Perry "Gerhard Peringer": Drei Nachrufe & Perry erklärt uns die Welt
Veröffentlicht am 20.11.2025
Unser Freund Perry (Gerhard Peringer) ist in Hamburg gestorben / Drei Nachrufe / Perry erklärt uns die Welt
Geboren am 22. April 1954 in Endingen Gestorben am 2. Oktober 2025 in Hamburg Perry wurde am 21.11.2025 in Hamburg beerdigt. Er liegt auf dem Friedhof Altona Bernadottestraße.
Perry war ein ganz besonderer Mensch.
Er war Mensch, Freund, Leser, Welterklärer, Philosoph, Haiku-Kenner, Sammler verborgener Schätze (alle von den Nazis verbrannten Bücher in Originalausgaben), früher Anti-Atom-Aktivist, alemannischer Dialektsprecher, Fotograf, Künstler, Visionär und vieles mehr.
Wäre er das Kind reicher Eltern gewesen (war er aber nicht) dann hätte der altmodische Begriff des "Privatgelehrten" gut zu ihm gepasst.
Perry besuchte die Realschule in Endingen. In Endingen war er auch als Trommler aktiv im Bürgerwehr Spielmannszug. Er schaute immer gerne zurück auf seine "wilde" Endinger Kindheit und Jugend, auf die damalige "Boygroup" aus der Nachbarschaft und die Sorgen der Eltern wegen der Jungs und dem Chemiebaukasten. Ich kannte ihn aus früher Jugendzeit im südbadischen Teningen. Er war dort Auszubildender im Aluminiumwerk Tscheulin. Richtig kennengelernt haben wir uns auf dem zweiten Bildungsweg (Kolping Kolleg) und bei den frühen Umwelt- und Anti-Atomprotesten am Oberrhein in Wyhl und Gerstheim(F).
Vor 50 Jahren hat er in der Wyhler Besetzerzeitung "Was Wir Wollen" einen visionären Beitrag zum Thema Fotovoltaik geschrieben und einen damals unvorstellbaren Preisverfall für Solaranlagen prognostiziert. Die Realität hat sich an Perrys Vision gehalten. Der Preis für Solarmodule ist seit 1976 um 99,6 % gesunken. Der aggressiv bekämpfte Strom aus Wind und Sonne ist schon lange viel kostengünstiger als Gefahrstrom aus Kohle, Öl, Gas und Atom.
Obwohl er fast sein ganzes Leben in Hamburg verbrachte, war er innerlich mit seiner Kaiserstühler Heimat, der hübschen Kleinstadt Endingen, mit Dialekt und sogar der Endinger Fasnet tief verbunden.
Ich erinnere mich auch an die Perrys WG-Küche in Freiburg, mit der großen Badewanne in der Küchenmitte und Perry in der Wanne. Und ich kannte auch s´Gretel üs Malterdinge, Perrys große Liebe und Jugend-Freundin.
Später ist Perry dann nach Hamburg gezogen, mitten in einen guten, zuverlässigen Kreis von Freunden und Freundinnen. Ein Freundeskreis, der auch seine Marotten ertrug und ihm in den letzten Jahren seines Lebens, in denen er gesundheitlich sehr angeschlagen war, zur Seite stand.
Mit Perry haben wir einen guten Menschen verloren.
Axel Mayer, Endingen, (Jugendfreund)
*Der Versuch ein langes Leben in einen kurzen Text zu fassen ist immer Stückwerk, Fragment, Hybris ... Perry kann sich nicht mehr wehren. Die Lebenden mögen verzeihen.
*"s´Gretel üs Malterdinge" ist kein Rechtschreibfehler, sondern Dialekt
Gerhard Peringer, Endingen, Hamburg Foto: Peter Hübner
Perry hat eine Vielzahl von klugen Texten geschrieben / Eine winzige Auswahl finden Sie hier:
* 22.4.1954 in Endingen, † 2.10.2025 in Hamburg von Thomas Tode
Im Folgenden möchte ich an Gerhard P. Peringer erinnern, wir alle kennen ihn nur als Perry. Perry hatte die Angewohnheit, dieselben Geschichten immer und immer wieder zu erzählen, unabhängig davon, ob die Zuhörer sie bereits gehört hatten oder nicht. Er wollte sich nicht merken, ob und wem er die Geschichte bereits berichtet hatte. Für ihn kam es nur auf den inneren Wert einer „guten Geschichte“ an, den Clou und die Pointe. In diesem Sinne werden Euch wohl einige der jetzt folgenden Stories mit und über Perry bekannt vorkommen. In der späteren Runde mit den Anekdoten zu Perry werden wir einige Geschichten möglicherweise in ausführlicherer Version zu hören bekommen, zum Anknüpfen und Erweitern. Diese Form des variierten Erzählens und Weitererzählens hätte Perry gefallen, denn er war ein großer Geschichtenerzähler. Ich bin dankbar für das Privileg, Euch heute einige dieser Anekdoten vortragen zu dürfen.
Perry wurde am 22. April 1954 geboren. Er war immer stolz darauf, dass er seinen Geburtstag an demselben Tag wie Wladimir Iljitsch Lenin und Immanuel Kant feierte. Da sehen wir auch gleich die illustre Gesellschaft, in die sich Perry hineinbegibt und der er sich zugehörig fühlte: linke Politiker und glasklar denkende Philosophen. Perry ist in Endingen, einem Dorf am Kaiserstuhl nördlich von Freiburg aufgewachsen. Wo der Rhein den Kaiserstuhl umspült, in Sasbach und an der Burg Sponeck, hat er als Kind gespielt. Der nahegelegene Schnitzaltar in Niederrotweil war für eines der großartigsten Kunstwerke der Welt, geschaffen 1520 von dem anonymen Meister H. L.! Aus Perrys Kindheit erinnere ich vor allem eine Geschichte: Sein Freund „Corni“ – Cornelius Schwehr, der spätere Komponist und Professor für Filmmusik, hatte sich im Beisein Perrys an einer Fischgräte verschluckt, die sich im Hals querstellte, ihn rot anlaufen ließ und er wäre beinahe daran erstickt. Perry hat dies – hilflos – mitansehen müssen und hat seit diesem Trauma nie wieder Fisch gegessen.
Apropos Essen. Von Endingen weiß ich auch, dass es dort ein Sterne-Restaurant gibt. Denn Perry hat öfters mit Leidenschaft von dem dortigen ausgesuchten Schmaus erzählt. Aber auch Hausmannskost begeisterte ihn nicht minder. Gerichte, wie sie seine aus Ungarn vertriebenen Großeltern kochten („Gujasch, wie wir Ungarn sagen“), oder auch solche aus der alemannischen Region, wie das Gericht „Rübchen“. Einmal im Jahr ließ sich Perry von Freunden aus Endingen (Axel & Babs) große weiße Rüben per Paket schicken. Bei jedem der daraus zubereiteten Essen konnte er dann erneut die Geschichte erzählen, wie er die vergessene regionale Spezialität wieder „aus der Vergessenheit gerissen“ habe. Die zur Zubereitung nötige Apparatur erinnerte er aus seiner Kindheit. Er fertigte eine Bauskizze an und ein Freund baute den Apparat einfach nach. Man konnte damit die Rüben in lange sauerkrautähnliche Streifen schälen. Die Rübchen mussten danach einige Zeit im Keller gären, sauer werden, und wurden dann mit Fleisch verkocht.
