Geplante Obsoleszenz 2020: Schneller kaufen, noch schneller wegwerfen


Veröffentlicht am 06.01.2020 in der Kategorie Energie von Axel Mayer

Geplante Obsoleszenz: Schneller kaufen, noch schneller wegwerfen

Kurztext:
Schneller kaufen, noch schneller wegwerfen: Geplante Obsoleszenz, Geplanter Produktverschleiß


Jeder hat´s schon erlebt.
Die Garantie ist gerade abgelaufen und "plötzlich und unerwartet" ist der fast neue Computer oder das Handy defekt und nicht mehr zu reparieren.Von “geplanter Obsoleszenz“ wird gesprochen wenn in Konsumgütern gezielt Schwachstellen eingebaut werden um die Produktlebensdauer zu verkürzen. Kurz nach Ablauf der viel zu kurzen Garantiezeit ist das Produkt defekt und eine Reparatur "lohnt nicht". So gibt es zum Beispiel Tintenstrahldrucker mit einem eingebauten Zähler-Chip, die nach einer bestimmten Anzahl gedruckter Seiten nicht mehr funktionieren. Wird der Chip auf Null zurückgestellt, dann funktioniert der Drucker wieder.

Ein Ansatz gegen die geplante Obsoleszenz anzugehen
wäre die Verlängerung von Garantien und Gewährleistungszeiten. Wenn wir die gezielte Verkürzung der Produktlebensdauer von Zahnbürsten, Jeans, Strumpfhosen und Computern, einfach so akzeptieren, wenn die Zyklen des Produzierens, Kaufens, Nutzens und Wegwerfens immer kürzer werden, dann brauchen wir uns über die absehbare Endlichkeit der Energie- und Rohstoffreserven und die Verlängerung der Lebensarbeitszeit nicht zu wundern. Gute, schöne, sinnvolle, reparaturfähige Produkte möglichst lange nutzen... Nur so können wir die Energie- und Rohstoffwende durchsetzen. Ein Wirtschaftssystem, in der Firmen auf die gezielte Verkürzung der Lebensdauer von Produkten setzen, ist nicht nachhaltig und zukunftsfähig. Für unsere Handy- und Computerwegwerfkultur starben seit 1998 über 3 Millionen Menschen im "unbeachteten" Coltan-Rohstoffkrieg in Uganda.
Laufzeitverkürzte Produkte sind eine beleidigende Unverschämtheit und damit allerdings auf der Höhe der Zeit.
Axel Mayer, (Alt-)BUND Geschäftsführer, Mitwelt Stiftung Oberrhein

Einschub:
"Der Rhythmus des Konsums, der Verschwendung und der Veränderung der Umwelt hat die Kapazität des Planeten derart überschritten, dass der gegenwärtige Lebensstil nur in Katastrophen enden kann."
Umwelt-Enzyklika von Papst Franziskus



Aktueller Artikel:


In einer aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "Bild der Wissenschaft" (August 2017) steht im Artikel "Schlürfen im Müll" (Thema Rohstoffe und Recycling) folgendes:

"Waren 2004 noch 3,5 Prozent der großen Haushaltsgeräte wie Kühlschrank oder Herd innerhalb der ersten fünf Gebrauchsjahre defekt, so erhöhte sich der Anteil bis 2013 auf 8,3 Prozent, wie das Umweltbundesamt ermittelt hat. Elektronische Helfer wie PC, Tablet oder Fernseher wandern sogar noch früher in den Müll. Smartphones werden oft schon nach zwei Jahren ausrangiert, weil die Telefongesellschaften dann ein neues Modell zur Verfügung stellen."



Aktueller Nachtrag:


„Das EU-Parlament hat eine Resolution zur geplanten Obsoleszenz verabschiedet. Sie fordert unter anderem eine robustere Bauweise, längere Mindestfunktionsdauern und eine leichtere Reparierbarkeit von elektronischen Geräten. Bis zur gesetzlichen Umsetzung ist es aber noch ein langer Weg. […]

Der Bericht nimmt mit seinen Forderungen die immer zügiger ablaufenden Produktzyklen im Haushaltsgeräte- und Elektronikbereich ins Visier und brandmarkt diese indirekt als umweltschädlich sowie im Grunde ineffizient und für die Verbraucher zu teuer. […]

Zukünftige Angebote sollten nicht nur aus dem Produkt selbst bestehen, sondern aus einem Gesamtpaket mit relevanten Zusatzaspekten wie erweiterter Gewährleistung, der Verfügbarkeit von Ersatzteilen und der Einfachheit einer Reparatur. Im Zuge dessen wird auch die Förderung von Produzenten von modularen Systemen vorgeschlagen, deren Produkte leicht zu zerlegen und deren Komponenten ohne großen Aufwand untereinander austauschbar sind. […]

Letztendlich soll es für Verbraucher wieder attraktiver werden, ihre beschädigten Geräte wieder zu reparieren, anstatt sie durch neue zu ersetzen. […] Generell sollten alle Komponenten, die für den Betrieb eines Gerätes notwendig sind, austausch- und reparierbar sein. […]

Unter dem Banner des Kreislaufwirtschaftsansatzes der EU (Circular Economy) ruft der Bericht die Mitgliedsstaaten auf, diese Überlegungen in ihre nationalen Regelwerke einfließen zu lassen und nach Möglichkeit zu fördern. […]

Ob und inwieweit die EU-Kommission – nur ihr kommt derzeit das Recht zu eine Rechtsnorm vorzuschlagen – diesen Ansichten letztlich folgen wird, steht […] noch in den (europäischen) Sternen.“

6. Juli 2017, Computerbase: Das EU-Parlament zielt auf die geplante Obsoleszenz






Langtext:
Schneller kaufen, noch schneller wegwerfen: Geplante Obsoleszenz


Die Garantie ist gerade abgelaufen
und "plötzlich & unerwartet" ist der fast neue Computer, der Tintenstrahldrucker, der Flachbildschirm oder die teuren Wanderschuhe defekt und "leider" auch nicht mehr zu reparieren...

Das Thema "geplante Obsoleszenz",
ist (noch) ein blinder Fleck im Auge der Umweltbewegung und des Verbraucherschutzes. In vielen Produkten werden von der Herstellern gezielt Schwachstellen eingebaut. Diese habgierbedingt-gezielte Verkürzung der Produktlebensdauer führt dazu, dass Produkte vorzeitig, kurz nach Ablauf der (viel zu kurzen) Garantiezeit, schad- oder fehlerhaft werden und so ein schnellerer Umsatz erreicht wird. So gibt es zum Beispiel Tintenstrahldrucker mit einem eingebauten Zähler-Chip, die nach einer bestimmten Anzahl gedruckter Seiten nicht mehr funktionieren. Wird der Chip auf Null zurückgestellt, dann funktioniert der Drucker wieder...


