AKW Wyhl-Protest: Kultur und badisch-elsässische-alemannische Regionalkultur / Lieder, Texte, Gedichte ...


Veröffentlicht am 26.02.2025 in der Kategorie Umweltgeschichte von Axel Mayer

AKW Wyhl-Protest: Kultur und badisch-elsässische-alemannische Regionalkultur / Lieder, Texte, Gedichte ...


Der Widerstand gegen das geplante Atomkraftwerk in Wyhl und das Bleiwerk in Marckolsheim hatte zwei wichtige Erfolgsrezepte:
  • Die heute unvorstellbare gesellschaftliche Breite der Bewegung
  • Die starke Einbindung der Regionalkultur und der Kulturschaffenden

Die badisch-elsässisch-schweizerischen Kulturschaffenden waren ein wichtiger Teil der jungen, erwachenden Umweltbewegung am Oberrhein


Die Proteste und Bauplatzbesetzungen vor genau 5 Jahrzehnten in Marckolsheim, Wyhl, Gerstheim und Kaiseraugst fielen in eine Hoch-Zeit der europäischen Regionalbewegungen und ihrer vielfältigen Kulturen. Im Baskenland und in Katalonien gärte es und auf dem Larzac-Plateau in Südfrankreich gab es schon vor Wyhl und Marckolsheim erfolgreiche Proteste gegen einen geplanten Truppenübungsplatz. Der Begriff "Heimat" wurde endlich entstaubt, erstmals nach dem Krieg von tümelnden Klischees befreit und weltoffen und tolerant definiert. "Heimat" war und ist seither für viele damals Aktive etwas trinational Grenzüberschreitendes. Ein gutes Beispiel ist die demokratische Weiterentwicklung des chauvinistischen Liedes "Die Wacht am Rhein" durch Walter Mossmann.

Das Elsass erlebte eine Blüte (und leider auch einen Schwanengesang) elsässisch-alemannischer Regionalkultur. Eine Vielzahl elsässischer, badischer und Schweizer Künstlerinnen und Künstler, eine "Alemannische Internationale", traten bei Demos, Aktionen und im Rahmen des Programms der Volkshochschule Wyhler Wald auf. Von Hubert Hoffmann stammt das ikonische "Nai hämmer gsait" Plakat. HAP Grieshaber erstellte Plakate und stellte sie den Bürgerinitiativen zur Verfügung.

Bücher, Zeitschriften, Flugblätter, Plakate, Aufkleber, Schallplatten und Liederbücher entstanden und es wurde viel gesungen bei Demos und auf den besetzten Plätzen.

Prägende Kunst- und Kulturschaffende in dieser breiten trinationalen Protestbewegung waren u.a. Walter Mossmann, Andre Weckmann, Rene Egles, Buki (Roland Burkhart), Ernst Born, François Brumbt, Roland Kröll, Sylvie Reff, Karl Meyer, Meinrad Schwörer, Roland Engel, die Blaskapelle "Rote Note", der Männergesangverein Weisweil, die „Kaiserstühler Nachtigallen“, der Spielmannszug Endingen, Ernst Schillinger, la Rue de Dentelles, Roger Siffer, Francis Keck ... und die lange Liste ist unvollständig. Viele Künstlerinnen und Künstler traten auch direkt bei Kundgebungen, Aktionen oder in der Volkshochschule Wyhler Wald auf.

Auf den besetzten Plätzen in Wyhl, Marckolsheim, Gerstheim und Kaiseraugst wurde zumeist und mit größter Selbstverständlichkeit alemannisch, badisch, elsässisch und schwyzerdütsch gesprochen. Dialekt war das verbindende Glied der Kommunikation über die Grenzen hinweg. Das YouTube Video von Meinrad Schwörers alemannischer Rede gegen Wyhl und Marckolsheim, André Weckmanns Marckolsheim-Gedicht oder Bukis Lied "Mir sin eifach wieder do" zeigen die emotionale Stärke und Kraft des Dialekts.

Dialekt ist immer auch Sand im Getriebe der globalen Megamaschine, denn sprachliche Vielfalt stört in einer Zeit der organisierten Gier und einer Endzeit exponentiellen wirtschaftlichen Wachstums im begrenzten System Erde. Dialekte stören die Verwandlung der vielfältigen Welt in eine große einheitliche genormte Fabrik, eine Agrar-Fabrik, eine Fabrik-Fabrik, eine Konsum-Fabrik und eine Wohn-Fabrik, in der zunehmend übersättigte Menschen immer unzufriedener werden. Dialekte und Sprachen sind bedrohte Vielfalt in einer Zeit global wuchernder Einfalt und Monotonie. In unserem Optimismus wussten wir damals nicht, dass auch Sprachen und Dialekte auf den Listen der bedrohten Arten und Dinge stehen.


