Zugegeben, es ist ein subjektiver Eindruck. An unserem Haus in Endingen haben wir eine Vielzahl von Mehlschwalbennestern befestigt. Noch vor wenigen Jahren waren fast alle Nester bezogen. Doch die Zahl der brütenden Schwalben nimmt von Jahr zu Jahr rapide ab und in den Jahren 2024, 2025 und 2026 wurde kein einziges Nest mehr benutzt. Auch die Zahl der Schwalben am Himmel hat erschreckend abgenommen. Das ist keine Wissenschaft, sondern ein subjektiver Eindruck. Doch Schwalben ernähren sich von Fluginsekten. Und die Zahl der Insekten hat massiv abgenommen. Wenn die Schwalben verhungern nutzt auch kein Nistkasten.
Zur Wissenschaft:
Die Rauchschwalbe wird in Deutschland in der Roten Liste der Brutvögel auf der Vorwarnliste (Kategorie V) geführt, ist aber nicht gefährdet.
Auch die Mehlschwalbe ist bundesweit von Bestandsrückgängen betroffen. Ihre Entwicklung unterscheidet sich allerdings regional erheblich. In verschiedenen Regionen und Bundesländern wurden deutliche Rückgänge festgestellt. Für Sachsen ist beispielsweise ein langfristiger Rückgang dokumentiert; die Mehlschwalbe steht dort inzwischen auf der Roten Liste in Kategorie 3 („gefährdet“).
Insektensterben und Schwalbensterben Schwalben sind reine Insektenfresser. Ihre Hauptnahrung besteht aus im Flug gefangenen Fluginsekten wie Mücken und Fliegen. Ein Schwalbenpaar vertilgt während der Jungenaufzucht bis zu 2.500 Insekten am Tag. Doch die Zahl und Masse der Insekten geht Deutschland in unvorstellbarem Maße zurück. Das Insektensterben, insbesondere der dramatische Rückgang von Fluginsekten, ist ein erschreckendes Phänomen. Langzeitstudien aus Deutschland (wie die Krefelder Studie) zeigen, dass die Biomasse fliegender Insekten in den letzten Jahrzehnten um bis zu 75 bis 80 Prozent eingebrochen ist. Betroffen sind neben Bienen vor allem Fliegen, Schmetterlinge und Nachtfalter. Wenn die Nahrungsgrundlage (nicht nur) der Schwalben wegbricht, dann muss das auch Auswirkungen auf die weltweit immer noch recht große Population haben.
Weitere wichtige Faktoren des Rückgangs der Schwalben sind:
Verlust von Brutplätzen, etwa durch Renovierung von Gebäuden und das Entfernen von Nestern.
Rückgang von Schlammstellen, die Mehlschwalben für den Nestbau benötigen.
Dürre und Hitze, die sowohl Insektenbestände als auch die Verfügbarkeit von Nestbaumaterial beeinflussen können. (Im Hitzesommer 2026 sind viele Jungschwalben aus überhitzten Nestern in den Tod gestürzt)
Probleme auf dem Zug und in den Überwinterungsgebieten, insbesondere Lebensraumverlust und ungünstige Wetterbedingungen.
Veränderungen der Landwirtschaft, wodurch Viehhaltung und offene, strukturreiche Landschaften zurückgehen.
Die letzten Jahrzehnte waren keine gute Zeit für Schwalben, Landschaft, Natur und Artenvielfalt. Die Menschheit hat einer internationalen Untersuchung zufolge schon mehr als 1.400 Vogelarten ausgerottet. 600 Millionen Vögel haben die Staaten der EU in den letzten vier Jahrzehnten verloren – das entspricht rechnerisch einem Verlust von 40 000 Vögeln Tag für Tag.
Die große Beschleunigung und die Schwalben Wenn wir auf die Ursachen der großen, globalen Vogel-Ausrottung schauen, dann finden sich eine Vielzahl von kleinen Details. Doch die Hauptursache wird gerne übersehen. Die Mehrzahl der großen aktuellen Krisen (Vogelsterben, Artensterben, Klimawandel, Weltvermüllung ...) lässt sich auf das Phänomen der "Großen Beschleunigung" zurückführen.
Es gibt Vogelarten, denen es wesentlich schlechter geht als den Schwalben. Die Bestände von Kiebitz und Rebhuhn haben von 1992 bis 2016 um unfassbare 90 % abgenommen. Weltweit beschleunigt sich das Artensterben und ein UN-Bericht sagt, dass etwa eine Million Tier- und Pflanzenarten in den kommenden Jahrzehnten für immer ausgerottet könnten und dieser verheerende globale Trend spiegelt auch die Realität in Deutschland. Die„Große Beschleunigung“ des Wachstums und die damit verbundene Artenausrottung beschleunigt sich global gerade zu einer verheerenden Turbobeschleunigung.
Der Mensch ist den Schwalben und der Natur ein Mensch!
Vogelsterben: Über Dir, am blauen Himmel, verhungern die Schwalben Axel Mayer
Das Bauensterben und das Vogelsterben stehen in einer engen Wechselbeziehung. Während sich die Artenausrottung beschleunigt, erleben wir auch in Sachen Naturschutz gerade eine „Zeitenwende Rückwärts“ in den USA, in Europa, aber auch in Deutschland. Der von gut organisiertem Egoismus geprägte Kampf gegen dringend benötigte neue Nationalparke war und ist gerade in Deutschland erschreckend erfolgreich. Die Naturschutzbewegung muss endlich aufhören, die Ursachen des Artensterbens in politisch gewünschten, putzigen Nischen zu suchen und aufhören, sich mit Nischen-Problemlösungen zufriedenzugeben.
Axel Mayer, Mitwelt Stiftung Oberrhein (vermisst die Schwalben nicht nur an seinem Endinger Haus)