Technocentre Fessenheim? Nein Danke / Non Merci / Kritik / Informationen zur atomaren Gefahrfabrik
Veröffentlicht am 29.06.2025

Technocentre Fessenheim? Nein Danke / Non Merci / Kritik / Informationen zur atomaren Gefahrfabrik
In Fessenheim will die EDF ein atomares Technocentre bauen. Diese atomare Problemfabrik zum Einschmelzen von radioaktivem Material stellt eine Gefährdung für die Umwelt dar, ist aber nicht mit den atomaren Risiken eines AKW vergleichbar. Zu diesem wichtigen Umweltthema hat der TRAS im "TRAS Jahresbericht 2024 / 2025" einen informativen Text geschrieben, den wir hier dokumentieren:
Technocentre
Die Pläne der EDF für ein «Technocentre» in Fessenheim - eine Metallschmelze für radioaktive Abfälle – die auf dem Werksgelände unmittelbar an der Landesgrenze Frankreich/Deutschland erstellt werden soll – sorgen für erhebliche Beunruhigung der Bevölkerung.
Von Oktober 2024 bis Februar 2025 veranstaltete der französische Staat auf Veranlassung von EDF einen in Frankreich für Grossprojekte üblichen «débat publique».
Dabei wurden von EDF vertiefende Informationen zum Projekt Technocentre abgebeben.Diese Informationen muss man angesichts der radioaktiven Risiken als lückenhaft bezeichnen; zudem waren sie für die Teilnehmenden am «débat publique» nicht objektiv überprüfbar.
Trotzdem brachte der «débat» in der Bevölkerung, bei den Umweltorganisationen und wissenschaftlichen Fachexperten eine intensive Auseinandersetzung mit dem Projekt, wobei festzuhalten
ist, dass die EDF ihrerseits «Bürgerinitiativen» in die Debatte schickte, bei denen es sich offensichtlich vielfach um bezahlte PR-Beauftragte handelte, die auf ihre Weise versuchten, gute Stimmung für das Projekt herbeizureden. Die «öffentliche Debatte» (débat publique) wurde von einer unabhängigen Kommission insgesamt in einer offenen und respektablen Weise durchgeführt. Die Debatten mit zahlreichen Veranstaltungen (inkl. Videokonferenzen und Protokollen) wurden minutiös protokolliert, und es wurden auch die kritischen Aspekte offengelegt, so dass fanatische Anhänger der Atomenergie wie der Präsident der CLIS, der Abgeordnete Raphael Schellenberger, von «demokratischer Selbstzerstörung» sprach.
Stellungnahmen
TRAS hat zum Technocentre eine eigene Stellungnahme erarbeitet. Daneben erschienen zahlreiche weitere Stellungnahmen, die die EDF-Pläne und die Informationslücken kritisch reflektierten.
Der Vorteil des «débat publique» lag im Dialog und der Klärung der unterschiedlichen Positionen zu verschiedenen inhaltlichen Fragen. Allerdings steht in vielen Fragen oft Aussage gegen Aussage.
Die Tatsache, dass EDF inzwischen zu 100% dem französischen Staat gehört und dass die beiden Aufsichtsbehörden ASN und ISRN fusioniert wurden und ebenfalls staatliche Interessen
verfolgen, trägt nicht zur Vertrauensbildung bei.
Neben den Stellungnahmen der Nachbargemeinden und - Länder, die auf die Problematik der Überwälzung von Emissionen und Risiken auf die Nachbarländer eingingen,kamen besonders kritische Voten zum Technocentre aus der Wissenschaft, zum Beispiel vom französischen Physiker und Chemiker Thierry Larochelambert (Universität Belfort) und von der Gruppe «Global Chance».
Der französische Physiker und Chemiker Thierry Larochelambert (amtierender Professor an der Universität Belfort) in seiner fundierten Stellungnahme fest, dass das Projekt kommerziell und ökologisch mehr Schaden als Nutzen bringe:
«Im Vergleich liegt der Stromverbrauch pro Tonne recycelter Stahl, der durch den elektrischen Schmelzprozess des geplanten Technocentre erzeugt wird, etwa 2,6 mal höher als der eines Elektrostahlwerks…. Ebenso wird die Produktion radioaktiver flüssiger Abfälle nach den Reinigungsvorgängen erwähnt, ohne dass diese quantifiziert werden.