Geplante Obsoleszenz und Stiftung Warentest
"Warentester glauben nicht an den eingebaute Produktverschleiß" steht jetzt ab und zu in den Medien. Diese Haltung der Warentester könnte auch daher rühren, dass die "Stiftung Warentest" dieses wichtige Verbraucherschutz-Thema in den letzten Jahren schlicht verschlafen hat.

Einige erste Beispiele für geplante Obsoleszenz:
Es gibt eine unendliche Vielzahl von Produkten, bei denen eigene Erfahrung auf eine gezielte Verkürzung der Produktlebensdauer schließen lässt. Das Problem ist der objektive, nachprüfbare Nachweis. Hier gäbe es ein großes, wichtiges und bisher vernachlässigtes Betätigungsfeld für Umweltverbände, Verbraucherzentralen, kritische Medien und die Politik. Ohne den massiven Druck der VerbraucherInnen wird sich nur wenig tun.

Die Schweizer Stiftung für Konsumentenschutz SKS hat im Jahr 2013 über 400 Fälle dokumentiert die klar in die Kategorie geplante Obsoleszenz gehören. Über die Hälfte der eingegangenen Meldungen betreffen Computer, Drucker, Kopierer, Audio, TV, Video und Telekommunikationsmittel.


Aktueller Einschub: Der Club of Rome beschreibt die Folgen des Überkonsums



Der vom Club of Rome im Mai 2012 veröffentlichte Report "2052" beschreibt die Folgen des Überkonsums und der Verschwendungswirtschaft:
„Die Menschheit hat die Ressourcen der Erde ausgereizt und wir werden in einigen Fällen schon vor 2052 einen örtlichen Kollaps erleben. Der Klimawandel wird dem Bericht zufolge sogar noch drastisch zunehmen: Die Treibhausgasemissionen werden erst 2030 ihren Höhepunkt erreicht haben. Das sei zu spät, um den globalen Temperaturanstieg auf zwei Grad zu begrenzen, wie es sich viele Staaten vorgenommen haben, sagte Randers. "Wir stoßen jedes Jahr zweimal so viel Treibhausgas aus wie die Wälder und Meere der Erde absorbieren können."
"Der Meeresspiegel wird um 0,5 Meter höher sein, das Arktiseis im Sommer verschwinden und das neue Wetter wird Landwirte und Urlauber treffen", so Randers. Bis 2080 werde sich die Temperatur um 2,8 Grad erhöhen, was einen sich selbst verstärkenden Klimawandel auslösen könne.“

Die gezielte Verschwendung von Rohstoffen, Energie und menschlicher Arbeitskraft durch die Produktion von kurzlebigen Produkten beschleunigt diese Zerstörungsprozesse und ist unverantwortlich.


"Geplante Obsoleszenz" oder "Sinnvolle Gebrauchsdauer".
In unserer Neusprech-Zeit in der
Müllverbrennung - Thermische Abfallbehandlung,
Folter - Umstrittene Verhörmethode
und Streubomben - Intelligente Wirksysteme
genannt werden, brauchen wir uns nicht zu wundern, dass es auch für die Verkürzung der Produktlebensdauer einen schönen grüngewaschenen Begriff gibt. „Sinnvolle Gebrauchsdauer“ ist die neue Wortschöpfung, die selbstverständlich nicht die Frage klärt für wen es „sinnvoll“ sein soll, wenn Güter nach Ablaufen der Garantie kaputt gehen. Für den Verbraucher und die Umwelt wohl eher nicht.

Mehr arbeiten, schneller kaufen, noch schneller wegwerfen
passt als selbstzerstörerisches Konsum- und Lebensprinzip perfekt in die unsere rastlose, beschleunigte Endphase exponentiellen Wachstums. Der gehetzte unsichere "ich kaufe also bin ich" Mensch definiert sich über schnelleren Konsum immer idiotischerer kurzlebigerer Güter. Er arbeitet, lebt, konsumiert immer mehr und immer hektischer und wird gleichzeitig immer unzufriedener.
Staatlich organisierte Obsoleszenz: Die Abwrackprämie
Am 27.01.2009 hatte das Bundeskabinett die „Richtlinie zur Förderung des Absatzes von Personenkraftwagen beschlossen“. Wer sein über 10 Jahre altes Auto verschrottet, bekam bei gleichzeitiger Anschaffung eines Neuwagens eine so genannte Umweltprämie von 2500 Euro.
Hans Magnus Enzensberger gab der „Umweltprämie“ den richtigen Namen. Er schrieb: „Die Abwrackprämie ist eine Belohnung für die Vernichtung von Gebrauchsgegenständen; ihr Besitzer empfängt diese Prämie, die er als Steuerzahler entrichtet.“ (Zitatende)

Die Abwrackprämie war tatsächlich auch eine Umwelt- und Wertzerstörungsprämie
und der Begriff “Umweltprämie” war orwellsches Neusprech. Viele der neuen Autos haben einen nur geringfügig niedrigeren Energieverbrauch und Schadstoffausstoß als die Altfahrzeuge. Die Energiemengen und Rohstoffe, die bei der Produktion eines Autos verbraucht werden, die damit verbundene Umweltzerstörung und die Schadstoffemissionen spielten in dieser Debatte keine Rolle. Ein Mittelklasse-Auto wiegt 1000 bis 2000 Kilogramm. Industrieprodukte haben einen "ökologischen Rucksack", der rund 30-mal so schwer ist - wenn man etwa den Abraum bei der Erzgewinnung für Stahl und Blech hinzurechnet.

Eine Sonderform der gezielten Verkürzung
der Produktlebensdauer ist die "Modeerscheinung" der vorabgenutzten Jeans (stonewashed). Der Traum der Industrie in einem System zerstörerischen Wachstums ist die Übertragung des Stonewashed-Prinzips und der gezielten Verkürzung der Lebensdauer auf immer mehr Produkte des täglichen Verbrauchs. Die Zyklen des Produzierens, Kaufens, Nutzens und Wegwerfens sollen immer kürzer werden.

Zitat:
"Wenn ein Unternehmen beschließt: Ein Produkt braucht nur drei Jahre zu funktionieren, es hält aber zehn Jahre, dann ist da natürlich ein Kostenfaktor drin , den ich reduzieren könnte. Und natürlich machen die Firmen das. Man orientiert sich bei Entwicklungen häufig nicht daran, das möglichst lange haltbar zu machen, sondern möglichst so, dass es die internen Standards der Unternehmen besteht."