Bärenringer & Co Aus Perrys Schulzeit kenne ich die Anekdote, dass er einen Schulaufsatz über die Herkunft seines Familiennamens „Peringer“ schreiben sollte. Mit Eifer und Ironie verfolgte er den Namen ins Mittelalter zurück, führte ihn auf den Namen „Behringer“ zurück und dann auf „Bären-Ringer“. Diese Pointe war natürlich ans Ende des Aufsatzes verlegt, nach dem Motto „Meine Ahnen werden wohl als Bärenringer ihr Geld verdient haben.“ Damit lernen wir zugleich eine weiteren Charakterzug von Perry kennen: seinen sehr schönen, ausgesprochen literarischen Schreibstil.
Häufig hat er an Freunde selbstverfasste, naturwissenschaftlich-philosophische Texte und Ausarbeitungen verschenkt, die er in der in einer ironisch betitelten Reihe erscheinen ließ: „Perry erklärt uns die Welt“. Sie trugen illustre Titel wie „Was also ist die Zeit? – Die Zeit und ihre Teile“, „Computistischer Vorschlag zur Verbesserung des Gregorianischen Kalenders“ (darin stellt er die julianische Kalenderreform, die gregorianische und „perrianische“ vor), bis hin zu einem seiner letzten Traktate „Nachrichten von der Rückseite des Auges“, wo er über seine Augenoperation und die während der OP mit dem Arzt ausgetauschten philosophischen Gedanken berichtete. Stets sind diese Abhandlungen gleichermaßen naturwissenschaftlich und literarisch ausgerichtet, beiden Interessen frönend; zudem sind sie mit alten Stichen, Bildern und Info-Grafiken illustriert. Einer von Perrys Freunden war von dem Text zur Sonnenfinsternis 1999 so begeistert, dass er ihn gleich einer Zeitschrift zum Abdruck weitergab, um Perry mit der Publikation zu überraschen. Der ungefragte Autor 'was not amused', außer von der Pointe, dass die besagte Zeitschrift den skurril eigentümlichen Titel „Die Sklaven“ trug.
Ein anderer Text befasste sich mit dem Phänomen der „Präzession“. So bezeichnet man die sich langsam ändernde Richtung der Achse eines rotierenden Objekts, wenn eine äußere Kraft ein Drehmoment ausübt. Die Präzession der Erdachse, die sich alle 25.800 Jahre einmal um ihre Umlaufbahn herum dreht, führt zu einer Verschiebung der Sternbilder am Himmel. Deshalb hat Perry nie an Astrologie geglaubt, denn seit der Antike hat man den unter einem bestimmten Sternzeichen Geborenen bestimmte, angeblich unwandelbare, ewige Eigenschaften zugeschrieben. Doch die Ekliptik hat sich durch durch die Präzession seit der Antike um ein Sternzeichen verschoben: Während früher der Frühlingsbeginn (die Tagundnachtgleiche) im Sternbild Widder lag, befindet sich der Frühlingspunkt heute im Sternbild Fische. Nicht Astrologie, sondern die wissenschaftliche Astronomie war Perrys Sache, also die mit naturwissenschaftlichen Mitteln betriebene Erforschung die Bewegungen der Himmelskörper. Die Zeitschrift „Sterne und Weltraum“ hatte er bis zuletzt (so lange er noch sehen konnte) abonniert. Er konnte nie genug bekommen von Planeten, Monden, Asteroiden, Sternen, Galaxien und Galaxienhaufen. In dieser Hinsicht glich er Gargantua, jener satirischen Romanfigur von Rabelais, einem Vielfraß und Riesen.
Mit der katholischen Kirche hatte Perry früh gebrochen. Er war Ministrant, was ihn nicht davon abhielt, mit dem Pfarrer im Kommunionsunterricht scharf zu diskutieren. Ihn hat zutiefst empört, dass die von Christen behauptete „Erbsünde“ völlig unschuldige, neugeborene Kinder trifft. Das hat ihn abgestoßen von der gesellschaftlich organisierten christlichen Kirche. Ein die Existenz Gottes verneinender „Atheist“ wurde er dadurch aber noch lange nicht. Perry verstand sich als „Agnostiker“, also als jemand, der die Frage nach der Existenz oder Nichtexistenz Gottes als nicht beweisbar oder nicht beantwortbar ansieht.
Über Perrys frühe Ausbildung weiß ich eher wenig. Die 10. Klasse schließt er 1971 in Endingen mit der Mittleren Reife ab. Er zieht er nach Freiburg, wohnt in einer WG und geht in die Berufsschule. 1971 bis 1974 besucht er die Gewerbeschule Waldkirch im Breisgau und lernt Tiefdrucker. Die dazugehörige Lehre zum „Tiefdruckätzer“ absolviert er im Aluminiumwerk Tscheulin im südbadischen Teningen. Er schließt mit Gesellenprüfung ab, obwohl er wegen häufigen Fehlens in vielen Fächern keine Noten erhalten hatte.
Denn es gibt noch ein Leben außerhalb der Lehre und Berufsschule. Während seiner „Lehrjahre“ erhält er eine klassische „Trotzkistische Schulung“ bei dem berühmten belgischen Ökonomen Ernest Mandel, einem der Thinktanks hinter den Pariser Mai-Unruhen des Jahres 1968. Perrys vehementes Interesse an Politik führt ihn zur polit-aktivistischen Arbeit. Er organisiert 1974/75 die Proteste gegen das am Kaiserstuhl geplante Kernkraftwerk Whyl mit. Damals fotografiert er auch, insbesondere Bilder der Protestaktionen (einige davon haben wir bei seiner Wohnungsauflösung gefunden). Bleibt noch nachzutragen, dass durch den massiven Widerstand der Anti-Atomkraft-Bewegung und durch einen vom Verwaltungsgericht Freiburg veranlassten Baustopp die Bauarbeiten am Atommeiler 1977 eingestellt werden.