Die in den EDF-Dokumenten zum Technologiezentrum mehrfach hervorgehobene Nachhaltigkeit ist daher schwer zu bestätigen und zu begründen.Die Durchsicht internationaler wissenschaftlicher Veröffentlichungen zur Bewertung der Wirksamkeit der Schmelzung von radioaktiven Metallabfällen TFA [très faible activité] und/oder FMA faible ou moyen activité] zur Trennung radioaktiver Elemente aus geschmolzenem Stahl sowie die Versuchsberichte zu verschiedenen Technologien zur Trennung radioaktiver Elemente durch Schmelzung radioaktiver Metallabfälle widersprechen weitgehend den Aussagen, die sowohl von EDF in den vorgelegten Unterlagen als auch, überraschenderweise, von CEA, SFEN und der Académie des technologies in ihren Stellungnahmen.
Aus rein physikalischer Sicht ist es unmöglich, radioaktive Isotope von nicht radioaktiven Isotopen desselben chemischen Metallelements durch oxidative Schmelzung zu trennen, da die Oxidations-Reduktions-Eigenschaften von Metallatomen nicht vom Atomkern abhängen.»
Die Gefährlichkeit der Anlage wird von der Frage abhängig sein, ob es technisch überhaupt gelingt, die erzeugten Produkte glaubwürdig freizumessen. Dazu schrieb Prof. Larochelambert folgendes:
«Wie die IRSN3 betont, „stößt die Umsetzung des Freigabekonzepts jedoch auf eine Schwierigkeit: Die Unbedenklichkeit kann nur dann als gegeben angesehen werden, wenn sichergestellt ist, dass die Aktivitätskonzentrationen aller freigegebenen Materialien die festgelegten Grenzwerte einhalten. Die größte Herausforderung bei der Freigabe radioaktiver Materialien besteht daher in der Beherrschung der Kontrollverfahren vor der Freigabe, insbesondere der Schritte zur radiologischen Charakterisierung der zur Freigabe bestimmten Materialien.
Die Messtechnik muss dafür auf die sehr niedrigen zu messenden Werte, die potenziell großen zu charakterisierenden Volumina, aber auch auf die möglicherweise ungleichmäßige Verteilung der
Radioaktivität innerhalb dieser Volumina abgestimmt sein. In diesem Zusammenhang sind die Wahl der Messtechniken, die Probenahmestrategie, die Definition des „tolerierbaren“ Unsicherheitsgrades sowie die Strenge der Qualitätssicherungsverfahren wesentliche Voraussetzungen, um in der Praxis sicherzustellen, dass keine Auswirkungen auf die Gesundheit auftreten».(elektronische Übersetzung des französischen Originals).
Weitere Einwendungen aus dem «débat publique»:
- ● Die Freigabe von Metallen mit sehr geringer radioaktiver Strahlung (very low level waste VLLW) ist nach französischem Gesundheitsgesetz eigentlich gar nicht zulässig. Die Genehmigungen zur Freigabe beruhen auf einem Dekret von 2022, das von der Regierung ohne Mitwirkung des Parlaments erlassen wurde.Dieses Dekret unterläuft die geltende Gesetzgebung. Ob die Regierung überhaupt das Recht hat, radioaktive Metalle zu verwerten (statt der Endlagerung zuzuführen) und als«normalen» Stahl in freien Umlauf zu setzen, bleibt deshalb schon im Grundsatz hoch umstritten.
- ● EDF strebt offiziell eine möglichst hohe Recyclingquote der zu entsorgenden Materialien aus alten Atomkraftwerken an. «Recycling» würde aber eigentlich bedeuten, dass die Metalle wieder dem Atomsektor zugeführt werden, was beim Technocentre nicht der Fall ist. Die Metalle sollen vielmehr auf den freien Markt gebracht werden und unterliegen in den Verwendungsartkeinerlei Beschränkung. Dies kann dazu führen, dass Stahl aus alten Atomkraftwerken auch in Pfannen, Kinderwagen oder Bauteilen Verwendung finden.
- ● Die EDF spricht von extrem niedrigen Strahlendosen, die von den recyclierten Materialien eingehalten würden. Ob dies wirklich der Fall ist und diese Werte auch eingehalten werden, dazu gibt es keine von unabhängiger Seite bestätigten Auswertungen.