- Olaf Wittler, Fraunhofer-Institut für Zuverlässigkeit und Mikrointegration IZM, Berlin


Unbegrenztes Wachstum und geplanten Obsoleszenz
Wir leben in einem System in dem zerstörerisches, unbegrenztes Wachstum immer mehr zum Selbstzweck wird. Bei einem anhaltenden Wachstum von 3% verdoppelt sich das Bruttosozialprodukt alle 23 Jahre, bei 5% sogar bereits alle 14 Jahre. Und eine Menge, die exponentiell wächst, vertausendfacht sich jeweils nach der zehnfachen Verdoppelungszeit. Dauerhaftes exponentielles Wachstum einer Wirtschaft ist nicht möglich und führt zwangsläufig zur Selbstzerstörung.
Die gezielte Verkürzung der Produktlebensdauer ist in einer Endphase unbegrenzten Wachstums unabdingbar, denn die Mehrzahl der Menschen hat überhaupt nicht den Platz all die gekauften, häufig nicht nur kurzlebigen sondern auch überflüssigen, Produkte aufzubewahren. "Schneller kaufen und noch schneller wegwerfen" ist das Motto der "ich kaufe also bin ich" Gesellschaft und "noch mehr Konsum" ist der dazu passende Slogan der Politik.
Schneller wegwerfen und die Endlichkeit der atomar-fossilen Energiereserven
"In einem Jahr verbrauchen wir gerade weltweit so viele fossile Rohstoffe, wie die Erde innerhalb einer Million Jahre herausgebildet hat." Quelle: Zukunftsfähiges Deutschland 2008. Gleichzeitig erzeugen wir Atommüll der eine Million Jahre sicher gelagert werden muss. Immer noch gehören auch die Menschen in Deutschland zu den, zumeist unzufrieden gehaltenen, 20% der Menschheit, die 80% der Energie und Rohstoffe verschwendet und die damit für den Großteil der weltweiten Umweltverschmutzung verantwortlich sind. Und die restlichen 80% der Welt (insbesondere China und Indien) sind gerade dabei unser zerstörerisches Modell einer Raubbauwirtschaft nachzuahmen.

Erste Überlegungen zu Forderungen an die Politik:
Maßnahmen gegen die Verkürzung der Produktlebensdauer müssten eigentlich für das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz ganz oben auf der Tagesordnung stehen. Ohne den Druck der Umwelt- und Verbraucherverbände und der Medien wird dies nicht geschehen. Angesichts der globalen Verknappung von Energie und Rohstoffen kann auch die Energiewende nur mit guten langlebigen Produkten funktionieren. Die Parteien müssen erkennen: "Die Produktion langlebiger Produkte und Reparaturbetriebe schaffen Arbeit in Deutschland und Europa und nicht die längst nach China und Indien ausgelagerte Massenproduktion billiger Wegwerfartikel.

Erste Überlegungen:
  • Politik und Parteien müssen das Thema erkennen und aufgreifen
  • Ein Ansatz gegen die geplante Obsoleszenz anzugehen ist die massive Verlängerung von Garantien und Gewährleistungszeiten. Das Ministerium für Verbraucherschutz sollte in regelmäßigen Abständen für jedes Produkt die "durchschnittliche Lebensdauer" ermitteln und eine ein Drittel darüber liegende Mindestgarantiezeit fest legen. Dies würde den technischen Fortschritt nachhaltig beschleunigen.
  • Werbung und Werbeanzeigen ohne die Angabe von Garantiezeiten sollte es nicht mehr geben.
  • Das Papier auf dem die Garantie aufgedruckt ist muss eine längere Lebensdauer als das Produkt haben


Verbot der geplanten Obsoleszenz in Frankreich
Wenn Hersteller in Frankreich die Lebensdauer ihres Produkts vorsätzlich verkürzen, drohen ihnen zwei Jahre Gefängnis und 300.000 Euro Strafe. Laut dem neuen französischen Energiewendegesetz kann die Geldstrafe zudem auf fünf Prozent des durchschnittlichen Jahresumsatzes des Unternehmens angehoben werden. Frankreich ahndet damit den gezielten Einbau von Schwachstellen etwa in Elektrogeräte und setzt ein Zeichen für Verbraucher- und Umweltschutz.

Die Macht der VerbraucherInnen
gegen die Verkürzung der Produktlebensdauer war bisher zumindest ein mal erfolgreich. Der US-Konzern Apple wurde 2003 von tausenden Kund­Innen per Sammelklage vor ein Gericht gebracht. Im iPod waren Akkus mit sehr kurzer Lebensdauer installiert, die natürlich nicht austauschbar waren. Es kam zu keinem Urteil, weil Apple sich außergerichtlich mit den KlägerInnen einigte. Dennoch war die Klage ein erster Erfolg im Kampf für nachhaltige Produkte.

Wenn wir die gezielte Verkürzung der Produktlebensdauer
von Zahnbürsten, Jeans, Strumpfhosen, Computern, Bahnhöfen (Stuttgart 21), Gebäuden und anderen Dingen (Brustimplataten!) einfach so akzeptieren, wenn die Zyklen des Produzierens, Kaufens, Nutzens und Wegwerfens immer kürzer werden, dann brauchen wir uns über die absehbare Endlichkeit der Energie- und Rohstoffreserven und die Verlängerung der Lebensarbeitszeit nicht zu wundern. Gute, schöne, sinnvolle, reparaturfähige Produkte möglichst lange nutzen... Nur so können wir die Energie- und Rohstoffwende durchsetzen...
Ein Wirtschaftssystem, in der Firmen auf die gezielte Verkürzung der Lebensdauer von Produkten setzen, ist nicht nachhaltig und zukunftsfähig. Die Firmen setzen gezielt auf die Dummheit und Manipulierbarkeit der VerbraucherInnen. Laufzeitverkürzte Produkte sind eine beleidigende Unverschämtheit und damit allerdings auf der Höhe der Zeit.

Axel Mayer, Mitwelt Stiftung Oberrhein



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Geplante Obsoleszenz - Unbegrenztes Wachstum - Multiple Krisen




Ein Redemanuskript von BUND-Geschäftsführer Axel Mayer zum Thema Geplante Obsoleszenz vom 11.7.14 im Freiburger Vauban


Schneller kaufen - Schneller wegwerfen – Das Prinzip der geplanten Obsoleszenz –

Das Thema des Abends ist die geplante Obsoleszenz
die „gezielte Lebensdauerverkürzung von Produkten“ aber auch die vielen anderen Formen von Obsoleszenz.

