Jodtabletten, Katastrophenschutz und AKW Fessenheim


Veröffentlicht am 05.08.2004 in der Kategorie Atomkraft von Axel Mayer

Jodtabletten, Katastrophenschutz und AKW Fessenheim



Kritik an neuem Konzept für den so genannten Notfallschutz

Langjährige Kritik am Katastrophenschutzplan Fessenheim und am bisherigen Konzept der Jodverteilung haben im August 2004 zu ersten kleinen Verbesserungen geführt. Danach sollen die Jodtabletten im Umkreis von 5 km (und unter bestimmten Bedingungen auch im Umkreis bis 10 km) um die Atomkraftwerke nicht in zentralen Sammelstellen aufbewahrt werden, sondern sie sollen "ereignisunabhängig" vorverteilt werden, d.h. sie sollen sofort an die Haushalte verteilt werden, damit sie im Falle eines radioaktiven Unfalls rechtzeitig eingenommen werden können.

Generell ist es ein erster Schritt in die richtige Richtung, dass in einem Radius von 5 km um Fessenheim, die Jodtabletten nun endlich direkt an die Bevölkerung verteilt werden. Mehr als unbefriedigend sind allerdings die Lösungen, welche die angrenzenden Gebiete des Landkreises Emmendingen und des Landkreises Breisgau-Hochschwarzwald betreffen. Im 25 Kilometer Radius sollen die Jodtabletten für die Menschen bis zum Alter von 45 Jahren "bevölkerungsnah" gelagert werden. Schwangere und Jugendliche bis 18 Jahre, die im restlichen Kreisgebiet (100 km Radius) wohnen, sollen aus " Jod-Zentrallagern" versorgt werden.

Alle diese Maßnahmen sind nur bei einigen, wenigen Unfallszenarien sinnvoll, doch andere Unfallabläufe sind ebenso wahrscheinlich. Die Maßnahmen funktionieren möglicherweise dann, wenn zwischen dem Eintreten der Katastrophe im AKW und zwischen dem Entweichen der Radioaktivität ein Zeitraum von mehreren Tagen liegt. Der "neue" Katastrophenschutz im Radius von 25 km könnte eventuell bei einem sehr langsamen, mehrere Tage dauernden Durchschmelzen des Reaktorkerns funktionieren.

Doch Experten und offizielle Studien bestätigen, dass auch andere, wesentlich schnellere Katastrophenabläufe möglich und wahrscheinlich sind. In den beiden Fessenheimer Reaktorblöcken wird neben Strom jährlich ungefähr die kurz- und langlebige Radioaktivität von 1800 Hiroshima-Bomben produziert. Da zugegebenerweise das Notkühlsystem in Fessenheim nicht funktioniert, könnte bei einem Terroranschlag oder einem anderen Unfallablauf zwischen dem Beginn der Katastrophe und dem Entweichen der Radioaktivität ein Zeitraum von wenigen Minuten liegen. Bei einer angenommenen Windstärke von 10 km/h könnte die radioaktive Wolke also in ca. 3 Stunden den 25 Kilometer Radius überschreiten.

Wie unter dieser realistischen Annahme die Verteilung der Jodtabletten funktionieren soll, die dann ja nur einen winzigen Teil der einzuleitenden Maßnahmen darstellt, ist nicht vorstellbar. Jodtabletten sind auch generell keine Strahlenschutztabletten. Sie schützen nur die Schilddrüse und bieten so einen sehr beschränkten Schutz.

Unabhängig davon wäre aber auch unbedingt ein ernsthaftes, ernstzunehmendes Katastrophenschutzkonzept für die Landkreise Emmendingen und Breisgau-Hochschwarzwald unbedingt nötig, denn der weitere Fehler der bisherigen Konzepte ist die Beschränkung der Katastrophenschutzpläne auf die viel zu engen Radien von 25 Kilometern um die bestehenden AKW. Einer Studie des Ökoinstituts Darmstadt im Auftrag der Badisch-Elsässischen Bürgerinitiativen von 1992 besagt, dass sich bei einem schweren Unfall in Fessenheim und lebhaftem Südwestwind mit Regen eine bis zu 370 km lange Schadensfahne von Fessenheim bis in den Raum Würzburg-Nürnberg erstrecken könnte. In deren Bereich müssten alle Siedlungen auf 50 Jahre geräumt werden, sollten die Richtlinien von Tschernobyl zur Anwendung kommen. Betroffen wären u.a. die Städte Freiburg, Emmendingen, Freudenstadt, Tübingen, Stuttgart, Heilbronn und Schwäbisch Hall. (Sollte der Wind am Katastrophentag in eine andere Richtung wehen, so wären natürlich andere Städte und Gemeinden betroffen). Auch der Atomunfall in Tschernobyl hat gezeigt, dass der bestehende Katastrophenschutzplan mit einem vorgesehenen 8-km-Evakuierungsradius Makulatur ist.

Ein Katastrophenschutz, der nicht alle tatsächlich möglichen Unfallabläufe mit einbezieht, ist realitätsfern und ein typisches Beispiel der herrschenden Apokalypsenblindheit.

Hier: Hintergrundinformation zum AKW Fessenheim und zum Notfallschutz



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  • Axel Mayer, Mitwelt Stiftung Oberrhein

Getragen von der Hoffnung auf das vor uns liegende Zeitalter der Aufklärung (das nicht kommen wird wie die Morgenröte nach durchschlafner Nacht)


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