- ● Auch die angebliche Ungefährlichkeit niedriger Dosen ist empirisch nicht erhärtet. Im Gegenteil wurden die Strahlenschutz-Grenzwerte in den letzten Jahrzehnten mehrmals gesenkt, auf Basis neuer Erkenntnisse wie zum Beispiel der INWORKS Studie; bereits eine niedrige Dosisleistung unter 1 Millisievert erhöht die Zahl der Todesfälle. Auch die natürliche Strahlung stellt ein Problem dar, obschon immer wieder suggeriert wird, sie sei unproblematisch. Die Schutzkampagnen gegen Radon sind Beweis dafür, dass auch die natürliche Radioaktivitäternst genommen wird. (Beitrag Roland Desbordes, Criirad).
- ● In der Debatte wurde angezweifelt, dass das Technocentre die angestrebte geringe Emission der VLLW-Metalle von 0,01 Millisievert tatsächlich einhalten kann; dieses Misstrauen rührt von der Angst, dass innerhalb der Metalle Alpha-Strahler verbleiben, deren Messbarkeit an der Oberfläche eines Metallbarrens technisch gar nicht zu gewährleisten sei.
TRAS hat hielt in der eigenen Stellungnahme fest:
Um das Technocentre als eine blosse «Industrieanlage» (nach ICPE, Installation classée pour la Protection de l'Environnement) zu erstellen, müsste die Radioaktivität auf dem Gelände zu jedem Zeitpunkt unter einem bestimmten Wert liegen, sowohl für jedes Radioisotop als auch insgesamt (Q-Faktor). Die Bauteile, die in Fessenheim ankommen werden, werden aber unterschiedlich stark kontaminiert sein, darunter befinden sich auch mittelaktive Abfälle und Uran. Es ist unmöglich, dass der so genannte Q-Faktor eingehalten wird.
Unter diesen Bedingungen müsste man das Technocentre als nukleare Basisanlage einstufen (Kontrolle durch ASNR), denn Kontrollorgane müssen in der Lage sein, die Radioaktivität zu überwachen. Ziel der Schliessung von Fessenheim war es jedoch, atomare Risiken in einer Zone mit erhöhtem Erdbebenrisiko, dichter Bevölkerung und dem europäisch grössten Grundwasser-Reservoir zu vermeiden.
Die Standortwahl ist wegen der Grenznähe, der vorherrschenden Windrichtungen und der dichten Besiedlung ungeeignet. Kommt es zu radioaktiven Emissionen (Luft, Wasser, Boden), sind die Nachbarländer ungleich stärker betroffen als das Betreiber-Land Frankreich.
Es ist statistisch nachgewiesen, dass bei nuklearen Anlagen die Verzögerungen und Kostenüberschreitungen besonders häufig sind, entgegen den ursprünglichen Plänen. Es könnte sich ergeben, dass das Technocentre nicht bloss 40 Jahre, sondern so lange betrieben werden wird, wie Atomkraftwerke in Frankreich entsorgt werden, also über biblische Zeiträume bis ins 22. oder 23.
Jahrhundert. Die erwarteten Mengen an radioaktiv belasteten Materialien sind gigantisch: Die Jahresproduktion von 20.000 Tonnen ist viermal grösser als bei der EDF- Anlage Cyclife Sweden, wo pro Jahr maximal 5.000 Tonnen abgewickelt werden, in Wirklichkeit aber deutlich weniger.
Eine Kontamination des Grundwassers durch Einleitungen in den Rheinseitenkanal nördlich von Breisach ist nicht ausgeschlossen. Daher wäre die Überwachung des Grundwasserstroms von hoher Bedeutung, wird aber in den Unterlagen der EDF mit keinem Wort erwähnt.
Abwälzung von Risiken auf die Nachbarn. Wir befürchten, dass die Nachbargemeinden in Deutschland und der Schweiz keine Möglichkeiten haben, die von EDF publizierten Daten über radioaktive
Emissionen in die Luft und in die Gewässer auf ihre Wahrhaftigkeit zu prüfen. Eine Lastenverschiebung auf die umliegenden Körperschaften halten wir deshalb für unakzeptabel.
*Einen umfassenden Überblick zum Thema Technocentre Fessenheim gibt's hier.