Wikipedia & Atomenergie: Die Macht der Atomlobby und die freie Enzyklopädie (AKW, KKW, Kernenergie, Kernkraftwerk & Wiki)
Wikipedia & Manipulation: Die freie Enzyklopädie und die Macht der Atomlobby
Zu den genialsten und wichtigsten demokratischen Projekten
unserer Zeit zählt die freie Enzyklopädie Wikipedia. Die kostenlos verfügbaren und im Internet frei zugänglichen Artikel sollen bedeutsame Informationen aus belegten und zuverlässigen Quellen beinhalten. Doch offene Strukturen
sind stets gefährdet. Wie überall, wo es um Geld und Macht geht, müssen auch hier diese demokratischen Strukturen gegen den massiven Einfluss von Wirtschaftsinteressen geschützt werden.
Atomlobby und Wikipedia
Es gibt einige Indizien, die darauf hinweisen, dass insbesondere in der Schweiz, aber auch in Deutschland, viele Wikipedia-Seiten zu den Themen AKW und Atomenergie von der Atomindustrie und deren Werbeagenturen beeinflusst werden. Dies gilt sicher auch für andere Wiki-Seiten, wo die Interessen der Menschen den Interessen der Industrie im Wege stehen (Gentechnik, Klimaschutz...)
AKW und Geld
Beim Thema Atomenergie geht es auch um Geld, um sehr viel Geld. Die Gefahrzeitverlängerung von Atomkraftwerken bringt uns allen viele Risiken, den Atomkonzernen dagegen viel Geld: Die Heinrich-Böll-Stiftung hat die satten Gewinne berechnet, welche die Triebfeder der Atomlobby sind: „Für die älteren – und in den nächsten Jahren zur Stilllegung anstehenden – Atomkraftwerke ergeben sich „Zusatz“erträge von durchschnittlich 200 bis 300 Mio. Euro jährlich, für die neueren Anlagen summieren sich die jährlichen Zusatzerträge auf 300 bis 400 Mio Euro. Über alle (aktuell noch betriebenen) Atomkraftwerke und alle Betreiber summieren sich diese Zusatzerträge für jeweils ein Jahr Laufzeitverlängerungen auf ein Gesamtvolumen von 4,6 bis 6,2 Mrd Euro.“ Kein Wunder, dass bei solchen Summen auch das viel genutzte Wikipedia ein Objekt der Begierde für die Atomkonzerne ist.
Eine der größten PR-Firmen der Welt,
Burson Marsteller, hat im Auftrag der Öl- und Kohleindustrie jahrelang Kampagnen zur Verharmlosung des Klimawandels organisiert. Jetzt arbeitet Burson Marsteller für die Atomindustrie (genaugenommen für das „Nuklearforum“) und dreht die bisher verwendeten Aussagen ins Gegenteil um. Die Kampagne „Kernenergie rettet das Klima“ stammt von Werbefirmen, die jahrzehntelang im Auftrag der Kohle- und Öllobby die Klimaveränderung heruntergespielt haben.
Die Wochenzeitung WOZ
in der Schweiz beschrieb am 21.12.2006 die bekannt gewordene Spitze des Eisbergs der Wikipedia-Manipulation:
„In der Onlineenzyklopädie Wikipedia findet sich unter dem Stichwort Nuklearforum Schweiz ein Eintrag. Er ist völlig identisch mit der Selbstdarstellung auf der forumseigenen Homepage. In die Enzyklopädie gestellt wurde der Beitrag vom Benutzer Gen Suisse. Auch zur Gen Suisse, einer Lobbyorganisation der Pharmaindustrie, gibt es in Wikipedia einen Eintrag. Der erste Beitrag dazu wurde ebenfalls vom Benutzer Gen Suisse geschrieben und ist ein distanzloser Werbetext. Später hat sich Benutzerin Irmgard die Mühe gemacht, den reinen PR-Text zu entschärfen, indem sie hinzufügte, dass Gen Suisse von Schweizer Pharmafirmen finanziert wird. Sowohl das Nuklearforum wie Gen Suisse werden von Burson-Marsteller betreut. Offenbar gelingt es der PR-Firma, die Onlineenzyklopädie Wikipedia dazu zu benutzen, ihre PR-Botschaft als neutrale Information unters Volk zu bringen.“
Im Sommer 2007 wurde darum, vermutlich von Burson Marsteller, die Seite des Nuklearforums bei Wikipedia ganz gelöscht.
