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Grünbrücken und Querungshilfen: Sinnvoller Artenschutz aber nicht überall

Grünbrücke und Querungshilfe: in Einzelfällen teure Fehlplanungen?



In einer Zeit zunehmender Landschaftszerschneidung
durch Straßen, Schienen und andere Bandinfrastrukturen sind Grünbrücken und Querungshilfen manchmal eine notwendigen Krücke für Tiere und Natur. Allein in Deutschland gibt es 226.810 km Straßen und 40.800 km Eisenbahnlinien – Tendenz steigend. Grünbrücken als "Krücke" zur Wildquerung an den richtigen Stellen können hier zumindest einen bescheidenen Beitrag gegen manche Folgen der Zerschneidung bewirken.

Doch manche teure Grünbrücke und Querungshilfe
dient weniger der Tierwelt und der Natur, sondern mehr der "notleitenden" Bauwirtschaft und den mit ihr verbundenen Politikern. Angesichts der Baukosten von 2,5 bis 5 Millionen Euro pro Grünbrücke verwundert es nicht, dass inzwischen auch die Betonindustrie massiv für Grünbrücken wirbt. Auch UmweltschützerInnen und Umweltverbände werden in dieser Sache von der Bauwirtschaft heftig umworben. Doch nicht überall wo Grün draufsteht ist auch Grün drin. Immer häufiger werden Umweltverbände auch instrumentalisiert, wenn es um wirtschaftliche Interessen geht. Leider gibt es zu diesem wichtigen Thema fast keine kritische Debatte in den Verbänden.

Ein hübsches Grünbrückenbeispiel
ist eine Wildquerungshilfe am Nördlichen Kaiserstuhl an der L 113 in Sasbach. Dort wurde eine neue Landesstraße von Riegel nach Sasbach gebaut, und wie bei jedem landschaftszerstörenden Bauprojekt gab es nach den gesetzlichen Vorschriften auch Gelder für Ausgleichsmaßnahmen. Mit diesen Geldern soll der durch Naturzerstörung angerichtete Schaden durch "Maßnahmen des Naturschutzes und der Landschaftspflege" zumindest ausgeglichen werden.

An eine Grünbrücke
dachte bei den Naturschützern des BUND-Nördlicher Kaiserstuhl eigentlich niemand bei den Planungen, denn die recht schmale Straße wird nachts nur schwach befahren. Eine Grünbrücke an dieser Stelle war höchstens die "drittbeste Lösung". Doch dann "fanden" sich keine Flächen, die als Ausgleich renaturiert oder ökologisch aufgewertet werden konnten. Und an einer teuren Grünbrücke können die Straßenbauer doppelt verdienen, nämlich bei der Naturzerstörung Straßenbau und beim Bau der Grünbrücke.

Grünbrücken als versteckte Subventionierung für die Landwirtschaft?
Auch die Landwirtschaft freut sich doppelt. Sie braucht keine Ausgleichsflächen zur Verfügung stellen und über die so genannte Grünbrücke führt auch noch ein landwirtschaftlicher Weg, der den ökologischen Wert der Querungshilfe zusätzlich mindert. Eine wertgeminderte Wildtierpassage als Querungshilfe für landwirtschaftliche Fahrzeuge, finanziert mit Ausgleichsgeldern für Naturzerstörung?

Dieses Beispiel an der L113
bei Sasbach spricht nun nicht generell und überall gegen Querungshilfen und Grünbrücken. Als Maßnahme zur Eingriffsminimierung, also im Rahmen der Baukosten, sind sie bei manchen Verkehrsprojekten auch sinnvoll und nötig, insbesondere wenn es darum geht "Fernwanderwege für bedrohte Arten" zu schaffen und die Verinselung zu verhindern.


Im Rahmen von Ausgleichsmaßnahmen
aber sollte Natur "geschaffen" oder aufgewertet werden. Grünbrücken als Ausgleichsmaßnahmen sind kritisch zu hinterfragen. Hier gibt es oft massive ökonomische Interessen von Baufirmen und Planungsbüros an teuren, aufwendigen Projekten, die der Natur manchmal nur wenig nützen. Zu bedenken sind nicht nur die reinen Baukosten (2,5 bis 5 Mio. Euro), sondern auch ständigen Wartungskosten. Auch Umweltschützer sind Steuerzahler und wir müssen stets überlegen ob der finanzielle Aufwand in sinnvoller Relation zum Ergebnis für die Natur steht.

Ob eine Grünbrücke sinnvoll und nötig ist,
muss immer vor Ort und im Einzelfall entschieden werden. Wenn an manchen Stellen hauptsächlich Rehe und Hasen die bis zu 5 Millionen Euro teuren Grünbrücken nutzen, dann freut das natürlich die Jäger. Was dies dem Artenschutz bringt, ist eine andere Frage. Auch "Gutachtern" ist hier nicht immer zu trauen.
Mit 5 Millionen Euro könnten die letzten Amur-Tiger oder die Schneeleoparden des Himalaya vor dem Aussterben bewahrt werden. Wir müssen darauf achten, dass wir den Betonorgien der Strassenbauer nicht nur unsere eigenen Betonphantasien entgegen setzen.


Gerade wenn es um eine neue teure Grünbrücke
an falscher Stelle geht, besteht die große Gefahr, dass sich idealistische Naturschützer von der Bauindustrie instrumentalisieren lassen. Industrie und Teile der Politik drücken dem Staat in vielen Bereichen eine teure Infrastruktur "aufs Auge", deren Bau und Unterhalt auf Dauer nicht finanzierbar ist.

Die beste Maßnahme zur Verhinderung der Landschaftszerschneidung ist der Nichtbau von Straßen.



Eine Erfolgskontrolle sollte nach dem Bau von Querungshilfen
auf jeden Fall durchgeführt werden um die Effizienz von Wildtierpassagen zu prüfen. Gerade bei Amphibientunneln haben solche Erfolgskontrollen bestehende Fehler aufgezeigt (viele teure Tunnel wurden nicht oder schlecht angenommen) und zu einer Weiterentwicklung der Technik geführt.

Doch manchmal dient die Grünbrücke auch dazu, den umweltschädlichen Straßenbau grünzuwaschen und von den Problemen des Verkehrs abzulenken. Greenwash in Perfektion ist dann eingetreten, wenn der Minister das Band nicht mehr auf der neu gebauten Straße, sondern auf der Grünbrücke zerschneidet...


Vor dem Hintergrund des absehbaren, massiven Bevölkerungsrückgangs in Deutschland und auch angesichts des Klimawandels müssen viele neue Verkehrsprojekte generell hinterfragt werden.

Ein persönlicher Meinungsbeitrag von Axel Mayer, Kreisrat






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Dieser Artikel wurde 5970 mal gelesen und am 20.10.2016 zuletzt geändert.