1975-76 besucht Perry das Kolping-Kolleg, um auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur nachzuholen. Damit nimmt er dann 1977-1978 ein Studium der Pressetechnik und Verlagswirtschaft an der Fachhochschule für Druck in Stuttgart auf. Bei den Protestveranstaltungen zu Whyl hatte Perry unseren Freund und späteren Professor Gerd Roscher kennengelernt, der ihn – und seinen Kumpel Peter – nach Hamburg lockt. Gerd unterrichtet Dokumentarfilm im Studiengang „Visuelle Kommunikation“ an der Hochschule für bildende Künste, einem Studiengang, der die Medien Typografie, Fotografie und Film vereint. Außerdem ist Gerd ein unermüdlicher Anreger und Aktivist der alternativen Bewegung. Auf der Couch des Medienzentrums in der Danziger- oder Rostockerstraße haben Perry und Peter die ersten Wochen in Hamburg übernachtet, bis sie eine geeignete WG fanden. Vielleicht war dies bereits die WG in der „Torni“, der Tornquiststraße in Eimsbüttel. An seinem Lebensende ist Perry in das Seniorenzentrum „Haus am Wehbers Park“ an der Fruchtallee eingezogen, parallel zur Tornquiststraße, nur durch einen Park getrennt, so dass sich für Perry dort ein Kreis schloss. Ich habe ihn im Rollstuhl geschoben, als wir seine alte WG gesucht, gefunden und gar einige seiner Ehemaligen Mitbewohner dort gesprochen haben. Perry studiert also ab dem WS 1978/79 bis 1987 Visuelle Kommunikation an der Kunsthochschule, nur unterbrochen 1982/1983 durch den Zivildienst, den er in einem Kindergarten als Betreuer absolviert (Bimini kann da vielleicht genaueres erzählen).
Kennengelernt habe ich Perry an einem Samstagmorgen 1983 im Frühstückssemiar zuhause bei Gerd Roscher in der Gaußstraße. Dort liest eine Studentengruppe jeden Samstag Vormittag medienphilosophische Bücher: gemeinsam, laut, rundum wechselnd. Stets wird eifrig diskutiert und immer gut gefrühstückt. Perry ist in der Gruppe sicher einer der versiertesten Vorleser. Ich erinnere mich besonders an seine Begeisterung für ein Buch des Kulturphilososophen Günter Anders: „Die Antiquiertheit des Menschen“, zu dessen Medientheorie er 1987 seine Diplomarbeit an der Kunsthochschule verfassen sollte.
The Swiss Connection Im Mai 1986 – unmittelbar im Anschluss an die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl – fahren Perry, Gerd Roscher, Walter Uka und ich zu einem Treffen linker Archive in das alternative Veranstaltungshaus Salecina – am Maloja-Pass gelegen, nahe der Grenze der Schweiz zu Italien. Theo Pinkus, der Zürcher Buchhändler, Verleger und unermüdliche Anreger der Alternativkultur, hatte die Zusammenkunft in der für ihn typischen Manier organisiert: intensive Diskussion in Arbeitsgruppen, große Plenumssitzungen, aber die Freizeit – gemeinsames Essenkochen und Wandern – darf auch nicht zu kurz kommen! Die Modell werden wir bald für unsere eigenen, selbstorganisierten Seminare im dänischen Veranstaltungshaus „Falsterhus“ übernehmen.
In Salecina lernt Perry einige Aktivist*Innen aus dem Umfeld der von Pinkus gegründeten Zürcher „Studienbibliothek zur Geschichte der Arbeiterbewegung“ kennen, darunter Dominik Siegrist und Brigitte Walz. Vom Sommer 1987 bis Sommer 1988 macht er in der Studienbibliothek ein einjähriges Praktikum als „Wissenschaftlicher Mitarbeiter“. Im Juli 1987 haben Peter Braun und ich ihn eine Woche in Zürich besucht. Er ordnet und bibliografiert u.a. die Sammlung der Tarnschriften aus der NS-Zeit und konzipiert einen Dokumentationsdienst zur Geschichte der Arbeiterbewegung, entwickelt eine eigene Systematik für die bibliographische Verschlagwortung. Mit Dominik ruft er im alternativen Rundfunksender „Radio Lora“ eine Literatursendung ins Leben mit dem Titel „Pollux – neue politische Literatur“. Dort werden Bücher besprochen und – typisch Perry – kuriose, literaturbezogene Zwischenmusiken gespielt, z.B. Bert Brecht singt persönlich ein Lied aus der Dreigroschenoper. Auch ich musste einmal einen „Korrespondentenbericht“ in die Live-Sendung liefern über eine wenige Stunden zuvor in Hamburg erfolgte Preisverleihung der Goldenen Zitrone an den ehemaligen Konkret-Chefredakteur Manfred Bissinger. Bereits auf Sendung und am Telefon wartend, höre ich, wie Perry in der Anmoderation die kurios aberwitzige Geschichte dieses alternativen Literaturpreises referiert, exakt das, was ich mir als Einleitung zurecht gelegt hatte. Augenblicklich schnurrt mein Beitrag auf einen kleinen Rest über den Preisträger zusammen … Das Kuriose war stets Perrys ureigene Domäne.
Kuriositätenkabinett Das Kuriose, Aberwitzige, Eigentümliche, Bizarre ist etwas, das Perry intensiv faszinierte. In seiner 1984 bezogenen Altbauwohnung im Nernstweg hatte er ein regelrechtes Kuriositätenkabinett angelegt, in einer hohen, gut beleuchteten Glasvitrine mit seltsamen Trouvaillen. Neben Geschenken von Freunden wie der „abgebrochenen Spitze des Matterhorns“ lagen dort getrocknete Elefantenscheiße aus Afrika, eine Schlangenhaut aus Australien und diverse geologische Fundstücke wie Klappersteine, ein Goethit, ein versteinerter Blitzeinschlag usw. Es ist eine Raritätenkabinett im ursprünglichen Sinne des Wortes: eine Wunderkammer wie sie früher die Fürsten besaßen, aus Naturalia (seltenen Naturalien), Scientifica (wissenschaftlich, optische Instrumente), Exotica (Objekten aus fremden Welten) und Mirabilia (wundersame Dingen): eine Welt des Staunens, die systematisch unsystematisch ist: kein geordnetes Herrschaftswissen, sondern spekulatives, aberwitziges Wissen. Das Sammlungskonzept präsentiert Objekte unterschiedlicher Herkunft und Bestimmung gemeinsam. Verbunden sind sie nur in der Person Perrys selbst, also in der Person des Sammlers und in den dazugehörigen Geschichten, die er nicht müde wurde, immer wieder neu zu erzählen.
So steht er auch immer wieder im Mittelpunkt. Neue Bekanntschaften hat er gerne in sein „Reich der Mitte“, in sein „Xanadu“ eingeladen, um seine Schätze zu präsentieren. Durch diesen endlos wiederholten Prozess werden die Objekte im Bewusstsein und Gedächtnis seines Besitzers und Erfinders sowie seiner Besucher verankert. Wie Pippi Langstrumpf hält er sich nicht an die Regeln der Außenwelt und geht seinen eigenen Weg: „Ich mach' mir die Welt – Widdewidde – wie sie mir gefällt“. In gewisser Weise ist er stets das kleine Kind geblieben, das nie erwachsen werden wollte.
Aber die eigene Welt selbstbestimmt und konsequent zu leben, sich nicht von den gesellschaftlichen Zwängen gängeln zu lassen, hatte auch meine Bewunderung. Da war Perry ein Vorbild für mich, dem ich nacheifern wollte.
