Pfarrer Günter Richter & das AKW Wyhl: Mitstreiter, Aktiver & kluger Vermittler


Veröffentlicht am 02.08.2026 von Axel Mayer

Pfarrer Günter Richter & das AKW Wyhl: Mitstreiter, Aktiver & kluger Vermittler


„Ich bin der Meinung, dass ich auf der richtigen Seite stand, Christen müssen Stimme derer sein, die keine Stimme haben – ein Wort von Martin Luther King – und ich habe seinerzeit gemeint, als Hirte der Gemeinde nicht außerhalb, sondern mit der Gemeinde die Ängste zu tragen.“
Zitat: Pfarrer Richter im Deutschlandfunk


Pfarrer Günter Richter ist einer der ältesten, heute noch lebenden AKW-Wyhl-Aktiven.

Eines der Erfolgsrezepte des Wyhl Protestes war die heute unvorstellbare Breite der Bewegung. Da waren Frauen, Männer, Arbeiter, Akademikerinnen, Studierende, Bauern, der Zahnarzt, die Professorin, Menschen aus den Dörfern, beiderseits des Rheins, der Fischermeister, die Angler, Poeten wie Walter Mossmann, die Künstlerinnen und eben auch der Weisweiler evangelische Pfarrer Richter.

Die Einbindung der örtlichen "Honoratioren", die Rolle von Pfarrer Günter Richter und anderen evangelischen Pfarrern, von Müllermeister Göpper, vonApotheker Schött, Landmaschinenmechaniker Jenne war dennoch ungeheuer wichtig. Die damalige Landesregierung unter Hans Filbinger versuchte der Öffentlichkeit weis zu machen, dass die Mehrzahl der Bauplatzbesetzer "Linksradikale" seien. Wer konnte diesen gezielt gestreuten Falschmeldungen besser widersprechen als Pfarrer Richter und Kollegen?

Wortlaut des wichtigen Telegramms der Pfarrer vom 19.2.1975 an den Ministerpräsidenten Filbinger


Herrn Ministerpräsident
Dr. Hans Filbinger
Stuttgart

Die unterzeichnenden evangelischen Pfarrer und Mitarbeiter des Bezirks Emmendingen weisen Sie entschieden darauf hin, daß der Protest gegen den Baubeginn für das KKW Wyhl zum großen Teil von Gliedern der Kirchengemeinden des Kaiserstuhls und der Umgebung ausgeht.
Wir verwahren uns gegen Ihre Unterstellung, daß die Besetzung des Baugeländes von bundesweit organisierten Extremisten gesteuert sei. Aus Verantwortung und in Sorge um ihre Raumschaft versuchen Bürger der umliegenden Orte zu verhindern, daß mit der Vorbereitung des Baugeländes irreparable vollendete Tatsachen geschaffen werden, bevor auch nur der Spruch des Verwaltungsgerichtes Freiburg ergangen ist.
Schutz der Landschaft und der Gesundheit liegen noch mehr im Interesse der Bevölkerung als eine weitere Steigerung der Energieproduktion.

Gez. 17 Pfarrer und kirchliche Mitarbeiter der betroffenen Gemeinden


Günter Richter hatte als Vermittler selbstverständlich dennoch auch Kontakt mit Vertretern der Landesregierung. Das besetzte Baugelände im Wyhler Wald sollte mit einem Großaufgebot von 400 Polizisten und vier Wasserwerfern geräumt werden. Pfarrer Richter erfuhr von Polizeihauptkommissar Hans Weide von den geheimen Räumungsplänen. Der Polizeihauptkommissar Hans Weide verweigerte als Einsatzleiter im Februar 1975 den Befehl zur Räumung des besetzten Baugeländes. Günter Richter informierte seinerseits Landesbischof Heidland. Dieser beschwor noch in derselben Nacht Ministerpräsident Filbinger, die für den nächsten Morgen geplante Räumung aufzuschieben. Auch Dank der Vermittlungsarbeit von Richter und Heidland wurde die Aktion abgeblasen.

Günter Richter war in Wyhl und ist noch heute ein kluger, angenehmer, sozial engagierter Mensch und Freund.

Axel Mayer, Bauplatzbesetzer in Wyhl, (Alt-) BUND Geschäftsführer



"Wyhl" und die Kirchen /Auszug


"Christinnen und Christen beider Konfessionen waren an der Auseinandersetzung beteiligt: Projektgegnern wie Befürwortern bezogen sich auf ihren Glauben und verwendeten religiöse Sprache. Bereits zeitgenössisch wurden dabei konfessionelle benannt: die römisch-katholische Kirchenleitung der Erzdiözese Freiburg äußerte sich fast nicht, die evangelische Landeskirche in Baden dagegen auf allen Ebenen: Gemeindeglieder, Pfarrer, Forschungseinrichtungen und die Kirchenleitung (Landessynode und Landesbischof) diskutierten über Energieversorgung und Umweltschutz. Besonders sticht das Engagement der evangelischen Pfarrer vor Ort hervor: mehrere Pfarrer waren Sprecher der jeweils örtlichen Bürgerinitiative, meldeten Demonstrationen und nahmen an ihnen teil und beteiligten sich auf Seiten der Projektgegner am Genehmigungsverfahren. Auffällig sind auch die frühen Stellungnahmen von Landesbischof Heidland, der auf einer Pressekonferenz die Bedenken der Pfarrer und Projektgegner unterstützte."
(...)
"Bei den Demonstrationen vor und während der Besetzung(en) sowie bei der Räumung waren evangelische Pfarrer anwesend. In öffentlichen Telegrammen kritisierten sie das Vorgehen der Landesregierung. Auf dem besetzten Platz hielten sie Vorträge und arbeiteten in den Bürgerinitiativen der verschiedenen Orte mit. Vor allem seit Sommer 1975 bemühten sie sich, unterstützt von der Kirchenleitung, intensiv um Verhandlungen zwischen den Konfliktparteien. Sie unterstützten, dass der Platz im Herbst von den Besetzern freiwillig geräumt
wurde. Vor allem Pfarrer Richter (Weisweil) beteiligte sich intensiv an den Verhandlungen mit der Landesregierung, die in der Offenburger Vereinbarung vom Januar 1976 gipfelten, einem Vertrag zwischen der Landesregierung und den Bürgerinitiativen. Gutachten, Gespräche und Gerichtsurteile verzögerten der Bau der Anlage immer weiter, bis Anfang der 1980er Jahre immer deutlicher wurde, dass die Energiebedarfsprognosen der frühen 1970er Jahre zu hoch gewesen waren und auf ein Kraftwerk in Südbaden verzichtet werden konnte.
Seit Mitte der 1970er Jahre bemühte sich Günter Richter, unter anderem unterstützt vom Theologen und Biologen Günter Altner, um eine Diskussion der Kernenergie auf der Landessynode der Evangelischen Landeskirche in Baden, bis diese 1977 ein „Wort“ zur Kernenergie beschloss. Im gleichen Jahr veröffentlichte die Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FESt) in Heidelberg ein Gutachten zur zukünftigen Energieversorgung der Bundesrepublik und zur Kerntechnik."
Quelle: Lisa Bender, "Wyhl" und die Kirchen

AKW, Atomkraftwerk, Wyhl, Breisach, 1971, 1972, 1975, Protest, Plakat
Pfarrer Günter Richter: Kein AKW in Wyhl