"Weil wir nicht dulden, dass unser Recht derart missachtet wird. Deshalb haben wir beschlossen, die vorgesehenen Bauplätze für das Atomkraftwerk Wyhl und das Bleiwerk in Marckolsheim gemeinsam zu besetzen, sobald dort mit dem Bau begonnen wird. Wir sind entschlossen, der Gewalt, die uns mit diesen Unternehmen angetan wird, solange passiven Widerstand entgegen­zusetzen, bis die Regierungen zur Vernunft kommen."
In der "Erklärung der 21 Bürgerinitiativen an die badisch-elsässische Bevölkerung", dem wichtigsten Text der Bürgerinitiativen zum AKW Wyhl und zum Bleiwerk in Marckolsheim ist die Handschrift von Walter Mossmann deutlich zu erkennen.


Der Wyhl-Protest war immer auch Protest für Vielfalt, Demokratie und für ein grenzenloses Europa der Menschen und Regionen. Die intensive Einbindung der Kultur in ihrer bunten Vielfalt hat den Wyhl-Protest bestärkt und beflügelt. Wenn Kulturschaffende so intensiv in politische Bewegungen eingebunden sind, dann „zivilisiert“ das auch den Protest und hilft, Übertreibungen, Fehlentwicklungen und Engstirnigkeit zu verhindern.
Fortschrittliche, demokratische Kultur, Künstlerinnen und Künstler verstärken und "kultivieren" Protest. Ohne die massive Einbindung der Kultur und der Kulturschaffenden in den Protest wäre der Erfolg in Wyhl in dieser Form nicht möglich gewesen.


Axel Mayer, Mitwelt Stiftung Oberrhein, ehemaliger Bauplatzbesetzer und früherer Sprecher der Bürgerinitiative Riegel

Nicht autorisiertes Nachwort meines verstorbenen Freundes Walter Mossmann, Liedermacher, Autor, Wyhl- und Gorleben Aktivist.
Seine Aussagen betreffen selbstverständlich auch meinen Text zur Regionalkultur in Wyhl!

„Es gibt 28.000 Wyhl-Erzählungen, die alle voneinander abweichen, weil jeder, der damals dabei war, seine eigene Erzählung hegt und pflegt und abwandelt und anpasst an seine neuen Ideen und an seine Tagesform. Aber wenn Leute auftreten und eine angeblich verbindliche, weil angeblich wahre und wissenschaftlich erhärtete Wyhlerzählung zum Besten geben, dann sträuben sich bei mir die Nackenhaare. Dann wird ganz gewiss in irgend eine Richtung ideologisiert. Da wird dann beispielsweise eine linke Geschichte draus oder eine ganz gemütliche Kaiserstühler Dorfgeschichte oder eine religiöse oder eine typisch deutsche oder eine typisch grüne – alles Quatsch. Man muss alle 28.000 Geschichten gleichzeitig anhören, dann kriegt man aus dem chaotischen Gesumm und Gequiecke und Gekreisch eine Ahnung davon, was damals wirklich abging.“


Einen winzigen, schönen Einblick in die damaligen Wyhl-Lieder und Musik gibt's hier im Internet: DJ Hercules - DREYECKLAND FOR SALE!



AKW Wyhl-Protest & die Dreyeckland-LP: Kultur und badisch-elsässische-alemannische Regionalkultur / Lieder, Texte, Gedichte ...



AKW Wyhl & Bleiwerk Marckolsheim: Schallplatte"Die Wacht am Rhein"


AKW Wyhl & Bleiwerk Marckolsheim: Zwei der vielen Liederbücher


rhingold

(André Weckmann)

es hucke drej herre ám Rhin
un speele Ruhr uf fránzeesch un uf ditsch
metme zaichebrätt dr aant
met millioneschecks de zwait
met gummiknéttel de drétt

es hucke drej herre ám Rhin
un wérfle e bumbischs schicksál erüs
vive Fessenême ! roeft dr aant
pfui Márckelse ! breelt de zwait
panzer nach Wyhl ! bellt de drétt

es brunze drej herre ám Rhin
em námme vun technik mácht un finánz
e phenoolrischel dr aant
e quäcksélwerlách de zwait
e sálzige sudd de drétt

es spálte drej herre ám Rhin
met goldiche áxe kärne atom
de hauklotz esch min lánd

es huche drej herre ám Rhin
wánn kejje mr se nin?


Hier ein Auszug aus einem der vielen Lieder von Walter Mossmann:


Die Wacht am Rhein
Im Elsaß und in Baden
war lange große Not
da schossen wir für unsre Herrn
im Krieg einander tot.
Jetzt kämpfen wir für uns selber
in Wyhl und Marckolsheim
wir halten hier gemeinsam
eine andere Wacht am Rhein.
Auf welcher Seite stehst du?
He! Hier wird ein Platz besetzt.
Hier schützen wir uns vor dem Dreck
nicht morgen, sondern JETZT!




Das Dreyeckland-Lied von François Brumpt
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