Er liebte Eulenspiegeleien, Nonsens, Schabernack, Späße, Verulkungen, Verballhornungen und lustige Schildbürgerstreiche. Solche Streiche und Bilderrätsel arbeitet Perry regelmäßig auch in die von ihm gestalteten Bücher ein, seien es besondere, durch das Layout herausgearbeitete Wortgegenüberstellungen oder unmerklich seitenverkehrt abgedruckte Fotos, die einen geheimen Witz oder Hinweis enthalten, stets etwas für „den zweiten Blick“, etwas Hintergründiges. Für drei meiner Bücher hat er das Layout gestaltet und mir oft erst Jahre später eröffnet, was er Witziges in die Bücher heimlich eingeschleust hat. Er brauchte sehr lange für seine „handgemachten“, „mundgeblasenen“ Layouts. Er mochte nicht unter Druck arbeiten. Doch ihn zu beauftragen, lohnte sich immer. Denn er war höchst präzise in seiner typografischen und gestalterischen Arbeit, war Lektor und Korrektor in einer Person, verbesserte kontinuierlich die Texte. „Buchhersteller“ stand bescheiden auf seiner Visitenkarte. Aber er war so viel mehr.
Von den Fähigkeiten her, hätte er sehr gut als Lektor bei einem großen Verlag arbeiten können, sagen wir beim „Spiegel“, den er abonniert hatte, und in dem er uns regelmäßig kleinere Fehler zeigt. Das waren meist falsche Zahlenangaben, etwa wenn die Spiegelredakteure große Entfernungen im All in Fußballfelder umgerechnet und sich in den Dimensionen um Zehnerpotenzen vertan hatten. Er rechnete einfach nach, korrigierte die Zahlen am Rand des Heftes und erzählte die Anekdote den Freunden. Einen Leserbrief hat er meines Wissens nie geschrieben.
Die Wohnung von Perry: der Philosoph in der Höhle der Bücher Wenn die Wohnung ein Spiegel ihres Bewohners ist, dann müssen wir auch über Perrys Behausung sprechen. Seine Wohnung im Nernstweg war ein Panoptikum, ein Kabinett der Sehenswürdigkeiten und Schaustücke, ein Kuriositätenschrank im Großen. In den 1990er Jahren hat er gemeinsam mit Hugo Wittek seine umfangreiche Buchsammlung in Szene gesetzt, indem sie ein luxuriöses Regalsystem kauften und aufbauten, in dem die Bücher sowohl von oben hinter Schwarzblenden beleuchtet werden, aber auch durch Lichterketten hinter den Buchreihen, falls man eines der Bücher herausnahm. Die Franzosen nennen so eine Inszenierung „la mise en valeur“ – ein In-Wert-Setzen der Bibliothek, des Buchsammelns und des Buchsammlers.
Ganz oben im Eckregal thronte ein echter Totenschädel als „Vanitas“-Mahnung: die Eitelkeit und die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens und die Nichtigkeit weltlicher Dinge betonend. „Denke daran, dass du sterblich bist.“ Eine Postkartensammlung mit Vanitas-Motiven ergänzt diesen Momento Mori. Auf der Toilette fand der genötigte Besucher ein Foto des „pissenden Herkules“ vor, einer Statue aus Herculaneum – als Anregung, als Ulk und als Verweis auf die von ihm geliebte Antike. Da trafen sich unsere Interessen. Seit dem Niedergang des humanistischen Bildungsideals ist die Antike so „out“, dass es schon wieder eigensinnig und sperrig ist, sich in ihr auszukennen. Vor allem die von Perry verehrte Philosophie fußt in vielen auf der Antike. Die Fragmente-Sammlung der Vorsokratiker zählte zu Perrys Lieblingsbüchern.
Die Freunde Axel und Babs haben in ihrem Nachruf (oben auf dieser Seite) auf Perry geschrieben, dass für ihn eigentlich nur der altmodische Begriff des „Privatgelehrten“ passe. Ein Privatgelehrter ist ja eine akademisch gebildete Person, deren Forschungen privat motiviert und finanziert sind. Das trifft auf Perry vollständig zu. Finanziell hat er stets sehr bescheiden, am Rande des Existenzminimums gelebt, viele Jahre von Arbeitslosengeld / Harz IV. Aber man vergisst leicht, dass er sich auch immer wieder selbständig Jobs besorgt hat. Er hat Buchhandlungen für Freunde eingerichtet, die Zeitschrift der deutschen Haiku-Gesellschaft layoutet, Filmvorspänne und Bücher gestaltet. Doch auch längere Zeiten regulärer Berufstätigkeit stehen zu Buche. Ich erinnere mich, ihn einmal beim Verlag Dölling und Galitz besucht zu haben, wo er 1990 bis 1991 ein Jahr lang eine Fortbildung zum „Verlagsassistenten Herstellung / Redaktion“ absolvierte, und u.a. den zweibändigen Katalog „Juden in Hamburg“ betreute. Er war als Buchhersteller auch für Luchterhand, Stroemfeld, Schoeningh und den Hfbk eigenen Material-Verlag tätig, und hat drei Monate als Dokumentar und Archivar bei der Hamburger Stiftung für Sozialforschung gearbeitet, wo er Archivalien zur Kuba-Krise archivierte, insbesondere die Doodles, kleine Kritzeleien von John F. Kennedy und anderen, die nach der Sitzung fürs Archiv eingesammelt worden waren.
1994/1995 hat er ein halbes Jahr als Redakteur und Fotobearbeiter (mit dem Schwerpunkt Zeitgeschichte) bei DIPA gearbeitet, einer neu gegründeten Presseagentur, die der DPA Konkurrenz machen wollte. Die Agentur DIPA Bilddatenbank GmbH hatte einen Einfall: Da immer wieder dieselben kanonischen Fotos bedeutender historischer Ereignisse in der Presse kursierten, hatten sie die Idee, aus Wochenschauen bisher unbekannte Filmkader herauszuholen. So hat Perry aus den Filmen zur Befreiung der Konzentrationslager Filmkader herausgesucht und mit Bildprogrammen optimiert, – eine wichtige, fordernde und mit Schrecken behaftete Arbeit. Mehr nach seinem Geschmack war vermutlich, bei der Konferenz von Jalta 1945 die drei gravitätischen Staatsmänner Truman, Churchill und Stalin in ungewohnten Situationen zu zeigen, leicht verlegen, lachend usw. Dies waren sicher nicht die kommerzielle am leichtesten zu verkaufenden Fotos, aber Perry löckt – wie immer – mit dem Stachel und arbeitet die skurrile und aberwitzige Situationen der großen Geschichte heraus, einfach weil ihn das interessiert. Das hat den baldigen Konkurs von DIPA nicht aufhalten können, begründet in den fix installierten Leitungen der Zeitungsverlage zur DPA. Und so wurde Perry wieder einmal mehr arbeitslos.