Jürgen Reuß der das Buch „Kaufen für die Müllhalde“ geschrieben hat wird heute Abend hier lesen.
Ich mache nur die etwas umfangreichere Einführung ins Thema

Eine Veranstaltung vom Stadtteilverein Vauban und BUND Regionalverband

Ich möchte mit einem aktuellen Beispiel beginnen:
Wir erleben gerade das Supportende von Windows XP
Auf knapp 30 Prozent der etwa 1,5 Milliarden Rechner weltweit läuft die Software
Das Ende von Windows XP auch das Ende für einen Großteil der "30 Prozent der etwa 1,5 Milliarden Rechner weltweit" bedeuten könnte.
Nur wegen des Endes von XP werden weit über hundert Millionen Computer weggeworfen
Was sind das für Mengen an verschwendeter Energie, Rohstoffen und menschlicher Arbeitskraft

Als BUND-Geschäftsführer möchte ich das Thema Obsoleszenz in einen größeren gesellschaftspolitischen und umweltpolitischen Rahmen einordnen

Ich glaube nicht daran, dass hinter: „Schneller kaufen - Schneller wegwerfen“ nur der böse Wille und das Gewinnstreben einzelner Firmen steht

Geplante Obsoleszenz ist für mich eine Reaktion der Wirtschaft in Krisen und einer zerstörerischen Endphase exponentiellen Wachstums

Ich muss zugeben
Seit 39 Jahren bin ich im Umweltschutz aktiv,
aber bis vor zwei Jahren kannte ich den Begriff „Geplante Obsoleszenz“ nicht

Ich saß vor einem Jahr mit der Fernsehjournalistin Sigrid Faltin zusammen und wir diskutierten eine Sonderform der Obsoleszenz

Den Abriss der Freiburger Unibibliothek nach nur 33 Jahren

Abends kam die Mail von Sigrid: Zu dem Thema läuft ein sehenswerter Film auf Arte

Seither beschäftige ich mit diesem Thema:
Internet: 46.000 Zugriffe auf unsere Seiten
Viele Medienanfragen (Japan Asai Shinbum)
Versuch, das Thema in den BUND und in die bundesweite Umweltbewegung zu tragen

„Seither beschäftige ich mit diesem Thema“ ist eigentlich falsch ausgedrückt

Wir haben das Pferd immer nur vom anderen Ende her aufgezäumt.

Die wünschenswerte und notwendige Langlebigkeit von Produkten war immer schon ein BUND-Thema. Nur die gezielte Kurzlebigkeit nicht...

Noch einmal:
Ich glaube nicht daran, dass hinter: „Schneller kaufen - Schneller wegwerfen“ nur der böse Wille und das Gewinnstreben einzelner Firmen steht

Geplante Obsoleszenz ist für mich eine Reaktion der Wirtschaft in einer zerstörerischen Endphase exponentiellen Wachstums.

Es ist ein Puzzele-Stück in den aktuellen multiplen globalen Krisen

1932 veröffentlichte der damalige General-Motors-Chef Bernard Londons sein Buch „Ending the depression through planned Obsolescence“.

Die Idee war, dass eine verkürzte Haltbarkeit von Produkten den Konsum anheizen würde und so der Wirtschaft aus der Depression helfe.

Zwei Fragen ans Publikum:
1) Wie viel Wachstum hätten Sie denn gerne?
(wie viel Wachstum brauchen wir, um aus der Krise zu kommen?)

Bei einem anhaltenden Wachstum von 3% verdoppelt sich das Bruttosozialprodukt alle 23 Jahre, bei 5% sogar bereits alle 14 Jahre...
Und eine Menge, die exponentiell wächst, vertausendfacht sich jeweils nach der zehnfachen Verdoppelungszeit.

2) Wie viele Dinge haben Sie in Ihrem Haushalt?
Eine durchschnittliche Mitteleuropäerin oder ein Mitteleuropäer besitzt heute zwischen 10 000 und 13 000 Dingen, und es werden (Dank Wachstum & Werbung) täglich mehr

Jetzt stellen Sie sich die Menge der Dinge vor, die Sie besitzen und ein dauerhaftes Wachstum von 3%

Ist schnelles Wegwerfen die Problemlösung unserer Krisen?

Uns wird gesagt:
Chinesen & Deutsche arbeiten recht effizient und produzieren viel

Uns wird gesagt:
Die Finanz- und Wirtschaftskrise soll dadurch gelöst werden, dass Griechen, Spanier und der Rest der Welt so effizient arbeiten und produzieren wie Chinesen & Deutsche...

Ich frage Sie:
Wohin dann mit den ganzen Produkten? (Jährlich kommen in Deutschland 1,7 Mio. Tonnen Elektro- und Elektronikgeräte auf den Markt)
Wer soll den ganzen Scheiß kaufen und woher sollen Energie und Rohstoffe für die Produktflut kommen?
Ist es sinnvoll und erfüllend unter immer größerem Stress immer mehr zu arbeiten um immer kurzlebigere und dümmere Produkte zu kaufen?

"Früher" gab es diese Probleme nicht
  • Wir produzierten nicht so effizient
  • Es gab alle zwanzig dreißig Jahre einen großen Krieg und viele der Überlebenden besaßen nach dem Krieg nur noch 200 Dinge...


Wir sollten versuchen, unsere Probleme ohne Krieg zu lösen

In der Logik eines Systems unbegrenzten Wachstums spricht alles für Schneller kaufen - Schneller wegwerfen

Früher haben sich die Menschen über den Besitz von Dingen, über das „Haben“ definiert
Heute definiert sich eine werbeerzogene „Ich kaufe, also bin ich - Generation“ nicht mehr über den langen Besitz eines Produkts, über das „Haben“, sondern über den kurzen Vorgang des Kaufs

Und das Verrückte: Wir kaufen und kaufen und sind zunehmend unzufrieden, krank, ausgebrannt

In der Logik eines Systems unbegrenzten Wachstums und globalen Raubbaus spricht alles für Schneller kaufen - Schneller wegwerfen

Doch unbegrenztes Wachstum zerstört begrenzte Systeme
Das Versprechen vom unbegrenzten Wachstum ist nicht haltbar und beschleunigt die globale Krisen

Unsere globale Raubbauwirtschaft führt zu:
  • Klimawandel
  • Ausbeutung (nicht nur) armer Länder
  • zur absehbaren Endlichkeit der Energie- und Rohstoffvorräte"In einem Jahr verbrauchen wir gerade weltweit so viele fossile Rohstoffe, wie die Erde innerhalb einer Million Jahre herausgebildet hat."
  • zu Peak Oil, Peak Gas, Peak Kupfer, langfristig Peak Everything


Ist schneller kaufen schneller wegwerfen vielleicht einer Sonderform der berühmten „spätrömischen Dekadenz“?

Die Eliten der Griechen und Römer waren vor dem Zusammenbruch ihrer Reiche sehr verschwenderisch
Sie haben Kriege geführt und beinah den gesamten Mittelmeerraum abgeholzt, um damit ihre Kriegs- und Handelschiffe zu bauen.

Menschengemachte Verwüstung ist häufig ein Vorzeichen zusammenbrechender Hochkulturen.

Und wir?
Ich sage nur drei Stichworte:
Obsoleszenz, Atomkraft und Fracking

Auch für unsere Handy- und Computerwegwerfkultur starben seit 1998 über 3 Millionen Menschen im "unbeachteten" Coltan-Rohstoffkrieg im Kongo.