In der direkten Demokratie
der Schweiz sind die Manipulationsmechanismen der Industrie wesentlich weiter entwickelt als in Deutschland. Vermutlich deshalb ist in der Schweiz der Einfluss der Industrie auf viele Wikipedia-Seiten auch stärker als bisher in Deutschland. Schauen Sie sich
(um nur ein Beispiel zu wählen) die Wiki-Seite zum AKW Leibstadt einmal an. Texte, Fotos und Grafiken (Stand Sommer 2007) könnten direkt aus einem Prospekt der Atomkonzerne stammen. Links zu den Seiten der AKW-Betreiber sind vorhanden.
Links zu kritischen Seiten, wie z.B. zu denen des BUND, werden meist nach einer Viertelstunde gelöscht. Dafür wandern Anti-Atomseiten (mitwelt.org / bund-freiburg.de) dann auch schnell auf die Wiki-Spamseiten. In den Wiki-Foren wird die Löschung von Links zu kritischen Seiten gerne mit dem Vorwurf der Ideologie begründet. Die Betreiberinfos sind natürlich „neutral, wertfrei“ und damit wikitauglich.
Extrem einseitig, unkritisch und unausgewogen sind auch die Wikipediaseiten zu den Schweizer Atomanlagen in Würenlingen. (PSI, Zwilag, Paul Scherrer Institut)
Kurzer Nachtrag und Einschub:
(Teilweise hat diese Kritik schon dazu geführt, dass einzelne kritische Links auch mal länger stehen bleiben!)
Bei den Durchsetzungskampagnen
von Burson Marsteller zur Gentechnik gab es eine wichtige Propagandastrategie. Die „killing fields“ der Gentechnik, also die tatsächlichen Gefahren und Risiken, sollten in der öffentlichen Debatte vermieden und unterdrückt werden.
"Erstaunlicherweise" fehlen auf den Wiki-Atomseiten häufig die „killing fields“ der Atomenergie.
Man findet nur in Ausnahmefällen Infos über Radioaktivitätsabgabe im so genannten Normalbetrieb, nichts über Unfallgefahren, Risiken,Krebserkrankungen und den mangelhaften Katastrophenschutz (bzw. wenn, dann auf anderen Seiten, die allerdings ebenfalls beeinflusst werden).
Die Grafiken zur AKW-Funktion und viele Fotos stammen größtenteils aus den Werbeabteilungen der Atomindustrie. Die Funktionsdarstellungen vermitteln die Illussion geschlossener Kreisläufe in den Atomkraftwerken. Es findet sich kein Wort zur Radioaktivitätsabgabe über den Schornstein und über das Tritium im Abwasser. (eine Ausnahme ist gerade die Seite zum AKW Biblis) Pervers ist es,
wenn sich im Beitrag zur Kernschmelze im Schweizer Versuchsreaktor von Lucens der folgende Satz findet: „Der Unfall von Lucens muss aus heutiger Sicht als ein erfolgreicher Fehlschlag bezeichnet werden. Durch den Vorfall konnte in reaktor- und sicherheitstechnischer Hinsicht der Umgang mit kritischen Situationen verbessert werden.“
Dazu passt,
dass sich teilweise auch orwellsches „Neusprech“ auf den Wiki Seiten zur Atomkraft findet. In vielen Artikeln wird vom „Abluftkamin“ gesprochen. Gemeint ist damit der Schornstein mit dem jedes AKW im so genannten Normalbetrieb krebserzeugende Radioaktivität an die Umwelt abgibt. Aber Abluftkamin klingt im Zeitalter von Greenwash einfach besser...
FOCUS-Online-Autor Torsten Kleinz berichtet am 15.08.07 RWE: Biblis ist sicher!
Einer der aktivsten Autoren im Wikipedia Artikel über das Kernkraftwerk in Biblis ist ein Nutzer mit der IP-Adresse 153.100.131.14. Er schrieb schon im vergangenen Jahr über Radionuklide, die Reaktion der Notstrom-Dieselgeneratioren und setzt im Brustton der Überzeugung den Satz hinzu: "Das Kraftwerk Biblis ist ein Meilenstein in puncto Sicherheit."
Der anonyme Autor muss es wissen: Seine IP-Adresse gehört dem Biblis-Betreiber RWE. Zitatende
Wikipedia & AKW - Gundremmingen & Manipulation
Besonders heftig ist die Manipulation bei der Wiki Seite zum KKW Gundremmingen. Es gibt keinerlei Infos zur Abgabe von Radioaktivität im "Normalbetrieb" zu Risiken oder zur Unfallgefahr. Ein einziger kritischer Link zur BUND Seite wird immer schnell gelöscht, die Links zur Betreiberseite bleiben stehen. Diese einseitige Wikipedia Pro Atomseite ist nun (18. August 2007) auch nicht mehr bearbeitbar sondern vor "fremden" Zugriffen geschützt. So stellen sich die Verantwortlichen der Atomindustrie eine "schön gestaltete" Wikipedia Seite vor.