Falsterfahrten 1989 fahren wir das erste Mal selbständig mit einem eigenen Lesethema in das „Falsterhus“ nach Dänemark, einem selbstverwalteten Veranstaltungsraum in einer ehemaligen Schule. Wir fahren von da ab jährlich, meist im März, wenn es noch klirrend kalt ist und kaum Menschen auf der Straße anzutreffen sind. Das gleicht einem „in eine Klausur gehen“, mit hoher Konzentration auf das gewählte Thema, unerreichbar für andere und nur mit dem gewählten Literaturstück beschäftigt. Dazu üppiges, selbst gekochtes Essen, lange Strandspaziergänge am Meer und jeweils einen Tagesausflug nach Kopenhagen, mit Besuch in die Ny Carlsberg Glyptothek. Wir sind meist zu dritt, seltener zu viert: Die Gruppe besteht neben Perry und mir aus Peter Braun, Ulrike Wilhelm, Ale Munoz und später für einige Jahre Enzio Edschmid. Einmal besuchte uns Daniel Behringer.
Oft lesen wir die Klassiker der Literatur, von denen man zwar gehört hatte, sozusagen mit der Readers-Digest-Version des Buchs vertraut ist, die man aber nie wirklich gelesen und diskutiert hatte. So lesen wir im ersten Jahrzehnt: Kant, die Frühromantiker, Platon, Montaigne, Herodot, Goethe, Homer, Vergil, Ovid. Stets bereitet jeder von uns ein Referat zu einem ihn interessierenden Aspekt der Person oder des Buches vor. Perrys Vorträge sind ausgearbeitete literarische Abhandlungen, an denen er zuvor oft wochenlang gesessen hat, häufig mit astronomischen Bezügen. In der Küche – beim Kochen – lesen wir noch Exkurse, Passagen aus anderen Büchern desselben Autors. Zum Abheften der Unterlagen in Ordnern gestaltet Perry besondere zweifarbige Kapiteltrenner der „Falstergespräche“, mit Schriftstellerfoto, Thema, Datum, Teilnehmer. Über 30 Jahre haben wir das so gemacht, wobei in späteren Jahren auch mal eines ausgelassen wurde oder an einen anderen Ort verlegt.
Als ich Perry ab 2022 in seinem Altersheim besuchte, erzählte mir öfters, dass er vom Falsterhus geträumt habe. Es war für uns eine Ort der gelebten Utopie. Es war immer herzlich, intensiv, ein sich nahe Sein – und auch angefüllt sein von dem, was man Gelesen hatte. Zuweilen mussten auch Emotionen aufgefangen werden. Perry war auch mal beleidigt, wenn die Mehrheit anders als er entschieden hatte. Aber lange konnte er das nie durchhalten, nach wenigen Stunden war er wieder der alte. Zurecht scheinen solche utopischen Orte in den Träumen auf.
Die „Petrarca-Liste“ Im Jahr 2000 lasen wir im Falsterhus Dantes „Göttliche Komödie“ und da wir schon am Vorabend eingekauft hatten, konnten wir am Tag der Abfahrt noch kurz bei „Halkyone“ vorbeischauen, einem der letzten in Altona verbliebenen Antiquariate. Ich erwarb dort das Buch „Die Textüberlieferung der antiken Literatur und der Bibel“, in dem sich – wie wir im Falsterhus entdeckten – auch das Foto eines Verzeichnisses von Petracas Lieblingsbüchern aus dem Manuskript des Pariser latinus 2201 befand. Die Idee, eine Liste anzufertigen von Büchern, die das Herz schneller schlagen lassen, begeisterte uns sofort und wir drei setzten unsere eigenen Listen auf, verfeinert noch durch die Favoriten für die Insel-Frage: „Welche drei Bücher würden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen?“. Als wir uns die Ergebnisse gegenseitig vortrugen, musste Perry uns allerdings eingestehen, dass er mit 25 Büchern nicht auskommen könne: Es wäre unmenschlich, wenn man nicht wenigstens zwei Mal 25 Bücher aufschreiben könne. Ein typischer Perry! Später hat er dann für uns und weitere Freunde ein regelrechtes Leerformular gestaltet, mit Namenseintrag, einer Nummerung mit 25 Zeilen, drei Sternen für die Favoriten und einem Scan der originalen Petrarca-Liste von 1333. In der Vorstellungsrunde werde ich Perrys Petrarca-Liste vortragen, damit wir uns nochmal seine literarische Biografie und seinen persönlichen Kanon vor Augen führen, eine Zusammenstellung von literarischen und wissenschaftlichen Werken mit zeitüberdauernder Bedeutung.
Später lasen wir dann auch in Lesezirkeln bei Perry zuhause und Perry bereitete im Anschluß eine seiner vielen Spezialitäten, z.B. Schupfnudeln, Linzertorte und Cafe Montebianco. Zuletzt lasen wir dort mit Ulrike Wilhelm die „Gespräche in Tusculum“ von Cicero, deren Klarheit der Gedankenführung uns alle verblüffte.
Reisen nach Moskau 1993 und 1994 Perry war wie eine Schildkröte, die ihre Wohnung nicht verlässt. Natürlich hatte er nicht viel Geld um zu vereisen oder in den Urlaub zu fahren. Aber auch sein Viertel Altona hat er nur höchst selten verlassen. Ich habe ihn so gut wie nie bei Veranstaltungen in der Stadt Hamburg gesehen, allenfalls zu Vorträgen in den Planetarien im Stadtpark und in Bergedorf und bei DESY sind wir regelmäßig gefahren. Perry fühlte sich in seiner Wohnung pudelwohl.
An größeren Reisen fällt mir noch eine nach der Wende ein, wo er mit einem Freund, vielleicht Udo, diverse Planetarien vor allem in der ehemaligen DDR abklapperte. Sie hatten sich bei den Planetariendirektoren angemeldet und ließen sich die Anlagen erklären, um einen Artikel darüber zu schreiben, der vielleicht nie fertig geworden ist.
Zwei 14tägige Reisen nach Moskau 1993 und 1994 fallen noch herraus. Mit Rasmus Gerlach und Ale Munoz dreht ich dort einen Film auf den Spuren des Filmpioniers Dziga Vertov. Zeitgleich arbeiten wir an einer Neuherausgabe der Tagebücher / Arbeitsjournale von Vertov, die – mit der Perestroika – in vervollständigter Form zugänglich waren. Perry soll dieses Buch layouten und so liegt es nahe, dass er uns nach Moskau begleitet, wo wir nach Fotos und weiteren Illustrationsmaterial in den Archiven suchen. Wir haben auch gemeinsam einen Intensivkurs „Russisch“ an der Hamburger Uni besucht, damit wir wenigstens das Einfachste verstehen. Zudem haben wir über Perry unserer Kameraassistentin Ludowicka (Vicky) Karl kennengelernt, die eine alte Freundin von Perry ist. Wir werden sie beide später noch in einem kurzen „Making of“ zu unserem Langfilm sehen, das Moscow Enigma heißt.
