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Flächenverbrauch, Eingriffsregelung, Ausgleichsmaßnahmen & Ökokonto: Eine kurze Kritik


Flächenverbrauch, Eingriffsregelung, Ausgleichsmaßnahmen & Ökokonto: Eine kurze Kritik


"Irgendwann ist Deutschland zugebaut, aber alles ist ausgeglichen."
Axel Mayer, BUND-Geschäftsführer (frei zitiert nach Hans Mattern, dem früheren Leiter der Bezirksstelle für Naturschutz und Landschaftspflege Stuttgart)


Wenn Natur durch Baumaßnahmen oder anderes zerstört wird, dann soll diese Zerstörung zumindest ausgeglichen werden...
Die Eingriffsregelung (auch Eingriffs-Ausgleichs-Regelung) nach §§ 13ff. BNatSchG ist zumindest theoretisch das wichtigste Instrument zur Durchsetzung des Naturschutzes beim Bauen. Die schöne Grundidee ist ein generelles Verschlechterungsverbot für Natur und Landschaft. Mit dieser Eingriffsregelung sollen negative Folgen von Eingriffen in Natur und Landschaft wenn möglich vermieden oder zumindest minimiert werden. Nicht vermeidbare Eingriffe sollen ausgeglichen werden. Ökokonten und Ökopunkte sind die Instrumente, mit denen der Ausgleich organisiert wird.

Der Idealfall sähe folgendermaßen aus:
Eine naturzerstörende Baumaßnahme wird geplant und Eingriffsregelung & Ausgleichsmaßnahmen bewirken das Folgende:

  • Die naturzerstörende Baumaßnahme kann verhindert werden.
  • Die naturzerstörende Baumaßnahme kann nicht verhindert werden, die Naturzerstörung wird allerdings zumindest reduziert.
  • Anstelle der entwertenden Flächen werden möglichst ortsnah dauerhaft neue Naturflächen geschaffen.


Angesichts des enormen Flächenverbrauchs, der Zersiedelung und Naturzerstörung in allen Ballungsräumen in Deutschland, stellt sich die Frage, wo denn die vielen zerstörten, betonierten, denaturierten Naturflächen tatsächlich "ausgeglichen" und durch die Neuschaffung von Ersatznatur ersetzt wurden?

Massiver politischer Widerstand gegen einen realen Flächenausgleich kommt nachvollziehbarer Weise von der mächtigen Landwirtschaftslobby, denn die Landwirte sind doppelt betroffen. Einerseits schwinden ihre Flächen durch den Bauboom, anderseits sind landwirtschaftliche Monokulturen auch ideale Flächen, um Ersatznatur zu schaffen.

Dieser Druck einer starken Lobby führt bei den zuständigen Behörden dazu, dass der Ausgleich immer weniger in realen, neuen Naturflächen realisiert wird und dass manche Maßnahmen möglichst teuer und aufwändig geplant und realisiert werden.
Planungsbehörden suchen immer verzweifelter nach möglichst teurem Ausgleich, der keine Fläche in Anspruch nimmt.

Das Geschäft mit Ökokonto und Ökopunkten vereinfacht den Bau von Straßen und Gewerbegebieten. Zwischenzeitlich gibt es eine richtige "Ausgleichsindustrie". Doch hilft es auch der Natur? Oder wird die Zerstörung von Wald und Wiese eher befördert? Ein lesenswerter Beitrag im Spiegel zeigt die Kritik.

Den eklatanten Unterschied zwischen zugebauten Flächen und Ersatznatur zeigt eine parlamentarische Anfrage der GRÜNEN IN Bayern: "Der niedrigste Ausgleichs-Wert wird von der Stadt Landshut gemeldet; 1 Hektar Ausgleich- und Ersatzfläche für 454 Hektar Flächenverbrauch (= 0,2 %)."

Von einem Extrembeispiel aus dem Hohenlohekreis berichtet der BUND-Experte Gottfried May-Stürmer: "Eine Trockenmauer wird nach dem Biotopwertsystem bewertet. Dann wird sie abgerissen, um 20 m versetzt und aus denselben Steinen neu gebaut. Das kostet tierisch viel Geld. Nach dem Herstellungskostenansatz bringt sie nun 10x soviel Ökopunkte wie die alte Mauer..." Der Antrag wurde gestellt, wurde aber nicht bewilligt.

Viele Millionen Euro teure Grünbrücken über Straßen sind aus dieser Sicht für Behörden "ideale und konfliktfreie" Ausgleichsmaßnahmen. Sie verschlingen viele Millionen (= viel Ausgleich), brauchen keine landwirtschaftlichen Flächen, nützen der Natur und auch der ADAC und die Betonindustrie freuen sich. Die zerschnittene Natur braucht tatsächlich Grünbrücken. Diese müssen allerdings aus Straßenbaugeldern finanziert werden und nicht mit Ausgleichsgeldern.

