Tschernobyl-Sarkophag-Reparatur: 500 Millionen Euro für ein Loch in der Hülle? Sinnvoll, Ablenkung oder Korruption?


Veröffentlicht am 22.08.2026 in der Kategorie Atomkraft von Axel Mayer

Tschernobyl-Sarkophag-Reparatur: 500 Millionen Euro für ein kleines Loch in der Hülle? Sinnvoll, Ablenkung oder Korruption?


Herrn Präsident Ansgar Heveling
Bundesrechnungshof
Adenauerallee 81,
53113 Bonn
23.8.2026

Bitte um Prüfung : 50 Millionen Zuschuss für die Reparatur der Tschernobyl-Hülle

Sehr geehrter Herr Präsident Heveling,

Deutschland will bis zu 50 Millionen Euro zur Reparatur der beschädigten Schutzhülle des havarierten AKW Tschernobyl beitragen. Ich stelle nicht die Notwendigkeit einer Reparatur, wohl aber die enormen Kosten infrage. Es wäre die Aufgabe der Rechnungshöfe der bezahlenden Staaten, diese Kosten seriös zu prüfen.

Eine Drohne hat ein 15 Quadratmeter großes Loch in die Außenhaut des Sarkophags beim havarierten AKW Tschernobyl in der Ukraine gerissen und rund 200 Quadratmeter der Schutzhülle beschädigt. Jetzt soll das Loch für die unglaubliche Summe von 500 Millionen Euro repariert und die sicherheitsrelevanten Funktionen wiederhergestellt werden. Deutschland will bis zu 50 Millionen Euro beitragen. Eine gründliche Reparatur ist sinnvoll und notwendig, ob diese allerdings 500 Millionen Euro kosten muss, ist offen.
Die wirklich große atomare Gefahr für die Ukraine, Russland und Europa geht nicht mehr vom explodierten Atomkraftwerk in Tschernobyl, sondern von den auch unter Kriegsbedingungen immer noch laufenden russischen und ukrainischen Atomkraftwerken aus.

Der Reaktorunfall von Tschernobyl zählt zu den größten technischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Am 26. April 1986 geriet Block 4 des sowjetischen AKW Tschernobyl bei einem Sicherheitstest außer Kontrolle. Eine fatale Kombination aus Reaktordesign, Bedienfehlern und gravierenden Sicherheitsmängeln führte zur Explosion und zum Brand. Große Mengen radioaktiver Stoffe entwichen und wurden über weite Teile Europas verteilt. Tschernobyl wurde, gemeinsam mit den später havarierten AKW in Fukushima, zum Symbol der unbeherrschbaren Risiken der Atomkraft und der enormen, über Jahrhunderte anhaltenden Folgen einer Reaktorkatastrophe.

Nach dem Unfall wurde der zerstörte Reaktor 4 1986 unter enormem Zeitdruck mit einem ersten „Sarkophag“ aus Beton und Stahl eingeschlossen. Er sollte die radioaktiven Überreste sichern, war aber nur für etwa 30 Jahre ausgelegt und alterte zunehmend. Deshalb wurde 2016 der riesige „New Safe Confinement“ über die alte Hülle geschoben. Die 108 Meter hohe Stahlkonstruktion soll den zerstörten Reaktor langfristig abschirmen und den späteren Rückbau ermöglichen. Der Bau kostete 2,1 Milliarden Euro.

Am 14. Februar 2025 traf eine Drohne den „New Safe Confinement“, die gigantische Schutzhülle über dem zerstörten Reaktor 4 in Tschernobyl. Die Explosion riss ein etwa 15 Quadratmeter großes Loch in die Außenhaut und beschädigte weitere rund 200 Quadratmeter der Konstruktion. Ein Feuer brannte wochenlang in Dämmmaterialien. Dennoch trat keine Radioaktivität aus. Die Strahlungswerte blieben laut IAEO stabil. Die Ukraine machte Russland für den Angriff verantwortlich, Moskau bestritt dies.