Bei der ersten Moskau-Reise hatte ich Perry bei Freunden untergebracht. Zeitweise geht er von dort seinen eigenen Literatur-Themen nach, liest u.a. Schota Rustavellis Literaturklassiker „Der Mann im Pantherfell“ und bestellt uns zu dessen avantgardistischen Typografie-Denkmal ein, das nur aus riesigen kyrillischen Buchstaben besteht. Perry begleitet uns, als wir auf dem Novodewitschi-Prominenten-Friedhof das Grab von Vertov, Mayakowski und Ilja Ehrenburg filmen. Ihm fällt auf, dass es dort keinen Friedhofsplan zu kaufen gibt, der die Lage der Gräber der Berühmtheiten verzeichnet. Also nimmt Perry im Anschluss mit der Friedhofsleitung Kontakt auf und schlägt vor, dass er kostenlos einen solchen Plan erstellen würde. Den Russen kam das seltsam vor, dass jemand aus dem Westen unentgeltlich, nur aus Interesse an den Persönlichkeiten so eine Arbeit leisten wolle. Sie befürchteten, das das Projekt einen versteckten Haken hat und lehnten ab. Die Anekdote ist typisch für Perry. Er ist nicht am Kommerziellen interessiert, aber gerade das wiederum kommt den Russen der neo-kapitalistischen Perestroika-Zeit spanisch vor.
Beim Suchen einer Örtlichkeit im Moskauer Stadtplan wird Perry von einer jungen Frau angesprochen, die ihm helfen will. Daraus entwickeln sich weitere Treffen und eine Freundschaft. Bei der nächsten Moskau-Expedition wohnt er bereits bei der Familie der jungen Frau. Perry findet leicht Anschluss, zumal es immer ein Gesprächsthema gibt, zu dem er etwas zu sagen hat: Hier ist es ein Perry begeisterndes Grab eines Kommunikationsminister, der beim Telefonieren in Stein gehauen wurde. Perry staunt nicht schlecht, als die junge Frau erklärt, dass der Minister ihr Großvater sei.
Sein größtes Abenteuer war wohl seine einmonatige Fahrt nach Australien vom Juni bis Juli 2001, wo er seinen, dort seit längeren wohnenden Kumpel Peter besucht. Ich erinnere mich an einen Erkenntnis von Perry: „Der Himmel über der Südhalbkugel ist ein gänzlich anderer als bei uns“ – und gemeint hat er das astronomisch.
Astronomie-Fahrten 1999 und 2015 Am 11. August 1999 fand eine totale Sonnenfinsternis über Mitteleuropa statt. Diese Sonnenfinsternis war im Westen die letzte zentrale Finsternis des 20. Jahrhunderts. Perry schrieb dazu seinen Text „Erinnerungen an die Zukunft: Die totale Sonnenfinsternis am 11. August 1999“. Er informierte uns darin, dass die nächste totale Verdunklung in unseren Breiten erst am 3. September 2081 stattfinden wird. Also haben wir zu diesem Ereignis unsere Siebensachen gepackt und mit dem Auto eine Expedition in das 'Herz der Finsternis' unternommen, in den Kernbereich der Verdunklung. Auf dem Weg sammelten wir noch Freunde ein und nördlich von Strasbourg blieben wir im immer zähflüssigeren Verkehr stecken. Wir stoppten in einem Waldstück, um das Versiegen der Vogelstimmen bei einsetzender Verdunklung zu vernehmen. Ein mystisches, wahrhaft kosmisches Erlebnis! Während der Finsternis habe ich Perry und Freunde mit ihren obligatorischen Schutzbrillen als sonambule Adepten fotografiert, – leider noch nicht digital, daher finden sie sich nicht in der Diashow, die wir später hier sehen werden.
Erneut hat sich am 20. März 2015 eine partielle Sonnenfinsternis ereignet und zwar genau am Tag des Frühlingsbeginns auf der Nordhalbkugel. Wir haben sie im Wald von Halskov Vænge auf der dänischen Insel Falster beobachtet. Dort stehen viele vorzeitliche Steingräber und Grabhügel aus vorgeschichtlicher Zeit, nahe dem Dorf Bregninge und dem Tagungsort „Falsterhus“. Die Schutzbrillen waren damals schon ausverkauft und Perry kam auf die Idee, den Verlauf der Verfinsterung durch eine handelsübliche, silberne Wärmfolie aus dem Auto zu beobachten. Unser Mitstreiter Enzio Edschmid hat unsere slapstickartigen Bemühungen, die Teilfinsternis zu erhaschen, gefilmt und in seinen Film Paradoxie des Haufens einmontiert, den wir später sehen werden. Er zeigt uns Perry bei drei Lieblingsdisziplinen: bei astronomischen Beobachtungen, beim Essen Zubereiten und beim gleichzeitigen Philosophieren am Küchentisch. Unsere dortige „Küchen-Philosophie“ ist ebenso ironisch wie satirisch und der schöne Film dokumentiert Perrys wie er leibt und lebt.
Reisen in den Hunsrück 2016 und 2020 Zwei unserer letzten Seminare haben wir – eingeladen von Enzio Edschmid – in Hunolstein im Hunsrück in Enzios Bauernhaus veranstaltet. 2016 zu dem erkenntnis-philsophischen Text Über den Beryll von Nikolaus von Kues. Dazu eine Anekdote: Zur Vertiefung unserer Lesefrüchte sahen wir uns nicht nur das Geburtshaus des Cusaners an der Mosel an, sondern besichtigten auch seine Bibliothek, die sich seit der Renaissance vor Ort nahezu komplett erhalten hatte. Dazu hatten wir uns in einer Privataudienz den Bibliothekar der Trierer Uni in die vom Cusaner gestiftet Hospitals-Bibliothek nach Bernkastel-Kues bestellt. Dieser spulte zunächst eine handelsübliche, einführende Cusaner-Biografie ab, bis Perry ihn unterbrach, signalisierte, dass wir – nach einer Woche Lesestudium – mit der Biografie des Cusaners durchaus vertraut wären. Wir hätten dagegen speziellere Fragen: „Können Sie uns schildern wie genau man sich den Buchhandel auf dem Reichstag 1441 in Mainz oder 1444 in Nürnberg vorstellen muss, wo der Cusaner gewöhnlich seine Bücher kaufte?“ Der Bibliothekar schluckte kurz und begann dann die von Perry gewünschte, intensive, fachspezifische Schilderung, bei der er uns auch die in weißes Speckleder gebundenen Bücher in die Hand gab.
Im Vorfeld hatte Perry sich das 1905 gedruckte Verzeichnis der „Handschriften-Sammlung des Hospitals zu Cues“ fotokopiert, als Buch gebunden und durchgearbeitet. Daraus ergaben sich weitere Fachfragen, etwa zum Mengenverhältnis der kirchlichen Bücher zu frühen naturwissenschaftlich-philosophischen Schriften und zu jüdischen Publikationen und außerdem zu den Inkunablen, also den Wiegendrucken. Des Cusaners astronomische Büchersammlung war so berühmt, dass der Astronom Nikolaus Kopernikus die Bibliothek an der Mosel aufgesucht hatte, um seltene Astronomie-Bücher dort einzusehen. Kopernikus, Giordano Brund, Johannes Kepler, Galileo Galilei – das waren – wie ihr alle wisst – Perrys Säulenheilige.