Es gibt ein Politikproblem
In Sachen Wachstumsglaube und geplante Obsoleszenz gibt es fast keinen Unterschied zwischen der neoliberalen Rechten und strukturkonservativen Linken.
Der berühmte Satz: „Wir müssen die Binnenkonjunktur ankurbeln“ heißt doch nichts anderes als - schneller kaufen - schneller wegwerfen

Die Abwrackprämie / Umweltprämie war eine klassische Form von staatlich organisierter geplanter Obsoleszenz und eigentlich leider auch alt-sozialdemokratisch...

Wer sein über 10 Jahre altes Auto verschrottete, bekam bei gleichzeitiger Anschaffung eines Neuwagens eine so genannte Umweltprämie von 2500 Euro.
Hans Magnus Enzensberger gab der „Umweltprämie“ den richtigen Namen: „Die Abwrackprämie ist eine Belohnung für die Vernichtung von Gebrauchsgegenständen; ihr Besitzer empfängt diese Prämie, die er als Steuerzahler entrichtet.“ (Zitatende)

Der Wachstumsglaube führt aktuell auch zu einem der größten umwelt- und sozialpolitischen Fehler:
Das geplante Freihandelsabkommen.
Das Das Transatlantische Freihandelsabkommen ( TTIP) wird die demokratiegefährdende Macht der Konzerne verstärken.
Es öffnet die europäischen Türen für Genfood, Hormonfleisch, Fracking, Sozialdumping, geheime Schiedsgerichte, Monsanto und andere US-Konzerne.
Konzerne die schon jetzt in Europa viel Geld verdienen, aber im Gegensatz zu Dir fast keine Steuern bezahlen, werden noch mächtiger.

Der Natur- und Umweltschutz arbeitet liebevoll am kleinen Detail, die Genlobby, Chemiekonzerne & Umweltzerstörer arbeiten am großen Ganzen.
Wenn wir uns jetzt nicht gegen TTIP wehren, werden wir den ökologischen Fortschritt der letzten Jahrzehnte zu verspielen.

Was tun?
Sie warten jetzt auf die berühmt berüchtigten Appelle der Umweltbewegung ans Gewissen und an den guten Menschen:

„Ändert Euer Leben: Kauft langlebige Produkte“

Nach fast vier Jahrzehnten in der Umweltbewegung habe ich immer weniger Lust auf solche Appelle.

Es ist gut, ökologisch sinnvoll zu handeln, aber Appelle reichen nicht und nützen wenig.

Wir müssen gegen die zerstörerische Logik eines Raubbausystems angehen.

Was tun?
Die Macht der VerbraucherInnen gegen die Verkürzung der Produktlebensdauer war bisher zumindest einmal erfolgreich:

Der US-Konzern Apple wurde 2003 von tausenden KundInnen per Sammelklage vor ein Gericht gebracht. Im iPod waren Akkus mit sehr kurzer Lebensdauer installiert, die natürlich nicht austauschbar waren. Es kam zu keinem Urteil, weil Apple sich außergerichtlich mit den KlägerInnen einigte. Dennoch war die Klage ein erster Erfolg im Kampf für nachhaltige Produkte. Gegen Obsoleszenz durch "immer Neues kaufen müssen" hat das Urteil wenig genützt

Was tun?
Reparaturwerkstätten sind ein guter individueller Ansatz
Aber es ist auch die berühmte individuelle Nische
Wir brauchen die Nische, wir brauchen aber auch den politischen Ansatz

Was tun?
  • Der Kampf gegen die geplante Obsoleszenz ist ein unbeachteter, wichtiger Aspekt der Energie- und Rohstoffwende
  • Wir müssen TTIP verhindern
  • Wir müssen Fortschritt menschengerecht definieren und dürfen den Begriff nicht den Gierigen überlassen
  • Wir brauchen die massive Verlängerung von Garantien und Gewährleistungszeiten. Das Ministerium für Verbraucherschutz sollte in regelmäßigen Abständen für (fast) jedes langlebige Produkt die "durchschnittliche Lebensdauer" ermitteln und eine ein Drittel darüber liegende Mindestgarantiezeit fest legen. Dies würde den technischen Fortschritt nachhaltig beschleunigen.
  • Werbung und Werbeanzeigen ohne die Angabe von Garantiezeiten sollte es nicht mehr geben.
  • Das Papier, auf dem die Garantie aufgedruckt ist, muss eine längere Lebensdauer als das Produkt haben (Kein Thermopapier)
  • Informieren Sie sich. (dafür sind Sie heute hier)
  • Reparieren Sie und lassen Sie reparieren



Was können wir gewinnen?
  • Aus einem Puzzlestück der globalen Krise könnte ein Puzzlestück der Problemlösung werden
  • Langlebige, schöne, reparaturfähige Produkte
  • Eine Verringerung der Lebensarbeitszeit (die dann aber auch global und national besser verteilt werden muss)
  • Eine Verringerung der Energie- und Rohstoffverschwendung, der Umweltverschmutzung und des Klimawandels
  • Zukunftsfähigkeit und echte Nachhaltigkeit
  • Einen Ansatz für das „Gute Leben“ mit einem massiv verringerten Input an Energie- Rohstoffen und menschlicher Arbeitskraft


"Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier." Ghandi



Axel Mayer, BUND Geschäftsführer




(Es gilt das gesprochene Wort)








UB - Unibibliothek Freiburg: Abriss, Einweihung & Fassadendiskussionen...

Der teure Neubau der Universitätsbibliothek Freiburg, der am 21.07.2015 um 10.30 Uhr eröffnet wird, hat eine spannende, architektonisch anspruchsvolle Fassade, mit der sich die "Green" City Freiburg schmücken will und über die sich trefflich streiten lässt. Angesichts der Einheitlichkeit und Trostlosigkeit vieler anderer Neubauten ist sie ein erfreulicher Hingucker... In einer Zeit, in der wegen der wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich die sozialen Konflikte auch auf den Straßen immer härter ausgetragen werden, ist es mutig, einen bruchempfindlichen Glaspalast in die Stadt zu bauen. Die Betonkerntemperierung mit Brunnenwasserkühlung sowie die Wärmerückgewinnung sind energetisch erfreuliche Fortschritte.

