Thomas Giesinger gestorben: BUND-Mitstreiter, Naturschützer und Freund


Veröffentlicht am 20.09.2025

Thomas Giesinger gestorben: BUND-Mitstreiter, Naturschützer und Freund


Mein Freund und langjähriger BUND-Mitstreiter Thomas Giesinger (65) ist vollkommen überraschend, wenige Wochen vor dem Renteneintritt gestorben. Noch vor einigen Wochen hatte ich mich mit ihm über seine "Nach-Arbeits-Pläne" lange unterhalten.

Thomas war in einem tollen Team einer der freundlichsten und engagiertesten BUND-Mitstreiter in der BUND-Landesgeschäftsstelle in Möggingen.

Natur- und Artenschutz waren ihm nicht nur im Beruf wichtig. Er war Naturschützer, Vogelschützer und Naturliebhaber mit Leib und Seele.

Doch nicht nur im Natur- und Umweltschutz war er aktiv. Er schrieb auch kluge alemannische Texte und war im dörflichen Vereinsleben, im Böhringer Narrenverein engagiert.

Thomas hat seine Familie, Freunde und Weggefährten viel zu früh verlassen. Er hat die globalen Zerstörungsprozesse verlangsamt und er war ein guter Mensch.

Axel Mayer




Hier noch einige Erinnerungen von Gottfried May Stürmer an Thomas Giesinger

Erinnerungen an Thomas Giesinger
Ich habe Thomas Giesinger im Herbst 1985 kennengelernt, in meinem ersten Jahr als Regionalgeschäftsführer. Da rief mich ein junger OG-Vorsitzender aus dem Raum Karlsruhe an und fragte, ob ich zu einer Diskussionsveranstaltung mit örtlichen Naturschützern und Landwirten kommen und etwas zur Landwirtschaftspolitik des BUND sagen könne. Ich sagte zu. Es wurde ein zunächst ziemlich kontroverser, aber zuletzt doch noch einigermaßen konstruktiver Abend. Bei unserer Nachbesprechung fragte mich Thomas – das war der OG-Vorsitzende – „Wie wird man eigentlich Hauptamtlicher beim BUND?“
Nicht sehr viel später traf ich ihn dann als Regionalgeschäftsführer Mittlerer Oberrhein wieder. Er erzählte mir einmal, wie er diesen Job ergattert hatte. Bei der Besprechung, bei der es darum ging, ob ein/e RGF eingestellt werden sollte, welche Qualifikation er haben müsse und was ihm oder ihr bezahlt werden sollte (damals hatten noch nicht alle Regionen Geschäftsführende und die Bezahlung war noch nicht einheitlich per Betriebsvereinbarung geregelt), sei er aufgestanden und hätte erklärt:

1. Ich habe Interesse an dieser Stelle
2. Ich mache es für deutlich weniger Geld als Ihr diskutiert
3. Wenn Ihr mich nicht nehmt, trete ich von allen Ämtern zurück

Diese klare Ansage hatte Erfolg – Thomas wurde der erste Regionalgeschäftsführer im Mittleren Oberrhein. Aber wer ihn gekannt hat, weiß, dass er sich immer für sehr vieles verantwortlich fühlte und nicht gut „Nein“ sagen konnte. Schon am Rand einer unserer ersten RGF-DIBE fragte er mich, wie ich eigentlich Familie und RGF-Tätigkeit vereinbaren könne – er komme schon allein mit seiner Zeit nicht aus. Damals hatten wir RGF allerdings noch das Problem, dass die Zuschüsse des BUND-LV die Personalkosten nur zum kleinen Teil deckten. Wir mussten also entweder erhebliche Zeit in Mittelbeschaffung investieren – ich hatte damals eine Art Landschaftsplanungsbüro in die RGSt integriert – oder die Stundenzahl stark beschränken, was entweder zu Überstundenbergen führt, oder dazu, dass wichtige Aufgaben, die die Ehrenamtlichen von uns erwarteten, liegen blieben.
Thomas schilderte diese Situation bei einer Landesdelegiertenversammlung – die waren damals noch eintägig und fanden im Raum Stuttgart statt – sehr deutlich, wobei er vorausschickte „Ich rede jetzt einmal, dann bin ich ruhig“, und erklärte damit seinen Rücktritt. Diese Rede machte auf die Delegierten großen Eindruck und hatte zwei langfristige Folgen: Erstens fassten die Delegierten bei dieser LDV mit großer Mehrheit den Beschluss, dass der Landesverband anstreben sollte, mittelfristig die Personalkosten der RGF voll zu finanzieren (das hat dann noch rund 30 Jahre gedauert). Zweitens bot Gerhard Thielcke, der ebenfalls beeindruckt war, Thomas wenig später die Stelle als sein persönlicher Referent an, die zu jeweils einem Drittel von der DUH, von Euronatur und dem BUND bezahlt wurde. Später fiel dann zuerst der Anteil von Euronatur, dann der, der DUH weg.
Thomas, der die BUND-Arbeit an der Basis erst im Ehrenamt und dann im Hauptamt kennengelernt hatte, interessierte sich immer stark für die Arbeit für Ort. In den 90er Jahren führte er mehrere Umfragen zu BUND-Aktivitäten an der Basis zu verschiedenen Themenkreisen durch, aus denen dann meist Broschüren resultierten. Das kam bei den Ortsverbänden gut an, die sich dadurch wahrgenommen fühlten. Durch diese Tätigkeiten wurde wohl auch der Grund dafür gelegt, dass Thomas für die längere Zeit seiner BUND-Tätigkeit Ehrenamts-Koordinator und Ortsverbändebetreuer war. Dabei hat ihm sein Psychologie-Studium sicher nicht geschadet.
Überhaupt sahen wir in Thomas manchmal den inoffiziellen Betriebspsychologen. Ich war sicher nicht der einzige Kollege, der ihn öfters um Rat fragte, wenn es um persönliche Konflikte zwischen BUND-Aktiven oder zwischen Haupt- und Ehrenamtlichen ging. Er tat auch viel für die Atmosphäre im Verband. Regine sagte einmal bei einer Fahrt durch das Murgtal, bei der wir über ihre Situation als RGF im Nordschwarzwald sprachen: „Thomas ist der einzige beim BUND, der fragt, wie es einem geht, und der mal ‚Danke‘ sagt“. Zum Glück war es Nacht, und sie konnte nicht sehen, wie ich rot wurde.
Thomas liebte Folk-Musik unterschiedlicher Herkunft, spielte gut Gitarre und hatte eine schöne Bariton-Stimme. Gelegentlich sang er Lieder von Zupfgeigenhansel oder von irischen Musikern – „Papst und Sultan“ und das Lied von der freien Republik waren meistens dabei. Die schönste musikalische Erinnerung, die ich mit ihm verbinde, ist die an ein Lied, das er selbst geschrieben und komponiert hat, und das ich zweimal von ihm gehört habe. Er beschreibt darin die Lotseninsel an der Schlei mit ihrer Vogelwelt. Besonders schön fand ich, dass er darin den Kiebitzruf interpretiert als „Ich bin glückck-lich!“ Bei diesem Lied wurde wunderschön deutlich, dass er bei den Vögeln an der Schlei selber glücklich gewesen war.

Vielleicht ist es ein Trost, dass Thomas im Urlaub an der Nordsee gestorben ist, wenn auch viel zu früh. Ich bin denke, dass er sich dort bei den Seevögeln sehr wohlgefühlt hat, und ich hoffe, dass er auch dieses Mal dabei glücklich war.

Gottfried May-Stürmer