2020 lasen wir im Hunsrück ein zweites Mal die „Odyssee“ von Homer, die in einer neuen Übersetzung herausgekommen war. Wie immer lasen noch weitere Übersetzungen parallel, um den Spielraum der Wortübertragung zu ermessen. Wir luden den an der Mosel lebenden Odyssee-Übersetzer Christoph Martin zum Gespräch zu uns nach Hunolstein ein. Anschließend kochte Perry – vielleicht zum letzten Mal – seine berühmten „Schupfnudeln“. Er konnte dieses aufwändige Gericht an einem fremden Herd – trotz meiner Hilfsdienste – nicht mehr in der angedachten Zeit bewältigen. Es wurde und wurde nicht fertig und wir schickten den Odyssee-Übersetzer auf immer wieder verlängerte Spaziergänge.
Auf der Rückfahrt im Zug trafen wir die ersten Corona-Flüchtlinge mit Maske aus Frankreich. Eine Epoche ging da zu Ende, wie es für mich heute die letzten in Hunolstein mit Perry entstandenen Fotos verkörpern: Im Dorf gibt es eine private Haltestelle, wo Autofahrer Anwohner zum Mitfahren auflesen können, man klappt ein Schild um in Richtung Morbach oder in Richtung Trier. Wir hatten uns ein eigenes Schild gebastelt, auf dem das Sehnsuchtswort „Ithaka“ stand. Perry, bereits stark gehbehindert, sitzt dort mit Stock auf der Bank, und wartet auf den Transfer nach Ithaka. Die Homersche Odyssee steht für eine Irrfahrt, für die Reise nach Hause, für die Heimkehr zur Familie.
Perrys Heimat war eine Welt der geistigen, philosophischen Güter, letztlich eine selbstgeschaffene Welt und wie seine Wohnung ein selbstgeschaffenes Kunstwerk! Thomas Tode
Ergänzungen ... Inkunabeln Im Anschluss an die Hunsrückfahrt kauft sich Perry eine Inkunabel. Als gelernter Drucker und Buchhersteller war Perry war fasziniert von der Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg und hatte auf Auktionen (z.B. bei Bassenge) vergeblich versucht, eine Inkunabel zu ersteigern, also einen Wiegendruck aus den ersten 50 Jahren der Druckkunst. Er wollte zudem auch nicht eine der verbreiteten kirchlichen Schriften erwerben, sondern etwas Wissenschaftliches, am liebsten natürlich Astronomisches. Aber da wurde er regelmäßig überboten. Als ich ihn erzählte, dass manche Buchhändler Inkunabel-Bücher schlachten, um sie im Netz einzelblattweise zu verkaufen, hatte er endlich eine Lösung. Er erwarb mit moderaten Finanzmitteln ein Doppelblatt, geschmückt mit Lombarde, dem farbigen, verzierten Großbuchstaben. Seine Freunde aus Luxemburg schenkten ihm den Rahmen dafür. Diese Stück war eines der wenigen, dass er in das Seniorenheim mitnahm und an der Wand aufhängen lies. Mit seinem dortigen Lieblingsbetreuer Cato hat oft über diese an der Wand hängende Dokument der Frühzeit der Buchkunst gesprochen. Nicht so über die im Nernstweg zurückgelassene Dinge. Zu meinen Bibliothek – sagte er – habe ich ein „postquamperfektisches Verhältnis“ – – auch das ein typische Worschöpfung Perrys.
Verbrannte Bücher Perry hat eine Buchsammlung der 1933 „Verbrannten Bücher“ angelegt: nur Originale, keine Nachdrucke, die er mit seinen bescheidenen finanziellen Mitteln über Jahrzehnt in Antiquariaten zusammengetragen hat, folgend der allerersten durch die Nazis publizierten Verbotsliste. Noch im Nernstweg wohnend, hat er seine Sammlung unserem Berliner Freund Daniel Behringer übergeben, mit entsprechenden Kommentaren. Die Abholung dauerte zwei Tage lang. Daniel hat damit am 9. Dezember 2022 den „Lernort und Gedenkort Bücherverbrennung“ in Berlin ins Leben gerufen, der mittlerweile zwölf Veranstaltungen mit Buchlesung, Film, Gesang und Diskussion durchgeführt hat, weitere folgen noch diesen Monat. Perry hat die Berichte über die Abende stets mit großem Interesse und Genugtuung verfolgt. Dieses Projekt war rechtzeitig und in kompetente Hände übergeben worden.
Unsere gemeinsame Freundin Ulrike schrieb mir kurz nach Perrys Ableben: „Ich komme gerade mit meiner Mutter aus dem Restaurant HATARI und habe quasi jede Sekunde über Perry geredet. Wir hatten früher traumhafte Zeiten, ob im Falsterhus oder im Neni. (...) weil ich sehnsüchtig an den magischen Spätsommerabend mit Perry, Dir und Katja zurück denke. (…) Und als alte 'Seelen-Katholikin' glaube ich an Perrys unsterbliche Seele.“
Peter Braun Mit Perry in Kisberki
Für das Jahr 2001 hatten Perry, Thomas und ich beschlossen, unsere jährlichen Falsterfahrten nach Dänemark auszusetzen und uns stattdessen in Budapest zu treffen. Der Grund dafür war eine DAAD-Dozentur, die es mir ermöglichte für ein halbes Jahr von Januar bis Juli an der ostungarischen Universität Miskolc – und zwar im dortigen Institut für kulturelle und visuelle Anthropologie zu unterrichten. Ich hatte mir, zusammen mit meiner damaligen Freundin und Partnerin Noemi, eine kleine Wohnung in Miskolc gemietet. Da Noemi jedoch in Budapest aufgewachsen ist und ihre Eltern und jüngeren Geschwister dort lebten, waren wir häufig in der ungarischen Hauptstadt. Mit Noemis Hilfe konnte ich für Perry und Thomas eine Unterkunft besorgen, die Wohnung einer Freundin, die gerade frei war. Sie lag in Obuda – das in den 1960er und 1970er Jahren errichtete Plattenbauviertel auf der Budaer Seite nördlich der Burg.