In die "Fassadendebatte"
hat sich ein Umweltschutzverband wie der BUND dennoch nicht einzumischen. Doch die Frage nach den "inneren Werten" der neuen Freiburger UB, nach Langlebigkeit und Energiebedarf zählt zu den klassischen Aufgaben des Bund für Umwelt und Naturschutz. Die zentrale Frage, ob wir es uns in der Vergangenheit leisten konnten eine Bibliothek zu erstellen, die nach nur 33 Jahren abgerissen werden musste, die Frage nach den tatsächlichen Abrissgründen, nach der Verschwendung von Rohstoffen, Energie und menschlicher Arbeitskraft, die Frage, ob es sich unser Gemeinwesen leisten konnte, extrem teure Billigbauten zu erstellen, wird (nicht nur!) in der Green City Freiburg leider nicht öffentlich diskutiert. Und wenn die Fehler der Vergangenheit nicht diskutiert werden, dann gibt es auch kein Lernen aus den Fehlern der Vergangenheit. Dass Freiburgs neuer Vorzeigeplatz im Universitätsviertel mit Basalt aus Vietnam gepflastert wird, ist nach unserer Ansicht ein umweltpolitischer Skandal. Der "schicke Schein" geht vor Nachhaltigkeit und Fassadendiskussionen ersetzen keine echte Nachhaltigkeitsdebatte.

Im Jahr 1978 errichtete das Land Baden-Württemberg
gegenüber dem fast hundert Jahre alten Kollegiengebäude I am Rotteckring ein neues Gebäude für die Unibibliothek. “Hauptsächlich wegen altersbedingt abgängiger Technik (Klimaanlage) und der Notwendigkeit, Schäden an der Fassade zu beheben, muss das Bibliotheksgebäude saniert werden”, steht auch heute noch beschönigend bei Wikipedia und fast genauso beschönigend war die Neubaudiskussion in der “Green" City Freiburg, denn die tatsächlichen Abrissgründe wurden öffentlich leider nicht diskutiert. Neben den "offiziell" genannten und diskutierten Abrissgründen gab es "öffentlich nicht diskutierte" Abrissgründe, u.a. die von Anfang an nicht richtig funktionierende Klimaanlage und den gebäudebedingt hohen Krankenstand der MitarbeiterInnen der alten Bibliothek...

[quote]Im Jahr 2011, nur 33 Jahre nach dem Neubau musste der oberirdische Teil des Gebäudes fast vollständig abgerissen werden, während das gegenüberstehende Kollegiengebäude I aus dem Jahr 1911 vermutlich noch einmal hundert Jahre älter werden kann, wenn es einigermaßen gepflegt wird.


Es kann nicht darum gehen, heute so zu bauen wie vor 100 Jahren. Aber 1978, in einer Zeit in der ständig alles Neue als technischer Fortschritt gepriesen wurde, hätte es doch möglich sein müssen, neue Gebäude langlebig, dauerhaft, flexibelfunktional und schön zu bauen.

Nein! Unser Herzblut hing nicht an dem zeitgeist-scheußlich-parkhausähnlichen Beton-Gebäude der alten Unibibliothek. Wir kritisierten nicht den leider notwendigen Abriss, wohl aber die traurige Notwendigkeit abreißen zu müssen. Der Abriss der drei Jahrzehnte jungen Unibibliothek in Freiburg ist eines von vielen Beispielen für nicht nachhaltiges, verschwenderisches, öffentliches Bauen (nicht nur) in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts. 53 Millionen Euro wird das Um- und Neubauprojekt kosten. Die ersten Kostenschätzungen lagen bei 32 Millionen Euro.

Der Neubau der Freiburger Universitätsbibliothek zeigt, wie schnell und wie teuer viele "neue" öffentliche Bauwerke erneuert werden müssen. Bauwerke, die vor wenigen Jahrzehnten noch als „supermodern“ galten, bei deren Errichtung aber Nachhaltigkeit und Langlebigkeit offensichtlich kein Thema waren.
In der Menschheitsgeschichte galt jahrtausendelang, dass Fortschritt neue Produkte und Gebäude besser, schöner, nützlicher und langlebiger macht. Dieses Menschheitsversprechen hat sich, nicht nur bei Gebäuden, in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts in sein Gegenteil gedreht.

"Heute sind mehr als die Hälfte der Freiburger Brücken, Mauern und Tunnel so marode, dass sie dringend saniert werden müssen. Doch dafür fehlt das Geld. Um den weiteren Verfall zu verhindern, müssten jährlich sechs Millionen Euro investiert werden. Bislang sind pro Jahr jedoch nur 1,3 Millionen vorgesehen" stand in den Medien.

Und relativ neue, mittlerweile sanierungsbedürftige Straßen, Flachdächer, Schulen, Brücken und andere öffentliche Gebäude gibt es im ganzen Land. Es gibt zu diesem Thema und zu dieser unglaublichen Milliardenverschwendung, die die öffentlichen Haushalte schwer belastet, allerdings keine politische Debatte, nicht einmal in der „Green" City.

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland steht für Nachhaltigkeit, das heißt: Nachfolgende Generationen sollen nicht mit den Langzeitwirkungen des heutigen Raubbaus belastet werden.

Aspekte der Nachhaltigkeit, Langlebigkeit und der Folgekosten haben bei vielen öffentlichen Bauten der letzten Jahrzehnte keine große Rolle gespielt und weil es keine Debatte dazu gab und gibt, ist dies auch heute teilweise noch so.
Die deutsche Staatsverschuldung steht heute immer noch bei ca. 2157 Milliarden € und das hat auch mit der unhinterfragten, verschwenderischen Art des Bauens in der Vergangenheit und der Gegenwart zu tun. Die Rektorenkonferenz hat den bundesweiten Bedarf in Sachen Hochschulsanierung im Jahr 2012 auf 30 Milliarden Euro geschätzt. Wenn die Sünden der Vergangenheit nicht aufgearbeitet werden, dann werden aus den Fehlern keine Lehren gezogen.

Wenn wir die Verkürzung der Produktlebensdauer von Druckern, Strumpfhosen, Computern, Gebäuden und anderen Dingen einfach so akzeptieren, wenn die Zyklen des Produzierens, Kaufens, Nutzens und Wegwerfens immer kürzer werden, dann brauchen wir uns über die absehbare Endlichkeit der Energie- und Rohstoffreserven und die Verlängerung der Lebensarbeitszeit nicht zu wundern. Gute, schöne, sinnvolle, reparaturfähige Produkte möglichst lange nutzen... nur so können wir die Energie- und Rohstoffwende durchsetzen.


Immer noch wird bei öffentlichen Planungen und Bauten hauptsächlich auf die aktuellen Baukosten und viel zu wenig auf Langlebigkeit und die künftig anfallenden Reparaturen geachtet. Ob es langfristig kostengünstig ist, bei öffentlichen Ausschreibungen den billigsten Anbieter nehmen zu müssen, bezweifelt nicht nur der BUND.

Wir erleben nicht nur am Oberrhein und in Freiburg, wie das Land mit einer teuren Infrastruktur, mit Beton und Asphalt überzogen wird, wie der Flächenverbrauch anhält und Natur verschwindet, während gleichzeitig Städte, Land und Bund nicht in der Lage sind, die bestehende Infrastruktur zu unterhalten.