Es gibt eine Vielzahl von Beispielen,
die den Verdacht verstärken, dass die Wikipedia-Seiten duch die Atomindustrie gezielt manipuliert werden. Selbstverständlich sollten die Atomseiten einer freien Enzyklopädie nicht wie die Internetseiten der Atomkritiker aussehen. Es wird „die Wahrheit“ auch bei Wikipedia nie geben, denn es gibt keine absolute Wahrheit. Es gibt immer nur Wahrheitsfragmente, Annäherung an Wahrheit. Wikipedia darf jedoch nicht nur die einseitige „Wahrheit“ der Atomlobby widerspiegeln.
Zur neutralen Darstellung der Technologie gehört immer auch die Darstellung der „killing fields“, der Gefahren und Risiken, wenn diese wissenschaftlich belegt sind.
Es freut die Atomlobby,
wenn sich im sehr einseitigen Artikel zum Thema „Kernkraftwerk“ nur ein Bild des AKW Grafenrheinfeld und des im Bau befindlichen Kernkraftwerks Olkiluoto findet. Ein Foto von Tschernobyl würde auf dieser Seite vermutlich sehr schnell wieder gelöscht werden. Auf eine Wikipedia-Seite aber gehört sowohl der „Traum“ von neuen AKW als eben auch der erlebte Alptraum von Tschernobyl.
Den „Umgang“ mit Wikipedia
lernen Atomlobbyisten z. Bsp. bei der Kerntechnische Gesellschaft e.V. Bei der Tagung der KTG-Fachgruppe „Nutzen der Kerntechnik“, am 21.und 22. April 2007, gab es laut Programm nicht nur ein warmes Abendessen mit 3-Gang-Menü (3 Hauptgerichte zur Auswahl) sondern auch Vorträge zum Thema: "Wikipedia. Öffentlichkeitsarbeit und Arbeit an Schulen".
Getarnt als unabhängige Bürgerinitiative,
verbreitet die industriegesteuerte Schein-Bürgerinitiative „Bürger für Technik“ (BfT) Lobeshymnen über die Kernkraft, schreibt die Wochenzeitung "Die Zeit" am 17.4.2008. Die Tarnorganisation der Atomlobby bearbeitet natürlich auch Wikipedia: „Zum selben Zweck wird offenbar auch das freie Internetlexikon Wikipedia manipuliert. Mehrmals schon wurden die BfT-Mitglieder aufgefordert, missliebige Beiträge zu bearbeiten. "In der Anfangszeit war da viel ideologisch durchsetzt", sagt Lindner. "Jetzt ist vieles objektiver." (Zitatende)
Die Löschung kritischer Beiträge und Links auf den AKW-Seiten wird bei Wiki häufig mit einem „Mangel an Objektivität“ begründet. Links zu den Betreibern sind natürlich objektiv...
Die Atomlobby hat es mit Geld
und Einfluss immer wieder verstanden, die Öffentlichkeit zu manipulieren und zu täuschen. Die Umweltbewegung sollte sich in die Wikipedia-Inhalte und Debatten stärker einbringen und dies nicht den bezahlten Lobbyisten der Werbefirmen überlassen.
Und was für den politischen Streit
um die Atomseiten gilt, gilt natürlich auch für die Gentechnikseiten und die Klimaschutzseiten von Wikipedia und für alle Artikel, die Themen behandeln, bei denen wirtschaftliche Interessen den Lebensinteressen der Menschen entgegenstehen.
Nicht nur die Bauplätze neuer AKW
und die Genmaisäcker sind die Felder, auf denen die Konflikte um Umwelt, Zukunft und Nachhaltigkeit ausgetragen werden. Auch das Internet und Wikipedia sind wichtige ökologische und soziale Konfliktfelder der Gegenwart und der Zukunft.
Liebe Freundinnen und Freunde in den Atomverteilern,
Es ist wichtig dass Ihr Euer Wissen und kritische Studien in die Wikipedia Seiten einbringt! Wo sind die NABU; IPPNW; Greenpeace und BI Studien auf den Wiki-Atomseiten zu finden? Wo bleibt das Fachwissen unserer vielen Spezialisten, Aktivisten und WissenschaftlerInnen?
Überlasst Wikipedia nicht der Atomindustrie...
Einige bezahlte Werbefachleute sind nie so gut und stark wie eine Bewegung...
Die Welt 24. August 2006
Von Mathias Peer Wikipedia-Artikel, die man kaufen kann
Als wichtigstes Nachschlagewerk des Internets wird Wikipedia immer mehr zum Ziel von Werbe- und PR-Profis. Enzyklopädieartikel gegen Geld bietet nun eine PR-Agentur ihren Unternehmenskunden. Ein Angebot, das die Wikipedia-Community in Aufregung versetzt.
