Siegfried Göpper gestorben: AKW-Wyhl-Aktivist und Müllermeister aus Weisweil
Veröffentlicht am 30.12.2025

Siegfried Göpper gestorben: AKW-Wyhl-Aktivist und Müllermeister aus Weisweil
Siegfried Göpper, der Müllermeister und Saatgutzüchter aus Weisweil, ist am 21.12.2025 gestorben. Geboren am 9.6.1929, war einer der alten AKW-Wyhl-Aktiven. Er engagierte sich nicht nur im Kampf gegen das Kernkraftwerk, sondern lange Jahre auch in der Weisweiler Kommunalpolitik. Wie viele andere Kaiserstühler AKW-Wyhl-Aktive ist er nicht "in die Politik gegangen". Mit der Standortentscheidung für ein Atomkraftwerk in Wyhl "kam die große Politik zu ihm".
Über der Traueranzeige vom 31.12.2025 in der Badischen Zeitung stand ein Zitat von Václav Havel, das Siegfrieds Denken und Handeln perfekt beschreibt:
„Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.“
Eines der Erfolgsrezepte des Wyhl Protestes war die heute unvorstellbare Breite der Bewegung. Da waren Frauen, Männer, Arbeiter, Akademikerinnen, Studierende, Bauern, der Zahnarzt, die Professorin, Menschen aus den Dörfern, beiderseits des Rheins, der Fischermeister, die Angler, die Poeten, die Künstlerinnen und eben auch der Müllermeister aus Weisweil. Müller spielten in der Geschichte der Dörfer immer eine wichtige Rolle und zählten im ländlichen Raum stets zu den wichtigsten "Honoratioren".
Der Widerstand gegen das AKW bestand aus vielen, gleich wichtigen Mitstreitern und Mitstreiterinnen. Jede und jeder war an ihrer Stelle wichtig. Der Protest war wie ein Klavier, wie ein Klavier mit 100.000 Tasten, ein selbstspielendes Klavier ohne Klavierspieler.
Da gab es nicht nur die Siegfried Göpper-, Pfarrer Richter-, Jean-Jacques Rettig-, Solange Fernex-, Frank Baum-, Belz und Lore Haag-Klaviertaste. Da gab es auch die BI- und BUND-Taste. Und tausende kreative Einzelmenschen-Klaviertasten. Wichtig war nicht nur die Göpper-Taste, wichtig war, dass eine gemeinsame Widerstandsmelodie gespielt wurde.
Dennoch, die Einbindung der örtlichen "Honoratioren", die Rolle von Müllermeister Göpper, vonApotheker Schött, Landmaschinenmechaniker Jenne und den evangelischen Pfarrern im Wyhl-Protest war ungeheuer wichtig. Die damalige Landesregierung unter Hans Filbinger versuchte der Öffentlichkeit weis zu machen, dass die Bauplatzbesetzer "Linksradikale" seien.
Gerade diese Aktiven wurden von der AKW-Betreiberseite aber auch massiv bedrängt. Nach der zweiten Räumung des Bauplatzes im Wyhler Wald drohten die Konzerne mit existenzvernichtenden Klagen. Badenwerk und Firmen, die das AKW bauen wollten, verklagten Göpper nach eigenen Angabnen auf eine Summe von 55 Millionen D-Mark. Diese Klagen waren auch ein Erpressungsversuch, um die zweite Bauplatzbesetzung schnell zu beenden. Siegfried Göpper plante damals, nach Kanada auszuwandern, ein "Auswandern" das eher eine Flucht gewesen wäre.
Auch im hohen Alter blieb er seiner Sache treu und unterstützte als Einzelkläger die Klagen des Trinationalen Atomschutzverbandes TRAS gegen das französische AKW Fessenheim.
Axel Mayer, Bauplatzbesetzer in Wyhl, (Alt-) BUND Geschäftsführer
Kleine Ergänzung:
In einer Rede am 19. November 2010 auf dem Bundesparteitag von Bündnis 90 / Die Grünen beschrieb Walter Mossmann erfrischend realistisch die Wyhler Besetzer und Besetzerinnen. Einer der damals Aktiven war der Müller Siegfried Göpper.
"Was neu war: Auf den besetzten Plätzen in Marckolsheim, Wyhl oder Kaiseraugst trafen sich nicht mehr nur die üblichen Verdächtigen aus der linken Szene, auf die sich Polizei und Justiz längst eingeschossen hatten, vielmehr kamen dort Leute zusammen, die eigentlich gar nicht zusammen gehörten, deshalb ging es ja auch in Wyhl viel lustiger zu als bei den Parteimeetings der Moskau- oder der Peking-Kommunisten. Im Freundschaftshaus auf dem besetzten Platz in Wyhl trafen Winzergenossen und katholische Landfrauen auf eine Jugendgruppe der IG Metall aus NRW oder auf die Stuttgarter Gewerkschaftsopposition bei Daimler ("Plakatgruppe") mit Willi Hoss und Peter Grohmann, es trafen sich evangelische Pfadfinderinnen aus Heidelberg mit bündischen Jungs aus Hamburg und Grauen Panthern aus Westberlin, es kamen denkende Sozialdemokraten, die sich gerade mit Erhard Eppler gegen den Atompolitiker Helmut Schmidt aufrichteten, es kamen die Religiösen von den Anthroposophen bis zu den Zen-Buddhisten, dazwischen Linkskatholiken, Pfingstler, Basisgemeinden, orthodoxe Russen, reformierte Juden, laizistische Iraner, synchretistische und tolerante Brasilianerinnen, es kamen deutsche Männergesangsvereine, französische Feministinnen, geoutete Schwule, heimliche Heteros, Spontis, Maoisten, Trotzkisten, Anarchisten, Ornithologen, Vegetarier, Verteidiger des SED-Regimes, die absurderweise auf volkseigene Atomkraftwerke vom Typ Tschernobyl setzten, es kamen Leute vom Schwarzwaldverein, von den Vosges Trotter Colmar, von der Skizunft Brend, es kamen Pazifisten, Reserveoffiziere und die Schnapsnasen aus Webers Weinstuben, es kamen alte Leute, die ihre Ideen vom Naturschutz aus der nationalsozialistischen Erziehung mitbrachten, es kamen kritische Architekten, Mediziner, Pädagogen, Journalisten, frustrierte Orchestermusiker, grübelnde Polizisten, und sie trafen auf den Apotheker vom Kaiserstuhl, den Schmied, den Schreiner, die Ärztin, die Chemikerin, den Müller, den Fischereimeister, den Tabakbauer, die Winzerinnen, die Lehrer, die Pfarrer, und sie trafenWerner Mildebrath, den Elektriker aus Sasbach, der schon 1975/76 den Leuten seine Sonnenkollektoren aufs Dach setzte, denn die Bürgerinitiativen arbeiteten schon damals an erneuerbaren Energien, und sie organisierten 1976 die Sonnentage von Sasbach, als die Stuttgarter Regierung noch einfältig und doktrinär an das Perpetuum Mobile namens Atomkraft glaubte."

Siegfried Göpper, AKW-Wyhl-Aktivist und Müllermeister aus Weisweil bei einer Kundgebung des Weinbauverbandes gegen das Bleiwerk in Marckolsheim und gegen das AKW in Wyhl

Siegfried Göpper, Weisweil: Kein AKW in Wyhl