Wenn Stadt und Staat kein Geld sondern einen Schuldenberg haben, dann muss erst einmal (wenn möglich) die vorhandene Infrastruktur unterhalten und nicht Unnötiges neu gebaut werden. Neue Gebäude sollten funktional, schön, energiesparend, ressourcenschonend und dauerhaft-langlebig gebaut werden. Über das “Schön” der neuen UB soll und darf dann gerne öffentlich gestritten werden, über das “Funktional, Langlebig, Energiesparend und Dauerhaft” nicht.

Wir haben zu wenig Informationen,
um den Neubau der Unibibliothek heute schon konstruktiv zu bewerten. Den Einsatz von Betonkerntemperierung mit Brunnenwasserkühlung sowie die Wärmerückgewinnung sehen wir als großen Fortschritt. Die Fassade hat eine sehenswerte, architektonisch anspruchsvolle Architektur über die sich trefflich streiten lässt. Auffallend ist allerdings die „Fast-Nur-Fassadendiskussion“ in Freiburg. Uni-Rektor Hans-Jochen Schiewer sagte laut Badischer Zeitung vom 23. Januar 2012: „Man werde mit der neuen Bibliothek dem Freiburger Münster Konkurrenz machen“ Das erinnert durchaus ein wenig an die Lobpreisungen für die alte Bibliothek vor 33 Jahren. Beschränkte „Fassadendiskussionen“ lenken von den Nachhaltigkeitsaspekten des Neubaus ab. Hoffentlich wurden wegen des schönen Scheins nicht wieder zu viele Kompromisse gemacht. Auch wenn es dem Zeitgeist nicht entspricht, sind dem BUND die "Inneren Werte" eines Gebäudes wichtiger als der "Schöne Schein". Wenn sich beides in einem neuen Gebäude vereinen lässt, dann ist das höchste Architekten- und Ingenieurskunst.

Die Antworten auf die spannenden Fragen nach den realen Heizkosten wird das neue Gebäude in den nächsten Jahren selber geben. Die Antwort auf die Frage, ob die neue Freiburger UB nachhaltig, zukunftsfähig und vor allem langlebig geplant und gebaut wurde, wird Ihnen der BUND gerne beantworten. Wir bitten Sie aber nicht vor dem Jahr 2065 nachzufragen.

Axel Mayer, Geschäftsführer

Nachträge:
Wir wissen, dass die damaligen Politiker und Bürgermeister nicht mehr an der Macht, aber immer noch mächtig sind, dass Architekten und schönschreibende Journalisten von damals noch leben. Dennoch wollen wir die Debatte heute führen und nicht noch einmal 30 Jahre warten.


Nachdem die oben stehenden Texte (und das Infoblatt) geschrieben waren sind wir auf einen lesenswerten Fachartikel im Internet gestoßen. In diesem Beitrag von Uta Hassler und Niklaus Kohler wird die These vorgetragen, daß Thema der Zukunft - und eines ressourcenschonenden Wirtschaftens - nicht der, wie auch immer optimierte, Neubau sein wird, sondern im Zentrum unseres Denkens und Handelns der Bestand stehen muß - und der Umbau dessen, was schon existiert.


Kaufen (und produzieren) für die Müllhalde
Glühbirnen, Nylonstrümpfe, Drucker, Mobiltelefone - bei den meisten dieser Produkte ist das Abnutzungsdatum bereits geplant. Die Verbraucher sollen veranlasst werden, lieber einen neuen Artikel zu kaufen, als den defekten reparieren zu lassen. Die bewusste Verkürzung der Lebensdauer eines Industrieerzeugnisses, um die Wirtschaft in Schwung zu halten, nennt man "geplante Obsoleszenz". Bereits 1928 schrieb eine Werbezeitschrift unumwunden: "Ein Artikel, der sich nicht abnutzt, ist eine Tragödie fürs Geschäft".
Gestützt auf mehr als drei Jahre dauernde Recherchen, erzählt die Dokumentation die Geschichte der geplanten Obsoleszenz. Sie beginnt in den 20er Jahren mit der Schaffung eines Kartells, das die Lebensdauer von Glühbirnen begrenzt, und gewinnt in den 50er Jahren mit der Entstehung der Konsumgesellschaft weiter an Boden.
Heute wollen sich viele Verbraucher nicht mehr mit diesem System abfinden. Als Beispiel für dessen verheerende Umweltfolgen zeigt die Dokumentation die riesigen Elektroschrottdeponien im Umkreis der ghanaischen Hauptstadt Accra. Neben diesem schonungslosen Blick auf die Wegwerfgesellschaft stellt Filmemacherin Cosima Dannoritzer auch die Lösungsansätze von Unternehmern vor, die alternative Produktionsweisen entwickeln. Und Intellektuelle mahnen an, die Technik möge sich auf ihre ursprüngliche Aufgabe zurückbesinnen, auf die dauerhafte Erleichterung des Alltags ohne gleichzeitige Verwüstung des Planeten.

(ARTE Frankreich, 2010, 75mn)
Erstausstrahlungstermin: Di, 24. Jan 2012, 20:17
Leider gibt´s den absolut beeindruckenden ARTE Film nicht mehr auf der ARTE-Homepage. Schade!
Hier finden Sie ihn auf YouTube.





Jetzt gibt es diesen Text beim BUND in der Freiburger Wilhelmstraße 24a. (Hinterhaus) auch als Flugblatt. Wir suchen dringend ehrenamtliche InfoblattverteilerInnen für einzelne Straßen und Stadtviertel.

Das Flugblatt zum Download als PDF-Datei gibt es hier


Universitätsbibliothek Freiburg: Den "Fortschritt" kritisch hinterfragen, damit er den Menschen dient. Axel Mayer




Faktencheck Obsoleszenz


 Mehr Waschmaschinen, Wäschetrockner und Kühlschränke innerhalb von 5 Jahren defekt – Verbraucher tauschen funktionierende Flachbildfernseher schneller aus
 
Gemeinsame Pressemitteilung von Umweltbundesamt und Öko-Institut e. V.
 