"MyWikiBiz.com" heißt die Agentur, die sich ganz auf das Internetlexikon Wikipedia spezialisiert hat. Auf ihrer Homepage verspricht sie interessierten Unternehmen: ein besseres Image in der Öffentlichkeit, mehr Besucher auf der Firmen-Website und einen klaren Vorteil gegenüber Konkurrenten. Erreichen will man das über "professionell geschriebene Artikel", die in der Wikipedia platziert werden. Unternehmen, die dort bisher kaum vertreten waren, sollen so das populäre Nachschlagewerk auch als Werbeplattform nutzen können.
Die Kosten für diese Dienstleistung variieren zwischen 50 Dollar für einen kurzen Text mit Link auf die Firmen-Homepage und 100 Dollar für einen ausführlichen Eintrag, der ein Jahr lang aktualisiert wird. Massiver Interessenskonflikt befürchtet
Gregory Kohs, der Gründer von MyWikiBiz verspricht zwar, sich in den Texten über seine Kunden strikt an den Grundsatz der Neutralität zu halten, viele Wikipedia-Nutzer befürchten allerdings einen massiven Interessenskonflikt: Ist ein neutraler Artikel überhaupt möglich, wenn man für ihn bezahlt wird?
Wikipedia-Erfinder Jimmy Wales, hat darauf eine eindeutige Antwort gefunden: "Für Einträge in der Wikipedia Geld zu bekommen ist ein absolutes Tabu." In den offiziellen Wikipedia-Regeln findet sich ein solches Verbot bisher jedoch nicht. Die Diskussion wie man mit PR-Texten in dem Nachschlagewerk umgehen soll ist daher voll entbrannt.
„Wir sind hier, um eine Enzyklopädie zu machen. Was Ihre Firma machen will, ist Geld“, schreibt ein User an Gregory Kohs. Ein anderer sieht kein Problem in Kohs’ Geschäftsmodell: „Solange die Texte von erwähnenswerten Firmen handeln und gut geschrieben sind ist alles ok.“ Im Raum steht auch ein Kompromissvorschlag: MyWikiBiz soll bezahlte Firmen-Profile auf einer externen Seite veröffentlichen, die erst nach einer Prüfung von unabhängigen Wikipedia-Usern in das Lexikon übernommen werden.
Die endgültige Entscheidung zur Frage, ob PR-Profis auch in Zukunft an Wikipedia-Artikeln über ihre Kunden mitarbeiten dürfen, soll Anfang September eine interne Schlichtungsstelle treffen.
Ein Eintrag über das Unternehmen „Norman Technologies“ - einer der ersten Kunden von MyWikiBiz - wurde in der Zwischenzeit wieder vom Netz genommen. Die Unternehmens-PR von Gregory Kohs war in diesem Fall zu eindeutig als solche zu erkennen. „Spam“, nannten das die Wikipedia-User.
Manipulationen erst kürzlich aufgedeckt
Dass Wikipedia auch bisher schon von PR- und Öffentlichkeitsarbeitern für deren Zwecke genutzt wurde, ist kein Geheimnis. Veränderungen an den Enzyklopädieeinträgen zugunsten von Unternehmen geschahen aber meist im Verborgenen und wurden erst nach einiger Zeit aufgedeckt.
Zuletzt wurde bekannt, dass Siemens-Mitarbeiter versucht hatten den Eintrag über ihren Chef, den Vorstandsvorsitzenden Klaus Kleinfeld zu schönen. Dabei entschärften sie Formulierungen und löschten kritische Absätze. Nachdem Wikipedia-Nutzer die Änderungen bemerkt hatten, stieß auch die Presse darauf, die dem Konzern in zahlreichen Artikeln vorwarf, Wikipedia manipulieren zu wollen. Der Schaden der Image-Korrektur war dadurch weit größer als ihr Nutzen.
Der PR-Experte Brian Wasson warnt seine Kollegen in der Öffentlichkeitsarbeit vor einem Vorgehen wie im Fall Siemens: "Widersteht der Versuchung, das Bild eurer Firma in der Wikipedia zu verzerren." Solche Versuche gingen fast immer nach hinten los, schreibt er in einem Aufsatz für die "Public Relations Society of America". Trotz dieser Risiken ist er allerdings überzeugt: "Aufgrund ihrer wachsenden Popularität als Nachschlagewerk für Konsumenten und Journalisten sollten PR-Beauftragte die Wikipedia keinesfalls unterschätzen." Nachtrag 4 Wikipedia und deutsche AKW
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Dieser Artikel wurde 1195 mal gelesen und am 13.6.2008 zuletzt geändert.