Schon beim Bau der zweiten Außenhaut des Sarkophags hatte es Korruptionsvorwürfe gegeben. Prof. Vladimir Kuznetsov arbeitete in Tschernobyl bis kurz vor dem Super-Gau im Nachbar-Reaktor als leitender Ingenieur. Er sagte im SRF (Schweizer Rundfunk): "Ich finde es sehr beunruhigend, dass man Eisenbahnwagen voller Geld dorthin schafft und die wichtigsten Probleme sind nicht gelöst. Es ist ein schwarzes Loch. Seit zehn Jahren wird am neuen Sarkophag gebaut. An jedem Tschernobyl-Jahrestag packt die Ukraine einen Hammer aus, schwingt ihn Richtung Europa und sagt: Wenn wir nicht mehr Geld kriegen, wird es ein zweites Tschernobyl geben.
Dann bezahlen die europäischen Staaten erneut und gleichzeitig stecken sie den Kopf in den Sand. Sie interessieren sich nicht dafür, was mit ihrem Geld geschieht."
2025/26 deckten ukrainische Antikorruptionsbehörden bei Energoatom, dem staatlichen Atomenergiekonzern, ein mutmaßliches Kickback-System auf. Auftragnehmer sollen 10–15 % der Vertragssummen als Schmiergeld zahlen müssen. Die Antikorruptionsbehörde ermittelt wegen mutmaßlich über 100 Millionen US-Dollar illegaler Zahlungen. Das Ganze steht in keinem Zusammenhang mit dem Tschernobyl-Sarkophag und seiner Reparatur, zeigt aber das Korruptionsrisiko. Die Ukraine erreichte im Corruption Perceptions Index (CPI) von Transparency International einen Wert von 36 Punkten und belegte damit Platz 104 von 180 untersuchten Staaten.

Sebastian Pflugbeil von der Gesellschaft für Strahlenschutz stellte schon die Erforderlichkeit der zweiten Schutzhülle in Frage. "Es seien bei der Katastrophe nicht wie offiziell behauptet rund 10 % des Kernbrennstoffes freigesetzt worden und rund 90 % in der Reaktorruine verblieben, sondern vielmehr etwa 90 % des Kernbrennstoffes freigesetzt worden." Der Moderator des RBMK-Reaktors bestand aus rund 1.700 Tonnen Graphit. Nach der Explosion geriet ein großer Teil davon in Brand. Der Graphitbrand dauerte etwa zehn Tage und trug wesentlich zum Entweichen des Großteils der radioaktiven Stoffe bei.
Herrn Pflugbeils Kritik und seine Argumente sind nachvollziehbar. Dennoch war der Bau des zweiten neuen Sarkophags sinnvoll. Viele verbliebene Tonnen Kernschmelzmaterial und hochkontaminierter Staub dürfen nicht entweichen. Die zweite Schutzhülle schützt vor der verbliebenen Rest-Radioaktivität.

Doch die Gesamtkosten für das gesamte internationale Projekt von rund 2,1 bis 2,15 Milliarden Euro erscheinen mir allerdings zu hoch. Das Gleiche gilt für die unglaubliche Summe von 500 Millionen Euro, mit denen jetzt die Folgen des Drohnenangriffs beseitigt werden sollen. Ich stelle nicht die Notwendigkeit einer Reparatur, wohl aber die enormen Kosten infrage. Es wäre die Aufgabe der Rechnungshöfe der bezahlenden Staaten, diese Kosten seriös zu prüfen.

Gutachter, Planer und ausführende Firmen solcher Großprojekte haben oft ein Interesse an überteuerten Projekten. Kostengünstige Problemlösungen sind nicht in ihrem Interesse. Hier braucht es, vor der Geldvergabe, eine tatsächlich unabhängige, neutrale und objektive Begutachtung.

Die tatsächlich große Gefahr für die Ukraine, Russland und Europa geht nicht mehr vom explodierten Atomkraftwerk unter dem beschädigten Sarkophag in Tschernobyl aus, sondern von den auch unter Kriegsbedingungen immer noch laufenden russischen und ukrainischen Atomkraftwerken.
Eine Drohne, eine Rakete, aber auch ein "normaler" schwerer Unfall kann jederzeit eine zweite Tschernobyl-ähnliche Katastrophe mit verheerenden Folgen auslösen. Die Debatte um die Reparatur der zweiten Schutzhülle lenkt von diesen realen atomaren Großgefahren ab.

Axel Mayer, Mitwelt Stiftung Oberrhein, (Alt-) BUND-Geschäftsführer. Der Autor ist seit 50 Jahren in der Umwelt- und Anti-Atombewegung aktiv. Auch Atomkraftgegner sind Steuerzahler.










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Axel Mayer Mitwelt Stiftung Oberrhein
Mit Zorn und Zärtlichkeit auf Seiten von Mensch, Natur, Umwelt & Gerechtigkeit.


Getragen von der kleinen Hoffnung auf das vor uns liegende Zeitalter der Aufklärung (das nicht kommen wird wie die Morgenröte nach durchschlafner Nacht)



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