Verbraucher und Verbraucherinnen nutzen neu erworbene Produkte heute kürzer als früher.
Erste Zwischenergebnisse einer Studie des Umweltbundesamtes (UBA) belegen eine kürzere „Erst-Nutzungsdauer“, vor allem bei Fernsehgeräten, zum Teil auch bei großen Haushaltsgeräten wie Waschmaschinen, Wäschetrocknern und Kühlschränken. Bei Notebooks veränderte sich die „Erst-Nutzungsdauer“ dagegen kaum. UBA-Präsidentin Maria Krautzberger: „Beim Gebrauch von Elektro- und Elektronikgeräten ergibt sich ein sehr differenziertes Bild. Dass neue Geräte kürzer verwendet werden, hat unterschiedlichste Ursachen. Inwieweit ein geplanter Verschleiß dafür verantwortlich ist, klären wir jetzt in der zweiten Hälfte der Studie.“ Strategien gegen Obsoleszenz müssten grundsätzlich ein breites Spektrum an Maßnahmen berücksichtigen, die sich sowohl an die Hersteller als auch an die Verbraucher richten. Rainer Grießhammer, Mitglied der Geschäftsführung vom Öko-Institut: „Heute werden mehr Elektro- und Elektronikgeräte ersetzt, obwohl sie noch gut funktionieren. Häufig sind Technologiesprünge wie bei Fernsehgeräten, ein Auslöser. Auf der anderen Seite stellen wir fest, dass der Anteil der Haushaltsgroßgeräte, die nicht mal fünf Jahre durchhalten und aufgrund eines Defekts ausgetauscht werden müssen, angestiegen ist“.
 
Wie lange werden Elektro- und Elektronikgeräte heute genutzt, wann weisen sie das erste Mal Defekte auf und warum werden sie ausgetauscht? Diese Fragen untersucht das Umweltbundesamt derzeit zusammen mit dem Öko-Institut und der Universität Bonn.

Seit einigen Jahren diskutiert die Öffentlichkeit, ob Hersteller die Lebensdauer von Produkten gezielt verkürzen. Ein solcher Verschleiß wird häufig als geplante Obsoleszenz bezeichnet. In der öffentlichen Diskussion mangelte es bislang an Daten. Deshalb hat das Umweltbundesamt eine Studie initiiert, um für ausgewählte Elektro- und Elektronikgeräte belastbare Belege zu ihrer Lebens- und Nutzungsdauer zu erheben. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben Daten von Haushaltsgroß- und -kleingeräten, von Geräten aus der Unterhaltungselektronik sowie von Informations- und Kommunikationstechnologien im Zeitraum 2004 bis 2012 analysiert.

Nach der ersten Halbzeit der Studie lassen sich noch keine Belege für gezielt eingebaute Schwachstellen in Produkten liefern. Eine systematische Analyse für die Ursachen der Geräteausfälle und -defekte erfolgt nun in einem zweiten Teil der Studie.

Flachbildfernseher
Die ersten Ergebnisse zeigen, dass Verbraucher und Verbraucherinnen heute schneller bereit sind, einwandfreie Flachbildfernseher gegen tech-nische Neuheiten auszutauschen. So wurden im Jahr 2012 über 60 Prozent der noch funktionierenden Flachbildschirmfernseher durch ein noch besseres Gerät ersetzt. Ein Viertel tauschte sein Gerät wegen Defekten aus. Bei einem Neukauf war das ersetzte Gerät im Jahr 2012 im Durchschnitt nur 5,6 Jahre alt. Im Vergleich dazu lag die durchschnittliche „Erst-Nutzungsdauer“ von Röhrenfernsehern von 2005 bis 2012 zwischen zehn und rund zwölf Jahren.

Große Haushaltsgeräte
Auch bei Haushaltsgroßgeräten wie Waschmaschinen, Wäschetrocknern und Kühlschränken hat sich laut Studie die durchschnittliche „Erst-Nutzungsdauer“ im Untersuchungszeitraum um ein Jahr auf 13,0 Jahre verkürzt. Bei einem Drittel der Ersatzkäufe war das Gerät noch funktionstüchtig und der Wunsch nach einem besseren Gerät kaufentscheidend. Für rund zwei Drittel aller Ersatzkäufe waren technische Defekte ausschlaggebend (2004 zu 57,6 Prozent und 2012/2013 zu 55,6 Prozent). Der Anteil der Geräte, die aufgrund eines Defektes schon innerhalb von fünf Jahren ersetzt werden mussten, ist zwischen 2004 und 2012 von 3,5 Prozent auf 8,3 Prozent auffallend stark gestiegen.

Notebooks
Bei Notebooks ist die „Erst-Nutzungsdauer“ fast annähernd gleich geblieben und liegt im Durchschnitt bei fünf bis sechs Jahren. Die Gründe für einen Austausch haben sich bei Notebooks verändert: Wurden 2004 noch 70 Prozent der funktionsfähigen Geräte wegen einer technischen Neuheit und dem Wunsch nach einem besseren Gerät ausgetauscht, war dies 2012/2013 nur noch bei rund einem Viertel der Fälle so. Bei einem weiteren Viertel waren 2012 technische Defekte entscheidend für den Neukauf.

Nach Ablauf der Gesamtstudie Ende 2015 will das Umweltbundesamt Empfehlungen für Hersteller, Verbraucher und den Gesetzgeber ableiten. „Wir haben heute schon Möglichkeiten, die Mindestlebensdauer von Geräten abzusichern und die Informationen für Verbraucher zu verbessern, zum Beispiel unter der Ökodesign-Richtlinie oder in den Vorgaben für Produkte mit dem Umweltzeichen ‚Blauer Engel‘. Aufgabe der Studie ist nun zu prüfen, wie die Mindestlebensdauer ausgeweitet und am Ende auch überprüft werden kann“, schlussfolgert Maria Krautzberger.

Der Zwischenbericht basiert vorwiegend auf Ergebnissen von repräsentativen Verbraucherbefragungen der Gesellschaft für Konsumforschung zur sogenannten „Erst-Nutzungsdauer“. Dieser Begriff bezeichnet die Nutzungsdauer des ersten Nutzers vom Einkauf bis zum Neukauf eines Ersatzgerätes. Nicht erhoben wurde dabei eine mögliche Zweitnutzung, also die Weiternutzung noch funktionsfähiger Geräte im eigenen Haushalt oder in anderen Haushalten (könnte bei Fernsehgeräten der Fall sein) oder bei defekten Geräten die Wiederverwendung nach einer Reparatur.
 
Aktuelle Artikel zum Thema: "Geplante Obsoleszenz"
*t3n digital pioneers: "
Digitale Gesellschaft - Geplante Obsoleszenz gibt es, aber anders als wir denken" , 15.02.2016

*Spiegel online: " Geräte-Verschleiß - Wege aus der Wegwerfgesellschaft", 13.02.2016
*Focus: "Große Studie zur Obsoleszenz - Elektrogeräte halten immer kürzer durch – doch Sie können etwas dagegen tun"
*Heise online: "Geplante Obsoleszenz: "Die Industrie hat noch ganz andere Methoden"", 04.04.2016
*Zeit online: "Geplante Obsoleszenz: Diese Software lässt Computer rasend schnell altern", 22.08.2015
*Murks? Nein Danke: "Analyse der UBA-Studie zur Obsoleszenz"







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  • Axel Mayer, Mitwelt Stiftung Oberrhein


Getragen von der Hoffnung auf das vor uns liegende Zeitalter der Aufklärung (das nicht kommen wird wie die Morgenröte nach durchschlafner Nacht)