Mir war zuerst ein wenig unwohl dabei, meine Hamburger Freunde in einem sozialistischen Plattenbauviertel unterzubringen. Als ich die Wohnung dann jedoch vor der Ankunft von Thomas und Perry zum ersten Mal besichtigte, wusste ich: Das ist der richtige Ort für unser Treffen und Perry und Thomas werden danach nicht ungern nach Ungarn gefahren sein – um das Wortspiel von Rainald Grebe aufzunehmen. Warum? Weil hier, in Obuda, Rom und der Sozialismus direkt aufeinandertreffen. Ich gebe, um diese Atmosphäre zu beschreiben, eine Passage aus meinen damaligen Aufzeichnungen wieder:
„Zwischen hochgeschossigen und langgestreckten Plattenbauten, die sich in parallelen Reihen entlang der breiten Ausfallstraße nach Esztergom ziehen, findet sich eine Vielzahl von Resten und Ruinen des römischen Militärlagers Aquincum. Es wurde im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung errichtet. Im Labyrinth der tunnelartigen Fußgängerunterführungen am Flórian Tér, in ihrem Halbdunkel, zieren Büsten, Reliefs und andere steinerne Zeugnisse der römischen Kultur die Wände. Unter der mehrspurigen Auffahrt zur Arpád-Brücker, liegen hinter einer Plexiglaswand die Grundmauern eines römischen Bades und das Zugangstor zum Lager und eine daran anschließende Säulenallee stehen vor dem größten Supermarkt des Viertels. Folgt man der Ausfallstraße durch die Häuserschluchten nach Norden, trifft man auf die archäologischen Funde der zivilen Stadt, die außerhalb des Militärlagers gegründet wurde. Händler ließen sich dort am Ufer der Donau nieder, Marketenderinnen und Legionäre, die ihre Dienstzeit absolviert und als Belohnung ein Stück Land zugesprochen bekommen hatten. Rasch entfaltete sich ein wirtschaftliches und kulturelles Leben, in das auch die keltischen Eravisker einbezogen wurden, die schon eine ganze Weile auf der Budaer Seite lebten. Heute blicken die Plakatwände der globalen Warenwelt entlang der Ausfallstraße auf das unmittelbar anschließende, um gut einen Meter tiefer liegende Museumsgelände. Autos und Lastwagen, Züge und S-Bahnen ziehen in einem nicht abreißenden Strom vorbei.“
Ich erinnere mich noch genau, wie wir an einem Vormittag dieses Museumsgelände besucht haben. Perry schien der hektische Verkehr in keinerlei Weise zu irritieren. Er nahm es so hin und hielt sich dabei an seine Gewohnheiten. Eine war damals noch das Rauchen. Während wir anderen, Thomas, Noemi und ich uns noch orientieren und in der Situation zurechtfinden mussten, setzte sich Perry auf eine abgebrochene antike Säule, zückte seinen Tabak und sagte in seinem alemannischen Idiom: „So, jetzt rauchen wir erst mal eine.“
Perry und Thomas kamen Anfang Juni nach Ungarn – vom 3. bis zum 10. Juni 2001. Es war frühsommerlich warm, wir trafen uns regelmäßig in der Wohnung, in der Perry und Thomas übernachteten, sprachen ein wenig über Petrarca und erkundeten vor allem Budapest. Für Perry jedoch verband sich mit seiner Reise nach Ungarn noch eine ganz andere Mission – eine Mission in eigener Sache, die seine Familie betraf. Denn seine Großeltern stammten aus Ungarn und auch sein Vater ist noch dort bis zum Alter von fast 20 Jahren aufgewachsen. Sie gehörten zu den Donauschwaben, ein Sammelbegriff für alle deutschstämmigen Siedler. Perrys Großmutter stammte aus der Familie Wendel, sein Großvater aus der Familie Peringer. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden sie vertrieben; so kamen sie an den Kaiserstuhl.
Perry kannte den Namen des Dorfes, in dem seine Großeltern und sein Vater gelebt hatten, und wusste, dass es südlich von Budapest in der weiteren Umgebung von Kaposvár liegen musste. Allein wir fanden es auf keiner unserer Landkarten ein Ort namens Kisberki. Pfiffig, wie Perry war, durchforstete er das Telefonbuch und wurde tatsächlich fündig. Mit Noemis Hilfen fand er heraus, dass Kisberki inzwischen eingemeindet worden war und nun zu Nagyberki gehörte. Also machten wir uns an einem der Tage auf den Weg.
Kisberki war auch als reales Dorf nicht einfach zu finden. Wir fuhren erst etwas zu weit und kamen in jenem Teil heraus, der von Roma und Sinti bewohnt wurde. Dabei sahen wir die für ungarische Dörfer typische Trennung in einen von Ungarn und in einen von Roma und Sinti bewohnten Teil – und der Unterschied im Hinblick auf die Armut war für uns alle erschreckend sichtbar. Wir kehrten um und fanden schließlich Kisberki.
Noemi sprach eine alte Frau an. Als sie den Namen Peringer hörte, fiel sie sofort in ihren donauschwäbischen Dialekt und wiederholte mehrmals den Namen Peringer, Peringer, Peringer. Ich weiß noch, dass dies einen tiefen Eindruck bei mir hinterließ – umso mehr musste das bei Perry der Fall gewesen sein. Auch der Name Wendel sagte ihr etwas und sie verwies uns zu einem Haus, in dem der Getränkehändler des Dorfes wohnte. Er sei, sagte sie, ein Wendel.
Wir fuhren zu dem Haus und klingelten. Noemi ebnete den Weg und klärte Perrys familiären Status auf. Daraufhin fiel ihm der Getränkehändler um den Hals, als sei ein verloren geglaubter Sohn zurückgekehrt – und Perry wusste nicht, wie ihm geschah. Der Mann, ein wenig älter als Perry und um einiges kleiner, bat uns herein, wies uns einen Platz auf seiner überdachten Veranda im Innenhof zu und stellte Schnapsgläser vor uns auf. Dann holte er eine Flasche selbstgebrannten Pálinka. Noemi gab ihr Bestes als Dolmetscherin, aber allzuviel Neues in Familiendingen kam in dem Gespräch nicht zutage. Dafür hatte der neue ungarische Verwandte von Perry auch zu schnell einen ziemlichen Alkoholpegel, was auch seiner gestrengen Ehefrau nicht entging. Da saß also ein schon etwas älterer Mann und genoss am frühen Nachmittag seinen Palinkà – und ihm gegenüber saß Perry, ohne sich direkt mit ihm unterhalten zu können. Stattdessen, so kam es mir vor, genoss Perry einfach dieses Zusammentreffen, als würde er in diesem Moment die Geschichte seiner Familie zurückbinden an ihren Ursprung. Zugleich wusste er jedoch, dass aufgrund des Sprachunterschieds nicht mehr möglich war als dieses Zusammensitzen, nicht mehr als diese stumme Begegnung für eine halbe Stunde.
Wir haben, nachdem wir uns von dem Mann und seiner zunehmend zornigen Frau verabschiedet hatten, noch den Friedhof von Kisberki aufgesucht. Wir streiften an den Grabsteinen entlang. Tatsächlich fanden wir einige, auf dem sich der Namenszug Peringer fand. Manche zierte zudem ein Davidstern. Das bewegte Perry besonders. Wir blieben noch lange dort.
Bis zuletzt äußerte Perry immer wieder den Wunsch, er möchte gerne in Ungarn begraben werden. Er speiste sich aus der Erfahrung dieses Tages in Kisberki im Frühsommer 2001. Thomas und ich hatten, als sich Perrys Ende abzeichnete, am Telefon schon einmal überlegt, wie wir diesen Wunsch umsetzen könnten. Dann, kurz vor seinem Ableben, hat sich Perry entschieden, sein Grab möge dort sein, wo er die längste Zeit gelebt hatte.