Ein aktuelles Beispiel für die Praxis von flächenvermeidenden Ausgleichsmaßnahmen kommt aus der Green City Freiburg:
In Freiburg wird auf der ehemals grünen Wiese ein neues Stadion für den SC gebaut. Im Idealfall müsste die denaturierte Fläche ortsnah durch die Schaffung von Ersatznatur ausgeglichen werden.
Doch jetzt soll ein Teil des ökologischen Ausgleichs, den die Stadt Freiburg im Zusammenhang mit dem geplanten Stadionneubau des SC Freiburg vorzunehmen hat, an kommunalen Weinbergböschungen im nahen Kaiserstuhl geleistet werden.
Die Stadt Freiburg verpflichtet sich, 33 Hektar Böschungsflächen ökologisch aufzuwerten und anschließend zu pflegen. Kosten wird das Projekt über 30 Jahre hinweg zwei Millionen Euro. Nach Ablauf dieser Zeit muss die Pflege der Böschungen im Rahmen der kommunalen Selbstverpflichtung der Stadt Freiburg dauerhaft durch deren kommunalen Haushalt finanziert werden .Zudem bekommt Vogtsburg dafür, dass es der nahe gelegenen Großstadt Flächen für den ökologischen Ausgleich zur Verfügung stellt, eine Entschädigung von 135000 Euro bezahlt.

Aus BUND-Sicht ist das das spannend (Ewigkeitslasten für Freiburg), hübsch und es nützt tatsächlich auch der Natur und den böschungspflegenden Landwirten... Doch eigentlich wird hier ein Problem, das durch die Großumlegungen im Weinbau entstanden ist, durch Ausgleichsmaßnahmen aus dem Freiburger Flächenfraß behoben. Das Böschungsproblem ist auch durch die massive Naturzerstörung der Großumlegungen im letzten Jahrhundert entstanden. Seither stehen die Eigentümer der Böschungen in der Pflicht sich um diese kümmern. Die damals geschaffenen Probleme dürfen nicht mit Geldern aus neuer Naturzerstörung in Freiburg saniert werden.
Was nützt es der Natur und was ist es für ein Ausgleich, wenn die bisher für die Böschungen verantwortlichen Gemeinden aus Ihrer Pflicht entlassen (und dafür noch mit 135.000 Euro entschädigt!) werden? Eine Ausgleichsmaßnahme muss eine Verbesserung bringen. Die „ökologische Aufwertung“ wäre also ein (leider) möglicher Ausgleich. Die folgende Bestandspflege ist kein Ausgleich. Die „stille Subventionierung des SC“ durch die Ewigkeitslasten für Freiburg halten wir für juristisch fragwürdig.

Bei einer "Modernisierungsmaßnahme" in Weisweil wurden 3 m breite Gras/Schotter-Feldwege über eine Länge von 1,1 km in 4,5 m breite Asphaltwege umgewandelt. In die Ausgleichsberechnung kam dabei nur der Verbreiterungsbetrag von 1,5 m. Als Teil des "Ausgleichs" wurden beidseits der Wege 25 cm (!) breite Grünstreifen geplant. Begründung: Damit bleibt die Funktion als Standort für die natürliche Vegetation auf einer Fläche von 550 qm erhalten! (Gemeinde Weisweil / Amt für Flurneuordnung LRA Emmendingen)

Die Hoffnung, Naturzerstörung und Flächenverbrauch tatsächlich "ausgleichen" zu können, erweist sich in Endphasen exponentiellen Wachstums immer mehr als Illusion. Wie gesagt: "Irgendwann ist Deutschland zugebaut, aber alles ist selbstverständlich ausgeglichen". Die Politik fordert seit Jahrzehnten eine Reduzierung des Flächenverbrauchs, lässt den schönen Worten aber wenig konkrete Taten folgen.

Der objektive Nutzen von Eingriffsregelungen, Ausgleichsmaßnahmen und Ökokonten für die Natur muss immer wieder kritisch hinterfragt werden, damit "Ausgleich nicht zum Ablass" wird.



Dabei wären Lösungsansätze denkbar.
Der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) fordert in einem Thesenpapier: "Versiegelung nur bei gleichzeitiger Entsiegelung". Diese Forderung ist radikal, aber notwendig. Sie bringt auch die Interessen von Naturschutz und Landwirtschaft zusammen. Spielraum gibt es z.B. beim hohen Parkflächenanteil in Gewerbegebieten. Wenn für jeden neuen Gewerbebau ein alter Parkplatz entsiegelt und dafür eine Tiefgarage in den Keller des Neubaus gebaut würde, hätten wir für diese Vorhaben eine Netto-Null...

Axel Mayer, BUND-Geschäftsführer
(Dieser Text überträgt die Kritik vom Südlichen Oberrhein auf Deutschland)

Eine Krititik an Ökopunkten finden Sie im Spiegel




Flächenverbrauch, Eingriffsregelung, Ausgleichsmaßnahmen & Ökokonto: Eine kurze Kritik





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Dieser Artikel wurde 318 mal gelesen und am 28.8.2017 zuletzt geändert.